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Jogging-Point

Anders mobil

Miltz

Wolfgang Miltz (79) vor seiner leeren Garage

Es war einmal ein schöner, blauer und gepflegter Mercedes 200. Der ganze Stolz von Wolfgang Miltz (79). Bis er Ende des Jahres 2013 merkte, dass die Sehschärfe seiner Augen deutlich nachließ. Dazu machten ihm Durchblutungsstörungen im rechten Bein zunehmend zu schaffen. Das Asthma raubte ihm in Stress-Situationen die Luft. So „angeschlagen“ entschloss er sich, sein Auto zu verkaufen und aufs Fahrrad umzusteigen. „Ich hatte einfach Angst vor einem Unfall und wollte mich und meine Mitbürger schützen“, so Miltz.

Nicht jeder ältere Mitbürger aber handelt so verantwortlich wie Miltz. Vielen fällt dieser Schritt sehr schwer. Sie schieben die Entscheidung immer weiter hinaus. Denn in unserer Gesellschaft ist es ein herausragendes Grundbedürfnis, möglichst lange mobil zu bleiben. Der eigene PKW bleibt dabei das Verkehrsmittel der ersten Wahl. Mit anderen Worten: Am Straßenverkehr nehmen immer mehr ältere Menschen teil. Manche sehen diesen Trend kritisch und verbreiten so etwas wie eine Anti-Stimmung. Sie sehen im älteren Menschen in erster Linie  eine Gefährdung des Straßenverkehrs. Herhalten für diese Forderungen müssen immer wieder einzelne spektakuläre Unfälle, die ältere Fahrer verursachen.

Verlässliche Spiegelbilder aber der Verhältnisse auf deutschen Straßen liefern unterschiedlichste Befragungen der Bürger. Für viele Senioren kommt beispielsweise eine Zwangsabgabe des Führerscheins nicht in Frage. Sie bevorzugen ganz eindeutig die freiwillige Abgabe. Sogar bei schweren Erkrankungen ist die Mehrheit gegen einen Entzug des Führerscheins per Gesetz. Andererseits erklärten bei einer Umfrage 59 Prozent der Interviewten, sie würden die Fahrerlaubnis freiwillig abgeben, wenn sie sich nicht mehr fahrtauglich fühlen sollten. Das Problem wird aber bleiben, wann sich Autofahrer und Autofahrerinnen aus ihrer eigenen Sicht nicht mehr fahrtauglich fühlen. Vermutlich ist das sehr dehnbar und folgt sicher nicht immer objektivierbaren Kriterien. Und nach wie vor gilt ja in Deutschland: Der Führerschein wurde auf Lebenszeit erworben.

Testen beim ADAC oder TÜV

Das Tückische im Alter ist: Hör-, Sehleistung und auch Konzentrationsfähigkeit nehmen schleichend ab. Das wiederum fällt vielen Betroffenen oft erst sehr spät auf. Ein Indiz dafür ist, dass die Unfallhäufigkeit von Autofahrern ab dem 75. Lebensjahr deutlich ansteigt. Deshalb bietet beispielsweise der ADAC einen Fahr-Test für Senioren an. Er kostet 50 € für Mitglieder, 70 € für Nicht-Mitglieder. Für alle, die sich noch gründlicher durchchecken lassen möchten, offeriert der TÜV eine Kombination aus Gesundheits-, Reaktions- und Sehtest für 180 €. Weitere Anbieter sind auch der Dekra oder die Deutsche Verkehrswacht. Diese angebotenen Tests sind in Deutschland freiwillig. Innerhalb Europas aber sind einige Länder schon andere Wege gegangen. Dieser Beitrag zeigt am Schluss auf, welche bindenden Regelungen zehn Länder beispielsweise haben. Mehrheitlich gelten diese ab 65 bzw. 70 Jahren. Aus den Erfahrungen dieser Länder lässt sich vielleicht auch für Deutschland lernen.

Aber auch die EU reagiert auf einer formalen Ebene im neuen Jahr. Alle Führerscheine, die ab dem 19. Januar 2013 erteilt oder verlängert werden, sind unabhängig von der zugrunde liegenden Fahrerlaubnis automatisch auf 15 Jahre befristet. Sollte der  Ersatz eines verlorengegangenen „Lappens“ erforderlich werden, so wird künftig nur noch der neue, zeitlich befristete EU-Kartenführerschein ausgegeben. Alle vor dem Stichtag ausgehändigten Führerscheine bleiben bis zum 18. Januar 2033 gültig. Erst dann müssen sie getauscht werden. Der Umtausch nach 15 Jahren dient insbesondere der Aktualisierung von Namen und Lichtbild. Zusätzliche regelmäßige ärztliche Untersuchungen oder sonstige Prüfungen sind damit – wie bisher-  nicht verbunden.

