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Heißester Platz im Kalten Krieg

 „Point Alpha“ – Deutschstunde im „Haus auf der Grenze“ in der Rhön

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Mahnmal und Museum Point Alpha

Ganz plötzlich, nach einer Straßenkurve, tauchen oben auf dem Kamm der Rhön, am Übergang von Hessen nach Thüringen, die. zwei miteinander verbundenen, leuchtend blau gestrichenen, Gebäude auf. Und davor, in gleicher Farbe, eine hohe, sich im Wind drehende Stahlblech-Spirale mit den weißen Aufschriften „Peace“, „Mir“, „Frieden“. Es ist tatsächlich friedlich dort auf der Höhe. Nach Osten schweift der Blick über das freundliche Tal der Ulster mit dem Städtchen Geisa in der Senke. Und nach Westen hin verstellen nur die bewaldeten Vulkankuppen des „Hessischen Kegelspiels“ die Sicht auf Hünfeld und die barocke Bischofsstadt Fulda. Trotzdem steht der Besucher jetzt exakt an jenem Fleck, der das Vokabular der NATO (und wohl ähnlich auch des Ostblocks) über viele Jahre als „heißester Punkt im Kalten Krieg“ bereicherte. Hier, wo sich bis 1989/90 vier Jahrzehnte lang US-Elitesoldaten des 11. Panzeraufklärungsregiments („Blackhorse“) und Angehörige der DDR-Grenztruppen auf Sichtweite gegenüber lagen, befindet sich heute eine der eindrucksvollsten Mahn-, Gedenk-, Begegnungs- und Bildungsstätten plus Museum der jüngeren deutschen Geschichte.

Atomare Kriegspläne

Gedenkst

Die Blücher-Medaille ium Museum

Bis noch vor 25 Jahren hätte an dieser Stelle schon ein vergleichsweise geringfügiger Zwischenfall einen militärischen Flächenbrand oder gar mehr auslösen können. „Observation (Beobachtungs-) Point Alpha“ hatte die US-Armee ihre wichtigste Guck- und Lauschbasis in den Osten genannt und den Platz nicht zufällig gewählt. Markierte er, der „Thüringer Balkon“, doch die am weitesten in den Westen ragende Position der DDR. Sowohl die Planungen der NATO als auch (wie man inzwischen weiß) des Warschauer Pakts gingen davon aus, dass ein kommunistischer Angriff als erstes durch das so genannte „Fulda Gap“ (Fulda Lücke) erfolgen würde. Von beiden Seiten nicht ausgeschlossen und in diversen Kriegsszenarien durchgespielt – der Einsatz zumindest „taktischer“ Atomwaffen. Binnen 48 Stunden, so die Strategen in Moskau, sollten die massierten Panzerverbände des Warschauer Pakts das nur etwa 80 Kilometer entfernte Frankfurt eingenommen und wenig später den Rhein erreicht haben.

Wie ernst das gemeint war, beweist eine heute geradezu bizarr anmutende Tatsache: In Dresden wurden nach dem Ende der DDR zahlreiche, im Geheimen geprägte, „Blücher-Orden“ samt dazu gehörende Blanko-Verleihungs-Urkunden entdeckt. Als Empfänger wären jene Soldaten der Nationalen Volksarmee ausersehen gewesen, die in einem Krieg als erste den Rhein erreicht hätten. Jedes Anzeichen einer sich andeutenden Aggression möglichst frühzeitig zu entdecken, war darum die Aufgabe der Handvoll US-Spezialisten (zwischen 40 und höchstens 400 Mann) vom „Blackhorse“-Regiment im Lager „Point Alpha, die rund um die Uhr höchst konzentriert und notfalls in 10 Minuten auch kampfbereit sein mussten.

