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Himalayische Gelassenheit

Mit 76 über den Larki-Pass – Als Biologe zwischen Ästhetik und Detailwissen

Start in 1300 m vor Himalaya-Riesen: Rainer Keller mit dem Führer Tulo Kanchha.
Foto: R. Lausmann

Gereist ist er immer viel. Oft aus beruflichen Gründen. Rainer (76) ist Biologe. Bei vielen Auslandsaufenthalten stand seine berufliche Tätigkeit im Vordergrund. Seine Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Berlin, Ulm und Bonn waren Jahrzehnte seine Lebensmittelpunkte. Dann der Pensionsschnitt mit 65. Schlagartig war er ein emeritierter Professor. Nicht überraschend, aber gefühlt kam es dann doch sehr plötzlich – erschreckend plötzlich. Doch er hatte Glück. Denn der Übergang vom aktiven in das formal eher passive Berufsleben dehnte sich bis heute. Nach wie vor hält er einige Vorlesungen für Studenten der Molekularen Biomedizin. Und er freut sich weiter über die Zusammenarbeit mit jungen Menschen. Auch die Mitherausgeberschaft an einer wissenschaftlichen Zeitschrift hält ihn geistig fit. Körperlich leistungsfähig bleibt er durch Wandern und Rudern.

Und genau diese Fähigkeiten braucht der bescheidene und stets freundlich wirkende Akademiker für sein gegenwärtiges Leben. Aus seinem strukturierten, aber durchaus fordernden Alltagsleben bricht er immer wieder und vermeintlich plötzlich aus – zur Überraschung mancher Freunde. So sickerte kürzlich durch: Rainer ist im Himalaya und klettert gerade auf einen Fünftausender. „Wow“, entfuhr es so manchem, der gerade die 60 oder erst die 50 erreicht hat. Wenn Rainer aber erfährt, dass er mit seinen Unternehmungen Aufsehen bei anderen erzielt, ist ihm das eher peinlich. Schnell möchte er den Akzent des Besonderen, des Mutigen aus der Welt schaffen.

Deshalb war es für rantlos.de nicht leicht, ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Er sollte über sich und seine Erfahrungen mit der Pension und über seine außergewöhnlichen Reisen berichten. Dabei findet er sich und überhaupt das Ganze nicht interessant. So kamen wir also nicht weiter. Als Umweg bin ich mit ihm öfter auf dem Rhein gerudert – Vierer mit Steuermann. Uns taten danach die Knochen weh – ähnlich wie ihm nach langen Märschen im Hochgebirge. Jetzt formte sich die Brücke zu ihm. Immer im Rudertakt mit unseren beiden weiteren Bordkameraden diskutierten Rainer und ich – losgelöst vom sportlichen Rhythmus- im Sportboot über das Alter.

Mit der Freiheit etwas Gescheites anfangen

Der Weg ist das Ziel: Mühsame Strecken durch das Himalaya-Gebiet.
Foto: R. Lausmann

Tage später empfängt mich Rainer in seinem Haus mit reichlich Torte und einer großen Kanne Kaffee. Offensichtlich will er sich viel Zeit nehmen. Ich versuche das Gespräch gleich auf seine Himalaya-Tour zu bringen. Ihn beschäftigt aber noch zu stark die Sache mit dem Alter, der Übergang vom Berufs- in das Privatleben. In seinem neuen Leben findet er „es nicht so einfach, eine zufrieden stellende Lösung zu finden, die auch gewisse Ansprüche an einen selbst stellt.“

