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Tankstelle Apotheke

 Bertha Benz  – vor 125 Jahren die erste Überlandfahrt mit einem Automobil

Eine zeitgenössische Abbildung zeigt Bertha Benz mit ihren Söhnen Eugen und Richard im Jahr 1888, bei der ersten Überlandfahrt mit einem Automobil.

Frau am Steuer ist nicht geheuer! Ganz sicher haben die Leute in den nordbadischen Städtchen und Dörfern sowie an den holprigen Wegen diesen Macho-Spruch noch nicht gekannt, als an jenem 5. August 1888 ein laut knatterndes, qualmendes und stinkendes dreirädriges Gefährt an ihnen vorbei tuckerte. Aber etwas in dieser Richtung mochten sie ganz sicher gedacht haben. In Teilen ähnelte das seltsame Vehikel einer Kutsche; doch dafür besaß es entweder ein  Rad zu wenig oder eines zu viel. Außerdem: Wo waren die Pferde? Und nicht nur, dass sich der Wagen ganz ohne Fremdhilfe, sozusagen von selbst, bewegte – er wurde auch noch von einer Frau an einer Kurbel gelenkt! Nicht wenige Passanten bekreuzigten sich angesichts von solchem Teufelszeug, Pferde und Kühe scheuten, Bauern fluchten.

Ganz zeitig am Morgen war die damals 39 Jahre alte Bertha Benz mit ihren beiden Söhnen Richard und Eugen in Mannheim zu dem Abenteuer aufgebrochen, mit dem von  ihrem Mann entworfenen und gebauten Motorwagen zum Besuch ihrer Eltern nach dem 106 Kilometer entfernten Pforzheim zu fahren. Der Ingenieur und Motorpionier Carl Benz ahnte nichts und schlief noch. „Carl hätte das nie erlaubt“, schrieb seine Frau später. „Und so haben die beiden 13-und 15-jährigen Buben und ich eine richtige Verschwörung angezettelt“.

Die etwa 23 jährige Bertha Ringer um 1871

Zu diesem Zeitpunkt hatte Carl Benz bereits seit zwei Jahren ein Patent auf das von ihm erfundene Automobil. Allerdings besaß er lediglich eine Genehmigung für Fahrten in der Umgebung von Mannheim. Und mancher dieser Tests endete an irgendeiner Mauer. Die Reise nach Pforzheim war also eigentlich illegal. Doch Erlaubnis hin, Verbot her – wenn man zeitgenössischen Schilderungen glaubt, dann dürfte das der jungen Frau ziemlich egal gewesen sein. Sie vertraute den technischen Ideen ihres Mannes und unterstützte sie bedingungslos. So, zum Beispiel, als sie sich noch vor der Hochzeit als Verlobte die Mitgift auszahlen ließ und damit ihren Bräutigam vor der Pleite rettete. Carl Benz sagte später selbst einmal: „Sie war wagemutiger als ich und hat eine für die Weiterentwicklung des Motorwagens entscheidende Fahrt unternommen“. Man könnte das auch anders ausdrücken – ohne Bertha gäbe es möglicherweise keinen Benz. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit wollte die wagemutige Frau mit der Fahrt vom nordbadischen Mannheim zu ihren Eltern in der schwäbischen Schmuckstadt Pforzheim auch die Alltagstauglichkeit der neuen „Kutsche ohne Pferde“ beweisen.

Haarnadel und Strumpfband

Die Route führte von Mannheim nach Pforzheim und zurück

Reicht die Fantasie der heutigen – vor allem jüngeren – Automobilisten aus, um sich dieses Reise-Abenteuer vor 125 Jahren vorzustellen? Navi, oder auch nur Straßenkarten – gab es nicht. Bertha Benz löste das Problem, indem sie sich parallel zu den Bahnschienen hielt. Straßen im heutigen Sinne – Fehlanzeige. Überland existierten auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts praktisch nur Feldwege, die oft zwei tiefe Furchen von den Fuhrwerken und Pferdekutschen aufwiesen. Servicestationen, Reparaturwerkstätten? Kein Gedanke daran. Kurz vor Bruchsal drohte die Antriebskette zu bersten. Zum Glück gab es einen Schmied in der Stadt, der die Sache richtete; damit dürfte er der erste Pannenhelfer in der automobilen Geschichte sein.

Es wäre kein Wunder gewesen, hätte Bertha Benz ihre waghalsige Tour abgebrochen. An etlichen Steigungen mussten sie und ihre Söhne absteigen und schieben, weil das knapp 1 PS leistende Motörchen schlapp machte.  In Wiesloch ging der Sprit aus. Erneut hatten die drei Dusel, denn der Stadtapotheker Willi Ockel besaß noch zwei Liter Ligroin – ein Reinigungsmittel, das damals auch als Treibstoff diente. So darf die Wieslocher Apotheke noch heute behaupten, die erste Tankstelle der Welt gewesen zu sein. Nebenbei bemerkt: Auf  heutigeVerhältnisse umgerechnet, kostete der Liter Ligroin seinerzeit 12 Euro…