Rettung einer Gedenkstätte

Gedenkst

Berthold Dücker, an der „Grenze“

Alles Vergangenheit, Historie, vielleicht sogar bewusst in die Vergessenheit geschoben? Mit der Öffnung der Mauer in Berlin am 9. November 1989, dem Zerfall des Kommunismus und dem Ende des Ost/West-Konflikts war auch „Point Alpha“ überflüssig geworden. Und nicht wenige – auch politische – Kräfte im ein Jahr später wieder vereinigten Deutschland hätten es durchaus gar nicht ungern gesehen, wenn Gras darüber gewachsen wäre. Die damalige rot-grüne hessische Landesregierung mit Ministerpräsident Hans Eichel an der Spitze machte, zum Beispiel, massiv gegen ein „Erinnern“ Front und verfrachtete stattdessen zeitweilig Asyl-Bewerber in die früheren Ami-Baracken auf der einsamen Höhe. Am liebsten, freilich, hätte man den „Point“ und die unmenschlichen Sperranlagen einfach der „Re-Naturalisierung“ überlassen.
Das hat seinerzeit zum Glück eine Gruppe geschichtsbewusster Zeitzeugen um den damaligen Chefredakteur der „Südthüringer Nachrichten“, Berthold Dücker, verhindert. Der war selbst im August 1964, als 16-Jähriger, in diesem Abschnitt über den Stacheldrahtzaun in den Westen geflüchtet und 1990 nach der deutschen Vereinigung  in die thüringische Heimat zurückgekehrt. Nein, schworen er und Gleichgesinnte in jenen Tagen, sie würden nicht zulassen, dass die Natur die Stahl- und Steinbarrieren einfach wieder zudecke, mit Hilfe derer ein Menschen verachtendes Regime einst nicht nur Deutschlands, Europas und der Welt Teilung markiert, sondern zudem zahllose Schicksale zerstört hatte.

Ein einzigartiges Museum

Heute befindet sich auf der einstigen Nahtstelle der militärischen und ideologischen Ost/West-Konfrontation ein in seiner Art einzigartiges Museum mit angeschlossenen Forschungs- und Studien-Einrichtungen – die „Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha“, bestehend aus dem ehemaligen US-Camp, originalgetreuen Widergaben des über vier Dezennien perfektionierten Ausbaus der Grenzanlagen vom einfachen Schlagbaum mit dem russischen Schild „Stoj“ (Halt), über die ersten Stacheldrahtverhaue bis hin zum schier unüberwindbaren Sperrsystem aus meterhohen Metallstreckzäunen mit Selbstschuss-Anlagen, LKW-Sperren, Minenfeldern, Hunden und Wachtürmen. Ergänzt und vervollständig wird die Gesamtanlage durch das ins Auge fallende (blaue) „Haus auf der Grenze“, das – symbolhaft – genau auf dem einstigen „Kolonnenweg“ aus durchbrochenen Betonplatten steht, auf dem die DDR-Soldaten Patrouille fuhren.

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Eine Original-Selbstschussanlage im Museum

In dem Museumstrakt wird mit Hilfe von Original-Ausstellungsstücken wie Selbstschuss-Anlagen, diversen Typen von Tretminen, Jeeps mit und ohne Stör- und Propaganda-Einrichtungen über das Grenzregime im Osten informiert. Aber auch über die gewaltsame Vertreibung von Bauern (offizielles DDR-Codewort: „Aktion Ungeziefer“!) aus dem Grenzgebiet und der Zerstörung ihrer Höfe und Dörfer sowie, nicht zuletzt, über das von der Ost-Berliner Volkskammer 1982 verabschiedete „Grenzgesetz“ mit dem berüchtigten Paragrafen 27 – dem „Schießbefehl“. Tonsäulen mit Berichten von Zeitzeugen geben Einblicke in das tägliche Leben im selbst zur Rest-DDR abgschotteten Grenzbereich. Eine umfangreiche Dokumentensammlung, dazu eine in einem zweiten Raum installierte Multivision über „Freiheiten“ runden schließlich die optischen Eindrücke nachhaltig ab. Nach einer umfangreichen Überarbeitung wird seit März 2014 der Öffentlichkeit eine aktualisierte, übersichtliche und gut verständliche neue Form der Ausstellung präsentiert. Der Besucher erfährt hier eine erschütternde, auf jeden Fall aber zum Nachdenken anregende Deutschstunde besonderer Art.