Typisch für ihn: er spricht bei der weiteren Vertiefung nicht mehr von sich selbst, sondern erzählt die Geschichte eines pensionierten österreichischen Staatsbeamten. Gelesen hat er das wenige Tage zuvor im Roman „Die Dämonen“ von Heimito von Doderer. Der Beamte redet darin über die enorme Freiheit, die einem plötzlich geschenkt wird. Und dass es schwierig ist, damit etwas Gescheites anzufangen. Er sagt: In seinem Beruf habe er eigentlich nie versagt, als Pensionär dagegen oft. Etwas tonlos hängt Rainer an: „Das finde ich eine sehr interessante Bemerkung. Denn“, so erinnert er sich, „die erste Zeit war schon schwierig. Wenn plötzlich Sekretärin und Mitarbeiter nicht mehr da sind.“ Jammern aber will er nicht darüber. Denn ihm ist klar, dass er als Professor große Privilegien genossen hat. Er konnte selbstbestimmt arbeiten. Stellte sich selbst aber am Schluss die Frage, ob er dieses Privileg ausreichend genutzt habe.

Ich versuche nochmal, die Kurve hinauf auf den Himalaya zu kriegen, erneut über das Rudern. „Es bedeutet mir sehr viel“, betont er nachdenklich. Er hat schon als Schüler in Berlin gerudert. Es gefällt ihm, „wie das Boot durch das Wasser gleitet und dass man es im Team voranbring. Und jedes Mal ist die Natur, ist der Fluss ein bisschen anders.“ Genau das reizt ihn auch bei seinen abenteuerlichen Unternehmungen: Die Gegensätze in den Bergen, die eindrucksstarken Bilder, die Ästhetik der Natur. Und dies mit dem kenntnisreichen Blick des Biologen. Rainer präzisiert einschränkend: „Ich bin aber kein Freilandbiologe, sondern ein reiner Laborbiologe gewesen.“

Dennoch interessiert er sich „für die Natur allgemein“ – ganz besonders beim Reisen. Und hier entdeckt er „als Fachmann einfach mehr. Denn man sieht vor allem das, was man weiß“. So hat er bei seinen Reisen in Afrika oder auch in Nepal immer wieder festgestellt, dass Mitreisende nur die Landschaften wahnähmen, die Details aber übersärecht guthen. Wenn Rainer ihnen vieles erklärt, dann „sind sie oft enorm interessiert, weil sie eine völlig neue Seite entdeckt haben.“

Eine Klima- und Zeitreise im Himalaya-Massiv

Annäherung an den Larkipass auf dem Moränenweg (4.900 m).
Foto: R. Lausmann

So war es auch jetzt wieder auf seinem Trek in die Flora und Fauna der artenreichen Gebirgswelt des Himalaya. Geschafft! Wir sind endlich auf dem Pfad in die andere Welt. Seine erste „phantastische Reise“ dorthin hat er 2010, also mit 74 Jahren, um den Annapurna (8.091 m) herum gemacht. „Es gibt ja so manche Dinge, zu denen man erst spät im Leben kommt“, bemerkt er beiläufig. Damals hatte er sich geschworen, das unbedingt nochmal zu machen. Ich bitte ihn, in einem Satz das Herausragende zu beschreiben. Er schwärmt spontan los: „Das kann man nicht in wenigen Worten darstellen. Nepal und der Himalaya bieten unglaublich viel. Die Natur, die Dimensionen…das sprengt alles, was wir so aus den Alpen gewöhnt sind. Aber auch die Menschen, die Kultur. Ein Land, in dem zwei Religionen ihre Spuren setzen – der Hinduismus und Buddhismus. Die entstandenen Tempel und Kunstwerke dieser beiden Religionen und eben die Menschen. Die vielen ethnischen Gruppen, die in verschiedenen Höhenregionen im Gebirge leben. Das staffelt sich bis in die höchsten Gebiete des Himalaya, die schon praktisch Tibet sind. Die Gegensätze der subtropischen und alpinen Regionen kommen hinzu. Das ist einfach eine Vielfalt von tiefgehenden Eindrücken.“ Besonders deutlich wird es durch seinen Hinweis, dass in dem kleinen Nepal (26 Millionen Einwohner) allein 720 Vogelarten leben. In Deutschland sind es nur 450. „Diese geografische Situation, die macht es eben aus“, ergänzt er. „Dazu kommen noch die kulturellen Unterschiede. Das ist schon unglaublich – von Tag zu Tag ein anderes Bild.“ Rainer beschreibt das als eine „Klima- und Zeitreise.“

