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Das “Jockele” – widerspenstig und geliebt

Mein erstes Auto war quasi ein Vehikel der SPD. Dieser war ich 1947 beigetreten. 1950 wurde ich vom damaligen SPD-Führer, Dr. Kurt Schumacher, in die Zentrale der Sozialdemokatischen Partei nach Hannover berufen, um dort als ausgebildeter Kommunalbeamter mitzuhelfen, die von den Nazis 1933 verbotene Kommunalzeitschrift der SPD wieder zu erwecken. Nach dem Umzug der SPD-Zentrale nach Bonn ein Jahr später, bekam ich den Job als Referent für Medienauswertung und verließ die Zeitung – wahrscheinlich existiert sie deshalb noch bis zum heutigen Tag.

Ein schwarzer “Horch” für den Chef

Horch 853

Der Horch 853 gehörte zu den schönsten klassischen Wagen seiner Zeit

Der von den Nazis ins KZ gesperrte Dr. Kurt Schumacher war bekanntlich Kriegsversehrter des 1. Weltkriegs und in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Das Dienstauto, welches er deshalb benutzen musste, war ein entsprechend geräumiger schwarzer – also kein roter – “Horch”. Wahrhaft majestätisch! Die Genossen – nicht nur in Bonn – staunten das Luxusvehikel an. Seit Juni 1951 residierte der SPD-Parteivorstand in der neu erbauten SPD-Zentrale, die dann über die Jahrzehnte der Bonner Hauptstadtjahre eine beachtliche Karriere als “SPD-Baracke” machte. Als Funktionär hatte man gelegentlich das Glück, vom “Horch”-Chauffeur mitgenommen zu werden. Ja, das war vielleicht ein Auto!

Im Mai 1954 erkor man mich zum Chefredakteur des – Horizonte aufreißenden – Zentralorgans der Jungsozialisten namens “Klarer Kurs”. Die Jusos waren damals noch integrierter Teil der SPD-Organisation und verfügten nicht über einen eigenen Vorsitzenden, sondern den Zentralsekretär, der im Auftrag der Partei den Laden zu bewerkstelligen hatte. Das war damals der Rosenheimer Werner Buchstaller (später Mitbegründer des Ringes Politischer Jugend (RPJ) und SPD-Bundestagsabgeordneter. Er klärte mich auf, dass “Klarer Kurs” die notwendigen Finanzen selbst zu erwirtschaften hätte: “Weißt Du, Karl, Du musst halt auch betteln gehen!” Im Fachjargon heißt so etwas Aquisition.

Das Kreuz mit dem Führerschein

Allerdings war auch bald klar, dass ich dafür landauf und landab in Bewegung sein müsste – neben meinem Job als Schreiberling und Chefedakteur. Dazu bedurfte es dringend eines “fahrbaren Untersatzes”, wie man seinerzeit sagte. Das Auto erwies sich als kleineres Problem in Bezug auf den Führerschein. In einer Fahrschule zu Bad Godesberg sollte ich für diesen vorbereitet werden. Meine technischen Kenntnisse von unbeweglichen und beweglichen Objekten aus Metall waren gleich Null. Mit anderen Worten: Ich tat mich schwer. Um mit diesem Thema nicht auszuufern, will ich lediglich bekennen, dass ich 27 oder 29 Mal die Fahrschule aufsuchte, um letztendlich halbwegs fahrtauglich zu sein. Meine Frau und meine beiden Töchter benötigten später dafür weit weniger als die Hälfte der Zeit…

Es war immer ein VW, mit dem ich es als Fahrschüler zu tun hatte. Bei Durchsicht meiner diesbezüglichen Dokumente entdeckte ich in meinem noch heute vorzeigelegitimen Führerschein die amtliche Eintragung der Erlaubnis, eine Kraftfahrzeugverbrennungsmaschine der Klasse 3 – 4 fahren zu dürfen. “Bonn, den 19. 2. 1954. Landkreis Bonn, der Oberkreisdirektor, Kraftverkehtsamt: Gilles”. Unter dieser Eintragung, wiederum, steht der Vermerk: “Landkreis Bonn. 29. 3. 1955. Nach bestandener Prüfung ausgehändigt. Der amtlich anerkannte Sachverständige für den Kraftfahrzeugverkehr”.

… vom Genossen Jockel Fuchs

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Champion 400 H

Da dies bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts im vorigen Jahrtausend passierte, kann ich mich an den kausalen Knackpunkt dieser verschiedenen Daten nicht mehr erinnern, Nur, dass ich in jener Zeit in der Wurzerstraße der noch nicht von Bonn eingemeindeten Stadt Bad Godesberg wohnhaft war. Jedenalls besaß ich den Führerschein, und der Tag X eines fahrbaren Untersatzes drohte. Im Frühling des Jahres 1955 war es soweit. Werner Buchstaller eröffnete mir, dass ich den Wagen vom Genossen Jockel Fuchs (damals Juso-Funktionär und Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitung “Freiheit” in Mainz, später langjähriger Oberbürgermeister dieser Fastnachts-Hochburg) übernehmen sollte.