Großes Interesse

Das öffentliche Interesse gibt den Initiatoren Recht – in den vergangenen Jahren kamen jeweils etwa 100 000 Besucher, darunter in zunehmender Zahl Schulklassen und Jugendgruppen aus dem In- und Ausland. Gerade für diese ist es natürlich spannend, dass ihnen die Geschichte an der deutschen Teilungslinie nicht theoretisch vom Schulkatheder aus vermittelt wird, sondern von Menschen, die in aller Regel ihre eigenen – meist schmerzlichen – DDR-, bzw. Grenzerfahrungen mit geglückter oder gescheiterter Flucht und deren Folgen haben (siehe unten stehenden Artikel „Ein Birkenkreuz“). Und auf keinen Fall sollte man die Gelegenheit auslassen, dem benachbarten rund einen Kilometer langen „Weg der Hoffnung“ zu folgen, den der im nordhessischen Schlitz wohnende Bildhauer und Schmied Dr. Ulrich Barnickel zwischen 2008 und 2010 beeindruckend gestaltete (vgl. in rantlos „Blick gegen das Vergessen“).

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Der „Weg der Hoffnung“ von Bildhauer und Schmied Dr. Ulrich Barnickel

Seit dem 1. Januar 2008 befindet sich die „Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha“ in der Obhut einer Stiftung mit einem hauptamtlichen Vorstand. Sie wird getragen von den Bundesländern Hessen und Thüringen, den Landkreisen Fulda und Wartburgkreis sowie den Gemeinden Geisa auf thüringischer und Rasdorf auf hessischer Seite. Was als Ziel angestrebt wird , formuliert der Stiftungsvorsitzende und frühere Oberbürgermeister von Fulda, Wolfgang Hamberger, so: Hier solle nicht bloß ein Ort der Erinnerung an dunkle Trennungszeiten gepflegt werden. Vielmehr möchte man diesen markanten Punkt der vier Jahrzehnte währenden, hoch gefährlichen Ost/West-Spannungen zu einer Art Akademie zur Dokumentation und Erforschung des Kalten Krieges in Europa ausbauen – zu einer Institution, vielleicht sogar mit der finanziellen Ausstattung zur Vergabe von Stipendien an Geschichtsstudenten aus den unterschiedlichsten Ländern.

Der Point-Alpha-Preis

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Joachim Gauck bei seiner Laudation in Point Alpha

Ein Höhepunkt  ist stets die Verleihung des vom „Kuratorium Deutsche Einheit e.V.“ gestiftete „Point-Alpha-Preises“. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnuing geht in diesem Jahr (15. Juni) an den Ungarn Miklos Németh, der im „Revolutions“-August 1989 als Ministerpräsident einseitig die Grenzanlagen  nach Westen abbauen ließ. Laudator wird der damalige östereichische Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel sein. 2005 hatten den Preis gemeinsam Helmut Kohl, George Bush sen. und Michail Gorbatschow erhalten, 2008 wurde der frühere tschechoslowakische Staatspräsident Vaclav Havel damit geehrt. Auch Alt-Kanzler Helmut Schmidt gehört zu den Ausgezeichneten.

2010 ging der Preis an die frühere DDR-Bürgerbewegung und dabei speziell an das so genannte Bürgerbüro, das sich u. a. um Menschen kümmert, die immer noch an den erlittenen Unterdrückungen oder Gefängnisaufenthalten leiden. Die Laudatio hielt damals der inzwischen ja zum Bundespräsidenten „aufgestiegene“ Joachim Gauck, einst selber Mitglied der Menschrechtsbewegung und erster Leiter jener noch immer mit seinem Namen verbundenen Behörde, die in unendlicher Kleinarbeit die Unterlagen der Stasi aufarbeitet. Es war Gauck an jenem Tag bei seiner Rede der Zorn anzumerken über die immer geringer werdende Wahlbeteiligung in Deutschland. Waren – so fragte er – die Menschen im Osten Ende der 80-er Jahre denn nicht auch und vor allem mit der Forderung nach freien Wahlen auf die Straße gegangen? Trifft das aus den Wirtschaftswissenschaften bekannte Phänomen vom in der Wahrnehmung sinkenden Mehrwert durch Gewöhnung an positiv Erreichtes auch auf das politische Verhalten der Bürger zu? Wäre dem wirklich so – dann könnte vielleicht ein Besuch der Anlage auf den Höhen der Rhön solchen Gefühlen entgegen steuern.

Ein Birkenkreuz

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Bernhard Fey und das Birkenkreuz

Ein paar Meter außerhalb des einstigen amerikanischen Beobachtungsposten „Point Alpha“ und nur wenige Schritte von dem engmaschigen, einst mit Splittergeschossen gespickten Grenzzaun an der früheren „Demarkationslinie“ entfernt, steht ein einfaches, vielleicht drei Meter hohes Birkenkreuz. Es ist eng verknüpft mit dem Leben von Bernhard Fey. Ja, im Grunde symbolisiert es ein Stück Lebendes heutigen Endfünfzigers aus dem thüringischen Bermbach. Am 24. Dezember 1975 hatte sich der junge Bernhard mit einem Freund aufgemacht, aus der DDR zu fliehen. Es war bereits sein zweiter Anlauf. Zwei Jahre zuvor war die Sache verraten worden und hatte ihm 1 Jahr und 4 Monate Jugendhaft eingebracht. Dieses Mal sollte es nun klappen. Hofften die beiden Jugendlichen doch, an Weihnachten werde die Aufmerksamkeit der Grenzsoldaten vielleicht nicht ganz so hoch sein. Und tatsächlich schafften sie es, alle inneren Sperren zu überwinden und unentdeckt bis an den letzten, den Metallzaun, zu gelangen. Dann aber ging alles schief. Die Selbstschussanlage wurde ausgelöst und Fey von 15 Geschossen in die Beine getroffen. Amerikanische Soldaten, die den Vorfall hilflos beobachteten, meldeten damals, DDR-Grenzer hätten geraume Zeit nach der Detonation eine „offensichtlich leblose Gestalt“ abtransportiert. Das in der Folge auf westlicher Seite errichtete Birkenkreuz enthielt keinen Namen. Wie sollte es denn auch? Man wusste ja auch keinen. Bernhard Fey hatte jedoch – geh- und leicht sprachbehindert zwar – überlebt. Eines Tages (Deutschland war inzwischen wiedervereinigt) las er in der Zeitung von einer Gedenkfeier am „Point Alpha“ für einen jungen Mann, der dort an Weihnachten 1975 beim Fluchtversuch ums Leben gekommen sei. „Zunächst“, erzählt er, „glaubte ich an einen zeitlichen Zufall und bedauerte den armen Kerl, der sein Leben lassen musste, während ich nur schwer verletzt worden war“. Doch als man, bei einem Besuch am „Point“ immer mehr die Daten abglich, blieb kein Zweifel mehr: „Ich sagte meinen Gesprächspartnern – der Tote von dem Birkenkreuz, das bin ich“.

Benhard Fey wird immer wieder von der Gedenkstätte „Point Alpha“ zu Lesungen herangezogen, zu Diskussionen über die DDR und deren Grenzregime oder auch nur, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Seiner Bitte folgend, ließ man das Birkenkreuz stehen. Zum Gedenken an alle Opfer von Stacheldraht und Mauer.

Gisbert Kuhn

 

Infokästchen
„Die Gedenkstätte Point Alpha. Haus auf der Grenze“ ist geöffnet:
April bis Oktober tägl. 9 – 18 Uhr
November und März tägl. 10 – 17 Uhr
Dezember bis Februar Di. bis So. 10 – 16,30 Uhr
Zentrale:
Platz der deutschen Einheit
36419 Geisa
Tel: 06651 919030
e-mail: service@pointalpha.com
www.pointalpha.com
Der Weg z. B. über die Autobahn ist gut ausgeschildert auf der A7 zwischen Fulda und Hünfeld sowie auf den Bundes- und Landstraßen von Hünfeld aus Auch auf der thüringischen Seite sind Hinweisschilder angebracht, allerdings nicht so deutlich.

 

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    Der Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze teilte auch die Rhön. Zwischen Fulda und Eisenach steht heute ein einzigartiges Kunstwerk und Mahnmal: der aus Eisen geschmiedete "Weg der Hoffnung". Symbol der Teilung und Wiedervereinigung. 1,5 Kilometer Erinnerung an einen Hot Spot der "Kalten Krieges". Ein Rundgang.
    Tags: point, hoffnung, barnickel, width, id="attachment, caption, nur, so, weg, alpha




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