- Anzeige -

Sackt Venedig ab?

Venedig geht an die Substanz

Hochwasser

Ruhe bewahren heißt es für die Bewohner von Venedig, wenn mal wieder die Hochwasser-Sirenen gehen

Der Venetianer Paolo Zanetti (60) kennt sein Venedig auch unter der Gürtellinie. Da sieht es richtig düster aus. Mit seiner Firma hat sich Zanetti deshalb darauf spezialisiert, das zu reparieren, was durch den gefräßigen Schiffsverkehr zerstört wird. Es sind die Fundamente aus Eichen- und Ulmenpfählen. Die Kameraaufnahmen seiner Restaurierungstaucher zeigen zerfressene Fundamente eines Weltkulturerbes. Ganz gegen den lokalen Meinungsstrom behauptet er, dass Verursacher nicht die riesigen Kreuzfahrtschiffe sind, von denen die Touristen auf den Markusplatz blicken. Der Unternehmer bringt es auf seinen Punkt: „Wassertaxis, Hoteltaxis, Entsorgungsdienste, alle saugen sie Schlamm vom Boden an und Zement aus den Fugen der Ziegelfundamente.“

Die schmutzige Spur hinter den Kreuzfahrtschiffen

Die Initiative „No Grandi Navi“ sieht die Verursacher für den Umweltangriff auf die Lagunenstadt dagegen doch eher in den riesigen Kreuzfahrtschiffen. Diese kommen mehrmals täglich. Neben den Riesen wirkt die urbane Kanal- und Palazzo-Schönheit eher wie ein Baukastensystem alter Kultur. Hier stimmen aus Kritikersicht weder die Dimensionen noch die Pflege der alten Bausubstanz.
Jeder der Mammutschiffe „spuckt“ bei einem Venedig-Besuch 4000 bis 6000 Touristen aus. Etwa 1700 große Schiffe zwängen sich so jedes Jahr durch den Guidecca-Kanal in den Hafen und vor die weltberühmte Kulturkulisse. Sie verschmutzen Luft und Wasser. „Stickstoffdioxyd und Schwefeldioxyd beschädigen die historischen Bauwerke, besonders den Marmor und den porösen Pietra d´Istria, aus dem viele Säulen gemacht sind“, sagt Elisabetta Zendri von der Universität Ca´Foscari in Venedig.
Die Touristentanker scheinen aber auch der Grund zu sein, dass der Boden der Stadt in jedem Jahr bis zu einem Zentimeter absackt. Der Hydrogeologe Pietro Teatini von der Universität Padua stellt fest: „Jeder, der an den Kanälen vorbeigeht, sieht, dass die Kirchen, Palazzi und Brücken statisch nicht in Ordnung sind.“ Diese durch viele Messungen belegte „Tieferlegung“ der Stadt hat – so darf man wohl sagen – dramatische Ausmaße.

Kreuzfahrschiff

Kreuzfahrschiffe durchpflügen die Kanäle in Venedig

Kanalschwimmer gegen Vergnügungsriesen

In solchen Zusammenhängen wird dann immer wieder die Karte der Wirtschaftlichkeitsrechnung gezogen: Venedig gewinnt durch die Kreuzfahrten jährlich 290 Millionen Euro. Genau so viele Kosten entstehen dadurch aber auch der Stadt. Also ein Nullsummen-Spiel!? Weil noch weitere Schäden vermutet, aber nicht belegt werden können, machte „No Grandi Navi“ Ende September 2013 spektakulär auf sich und das Problem Kreuzfahrer aufmerksam. Rund 50 Mitglieder stürzten sich im Stil von Greenpeace vor dem Stadtviertel Giudecca in den Kanal. Die schwimmende Menschen-Barriere hinderte zwölf Vergnügungsriesen eine Stunde an der Weiterfahrt.
In Rom reagierte die Regierung auf das Bürgerengagement: Ab November 2014 dürfen Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 96 000 BRZ (Bruttoraumzahl) nicht durch Venedig steuern. Auch Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni bewertet die größten Kreuzfahrtschiffe für „nicht kompatibel mit Venedig und seiner Lagune.“ Außerdem wurde ab Anfang 2014 die Anzahl der Kreuzfahrtschiffe um 25 Prozent reduziert.

