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Mein Venedig – Erinnerungen

„Wir empfinden Venedig als anstrengende Stadt“

Vor 44 Jahren habe ich meine Geburtsstadt Venedig verlassen. Danach wurde ich oft mit der Frage konfrontiert, wie ich denn aus einen so schönen Ort habe wegziehen können. Nach undVenedig-01 nach begann ich – ausgelöst durch solche Fragen – diese Stadt mit ganz anderen Augen zu betrachten. Diese neuen Perspektiven werden gerade durch den Rückblick auf meine Jugend richtig deutlich.

Die Bewohner einer Stadt – so auch die von Venedig – haben in aller Regel zu ihrer urbanen Heimat einen anderen Blickwinkel als die Touristen. Ich erinnere mich noch gut: Als ich damals in Mestre, der Festland-Appendix von Venedig, wohnte, bin ich oft zusammen mit einer Freundin oder einer Cousine per Bus in die historische Stadt gefahren. Es ging uns aber nicht darum, die Schönheit dieses heutigen Weltkulturerbes zu bewundern. Auch war es niemals unser Ziel, eine Ausstellung zu besuchen. Wir wollten einfach… Touristen schauen.

In den 50er Jahren konnten wir noch die Herkunftsländer unserer Gäste an ihrer Garderobe erraten. Wir haben uns oft gefragt: Was finden so viele Menschen an diesem Durcheinander von Gassen, Brücken, Kanälen, Kirchen denn so interessant? Eigentlich empfanden wir damals schon Venedig eher als eine anstrengende Stadt: Das merkte jeder spätestens am Abend, wenn auch die bequemsten Schuhe den müden Füßen einige Blasen beschert hatten. Wir selbst gratulierten uns immer wieder dazu, dass wir nicht direkt in Venedig wohnten.

Milchkanister als aufregendes Spektakel

Durch das damalige intensive und lange Beobachten sind mir bis heute viele Szenen aus dem Alltag von Venedig in Erinnerung geblieben. So erlebte ich als Kind jeden Nachmittag, wie die Lebensmittelversorgung von Venedig gelöst wurde. Das Haus meiner Eltern stand damals am Ende eines Kanals mit direkten Zugang zur Lagune. Ich saß an den Stufen vor der Eingangstür und wartete darauf, dass die Karren mit den Milchkanistern vom Festland kamen und Barkassen damit für die Stadt beladen wurden. Das war ein aufregendes Spektakel, das jede Sendung mit der Maus, die es damals ja noch nicht gab, mit prallem Leben ersetzte.

Später besuchte ich die Universität in Venedig, die berühmte Cà Foscari. So wurde ich mit der Stadt immer vertrauter. Ich lernte wichtige Wegabkürzungen kennen, fand günstige Geschäfte, besuchte preiswerte Studentenlokale. Ich beobachtete Venedig rund um das Jahr. Dazu gehörten die glasklare Luft der Wintertage und hinter der Lagune die Gipfel der verschneiten Dolomiten. Zu meinem Venedig der Erinnerung gehörte auch der dichte Nebel des Herbstes. In solchen Zeiten wurde manchmal sogar der Verkehr der Vaporetti wegen Sichtmangel eingestellt.

Vorlesungen schwänzen und Flucht vor den Barbaren

Venedig-02Ich erinnere aber auch ganz besonders die zauberhafte Luft des Frühlings. In dieser belebend romantischen Zeit schwänzten wir gerne auch mal die Vorlesungen. Es gefiel uns einfach besser, die erste Sonne und das erste Eis der Saison auf einer Bank am Ufer der Zattere zu genießen, als zu studieren

Zur Erinnerung gehören aber auch die schwülheißen Sommertage. Wenn die Stadt von „den Barbaren“ überfallen wurde. So nannten wir liebevoll die Horden von Touristen. Dann suchten wir am Strand von Lido für ein paar Stunden Zuflucht. Von da kehrten wir später mit krebsroter Haut und gebleichten Haaren zurück.

In dieser Zeit lernte ich auch die typischen Gerüche und Geräusche der Stadt kennen und lieben. So wurde mir die Stadt immer vertrauter. Später dann, als ich eigentlich keinen Grund mehr hatte, nach Venedig zu fahren, begleitete ich aber meinen zukünftigen Mann, Freundinnen von auswärts und andere Bekannte auf Touren durch Venedig. Danach waren es meine Kinder, denen ich die bunte Burano-Insel, die Glasinsel Murano, den Dogenpalast, das Opernhaus La Fenice und einige Museen zeigen konnte. Ich wurde also zur Touristin in meiner eigenen Stadt. Bei all diesen Unternehmungen war ich aber immer darauf bedacht, nie und nimmer eine Gondel zu besteigen. Denn „das machen wirklich nur die Touristen“, sagen die Venezianer.

Venezianer müssen nicht für Kirchenbesuch zahlen

Campanile von San Marco

Campanile von San Marco

Auch für mich verändert sich mein Venedig rasant. Inzwischen wurden beispielsweise am Haupteingang der schönsten Kirchen Kassen errichtet. Das veranlasste mich dazu, diese Tempel nur mit einer Frage in waschechtem Venezianisch zu betreten: „Paga anca i venessiani?“ Zahlen auch die Venezianer? Nein, natürlich nicht! Aber in manchen Kirchen muss ich als Venezianerin die Carta d’identità, also den Personalausweis, zeigen. Sie weist den für solche Besuche wichtigen Geburtsort aus.

Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Besuch des eigenen Geburtsorts eine heilsame Wirkung auf die Psyche ausübt. Für mich kann ich das bestätigen. Natürlich weiß ich nicht, wie viel Anteil Venedig als Geburtsort oder aufgrund seiner beeindruckenden Schönheit hat.

Bei jedem neuen Besuch treffen der Fremde wie auch der Einheimische auf diesen Ort, der seit Jahrzehnten nur wenige architektonische Veränderungen erlebt hat. Eine neue Brücke ist entstanden, verschiedene Gebäude wurden restauriert, und natürlich ständig Teile der Markus -Kirche: Meine Eltern vergaßen nie mir zu erklären, dass – der Legende nach – die Kirche an dem Tag in sich zusammensinken würde, wenn die Restaurierungen abgeschlossen sind.

Touristensturm macht aus Venedig ein neues Disneyland

Es bleibt einem aber das Gefühl der Entfremdung und womöglich Enttäuschung erspart, das jemand erlebt, wenn er eine „normale“ Stadt nach Jahrzehnten erneut besucht. Das alte Venedig aber kann jeder sogar entdecken, wenn er vergilbte Fotos vom Anfang des vorigen Jahrhunderts mit ihren wenigen Menschen, ob Einheimische oder Touristen, betrachtet.

josephbrodsky

Joseph Brodsky

Einer der vielen Schriftsteller, die in Venedig verliebt waren, ist der aus Petersburg stammende und in Venedig begrabene Josef Brodsky, („Ufer der Verlorenen“, eine Liebeserklärung an die Stadt des Auges). Er pflegte jedes Jahr in einem der Wintermonate New York zu verlassen, um eine Zeit in Venedig zu leben. Denn in diesen Monaten war die Stadt von den Touristenmassen befreit. Zum Glück hat er nicht erlebt, dass heute in jedem der zwölf Monate des Jahres riesige Menschenmassen nach Venedig pilgern. Offensichtlich haben sie das Motto: Bevor die Stadt versinkt, möchten wir sie noch sehen.

Aus meiner Sicht trägt die grenzenlose Zunahme der Touristenzahl mehr als das Acqua-alta-Phänomen dazu bei, aus der Stadt ein neues Disneyland zu machen. Diese Entwicklung verdrängt die Bewohner ins Festland. Dort sind die Immobilienpreise günstiger und Dienstleistungen wie Geschäfte, Ärzte, Schulen usw. sind in großer Zahl vorhanden.

Claudia Tschubel

 

Mehr über Venedig in rantlos.de

Sackt Venedig ab?

Sinnliche Annäherung

 

Venedig-Tipps von Claudia Tschubel:

 

Warum wann nach Venedig im Jahr 2014?

oder

Wann warum nicht nach Venedig im Jahr 2014!

 

Architekturbiennale 7.06.- 23.11.2014

Dir. Rem Koolhaas

 

Zeitgenössisches Tanz Festival: 19.- 29.06.2014

Dir. Virgilio Sieni

 

Theater Festival: 27.08.- 29.08.2014

Dir. Alex Rigola

 

Filmfestival: 27.08. – 06.09.2014

Dir. Alberto Barbera

 

Zeitgenössisches Musik Festival: 20. – 21.09. und 03. – 12.10.2014

Dir. Ivan Fedele

 

Kunstbiennale: 09.05.- 22.11. 2015

 

Venezianische Feste: KarnevalWeiberfastnacht-Rosinendienstag

Festa della Sensa: 1. Sonntag nach Himmelfahrt

Festa del Redentore: 3. Sonntag im Juli

Regatta Storica: 1. Septembersonntag

Vogalongain Mai

Fetsta della Madonna della Salute: 21. November

Palio delle Repubbliche Marinare: Mai/Juni

 

Besondere Reiseführer

DVD „Sei Venezia“ von Carlo Mazzacurati: Sechs venezianische Originale erzählen von sich und ihrem Verhältnis zu ihrer Stadt.

Collana „Corte del Fontego Editore“  je 3 €: unter anderen Abitando Venezia (Wohnen in Venedig) und Wann schließt Venedig? Führer durch die Disneylandiesierung der Stadt.

Erwerb der Hefte auf italienisch über www.IBS.it

Kauf der DVD’s von Carlo Mazzacurati über www.amazon.it

Für Opernfans:

Spielplan Teatro La Fenice 2013-2014:

  • La Bohemè
  • Madame Butterfly
  • Tosca
  • The Rake’s Progress (Stravinski
  • La Traviata
  • Il trovatore
  • L’inganno Felice (Rossini)
  • Don Giovanni

Kartenkauf und Programm online unter www.teatrolafenice.it

 

 

mehr zu dem Thema:

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    Separatisten wollen Venedig besetzen. 24 von ihnen werden als Terroristen inhaftiert. Täglich stehen 58.000 Altstadt-Venezianer 80.000 Touristen gegenüber. Die Stimmung wird gereizter. Würde zu wahren, fällt schwer. Schlägereien und Pöbeleien mehren sich. Hinter den Palastfassaden proben venezianische Wutbürger den Aufstand. Das Glanzbild dieser Traumstadt bekommt Risse. Ist Venedig als Kulturerbe…
    Tags: venedig, stadt, touristen, lido




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