Geschafft: Auf dem Larki-Pass, dem höchsten Punkt des Treks.
Foto: R. Lausmann

Diese Art zu touren strengt natürlich an, einen 76-Jährigen allemal. Für die notwendige Grundfitness sorgt, so sieht es Rainer, ganz besonders das regelmäßige Rudern. Wichtig ist aber auch, dass man „einigermaßen gesund ist.“ Somit konnte der Bonner Professor als Ältester bei den Märschen im Himalaya auch recht gut mit den anderen, jüngeren, Teilnehmern mithalten. Aber er gibt zu: „Auch weil ich mich immer für so Vieles interessiere, bin ich langsamer gewesen.“ Das aber ist in so einer Gruppe auch vorgesehen. Es gibt mehrere Führer. Die Langsamen bleiben – sozusagen geführt – hinten „und kommen dann eben etwas später an.“

Die elf anderen Teilnehmer waren alle Spezialisten – einige auch erfahrene Bergsteiger. Manche waren schon zum fünften Mal im Himalaya. „Da hatte ich manchmal schon etwas bängliche Gedanken, ob die Gruppe einen noch akzeptiert.“ Das Gegenteil trat ein, freut er sich noch heute: „Die waren enorm kameradschaftlich und haben mich dauernd ermutigt.“ Besonders wichtig war das für ihn, als es in diesen 18 Tagen mit fünf bis maximal elf Stunden langen Wanderungen pro Tag beispielsweise über den Larki-Pass mit 5.150 Metern ging: „Wir sind ganz eng zusammengegangen. Das war für mich eine schöne Erfahrung.“ Im Gegenzug hat sich dann ein Münchner Bergsteigerehepaar bei ihm bedankt, „wie bereichernd es für sie gewesen sei, sich unter Anleitung des Bonner Biologen mehr um Vögel und Pflanzen und andere Details zu kümmern.“ Das wiederum war auch für die Bergsteiger ein völlig neues Erlebnis. Eins wird in solchen Zusammenhängen allen Beteiligten immer wieder klar: Man muss sich einfach mehr Zeit, viel Zeit nehmen. Rainer meint: „Man kann eben nicht einfach nur durch das Gelände hasten.“

Pfeifhasen, Raubvögel und eine knallrote Blütenexplosion

Der Yak versorgt die Bergbewohner mit Milch, Wolle Fleisch und Dung.
Foto: R. Lausmann

Die Frage, was es denn dort an besonderen Tieren gäbe, beseitigt bei Rainer nun völlig die Anspannung, ständig von sich erzählen zu müssen. Jetzt wirkt er gelöst, kann endlich über sein Fachgebiet den einen oder anderen Eindruck vermitteln. „Man entdeckt hier den Pfeifhasen. Die sehen aus wie kleine graue Meerschweinchen. Die Murmeltiere dort sehen aus wie bei uns, sind aber hellbraun und haben einen langen Schwanz.“ Sehr schön gezeichnete Wildschafe sind die Blauschafe. Nicht zu vergessen den Yak, das Haustier der Bergbewohner.

Besonders im Frühling findet man hier ein reiches Vogelleben. Dazu die vielen Arten von Raubvögeln. „Diese enorme Biodiversität hat etwas mit der halbtropischen Situation zu tun“, klärt der Biologe auf. „Das macht das Ganze so abwechslungsreich.“ Denn, wer bergauf wandert, der durchläuft zunächst die subtropische Kulturlandschaft und üppige Laubwälder; dann folgen Nadelwälder mit Kiefern, verschiedene Fichten, Tannen und auch einem Lärchentyp. Schließlich werden die Büsche niedriger; überwiegend sieht man Berberitzen und Wildrosen, weiter oben vor allem Wachholder. Im Frühling erlebt man die berühmten Baumrhododendren, die bis zu 18 Meter hoch und über und über mit knallroten Blüten bedeckt sind. „Ein umwerfend phantastisches Bild“, findet Rainer.