Dennoch: Venedig steht für die schwimmenden Kreuzfahrt-Monster nach wie vor an der Spitze der Mittelmeerhäfen. Es kommen pro Jahr 1,7 Millionen „Kreuzfahrer“ nach Venedig. Insgesamt liegt die Zahl der Besucher bei etwa 30 Millionen pro Jahr. Das muss eine so sensible Stadt erst mal verkraften.

Donna Leon: „Hier versucht mich jemand umzubringen“

Verkehrschaos auf den Kanälen in Venedig

Vor dem Hintergrund solcher Belastungen bekommen einzelne Ereignisse deutlich erhöhten Symbolcharakter. So erzielte das Desaster auf Venedigs Wasserstraßen traurige Afmerksamkeit durch den Tod des Tübinger Strafrechts-Professors Joachim Vogel. Nach dem Zusammenstoß von Gondel und Linienboot versuchte er, seine dreijährige Tochter zu retten. Der Deutsche wurde dabei tödlich verletzt. Seine Tochter überlebte den Unfall. 16 Gondolieri erwiesen dem Deutschen auf dem Tübinger Bergfriedhof  die letzte Ehre. Am Canal de Grande wurden der kleine Schuh der Tochter und viele Blumen zum Mahnmal. Menetekel auch für das Verkehrschaos auf den Kanälen: 425 Gondolieri, 200 Wassertaxis und motorisierte Linienboote (Vaporetti) sind die Hauptakteure im unübersehbaren Kampf um die Vorfahrt auf dem Wasser.
Die Wahlvenezianerin Donna Leon sieht in dem Tod des deutschen Professors so etwas wie ein Fanal: „Denn die Gondel ist das Symbol dieser Stadt.“ Die gebürtige US-Amerikanerin wird noch deutlicher: “Alle schreien hier ,oh, beautiful Venice’, während vom Hafen her der Feinstaub runterregnet. Diese Schiffe richten Schaden an, und ich erlaube mir zu sagen – hier versucht mich jemand umzubringen.”
Doch es gibt auch einen anderen Aspekt: Der verbreitete geringe Respekt vor Regeln. So geschah die Tragödie der Familie Vogel an einem Steg. Der gehörte dem Stadtrat für Wasserwesen. Errichtet hatte dieser ihn ohne Genehmigung. Bei dem im Unfall mit verwickelten Gondoliere fand man im Blut Kokain und Haschisch.

300px-R0300003

Bild von Sacca San Biagio, mit der ehemaligen Müllverbrennungsanlage im Hintergrund

„Veniceland“ auf einer Müll-Insel?

Die Kette der mehr oder minder großen Problemzonen dieser so berauschend schönen Stadt ist länger, als man es mit der rosaroten Linse eines Touristen wahrnehmen möchte. Als ein weiteres Beispiel richtet sich das Aufbegehren venizianischer Bürger gegen das Vorhaben, die künstliche Insel Sacca San Biagio vor dem Lido zum Vergnügungspark „Veniceland“ mit Riesenrad und Freilichtmuseum umzuinvenstieren. Auf dem Eiland steht noch die Ruine einer Verbrennungsanlage. 80 Millionen Euro will der Unternehmer Alberto Zamperla dafür locker machen. Im ersten Jahr nach der geplant zweijährigen Fertigstellung werden 400.000 Besucher prognostiziert, die u.a. auf künstlichen Kanälen das etwas andere Venedig-Gefühl erfahren sollen.
Das für Umweltfragen zuständige Mitglied des Stadtrates macht sich zum Sprecher der Gegner dieses Vorhabens: „Wir wollen nicht, dass eine ganze Insel zum Disneyland wird.“ Gleichzeitig verscherbelt der italienische Staat weitere Inseln. Sie wurden in einer Online-Aktion am 6. Mai versteigert. Dazu gehört die 72.000 Quadratmeter große und 1979 verlassene Insel Poveglia – stets wegen seiner bösen Geister von den venizianischen Fischern gemieden. Und niemand durfte seit 35 Jahren dieses Stück Erde betreten. Darauf verfallene Gebäude, eine achteckige Festungsanlage und ein Glockenturm.