Schlimmer waren die Pannen auf offener Strecke. Da gab es keine Hilfe, es musste mit „Bordmitteln“ gearbeitet werden. Und ganz offensichtlich hatte Bertha Benz ihrem Mann in der Mannheimer Werkstatt aufmerksam über die Schulter geschaut. Als nämlich an dem „dreirädrigen Patentmotorwagen“ unterwegs eine Benzinleitung verstopft war, „da hat meine Hutnadel geholfen“. Und als ein Kurzschluss die Zündung beschädigte, „da habe ich das mit dem Strumpfband repariert“. Das zeugt von erheblichem technischen Geschick. Auf der Rückfahrt musste das Trio wegen der ständigen Berg- und Talfahrt wieder zur Reparatur. Jetzt hatte die Bremse gestreikt. In Bauschlott (heute Neulingen), in der Pforzheimer Straße 18, hieß dieses Mal der Nothelfer Karl Britsch. Er war Schuster und nagelte der wagemutigen Dame vor dem Gasthaus „Adler“ Leder auf die Bremsklötze.

Durchbruch oder Randgeschehen?

Auch 125 Jahre nach der ersten automobilen Fernfahrt der Welt ist die Bewertung der Leistung von Bertha Benz unumstritten. Anders verhält es sich mit der Folgeabschätzung. Während nach Auffassung einer Expertengruppe diese Pioniertat den wirtschaftlichen Durchbruch des Benz´schen Unternehmens gebracht hat, sprechen andere von einem „später überschätzten Vorgang“, der in der kritischen Vermarktungsphase des Automobils „überhaupt keine mediale und öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt“ habe. Tatsache ist jedoch immerhin, dass bereits ein Jahr später, bei der Präsentation der Benz-Modelle auf der Pariser Weltausstellung, die Erfindung in aller Munde war und sich immer mehr Interessenten für die Motorwagen aus Mannheim fanden; nicht zuletzt in Frankreich, das über sehr viel bessere Straßen als Deutschland verfügte.

Carl und Bertha Benz, 1914

Carl Benz und seine Familie zogen 1905 vom Mannheim in das nur ein paar Kilometer den Neckar aufwärts gelegene malerische Städtchen Ladenburg, wo eine Fabrik entstand, die noch bis vor wenigen Jahren Zulieferer für den Stuttgarter Mercedes-Benz-Konzern war. Heute ist darin ein höchst bemerkenswertes Automuseum eingerichtet. Der geniale Erfinder (auf den ja auch noch das Differenzial-Getriebe, die Achsschenkel-Lenkung, die Zündkerze, der Vergaser, der Wasserkühler und die Gangschaltung zurückgehen) starb im April 1929 im Alter von 84 Jahren. Bertha Benz überlebte ihren Mann noch um 15 Jahre. Beide sind in Ladenburg beerdigt.

Wie wird die Zukunft?

Mit dem Benz Patent-Motorwagen Nr.3 unternahm Bertha Benz ihre Fahrt

Welch eine Entwicklung aber hat sich seit dem 5. August 1888 auf dem Autosektor vollzogen! Im Jahre 1900 waren weltweit erst 9504 Kraftfahrzeuge (Pkw, Busse, Lkw) registriert. Noch zu Beginn der 30-er Jahre war Deutschland  mit rund 500 000 Autos im Vergleich etwa zu Frankreich oder Großbritannien hoffnungslos abgeschlagen. Das nationalsozialistische Regime förderte daraufhin massiv die Automobilisierung – nicht zuletzt mit Blick auf den angesteuerten Krieg. Rennbegeisterung in der Bevölkerung und Rennerfolge von Männern wie Rudolf Caracciola und Bernd Rosemeyer halfen der Propaganda. Anfang 2013 waren in Deutschland 52,4 Millionen Kraftwagen registriert, davon 43,4 Millionen Pkw. Die Gesamtproduktion rund um den Erdball liegt mittlerweile bei etwa 83 Millionen Einheiten. Rund 1,1 Milliarden Fahrzeuge sind gegenwärtig auf unserem Planeten zugelassen. Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, ein atemberaubender Siegeszug des Automobils seit der Erfindung des Dr. Carl Benz. Ob das auch die kommenden 100 Jahre so weiter gehen wird? Die Endlichkeit des Öls, die Verstopfung der Städte, die zerstörerische Wirkung der Verkehrsabgase auf Menschen, Gebäude und Natur – dies alles setzt immer mehr Fragezeichen. Aber es mobilisiert in gleicher Weise auch den menschlichen Geist und die Erfindergabe.

Gisbert Kuhn

Info

Bertha-Benz-Memorial-Route von Mannheim nach Pforzheim und zurück zu finden im Internetportal „Berta-Benz.de“.

Benz-Automuseum Ladenburg, Ilvesheimer Straße 26. Geöffnet Mittwoch, Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen jeweils von 14 – 18 Uhr. Auskünfte über Telefon 06203 181786 sowie im Internet www. automuseum-ladenburg.de.

  Ladenburg – wahrscheinlich die älteste deutsche Stadt rechts des Rheins. Malerischer Kern. Bedeutende römische Funde.


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