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Links und rechts der Autobahn

 Seligenstadt – Perle am Main

Autobahn A 3, südliche Richtung. Der Frankfurter Flughafen Rhein-Main ist passiert, das Frankfurter Kreuz überquert. Sollte die Fahrt nach Aschaffenburg, über den Spessart, an Würzburg vorbei wider Erwarten etwa reibungslos von statten gehen? Natürlich nicht. Schon kommt im Autoradio die längst befürchtete Durchsage: „Vorsicht auf der A 3. In Höhe des Seligenstädter Dreiecks 4 Kilometer Stau wegen eines Unfalls“. Die Reaktion der Reisenden schwankt zwischen Ärger und Resignation: „Wieder einmal Seligenstadt…“

Nur ein paar Kilometer entfernt

Farbenprächtige Fachwerkhäuser am Marktplatz ©stadtseligenstadt

Keine Frage, der Name Seligenstadt ist, zumindest bei Automobilisten, nicht sonderlich positiv besetzt. Nun ist aber ja nicht jeder, der ungeduldig in der Blechlawine steckt, dringenden Terminen verpflichtet. Würde er sich also stattdessen entschließen, die Betonpiste zu verlassen und nur ein paar Kilometer abseits zu fahren, täte er damit mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur seinen strapazierten Nerven einen Gefallen, sondern erlebte auch noch einen Zugewinn an Lebensqualität in Form von kultur-historischem Wissen, architektonischer Schönheit und liebenswürdiger Urbanität.

Das südhessische, direkt am Main gelegene, 20 000 Seelen-Städtchen als „Kleinod“ zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Am jenseitigen Ufer, mit einer Fähre zu erreichen, liegt Bayern. Farbenprächtige Fachwerkhäuser vor allem um den Marktplatz, kleine Gassen und malerische Winkel machen einen Bummel durch den über 1900 Jahre alten Ort zum Vergnügen. Und den Besuch des einstigen Benediktinerklosters mit seinem (in Fachreisen) berühmten Kräutergarten, in Sonderheit jedoch mit der eindrucksvollen Einhard-Basilika, zu einem absoluten Höhepunkt.

Ansiedlung aus der Wallonie

Blick in das Häuserviertel Klaa Frankreich ©Mathias Neubauer

Bevor der Besucher freilich diesen Bereich betritt, sollte er sich Zeit für die idyllische Innenstadt nehmen. Seligenstadt besitzt eine Fülle von historischen Gebäuden und liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern aus dem 17. Und 18. Jahrhundert, die größtenteils unter Denkmalschutz stehen. Deshalb ist die Stadt auch Teil einer der neun Routen (Route „Rhein-Main-Odenwald“) der Deutschen Fachwerkstraße. Eines dieser Häuserviertel liegt in der Rosengasse und heißt „Klaa-Frankreich“. Zum Verständnis: „Klaa“ ist südhessischer Dialekt und bedeutet „Klein“. Mit dem Namen hat es natürlich eine historische Bewandtnis: Nach dem 30-jährigen Krieg siedelte der Abt des Seligenstädter Klosters, Leonhard Colchon, Menschen aus seiner wallonischen Heimat hier an, nachdem die lokale Bevölkerung durch Kampfhandlungen, Hungersnot und Pest dezimiert war. Auf diese frankophone Besiedlung weisen noch heute Namen wie Assion, Oger, Bonifer oder Massoth hin.

Orte wie diese wecken die Fantasie. Mit einem bisschen Vorstellungskraft kann ein Streifzug durch Seligenstadt für den Besucher deshalb auch leicht zu einem Streifzug durch die Geschichte werden – mit Begegnungen mit römischen Legionären, germanischen Alemannen, mit Karolingern (Karl der Große) und Staufern (Friedrich Barbarossa), mit kurmainzischen Geleittruppen, wohlhabenden Kaufleuten, bodenständigen Handwerkern und gelehrten Mönchen. Und, wie immer – wenn man in die Geschichte eintaucht – liegen auch in Seligenstadt Sage und Wahrheit dicht beieinander. Und überlassen es jedem selbst, sich für eine Version zu entscheiden.

Die wieder gefundene Tochter

Blick auf das Einhardhaus ©Rudolf Stricker

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Ortsnamen. Der (wahrscheinlich korrekten) wissenschaftlichen Forschung zufolge spielte sich das so ab: Als sich, nach den Anstürmen der Germanen, die Römer um 260 n. Chr. aus ihrem Kastell zurückzogen, siedelten zunächst die Alemannen dort an. Später, im Jahr 815, wurde die Siedlung erstmals urkundlich erwähnt und hieß zur Zeit der Karolinger „Obermühlheim“.  Etwa 200 Jahre danach erfolgte der Namenswechsel. So weit, so historisch nüchtern. Wie viel schöner, menschlicher, romantischer, ist doch dagegen diese Legende! Ihr zufolge war Einhard, der engste Berater und Biograf Karls des Großen, mit dessen Tochter Emma durchgebrannt und hatte sich in „Obermulinheim“ (dem oben erwähnten „Obermühlheim“) niedergelassen. Eines Tages zog der Kaiser durch eben diese Ansiedlung und betrat das Gasthaus, in dem Emma mittlerweile arbeitete. Sie servierte ihm Pfannkuchen, und der Vater erkannte deren unvergleichlichen Geschmack. Daraufhin rief er – beglückt – aus: „Selig sei die Stadt genannt, da ich meine Tochter Emma wiederfand“.  Wahr oder erfunden, auf jeden Fall aber das Herz erwärmend – und als Ausspruch auch heute noch am Erker des so genannten „Einhardhauses“ in Seligenstadt zu finden.

Die Einhard-Basilika und Klostergarten ©Stadt Seligenstadt

Tatsache ist auf jeden Fall, dass Einhard für die Stadt eine ganz wesentliche, wenn nicht gar entscheidende Rolle spielte. Der aus einer ostfränkischen, adeligen Familie stammende und zunächst im Kloster Fulda erzogene Mann zählte bald zum engsten Kreis um Karl den Großen. Und zwar nicht nur als Berater und Biograf, sondern auch als technischer Gestalter. So soll er zum Beispiel den Bau der Brücke zu Mainz, die Errichtung der Pfalzen in Ingelheim und Aachen sowie der dortigen Pfalzkapelle geleitet haben. Als Botschafter des Kaisers wurde er 806 nach Rom entsandt, wo er u. a. die Gebeine der Heiligen Marcellinus und Petrus Martyr (wie es hieß) „sicherstellte“. Im Klartext: Einhard klaute die Reliquien und ließ sie auf abenteuerlichen Wegen in den Odenwald bringen, wo er zunächst in der Nähe des heutigen Michelstadt eine Basilika errichtet hatte. Ob ihm diese Behausung zu klein oder als Ruhestätte für Heilige nicht ausreichend erschien, oder aber das Leben im Odenwald ganz einfach zu langweilig war – jedenfalls verließ er (angeblich auf ausdrücklichen Wunsch der beiden gestohlenen Heiligen) 828 die Einöde und zog in den etwa 60 Kilometer entfernt gelegenen Flecken am Main, wo auf sein Geheiß inzwischen eine sehr viel größere Kirche entstanden war. Aus ihr entwickelte sich im Laufe der Zeit das 1803 aufgelöste, baulich jedoch unverändert bestehende Benediktinerkloster.

Seligenstädter Geleit

Das “Seligstädter Geleit” ©Heimatbund Seligenstadt e.V.

Inzwischen hat sich wahrscheinlich am „Dreieck“ der Stau wieder aufgelöst und die Hoffnung begründet, dass die weitere Reise ohne Störungen erfolgen kann. Das ist für den Automobilisten, einerseits, zwar erfreulich, andererseits aber auch ein bisschen schade. Denn so wird, möglicherweise, die Geschichte vom „Seligenstädter Geleit“ verpasst. Und dahinter steckt immerhin ein in Deutschland unverändert erhaltener, einmaliger Brauch aus dem Mittelalter. Damals zogen Kaufleute mit ihren Fuhrwerken aus allen Himmelsrichtungen zur Frankfurter Messe. Also reisten auch aus Augsburg und Nürnberg welche über den Spessart an. Der Weg war gefährlich. Auch damals gab es schon Spessart-Räuber, die von den reichen Kaufleuten angelockt wurden.  Deshalb stellte der Stauferkaiser Friedrich II. die Kaufleute mit einem Geleitbrief unter kaiserlichen Schutz. In der Nähe von Seligenstadt wurde die Geleittruppe gewechselt – Kurmainzer Soldaten übergaben an Frankfurter Bewaffnete. Aus dieser Zeit stammt der „Hänselbrauch“ unter den Kaufleuten. Neulinge mussten den, einen Liter Wein fassenden, Geleitlöffel mit einem Zug restlos austrinken, um in die Kaufmannsgilde aufgenommen zu werden. Dieser Brauch ist heute noch in Seligenstadt Höhepunkt des alle Jahre stattfindenden Geleitfests.

Gisbert Kuhn

Auskünfte, z. B. über diverse Stadtführungen:

Tourist-Info

Einhardhaus

Aschaffenburger Straße 1

63500 Seligenstadt

Tel: 06182 87-177

e-mail: touristinfo@seligenstadt.de




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