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Jogging-Point

Schulz und Mozart

Yivli-Minarett, dem Wahrzeichen von Antalya.

Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft in der Türkei

Sie kommen in Alanya an, und sie fliegen wieder von Alanya ab, die Heerscharen von Besuchern der türkischen Riviera.  Deutsche, Engländer und Franzosen, zunehmend Russen, dazu Holländer, Italiener, Amerikaner, Asiaten. Im vergangenen Jahr waren es so um die zehn Millionen. Allein im Juli und August schon zwischen jeweils vier Millionen. Ihr Ziel zumeist: Die Bettenburgen entlang der Küste zwischen Alanya im Osten und Kemer im Süden. Massentourismus eben. Und „all inclusive“.  Zum Vergleich: Im November 2012 waren es, laut Statistik des türkischen Ministeriums für Kultur und Touristik, „nur“ noch 275176.

Gegen eventuell auftretende Langeweile haben die Veranstalter vor allem im Sommer die bekannten Freizeitangebote: Sport, Spiel, Badestrand und natürlich auch Ausflüge zu den atemberaubenden Ausgrabungsstätten im Umland. Wer jedoch dem Luxus der großen Hotels, den üppigen Buffets, der Sommerhitze und all dem Trubel entfliehen möchte, der sollte im Winter oder im Frühling kommen. Und wer sich dann auch noch in einem der kleinen, im osmanischen Stil liebevoll restaurierten Hotels zum Beispiel in Antalyas Altstadt einquartiert, der wird immer und überall liebenswürdigen und hilfsbereiten  Menschen – Einheimischen – begegnen und vielleicht sogar bei einem Spaziergang entlang der Stadtmauer den bemerkenswerten Herrn Schulz und seinen türkischen Freund Mozart kennen lernen.

Schulz

Herr Schulz (13)

Besagter Herr Schulz ist ein etwas älterer Herr mit weißen Haaren, die in der Sonne einen leichten goldenen Glanz bekommen. Rüstig und mit einen Hauch von Würde schreitet er daher. Bemerkenswert seine dunklen, fast kugelrunden Augen und die etwas zu großen Ohren. Herr Schulz ist zweisprachig, obwohl er nie ein Wort sagt. Aber es gibt keinen Zweifel. Redet man ihn auf türkisch oder deutsch an, versteht er jedes Wort. Und wenn man dann später in der alten Karawanserei im Textilladen von Ayhan und Mustafa erzählt, man habe einen gewissen Herrn Schulz kennen gelernt, winken die nur müde ab: „Herrn Schulz? Den kennen hier doch alle“.

Ausflüge bis zur Murat-Pascha-Moschee

Das ist nicht verwunderlich. Denn immer wieder mal trifft man Herrn Schulz an den verschiedensten Plätzen der Stadt. Im Zentrum der Altstadt rund um den Konakturm und das Yivli-Minarett, dem Wahrzeichen von Antalya. Am Atatürk-Denkmal ebenso wie am Hadrianstor, in den Gassen und Straßen der Basare, auf der Centinkaya-Straße mit ihren eleganten Geschäften, im weitläufigen Volkspark über den Klippen, sogar im Park an der großen Murat-Pascha-Moschee wurde er schon gesehen. Sein Freund Mozart bestätigt, dass Herr Schulz bei seinen Streifzügen durch die Stadt fast ehrfürchtig gegrüßt werde: „Hallo, Herr Schulz, wie geht´s  denn heute so?“ oder „Na, Herr Schulz, alles in Ordnung“? Und dann fügt Mozart fast beleidigt, aber trotzdem lachend hinzu: „Mich fragt das keiner“.

Mozart

Herr Schulz (li) und Mozart

Mozart ist natürlich nicht der richtige Name dieses Freundes von Herrn Schulz. Vielmehr nannten ihn so seine Klassenkameraden im Schwarzwaldstädtchen Nagold. Dort ging er einst zur Schule  und fiel auf durch seine langen, manchmal zu einem Zopf gedrehten Haare (von denen nicht mehr viel übrig geblieben sind). Aber auch seine Vorliebe für Rüschenhemden mit Rüschenmanschetten waren Markenzeichen. 1995 verließ er Deutschland, kehrte heim in das Land seiner Väter und arbeitet heute in einem Laden an der Mermeli-Straße. Freunde aus Deutschland brachten später seinen Schüler-Spitznamen mit in die Türkei. Wie Mozart richtig heißt, keiner weiß es. Mit Wolfgang Amadeus ist er jedenfalls nicht verwandt oder verschwägert. Und da weder er noch sein Herr Schulz besonders musikalisch sind, tut das ihrer Freundschaft keinen Abbruch.

Der treue Kangal behütet seine Freundin Schila

Diese Freundschaft hat vielmehr einen ganz anderen Grund. Wobei zunächst einmal eines richtig zu stellen wäre: Herr Schulz ist nämlich kein Herr im herkömmlichen Sinne. Herr Schulz ist schlicht und einfach ein Kangal, ein anatolischer Hirtenhund. Zwar nicht ganz reinrassig, aber nach Mozarts Worten hat er die guten Charakterzüge der Kangals geerbt – treu, folgsam, aufmerksam, ruhig. Seine beste Freundin, Schila, eine ansehnliche schwarze Hundedame von undefinierbarer Rasse, die ein Nachbar beim Auszug einfach zurück gelassen hatte, behütet Herr Schulz wie seinen Augapfel und schlägt jeden anderen, zudringlichen Vierbeiner in die Flucht.

Den Namen „Herr Schulz“ gab ihm Mozart, weil er gleich bei der ersten Begegnung mit dem damals noch ganz kleinen Welpen wegen seiner großen Ohren an seinen alten Lehrer Schulz in Nagold denken musste. Bei einem Besuch in seiner ehemaligen Schule hat Mozart dies später dem Lehrer erzählt, und beide haben herzhaft gelacht, obwohl die Hundegeschichte ursprünglich gar nicht lustig war. Denn eigentlich hatte Mozart keinen Hund mehr haben wollen, weil ihm seine allerliebste Promenadenmischung gestohlen worden war. Dann aber hörte er eines Tages beim Gang durch eine der engen Gassen ein jämmerliches Wimmern aus einem Müllcontainer. Was er fand, war ein kleines Bündel Elend. Mozart nahm den Welpen zu sich und päppelte ihn auf. Herr Schulz bedankt sich bei seinem Retter seither mit grenzenloser Treue und Anhänglichkeit. Er begleitet ihn nun schon seit 13 Jahren auf allen Wegen. Dabei trägt er bis heute, wie es scheint nicht ohne Stolz, immer ein hellblaues Halsband.

Und am Horizont der Lykische Taurus

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Hunde-Sarkophag im Archäologischen Museum

Während Mozart das alles den Gästen aus Deutschland bei einem Glas Cai im Café Paradise erzählt, sitzt Herr Schulz auf der Mauer und schaut hinaus auf die tiefblaue Bucht und die Bergketten des Lykischen Taurus am Horizont. Später kommt er dann doch an den Tisch. Fragt man ihn, ob er bei seinen Streifzügen durch die Stadt, oder gemeinsam mit Mozart, schon mal das Archäologische Museum im Westen Antalyas besucht habe, und ob ihm dort neben den anderen Ausgrabungsschätzen vielleicht auch der Hundesarkophag aus Perge aufgefallen sei, neigt er den runden Kopf zur Seite, lässt die Ohren hängen und schaut den Fragenden mit Kulleraugen traurig an. Will sagen: Ich bin doch nur ein armer Hund und darf da gar nicht rein. Danach trollt sich Herr Schulz wieder zu seiner Freundin Schila, die vor einer warmen Hauswand in der Sonne döst.

Für die Besucher aus Deutschland bleiben die Begegnungen mit Mozart und Herrn Schulz in unauslöschlicher urlaubsschönen Erinnerung. Beim nächsten Mal wollen sie die Beiden ganz bestimmt in Antalya wiederfinden – irgendwo in der Altstadt, am Hadrianstor, im Hafen oder beim Café Paradise in der schmalen und stillen Mermeli-Straße gleich hinter der Stadtmauer, dort wo für sie die Geschichte von Herrn Schulz und Mozart begann…

Udo Minne

Reisetipps für (Alstadt) Antalya

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Türkische Riviera – Kappadokien

Michael Bussmann / Gabriele Tröger

Michael Müller Verlag, Erlangen

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Beste Reisezeit: Oktober bis Anfang Dezember, Februar bis Anfang April.

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    Die Hitliste der südlichen und billigen Urlaubsländer führt die Türkei an. Preise knapp 40 Prozent unter EU-Durchschnitt sind Touristenmagnete. Wer es teuer liebt, der ist in der Schweiz gut aufgehoben.
    Tags: türkei, seinen, tourismus


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