Der Manaslu (8.163 m) am frühen Morgen vom Dorf Lho (3.180 m) aus gesehen.
Foto:R. Lausmann

Apropos Bilder. Die Kamera ist ihm kaputt gegangen. Dennoch konnte er einen Teil der Fotos mit heimbringen, die fehlenden Motive schickten ihm Mitwanderer. Dieser großzügige Austausch von Fotos – für Rainer ein weiteres Zeichen der nachhaltigen Kameradschaft. Dazu erlebt der auf angenehme Art jung gebliebene Pensionär nach vielen beruflichen und privaten Reisen das Fotografieren in einem neuen Spannungsfeld. Auf der einen Seite findet er es nicht schön, „wenn Touristen hinter der Kamera hängen und dabei wundervolle Momente verpassen“. Auf der anderen Seite wäre er heute froh, wenn er das eine oder andere Foto vom erlebnisreichen Trek hätte, das ihm viel bedeutet. Ebenso beschäftigt ihn, dass er mit zunehmendem Alter bei der Betrachtung der Natur eher ästhetische Aspekte in den Vordergrund rückt. Es ist nicht mehr so sehr die Sichtweise des experimentellen Wissenschaftlers.

Mehr Gelassenheit als Lohn der Nepal-Reise

Noch bis zum Start in dieses neue Abenteuer hatte Rainer regelrecht Angst davor, nochmals eine Reise in das gleiche Gebiet zu machen. Erlebt aber hat er glücklicherweise eine positive Steigerung. Und zwischenzeitlich könnte er sich sogar vorstellen, dass ein dritter Himalaya-Trek die zwei vorangegangenen noch toppen könnte. Aber gleichzeitig befürchtet er auch, dass er das wegen seines Alters nicht mehr schaffen kann. Solche zweifelnden Überlegungen aber geht er völlig entspannt an. Zur Hilfe kommt ihm dabei, was er von der Reise mit nach Hause gebracht hat: ein deutliches Stück mehr Gelassenheit. Denn dafür sind, davon ist Rainer überzeugt, “Asienreisen besonders gut. Ich will den banalen Alltagskram möglichst stark abschirmen.“

Neugierige Kindermönche im Kloster Ribung in Lho.
Foto: R. Lausmann

Rainer wird wieder sehr nachdenklich und nimmt bewusst und sehr langsam einen Schluck Kaffee. Sein Resümee: „Eine Reise kann ein Leben verändern. Wenn das nicht so ist, dann ist das keine richtige Reise gewesen.“ Er selbst relativiert Vieles in unserem Land stärker als vorher. Er sagt schon eher, in Erinnerung an das einfache und harte Leben der Bergbewohner: „Mensch Kinder, ihr habt Sorgen.“ Ihm ist klar: „Man hat nicht mehr endlos viel Zeit.“ Und die möchte er auf gar keinen Fall mit Alltagsbanalitäten vertrödeln: Eben nicht jeden Tag mit gleichem Ablauf verbringen. Eben selten sagen: Dazu bin ich zu alt. Sich immer wieder für die Gegenwart, auch für junge Menschen öffnen.

Schweigend genießen wir den letzten Happen von der cremigen Torte. Noch ein ordentlicher Schluck vom aufmunternden Kaffee. An der Türschwelle sagt mir der Biologieprofessor fast flüsternd ins Ohr: „Machen Sie bitte nicht so viel Aufhebens um mich.“ Ein tiefgründiges Lächeln begleitet seine Bitte. Freundlich winkend entlässt er mich in meinen Alltagstrubel.

Dieter Buchholtz




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