Ein Gebrauchtwagen, also. Wie ich später erfuhr, hatte dieser landauf – landab in Rheinland-Pfalz den Kosenamen “Jockele”. Ich fuhr mit der Eisenbahn nach Mainz, und man zeigte mir dort freundlich und sachlich, wie Jockele zu bedienen sei. Natürlich war ich, wie stets, begriffstutzig und erkannte lediglich, dass es sich dabei um ein Cabriolet handelte. Ein kleines. Ein Champion 400 H. Jockel Fuchs klopfte mir auf die Schuler und meinte. “Karl, das schaffst Du schon.” Mit diesem Zuspruch ausgestattet, fuhr ich los zur Autobahn Richtung TaunusWesterwald. Meine Güte – ein weiter, schwieriger Weg bis zur Auffahrt.

Mit gebremstem Tempo

Auf der ersten, sehr belebten Kreuzung noch im Mainzer Stadtgebiet blieb mein Auto stehen. Lange. Nach etwa einer Stunde hatten hundert helfende Hände Erfolg mit weg-, ab- und anschieben, und ich setzte – schweißgebadet – meinen Versuch fort, auf die Autobahn zu gelangen. Mit Erfolg. Freilich, statt der möglichen Geschwindigkeit von 80 Km/h hatte ich rasante 45 Km/h auf dem Tacho. Mitunter auch weniger, was von den anderen Verkehrsteilnehmern, speziell von hämischen LkW-Fahrern, mit mehr oder weniger freundlichen Hubkonzerten begleitet wurde. Idstein, Epstein, Montabaur – alles Leidensstationen, bis schließlich die Ausfahrt “Siebengebirge” nach vier Stunden Fahrt Erlösung verhieß. Von dort schaffte ich tatsächlich die Strecke abwärts und über den Rhein bis zum SPD-Hauptquartier “Baracke” am Anfang der heutigen Ollenhauerstraße.

Irgendwie somnambul stieg ich aus dem Apparat und stapfte die Flure entlang. Werner Buchstaller war noch tätig und schnappte mich gewissermaßen auf. “Nie wieder”, rief ich keuchend. “Nie wieder, nie wieder”. “Was, nie wieder”, fragte Buchstaller, und ich tat ihm kund, dass ich nie wieder meinen Fuß in das vermaledeite Auto setzten würde. Er mühte sich, mich zu besänftigen und fuhr mich mit seinem Mercedes zu meiner Wohnung in der Wurzerstraße Nr. 6 nach Bad Godesberg.

Gerbe

Karl Garbe im Champion (1955)

Alle Erwartungen erfüllt

Mein “Nie wieder!” war schnell passé, und Jockele erfüllte jegliche Erwartungen. Ich aquirierte mit ihm auf Deubel komm raus, und “Klarer Kurs” warb z. B. im Anzeigenteil sogar mit den Vorzügen des Neunkirchener Hallenbads im Saarland. Doch der Freizeitwert des Champion 400 H (von dem rassigen Zweisitzer waren 1954 stolze 304 und 1955 gut und gerne 183 auf den Markt geworfen worden) war sein eigentlicher Trumpf. Mit den Maßen von 3,18 m in der Länge. von 1,47 m in der Breite und 1,30 m in der Höhe war er für meine Familie samt Freunden wie gemacht. Mit meiner Frau Christel sowe den Töchter Carola (geb. 1950) und Cornelia (geb. 1954) kamen wir damals auf etwa 180 Kilo Gesamtgewicht. Der Wagen selbst wog 520 Kilo, und bei seinem zulässigen Gesamtgewicht von 800 Kilogramm durften die Insassen sogar bis zu 280 Kilo wiegen. Die vierköpfige Garbe-Familie hatte also noch etwa 100 Kilo Spielraum.

Komplizierter wurde es, wenn sich noch zwei weitere Personen in den Zweisitzer verkrümelten. Etwa unsere Wohnungsnachbarn Dorothea und Manfred Schulte (er war später MdB und Justiziar der SPD-Bundestagsfraktion). Obwohl die Beiden zusammen mehr als 100 Kilo auf die Waage brachten, waren unsere Reisen mit Ihnen – z. B. zur Burg Eltz oberhalb der Mosel oder nach Bad Ems an der Lahn – interessant und lustig. Mit sechs Personen im zweisitzigen Champion! Wenn unterwegs plötzlich Regen einsetzte, wurde während der Fahrt das bewegliche Verdeck hochgezurrt und schützte uns alle – sebst vor Hagel. Wenn jedoch die Niederschläge abflauten und nach Verschwinden des gefalteten Daches vier Personen sich vom hinteren Bänkchen sortierten und geradezu aufblühten, erregte das Staunen und Fassungslosigkeit bei Fußgängern, Radfahrern und bei anderen Automobilisten.

Reparateur für jedes Malheur

Jockele, unser seltener Champion bescherte uns kaum Probleme. Falls aber doch einmal eines auftauchte, begab ich mich zu “Auto Schiemenz” in der Godesberger Straße 11 – 15 (wo die Firma als GmbH unter dem Sohn des damaligen Gründers noch heute blüht und gedeiht) und fragte den weisen Senior nach WIESO und WESHALB des Störfalls. Er reparierte jedes Malheur und gab mir einmal Bescheid; “Ach, wissen Sie, Herr Garbe, wenn man soviel vom Auto kennt und weiß wie ich, dann wundert man sich ohnehin, dass es überhaupt fährt…”. Ich habe beide nicht vergessen – diese Weisheit und auch Jockele nicht, den Champion meines leider schon verstorbenen Freundes Jockel Fuchs.

Karl Garbe

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