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Jogging-Point

Im Rentenalter – das Goggomobil

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Der „Goggo“! Allein schon wenn dieser Name fällt, bekommen nicht wenige Menschen hierzulande feuchte Augen. Zumindest sofern sie bereits einer etwas fortgeschrittenen Altersklasse angehören. Und dann klingt es nicht selten so: „Mensch, weißt Du noch damals? Als wir – wie hieß der Berg nochmal? Du weißt schon, dieser steile… – also als wir vollgepackt auf halber Höhe stehen blieben, weil der Motor es nicht schaffte und einer schieben musste“. Erinnerungen werden wach an die Jugend, die erste Reise nach Italien im eigenen Auto, an die Träume von Glück, Frieden und Wohlstand. Alles verbunden eben mit dem einen Namen – Goggo.

Der Floh mit Auspuff

In Wirklichkeit hieß er ja „Goggomobil“ und war ein winziges Auto. Jetzt, in der zweiten Hälfte Januar 2015 wäre die Marke 60 Jahre alt geworden, also ins frühe Rentenalter gekommen. Am 19. Januar 1955 nämlich verließ das erste Exemplar im niederbayerischen Dingolfing die Werkshallen der Firma Glas. Ein Gefährt, 1,30 m hoch, 1,28 m breit, 2,90 m lang, mit zwei Türen und einer winzigen Kindersitzbank hinten, 250 Kubikzentimeter, 13,6 PS, Verbrauch 4,5 – 5 Liter. Preis: Knapp 3000 D-Mark und damit 1000 D-Mark teurer als ein etwa gleich starkes Motorrad, aber wiederum 1000 D-Mark billiger als damals der VW „Standard“. Anfangs durfte es sogar noch nur mit Motorrad-Führerschein gefahren werden. Schnell hatte der rollende Zwerg seinen Spitznamen weg – „Floh mit Auspuff“.
Bis dahin war das aus einer Landwirtschaftsmaschinen-Fabrik hervorgegangene niederbayerische Unternehmen mit der Produktion von Motorrollern recht erfolgreich. Zwischen 1951 und 1954 wurden immerhin etwa 47 000 Stück verkauft, wobei als Werbeträger sogar die WM-„Helden von Bern“ eingespannt wurden. Jeder aus dem Kreis der „Herberger-Buben“ bekam nach dem 3:2-Sieg 1954 über Ungarn nämlich einen Roller geschenkt. Der Name Goggo war übrigens schon davor gefunden worden; das Kindermädchen der Glas-Familie hatte ihn als Kosenamen für den jüngsten Enkel des Seniorchefs Hans Glas benutzt.

Motorrad mit Gewand

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Hans Glas am Steuer eines Goggomobile (1955)

Für den Alt-Chef und seine beiden Söhne Hans und Andreas war freilich recht früh erkennbar, dass schon in der ersten Hälfte der 50-er Jahre die Zeit der motorisierten Zweiräder in Westdeutschland zu Ende ging und die Menschen auch im Straßenverkehr lieber ein Dach über dem Kopf hatten. Ob allerdings die Story so stimmt oder nicht, jedenfalls hat man sie sich in Dingolfing lange erzählt: Auf der Heimfahrt vom Münchener Oktoberfest sei der alte Glas in einen Sturzregen gekommen und habe die vielen Motorradfahrer gesehen, die unter den Brücken Schutz gesucht hätten. Da sei ihm wie ein Blitz die Idee in den Kopf geschossen, ein Kleinstauto zu bauen. Einen mit Benzinmotor angetriebenen Wagen im Mini-Format, ein Motorrad mit Gewand.
Das Goggomobil wurde ein Riesenerfolg. Und das, obwohl (oder vielleicht gerade weil) es ohne jeden Komfort und mit simpelster Technik ausgestattet war. Um den Zweitakter in Gang zu setzen, musste erst einmal der Benzinhahn hinter der Rückbank auf der so genannten Hutablage aufgeschraubt werden. Von dort floss nämlich der Sprit (unter Verzicht auf eine Benzinpumpe) direkt in den darunter befindlichen Vergaser. Lizenzen für das Gefährt wurden nach Spanien, in die USA und sogar nach Australien verkauft. Im Verlauf der Jahre wurde das Autolein motormäßig auf 400 ccm und 20 PS aufgepäppelt und auf Wunsch zu einem schnittigen Coupé, ja sogar zu einem Cabrio aufgehübscht. Von Januar 1955 bis Dezember 1969 wurden über 280 000 Goggomobile an den Mann, bzw. an die Frau gebracht.

Der Trend zum Größeren

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Glas GT 1700 Cabrio

Doch Ende der 60-er Jahre ging die Zeit der Kleinstwagen zu Ende. Das Wirtschaftswunder war fast noch voll im Gange, der allgemeine Wohlstand gestiegen. Und die Deutschen schielten immer mehr zur automobilen Mittelklasse. Auch das Familienunternehmen Glas musste dem Trend folgen. Mancheiner wird sich noch an die Marke „Isar“ mit 1200 und 1500 ccm erinnern. Dann versuchte man sich auf dem sportlichen Sektor. Höhepunkt war das traumhaft schöne Glas GT 1700 Cabrio. Sogar an einen Luxuswagen mit V8-Motor (Spottname Glaserati) wagten sich die niederbayerischen Autobauer. Aber um auf diesem Sektor mithalten zu können, war Glas viel zu klein und finanziell überfordert. Die Banken gaben keine Kredite mehr, und die bayerische Staatsregierung knüpfte eine 50-Millionen-Mark-Spritze an die Bedingung, dass die Glas-Automobilwerke mit BMW fusioniert würden.
Das geschah am 10. November 1966. Zunächst wurden in Dingolfing die „eigenen“ Produkte noch weitergebaut, dann aber mehr und mehr mit BMW-Technik ausgestattet und schließlich auch mit der weiß-blauen Raute „geschmückt“. Heute ist das Goggomobil längst Geschichte. Für viele Menschen – und keineswegs nur in Deutschland – ist der kleine Benzinfloh freilich auch Kult. Fast überall in Europa existieren Goggo-Klubs mit jährlichen Treffen und fröhlichen Festen – so, wie es sich für den fröhlichen Auto-Knirps auch gehört.

Gisbert Kuhn


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