Bürger-Garten anstatt Disneyland

Der bürgerliche Unmut gegen diesen Insel-Ausverkauf hat sich im Verein „Poveglia per tutti“ (Poveglia für alle) organisiert. Lorenzo Pesola, einer der Gründer: „Wir können nicht akzeptieren, dass die Lagune in Stücke geschnitten und an ausländische Beteiligungsgesellschaften verkauft wird.“ Über Facebook wirbt der Verein dafür, dass die Bürger mit je 99 Euro Beteiligung das Nutzungsrecht für 99 Jahre ersteigern, um auf der dreiteiligen Insel einen öffentlichen Garten für die Menschen der Lagunenstadt einzurichten. Die Frist für die Versteigerung endete am 6. Mai 2014. Venedigs Bürgermeister Orsoni unterstützt das Bürger-Engagement: „Wir haben zu viele Luxushotels auf den kleineren Inseln. Vielleicht sollten wir zunächst die historischen Häuser auf dem Lido wiederbeleben. Auf Poveglia sollte lieber ein kulturelles oder ein Jugendzentrum entstehen.“ Ähnlich geht es den Inseln Sacca Sessola, San Clemente und Santo Spirito. Luxus- und Spa-Ressorts sollen auf diesen Eilanden weitere Touristen anlocken.

Separatisten rüsten zum Kampf gegen Bürokratenstaat

Liga

1997 eroberten Separatisten der Liga Veneta den Markusplatz und hissten die Flagge der Republik Venedig

Es gärt also in vielerlei Hinsicht in Venedig. Untätigkeit in Rom und Unzufriedenheit der Bürger über Zustände in ihrer Stadt sind Brandbeschleuniger. Und das wiederum spielt einem Separatisten-Trend in die Hand. Die Abspalter hatten bereits vor, mit Waffen den Markusplatz zu erobern. Der „Umsturz“ war von der „Alleanza“ für Mai geplant. Die kommende EU-Wahl lässt grüßen. 24 „Unabhängigkeitskämpfer“ wurden festgenommen.
Erinnern wir uns? Bereits im Mai 1997 eroberten Separatisten der Liga Veneta den Markusplatz und den Campanile. Dort hissten sie die Flagge der „Republik Venetien“. Diese Republik war 1797 durch Napoleon aufgelöst worden. Kürzlich erst wurde ein Online-Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt. 89 Prozent der Wahlbeteiligten stimmten dafür, dass die Region Veneto eine unabhängige und souveräne Republik wird.

Inzwischen ist man sich mehrheitlich einig: „Wir müssen das ernst nehmen“, wie es der Demoskop Ilvio Diamanti ausdrückt. Seiner Ansicht nach wird dieser Separatisten-Boom hauptsächlich vom Hass auf „den ausbeuterischen Bürokratenstaat (Rom und Brüssel) bestimmt. Immerhin feierten knapp 5.000 Venetianer auf der Piazza dei Signori mit Fahnen von San Marco das Ergebnis des Plebiszits. Es wurden Reden in venezianischem Dialekt gehalten und im Chor nach Freiheit gerufen. Wer denkt hierbei nicht an den kürzlichen Fall der Krim und an alte und neue Separatisten-Bewegungen im EU-Europa? Wenn – egal wo – etwas durch Untätigkeit überkocht, kann es gefährlich werden.

Die ewas anderen Perspektiven

In solchen Zeiten gilt es ganz besonders auf die Stimmen der Bürger zu hören. Weil eben der „alte“ Unternehmer Zanetti nicht alleine mit seiner Kritik am Sterben einer städtebaulichen Schönheit steht: “Wenn wir Einheimischen mit unseren Booten bald nicht mehr auf den Canal Grande dürfen, dann bin ich hier weg. Dann wird das hier ein Venedig ohne Venezianer, Disneyland.” Welcher Tourist möchte das ernsthaft?

Dieter Buchholtz

 

Mehr über Venedig:

Bildstrecke Venedig

Sinnliche Annäherung

Mein Venedig – Erinnerungen

mehr zu dem Thema:

  • 35
    Sie ist in Venedig geboren. Als Kind - also vor gut 50 Jahren - ging es immer wieder per Bus in die Stadt. Ihr Ziel mit Freundinnen und Cousinen: Touristen gucken. Seit gut 40 Jahren lebt Claudia Tschubel in Deutschland. Es zieht sie aber immer wieder nach Venedig. Auch sie…
    Tags: venedig, stadt, lido, touristen




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden