- Anzeige -
Jogging-Point

Nur Fliegen wär´schöner gewesen

Walter-03

Walter Schmitz mit seiner Hoffmann-Vespa (1956)

Mein erstes Auto – war eine Vespa. Die Vorgeschichte, bis ich stolzer Besitzer eines Autos wurde, ist viel facettenreicher als es heutzutage die Aufkleber „ABI… sponsored by Daddy“ auf der Heckscheibe mancher Pkw´s  verkünden. Das gab es bei mir erst Jahre später, ohne Aufkleber. Aber dann wäre die Geschichte auch schon zu Ende.

Fahrübungen auf dem Garagenhof

In den endvierziger/anfangfünfziger Jahren war ein Automobil in der Familie noch keine Selbstverständlichkeit; damit stieg Vaters „Brezel-Käfer“ (der mit der geteilten Heckscheibe) schon in die Liga auf, die man gemeinhin als „Wagen“ bezeichnete. Mit diesem Gefährt begann meine Annäherung an die automobile Fortbewegung. Mit gut 16 Jahren hatte ich natürlich noch keinen Führerschein, aber mein Vater ließ mich trotzdem an die „Kurbel“. Samstag war Wagenwaschtag, und ich durfte das gute Stück in einer Halle waschen. Und – was noch viel wchtiger war – auf dem Garagenhof damit herum rangieren.

So freundeten der Käfer und ich uns an. Häufig fuhr die Familie Sonntags von Aachen nach Bad Bertrich auf schmalen, gewundenen Sträßchen quer durch die Eifel. Damals trug man noch Hut am Steuer einer Limousine. Eines Sonntags hielt mein Vater auf einem einsamen Waldparkplatz an; ich durfte den Lenker übernehmen – selbstverständlich einschließlich Hut. Der 16-Jährige fühlte sich geehrt und fuhr los. Von da an steuerte ich regelmäßig – natürlich mit Hut – auf abgelegenen Eifelstraßen Vaters Volkswagen. Ich war Automobilist! Die Führerscheinprüfung habe ich erst anderthalb Jahre später bestanden – genau wie auch das Abitur. Aber dafür gab es kein Auto.

Für 450 Mark das Traumgefährt

Zunächst habe ich gejobbt, um Geld zu verdienen. Das „Pfund“, mit dem ich damals wuchern konnte, waren Führerschein und Fahrpraxis. So wurde ich LKW-, Gabelstapler- und Chef-Fahrer bei der Belgischen Besatzungsarmee. Das versetzte mich in die Lage, nach einem ersten, eigenen, motorisierten, fahrbaren Untersatz Ausschau zu halten. Es sollte eine „Vespa“ sein. Ich fand mein Traumgefährt in einem Dorf bei Stolberg, von Aachen aus per Bus und Bahn in zwei Stunden zu erreichen – zurück konnte ich ja bereits mit Motorkraft, also „automobil“, fahren. Das gute Stück, Baujahr 1950, war eine Hoffmann-Vespa, ein deutscher Nachbau in Lizenz von Piaggio. Charakteristisch war eine Gestängeschaltung, die mit dem linken Griff am Lenker zu betätigen war – normalerweise. Der Verkäufer empfahl, etwas tiefer am Spritzblech beherzt  ins Gestänge zu greifen und die Gänge ins Getriebe zu schubsen. Ich zahlte den vereinbarten Preis von 450 D-Mark, schafte es mit dem Kickstarter, den Motor zum Dröhnen zu bringen und donnerte los. Das Gefühl, mit einem eigenen Motorfahrzeug einem Ziel zuzusteuern, war erhebend – nur Fliegen wäre schöner gewesen.

Bei Kornelimünster, kurz vor Aachen, musste ein Berg überwunden werden, den ich „mit Anlauf“ anging. Indes, das reichte nicht. Der Motor starb ab und war nicht mehr zum Leben zu erwecken. Also war Schieben angesagt. Aachen liegt erfreulicherweise in einer Mulde, so dass ich mich oben wieder auf den behäbigen Sattel schwingen konnte. Die Fuhre rollte. Ich würgte am Schaltgestänge einen Gang ins Getriebe, Fehlzündungen wie Peitschenhiebe waren die Antwort. Ruckartig sprang der Motor an. Dann schnurrten wir nach Hause und wussten, was wir voneinander zu halten hatten.

Freude am Schrauben

vespa_koeniginVerschönerungsarbeiten, zu denen der unbedarfte Jungautomobilist bekanntlich ja stets zuerst neigt, wurden zurückgestellt. Die Technik hatte Vorrang. Natürlich hatte ich schon vor dem Kauf Bekanntschaft mit der „Vespa-Szene“ gemacht. Es gab Mechaniker, die an Wochenenden schraubten – gegen Bares und unter Mitwirkung des Halters. So wurde ich selbst bald zum „Schrauber“ und konnte ein inniges Verhältnis zu meiner „Wespe“ aufbauen. Das war eine Schule fürs Leben; ich habe noch Jahrzehnte später die Unvollkommenheit von Oldtimern geliebt, gerne repariert und restauriert. Die Verschönerungsarbeiten am Roller habe ich dann vollkommen in eigener Regie durchgeführt. Der abgeschabte „Vespa“-Einheitslack (ein erblasstes Metallic-Grün) wurde durch ein freundliches, warmes Gelb ersetzt. Die Maschine strahlte und war pünktlich zu Beginn des Wintersemesters an der Uni Bonn fertig. Ich hatte ihr noch eine Kofferbrück spendiert, so dass ich mit vollem Gepäck zwischen Aachen und Bonn hin und her pendeln konnte.

Mit meinem Motorroller zählte ich seinerzeit schon zur gehobenen Schicht der motorisierten Studenten. Mitfahren auf dem Sozius war begehrt. Auch manche „Socia“ fand sich ein … zu Spritztouren in die nähere Umgebung oder auch zum offiziellen „Vorfahren“ bei ihr daheim. Einmal, an einem regnerischen Abend, fuhr ich in Beuel an einer imposanten Villa vor, pellte mich aus dem Regenumhang, holte Mütze und Handschuhe aus dem Gepäckraum (kleine Klappe in der hinteren Backe) und stand „commentgerecht“ an der Haustür… Der Fahrer des Hausherrn chauffierte uns in der Folge im Mercedes zum Ball! Bei einer anderen Dame fuhr ich bei schönstem Frühlingswetter vor. Die „Vespa“ blieb die Attraktion. In vollem Ornat schwang sich meine Ballerina auf den Sozius und kämpfte tapfer mit Wolken aus wehendem Tüll – unter dem Beifall und Gejohle ihrer Familie und der Nachbarn. Mit dem Motorroller war man dem Auto schon näher, als mit dem Motorrad, weil er mit seinem Spritzblech wenigstens trockene Füße und Beine zu garantieren schien.

Der klemmende Gaszug

Strolch

„Unser Strolch……..“

Ab Frühjahr 1958 waren wir zu dritt: Zu der „Vespa“ und mir hatte sich Anne gesellt. Ich holte sie vom Büro ab. An freien Wochenenden unternahmen wir ausgedehnte Ausflüge in die Mittelgebirge. Anne tolerierte die Zicken meines betagten Gefährts. Sie lernte Bowdenzüge fürchten, die immer zur Unzeit rissen oder klemmten. Eines stillen Sonntags mussten wir in Münstereifel eine Baustelle „stop and go“ passieren – bei klemmendem Gaszug, der nur Vollgas im Programm hatte. Wie also das Hochdrehen des Motors zügeln? Mit dem Schalter zur Zündunterbrechung! Bald hatte ich den Rhythmus raus: Zündunterbrechung, Motor protestiert mit einem Knall wie ein Pistolenschuss, dreht wieder hoch, wieder Zündunterbrechung usw… Das Publikum nahm eine drohende Haltung ein. Wir kamen trotzdem durch, um nach ein paar Kilometern die Kerze rauszuschrauben und zu säubern. Leicht ölverschmiert schafften wir es immer wieder bis nach Hause. Annes Vater, ein Genie in mechanischer Improvisation, half  wiederholt mit, das Gefährt flott zu halten.

Die persönliche Bindung ging so weit, dass wir beschlossen, der „Vespa“ einen Namen zu geben: „Strolch“. Aus einem Blech schnitten wir den Namen schwungvoll aus, kombinierten ihn mit einem Wiesel, lackierten das Ganze und schraubten es vorn auf den Kotflügel. Dennoch, trotz aller Liebe zum Gerät, nach ein paar Jahren trennten wir uns von der „Hoffmann-Vespa“,

VW-Export

VW-Export, Baujahr 1950

Größere Räder und mehr PS

Nachfolgerin wurde eine richtige Piaggio mit 16-Zoll-Rädern und mehr PS. Die Zuzahlung für den gebrauchten „roten Blitz“ hielt sich in Grenzen. Für die alte „Vespa“ habe ich immerhin noch 560 D-Mark erlöst (heute ist die „Hoffmann Vespa“ eine gesuchte Rarität und wird für mehrere tausend Euro gehandelt – so viel zum Oldtimermarkt). Die Piaggio garantierte ungetrübte Mobilität und Fahrspaß. Sie begleitete uns bis zum Ende meiner Studienzeit. Allerdings – die enge Beziehung wie zu meinem ersten Roller kam nicht zustande.

Am Abend nach dem Staatsexamen versammelte sich unser Freundeskeis in unserer Stammkneipe „Zum Bären“. Gegen Ende des feucht-fröhlichen Festes überreichte mir mein Vater Papiere und Schlüssel seines VW Käfers. Das war freilich nicht mehr der alte „Brezel-Käfer“, sondern ein neuer Typ mit großer Heckscheibe – ein so genanntes „Export“-Modell in schwarz mit Chromleisten. Ein schickes Auto, an dem es nichts zu Basteln gab. Wir waren nun vom Wetter unabhängig. Ich montierte Skihalter ans Heck, so dass wir uns den Wintersportfreuden in den Bonn umgebenden Mittelgebirgen hingeben konnten.

Dennoch nur Gebrauchsgegenstand

Walter-02 Kopie

Walter Schmitz, heute mit seinem Lieblingsauto, ein TR6, Baujahr 1973

Im übrigen wurde das Auto „dienstlich“ genutzt, im Pendelverkehr zwischen den verschiedenen Stationen des Referendariats, der Uni Köln, wo ich an meiner Dissertation schrieb, und selbstverständlich Bonn, wo Anne wohnte. Die emotionale Bindung zu diesem ersten Auto blieb jedoch aus – nach den Erfahrungen mit der „Hoffmann Vespa“. Der VW war und blieb ein willkommener Gebrauchsgegenstand, der funktionierte… bis wir (also Anne, ich und das Auto) uns in einer Massenkarambolage bei Nebel und Glatteis „näher kamen“. Ein Lkw krachte ins Heck. Mein Käfer hatte einen Totalschaden und ich einen temporären „Dachschaden“ (Gehirnerschütterung). Die Versicherung wollte mich in bar abspeisen, und damit wäre die gerade erst gewonnene Freundschaft zu meinem ersten Auto zu Ende gewesen. Doch, wozu war ich Jurist geworden? Ich bestand auf „Naturalrestitution“, weil das Verschulden des Lkw-Fahrers gut zu beweisen war. Im Klartext: Mein Auto wurde wieder aufgebaut, und so blieben wir noch ein paar Jährchen zusammen.

Walter Schmitz, Bonn

Ihr Kommentar – oder gar Erinnerung…

 





Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden