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Jogging-Point

„Ich war ein Vagabund auf Zeit“

Das Dreierteam startet ins Abenteuer

Bernd Mäueler ist zurück, ist wieder daheim in Bonn. Mehr als fünf Monate, genau 151 Tage, war er unterwegs durch Belgien und Frankreich. Davon 101 Tage auf der Straße. Nicht im Auto. Nicht mit dem Motorrad. Nicht mit dem Fahrrad. Auch nicht zu Fuß. Und zumeist auch nicht auf bequemen Wegen. Sondern oft genug über holprige Waldschneisen mit matschigem Untergrund und tiefen Gräben. Freilich war der 64-Jährige, im Frühjahr pensionierte, Landwirtschaftslehrer nicht allein auf der Walz, sondern in einem Dreier-Team. Zusammen nämlich mit Melody und Fiona – die eine 11, die andere 9 Jahre alt. Wie bitte? Mit zwei Kindern? Nein, natürlich nicht. Melody (eine in sich ruhende Rappen-Dame) und Fiona (ein Tigerscheck-Schimmel) sind zwei putzmuntere Pferdemädels aus der gutmütigen österreichischen Norika-Kaltblutrasse. Lieb, aber stark und ausdauernd. Das mussten sie auch sein. Denn sie zogen die ganze Zeit, durch dick und dünn, Mäuelers Privathotel auf Rädern. Insgesamt mehr als 2 500 Kilometer weit. Einen speziell für ihn in Handarbeit gefertigten Planwagen aus hellem Holz, Luft bereift und Luft gefedert, mit stählernen Speichenrädern, Scheibenbremsen und Blinklichtern. Rund eine Tonne schwer, aber dennoch leicht zu bewegen – eine Mischung aus Zigeuner-Romantik und mobiler Hochtechnologie.

Mit Noriker-Stuten über Eifel und Belgien nach Frankreich

Als Mäueler an einem Tag im Mai 2012 sein Gespann von der Koppel am Bonner Stadtrand  nach Westen in Richtung Eifel lenkt, markiert dieser Moment Abschluss und Beginn zugleich. Denn dem Start ins Abenteuer vorangegangen waren lange und intensive Vorbereitungen –  gleichermaßen mental wie auch praktisch. Der promovierte Agrarexperte wollte den Übergang vom Erwerbs- ins Pensionärsleben „nicht einfach geschehen lassen“, sondern ihn aktiv gestalten. Einerseits, um den Wechsel innerlich abzufedern. Auf der anderen Seite aber auch, um nach den Jahren der beruflichen Hektik „auf der Monate langen Reise in gemächlichem Tempo und ganz allein eine Art Entschleunigung bei mir zu erreichen“. Zudem sollte mit dieser Fahrt ein alter Traum von ihm in Erfüllung gehen. Zehn Jahre vorher hatte Bernd Mäueler schon eine ähnliche Tour gemacht. Als Schnupperkurs gleichsam. Einspännig seinerzeit und mit zwei Wochen Dauer natürlich viel kürzer als jetzt. Auch damals ging es nach Frankreich. Ebenfalls in den Norden, in die Picardie. Und nun das große Wagnis. 2010 – also vor über zwei Jahren bereits – kaufte er die beiden Noriker-Stuten. „Damit wir uns schön aneinander gewöhnen können“. Im März 2012 war dann auch der in hellbraunem Holz glänzende und mit einer weißen Plane bedeckte Wagen fertig.

Schwäbischer Kutschenbauer erfüllt alle Wünsche

Luftfederung gegen störende Unebenheiten

Ein wirklich feines Vehikel, das der schwäbische Kutschenbauer Josef Schmid aus dem zwölf  Kilometer nördlich des Bodensees gelegenen Herdwangen auf die Straße gezaubert hat. Wobei das Standard-Modell aufgrund spezieller Wünsche Mäuelers freilich eine ganze Reihe Veränderungen über sich ergehen lassen musste. Der Kutschersitz, vorn rechts auf dem Bock, körpergerecht angepasst. Die vier Räder Luft bereift mit einzeln eingeschweißten, rot lackierten Stahlspeichen. Die vier Scheibenbremsen sorgen auch bei starkem Gefälle für Sicherheit. Und die in Gummibalgen geformte (ebenfalls vierfache) Luftfederung schluckt mühelos selbst grobe Unebenheiten auf  Feldwegen und schlaglöchrigen Landstraßen. Geradezu verblüffend ist, wie viel Stauraum die diversen Kästen unter dem Bock, an den Seiten und innerhalb des insgesamt ja nur etwa vier Quadratmeter umfassenden „Wohnraums“ des Trecking-Wagens bieten. Eine 12-Volt-Batterie speist Blinker und Warnleuchten vorn und hinten sowie im Wageninnern die Anschlüsse für etwaige Elektrogeräte wie Mobiltelefon, Navigationshilfen oder Laptop. Die Kochplatten betreibt Mäueler aus der Gasflasche.

Umfassende Planung und Vorbereitung sind unabdingbar. Das Abstecken einer voraussichtlichen Route, zum Beispiel. Über die Eifel und durch die belgisch-französischen Ardennen soll es zunächst gehen. Dann nach Norden bis in die Normandie, schließlich nach Süden, anschließend östlich durch Burgund und Lothringen, um endlich im Pfälzerwald  wieder auf deutschem Boden zu traben. Das ist alles berechenbar, sogar (wenn es denn funktionieren sollte) auch navigationstechnisch zu programmieren. Doch das wirkliche Abenteuer des Unternehmens „Allein im Planwagen durch Frankreich“ liegt im  Unbekannten. Wie würden wohl die Menschen im Nachbarland auf diesen seltsamen Kerl aus Allemagne reagieren? Neugierig und freundlich, oder vielleicht abweisend und allenfalls desinteressiert?  Werden die Bauern, wie Bernd Mäueler hofft (ja, eigentlich erwartet), seinen Pferden am Abend eine Wiese öffnen und ihm einen Standplatz für den Wohnwagen geben? Was ist mit den Strapazen für die Tiere, treten möglicherweise Krankheiten bei den Vierbeinern und dem Zweibeiner auf? Und an wen wendet man sich dann?

Mäueler, Melody und Fiona, das verlässliche Dreierteam

Millimeterarbeit: DerTunnel gibt das Gespann frei

Wenn Mäueler von seinen Erfahrungen während der fünfmonatigen Tour zu erzählen beginnt, bekommt er glänzende Augen. „Drei Punkte“, sagt er, „drängen  sich mir geradezu auf: Erstens, ich bin stolz auf meine Pferde. Zweitens, soviel Hilfe und Gastfreundschaft habe ich nie erwartet. Drittens, ich bin froh, das Wagnis unternommen zu haben und würde es jederzeit wieder tun. Ich war ein Vagabund auf  Zeit“. Die Pferde: Keinerlei Krankheit in diesem beinahe halben Jahr; 2 500 Kilometer in unterschiedlichstem Gelände und nicht mal eine Verletzung. Mäueler: „Wir sind in dieser Zeit zu einem richtigen Dreier-Team zusammengewachsen; das Vertrauen war gegenseitig“. Absolut ruhig und sicher hätten sich die Tiere sogar im dichten Stadtverkehr bewegt und selbst draußen auf den Straßen keine Angst vor 40-Tonnern oder den Sirenen von Rettungswagen gezeigt. Das Durchqueren von Flüssen, das Passieren von Gitterrosten – alles kein Problem. „Und wie Melody und Fiona, selbst im Morast stehend, den Wagen aus einem Graben gezogen haben… Das hätten Sie mal erleben müssen“. Da wuchs ganz offensichtlich zusammen, was wohl sowieso zusammen gehörte. Und dann die Kondition. Je länger sich die Reise hinzog, desto schlanker wurden die beiden Noriker-Stuten. Aber desto freudiger trabten sie auch durch die französische Provinz. Muskeln halt, statt Fett. Wobei die Tagesleistungen ganz unterschiedlich waren. Mal 7, dann wieder 45 Kilometer.

Blick vom Kutschbock: Landschaften fürs Gemüt

Blick vom Kutschbock: Landschaften fürs Gemüt

Die Menschen: Obwohl seit seiner Rückkehr nach Deutschland schon eine Reihe von Wochen vergangen sind, kommt Bernd Mäueler bei der Erinnerung an seine Begegnungen und an die Gastfreundschaft noch immer ins Schwärmen. „Und das Schönste ist, ich habe gelernt – vor allem gelernt, zu akzeptieren -, dass diese Gastfreundschaft absolut selbstlos war. Einfach entsprungen der Sympathie, vielleicht auch einer gewissen Neugier, auf jeden Fall aber einem natürlichen Interesse an anderen Menschen und gegründet auf einer über Generationen weiter gegebenen Hilfsbereitschaft“. Das zu erleben, gesteht der Zivilisations-Flüchtling vom Rhein, „hat mich zunächst verlegen gemacht, dann beschämt und am Ende mit tiefer Dankbarkeit erfüllt“. Bei diesen Erzählungen greift der Planwagen-Tourer gern nach einem mitgebrachten Foto,  das eine liebliche, von der Sonne durchflutete Landschaft unter blauem Himmel und freundlichen Wolken zeigt. So ungefähr könne man sich seinen Gemütszustand vorstellen. Und  negative Erfahrungen? „Keine“, antwortet Mäueler nach kurzem Nachdenken. Gut, da war einmal dieser Schäfer bei Perche in der Normandie, der ihn partout nicht auf die Weide ließ. Aber schon wenige Kilometer weiter stand ein Milchbauer winkend am Hoftor und lud den Deutschen zum Verweilen, sowie zu Abendbrot und langen Gesprächen ein.

Niederländer hilft dem Deutschen in der belgischen Einöde

Und dann ging nichts mehr...

Und dann ging nichts mehr…

Angst hat Bernd Mäueler, nach eigenem Bekunden, während all dieser Monate „eigentlich kein einziges Mal verspürt“. Auch langweilig sei ihm nie gewesen, selbst wenn das Gespann mitunter stundenlang über einsame Waldwege dahin gezuckelt sei. Sorgen – ja gewiss. Und manchmal sogar nicht zu knapp. Etwa, wenn sich eine Straßenunterführung als zu niedrig erwies, oder der auf der Karte ausgewiesene Fahrweg irgendwo an einem Ackerrand endete. Oder, mehr noch, als in den belgischen Ardennen, unweit der Grenze zu Frankreich, in einem Hohlweg weitab der nächsten menschlichen Ansiedlung plötzlich ein umgestürzer Baum die Weiterfahrt versperrte. Das war der Beginn einer Kette ähnlicher Vorfälle, über deren Ausgang der Bonner Teilzeit-Vagabund noch heute verwundert den Kopf schüttelt: „Irgendwie fand jede scheinbare Katastrophe auf wundersame Weise doch ein glückliches Ende“. So wie hier. Mäueler band die Pferde an, machte sich auf die Suche nach einer Straße und fand nicht nur eine solche, sondern auch noch einen niederländischen Autofahrer, der den total verdreckten Deutschen in das Grenzdörfchen Linchamps mitnahm und beim alten Jacky Lebeau ablud. Dieser, wiederum, war nicht nur ein ehemalier Polizist und netter Kerl, sondern besaß darüber hinaus  ein Auto und eine Motorsäge. Damit machte man sich auf den Weg zurück zu dem umgestürzten Baum, zersägte diesen, und das Trio Mäueler, Melody und Fiona konnte seinen Weg fortsetzen. Wohin? Naürlich bis Linchamps, wo Jacky bereits einen schönen Platz an einem glasklaren Bach zum Übernachten reserviert hatte. Einladung zum Frühstück am nächsten Morgen – logisch. „Ist doch klar“, sagt der Deutsche, „dass ich Linchamps und Jacky Lebeau nie vergessen werde“.

Rettende Hilfe in der Normandie:

Rettende Hilfe in der Normandie: Thierry ist  Kutscher,  aber auch Allessammler

Mäueler hat sich nach seiner Rückkehr bei all seinen neu gewonnenen Freunden und Helfern schriftlich bedankt und  (wenn sie Kinder hatten) eine typisch bönnsche Beigabe hinzugefügt – Haribo-Gummibärchen. So auch an Frédéric und Karine Andry van-Gysel und deren Familie in dem 800-Seelen-Örtchen Bourg–Fidèle nördlich von Sedan in den französischen Ardennen.  Sie hatten dem Kutscher und den Pferden sofort ihre Wiese geöffnet und ihn, wie selbstverständlich, zu Abendessen und Frühstück eingeladen. Als nun die Dankespost aus Deutschland mit den Süßigkeiten für die Kinder Maxence und Nolande kam, war die Freude so groß, dass man den Brief der dortigen Regionalzeitung „L´Ardennais“ schickte, die ihrerseits daraus eine schöne Story machte. Oder da ist die Geschichte mit Thierry aus dem 332-Einwohner-Örtchen Heurteauville im Norden der Normandie, sozusagen dem geografischen Wendepunkt der Planwagentour. Thierry liebt wahrscheinlich eine Menge Dinge. Vor allem aber mag er selber Kutschfahren und das Sammeln von so ziemlich Allem, was irgendwo rum liegt. Offensichtlich hatte sich das Nahen des seltsamen Reisenden in Heurteauville bereits herumgesprochen. Jedenfalls fuhr Thierry dem Gespann entgegen, sprang auf den Bock und fuhr stolz mit bis in den Ort. Und dann bastelte er auch noch Fußfesseln für  Melody und Fiona.

Pflege von der alten Dame in Marby

Samariterin Evelyn und ihr Patient

Samariterin Evelyn und ihr Patient

Unvergesslich bleibt dem Bonner aber wohl vor allem das Erlebnis mit Evelyn Charbon. 78 Jahre ist die alleinstehende Bäuerin schon alt und hat ein schweres Leben hinter sich in dem nordwestfranzösischen 70-Einwohnernest Marby. Doch durch nichts und niemanden lässt sie sich davon abbringen, Bernd Mäueler zu pflegen, als dieser (anfänglicher Stress, Aufregung, Regen und kaltes Wetter, oder alles zusammen?) unterwegs von einer äußerst schmerzhaften Nervenverspannung und/oder -entzündung befallen wird. Eine ganze Woche lang. Mit strengen Verhaltensregen und einfachen, aber vielleicht gerade deshalb besonders wirksamen Mitteln. „Vielleicht sind es Erfahrungen wie diese, dass ich heute mehr Gelassenheit verspüre sowie ein deutlich anderes Verhältnis zu Zeit und Raum habe, zu Muße und Eile, zu mir selbst und zu anderen Menschen“, fasst Mäueler seine Überlegungen zusammen. Wann habe schon jemand eine solche Gelegenheit, einfach in sich zu gehen und nachzudenken? Die Gasflasche für die Bordküche müsste übrigens ziemlich voll geblieben sein. Höchstens fünf bis sechs Mal, glaubt der Planwagen-Reisende, habe er sich in diesen mehr als fünf Monaten selbst etwas zu essen bereiten müssen. Der „Rest“ waren Einladungen. Dennoch war er bei seiner Rückkehr sechs Kilo leichter als beim Start. Das Leben als Vagabund auf Zeit sei halt Kräfte zehrend…

2013 will Bernd Mäueler wieder mit Melody und Fiona auf Fahrt gehen. Allerdings nicht mehr auf  eine so lange. Vielmehr soll sie von Magdeburg aus durch die Uckermark führen. Dann stehen auch nicht mehr Abenteuer im Vordergrund, sondern deutsche Geschichte und Kultur. Mit an Bord: Ein Fahrrad für kurze Ausflüge und Besichtigungen.

Gisbert Kuhn

Hier geht es zur Fotostrecke von Bernd Mäueler

Info

Zur Person

Bernd Mäueler

Geboren 1948 im Sauerland. Studium der Agrarwissenschaften in Kiel und Bonn, anschließend wissenschaftliche Tätigkeit und Promotion. Unter anderem Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer NRW. Bis zur Pensionierung 2012 langjähriger Leiter des Landesinstituts für Landwirtschaftspädagogik in Bonn. Außer dem Anspannen von und Fahren mit Pferden schon immer stark interessiert an Ausdauersportarten wie Laufen, Rad- und Skifahren, aber auch am Chorgesang.

 

Route

Bonn – Eifel – südlich von St. Vith in die belgischen Ardennen – bei Linchamps nach Frankreich – St. Quentin – Amiens – Dieppe – Tours – nach Osten Richtung Dijon – dann nördlich durch Burgund – Lothringen – Vogesen – Pfälzerwald – Eifel – Bonn.

 

Zeit

Von Mai bis Oktober 2012

 

Planwagen:

Hergestellt von Sawa Kutschenbau

Josef Schmid, Dorfstraße 9, 88634 Herdwangen

www.sawa.de

 

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    Dr.Bernd Mäueler Abenteuerlust, Neugier auf Menschen in einem fremden Land oder möglicherweise auch auf sich selbst? Angst vor dem Fall in das berühmte „Loch“ nach dem Ende der beruflichen Erwerbszeit? Oder auch nur ein Jahrzehnte lang gehegter Traum?
    Tags: mäueler, dann, so, bernd, selbst, mehr, sondern, hat, zeit, war


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