Senioren als Opfer oder Täter

Unfall

Die meisten Unfälle durch Senioren passieren im Stadtverkehr

Bei aller Diskussion über Behalt oder Abgabe von Führerscheinen darf der Blick für die Wirklichkeit im deutschen Straßenverkehr nicht verloren gehen. Es ist statistisch eindeutig belegt, dass alles in allem betagte Automobilisten nicht schlechter als jüngere fahren. Wahrnehmungs- und Reaktionsdefizite gleichen sie durch Erfahrung und einen eher defensiven Fahrstil aus. Zu diesem Schluss kommt eine 2011 durchgeführte Studie des Zentrums für Evaluation der Universität Bonn mit dem Titel «Ältere Verkehrsteilnehmer, gefährdet oder gefährlich?». Das Autorenteam, zu dem Psychologen, Alternsforscher, Mediziner und Städteplaner gehören, beleuchtet dabei die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven. Kristina Kocherscheid, Psychologin und Co-Autorin der Studie, hebt ganz besonders hervor, dass Senioren viel öfter Opfer als Täter im Straßenverkehr sind. Deshalb spricht sie sich gegen starre Altersüberprüfungen aus, da der Alterungsprozess immer individuell verlaufe. Allerdings schränkt sie ein: «Ohne Frage haben viele ältere Verkehrsteilnehmer altersbedingte Einbußen». Sie sähen schlechter, ihre Motorik lasse nach, und die Medikamente, die viele von ihnen einnehmen müssten, könnten sich negativ auf die Fahrtüchtigkeit auswirken.

Als Ergebnis bleibt: Das Kollektiv älterer Kraftfahrer stellt kein größeres Gefahrenpotential dar als andere Altersgruppen. Notwendige behördliche Maßnahmen können aus den aktuellen Unfallstatistiken nicht zwingend abgleitet werden. Ältere fahren eben nicht schlechter als Jüngere, sie fahren nur anders. Es ist aber bemerkens-und lobenswert, wenn ältere Kraftfahrer in ehrlicher Einschätzung der eigenen Fahreignung das Autofahren von sich aus begrenzen oder selbstverantwortlich ganz darauf  verzichten. So gesehen hat auch Wolfgang Miltz die richtige Entscheidung getroffen. Auch ohne Auto kann er bis ins hohe Alter mit Fahrrad und Bahn mobil bleiben und sich damit ein großes Stück Lebensqualität erhalten.

Sepp Spiegl

 

Tests im Ausland bereits Alltag

Niederlande, ab 70, alle 5 Jahre medizinische Untersuchung und Gespräch mit einem Arzt.

Dänemark, ab 70, medizinische Untersuchung durch Hausarzt für die FS-Verlängerung.

Luxemburg, von 50-70: alle 10 Jahre, 70-80: alle 3 Jahre, älter als 80: jährliche medizinische Untersuchung durch Arzt.

Italien, ab 65, alle 2 Jahre medizinische Untersuchung und Gespräch durch befugte Ärzte.

England, ab 70, obligatorische Erneuerung für Zeiträume von drei Jahren und Erklärung über den Gesundheitszustand

Irland, ab 70, alle 1, 3 oder 10 Jahre nach Bedarf der medizinischen Situation ärztliche Untersuchung.

Spanien, bis 45: alle 10 Jahre, ab 45: alle 5 Jahre, ab 70: alle 2 Jahre medizinische Untersuchung durch einen Privatarzt.

Portugal, ab 70: alle 2 Jahre medizinische Untersuchung.

Finnland, ab 45, medizinische Überprüfung, gilt 5 Jahre, ab 70: hängt FS-Verlängerungszeitraum vom Ergebnis des Arztes ab

Griechenland, ab 65, alle 5 Jahre medizinische Untersuchung durch einen befugten Arzt.

 

Und noch etwas Statistik:

  • Ab einem Alter von  75 Jahren steigt die Unfallrate deutlich, insbesondere bei einer Fahrleistung von weniger als 3000 Kilometer pro Jahr.
  • 2010 waren nur 13% der Menschen ab 65 Jahren in Unfälle aller Art verwickelt. Sie machen aber 20% der Gesamtbevölkerung aus.
  • Hauptfehler der Senioren: Missachtung der Vorfahrt, Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren, falscher Abstand.
  • Jeder zweite Verkehrstote in Deutschland war 2010 älter als 65 Jahre (hier sind die Senioren eher Opfer als Täter).

Sepp Spiegl

 

 

mehr zu dem Thema:

  • 31
    Der Anteil der über 65-Jährigen getöteten Opfern unter den Radfahrern mit 55,6 Prozent im Jahr 2013 ist alarmierend. Kreuzungen und in der falschen Richtung fahren sind die Hauptursachen. Die Dunkelziffer bei leichten Verletzungen, die gar nicht erfasst werden, ist nach Expertenmeinung immens hoch.
    Tags: für, immer, auto, alle, jahren, so, straßenverkehr, risiko
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    Werbung und Klischees im Kopf gaukeln uns Altersbilder von gestern vor. Die verzerrte eigene und öffentliche Wahrnehmung vernebeln den Blick auf das Anwachsen einer New Age-Generation. Auch wenn es schwer fällt: Manchmal hilft der genaue Blick auf demoskopische Zahlen zur Korrektur eigener Vorurteile. Dann klärt sich auf, warum alte Rollenbilder…
    Tags: so, immer, senioren, ältere, jahren, eu, auto


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