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Jogging-Point

Mit dem Taunus durch den Spessart

Mein erstes Auto – stolz wie Oskar auf den Seitenstreifen-12-M-Ford

Gisbert-Auto

Gisbert mit seinem Ford Taunus 12 M

Anfang der 60-er Jahre betrug das Durchschnittseinkommen in der Bundesrepublik ungefähr 700 Mark. Bei Geschäftsleuten war es gang und gäbe, dass ihre Kunden zunächst einmal „anschreiben“ ließen, bis die nächste Lohntüte kam. Natürlich erfreute man sich schon an diversen Dingen des „Wirtschaftswunders“. Viele konnten sich sogar Ferienreisen leisten; wobei das Beförderungsmittel Nummer 1 noch immer die Bahn oder der Bus waren. Allerdings hatte mittlerweile auch die Zahl der Autos im Lande deutlich zugenommen.

Das war der Stand der Dinge, als eine Freundin meiner Mutter eines Tages erzählte, ihr Nachbar wolle seinen Wagen verkaufen. Welches Modell, wusste sie nicht. Nur dass er „toll gepflegt“ und auch „kaum gefahren“ worden sei.  Ob denn vielleicht Interesse bestehe und der Nachbar das Gefährt mal zeigen solle…? Interesse bestand durchaus. Meine Mutter hatte damals ein Modegeschäft und wäre motorisiert natürlich beruflich sehr viel beweglicher gewesen. Aber der Preis – 3 500 Mark, eine schöne Stange Geld. Und dann stand der Wagen vor der Tür. Ein (Seitenstreifen-)Ford „Taunus“ 12 M, Nachfolgemodell des berühmten Weltkugel-Ford. Elegant zweifarbig lackiert. Dach und Seitenstreifen vornehm leicht grau, Seitenteile, Motorhaube und Kofferraumdeckel elfenbeinweiß. 1 200 ccm, 38 PS. Zweitürig, mit durchgehender Sitzbank vorn und hinten, Drei-Gang-Lenkrad-Schaltung, mit Heizung (für die bei einem Neukauf seinerzeit rund 400 Mark extra bezahlt werden mussten). Glänzend, kein Kratzer, keine Beule, kein Rostfleck. Weißwandreifen, logisch.

Am Kauf beteiligt

Langer Rede, kurzer Sinn – das Schmuckstück wurde gekauft. Um der Wahrheit freilich die Ehre zu geben, es wurde nicht von mir erstanden, sondern von meiner Mutter und war daher natürlich im Wortsinn auch nicht „mein erstes Auto“. Aber ich bestand darauf, mich mit (ich weiß nicht mehr) 500 oder 1000 Mark aus dem Ersparten zu beteiligen. Außerdem war ich ja auch der Einzige, der den rollenden Traum bewegen konnte. Kurz vorher hatte ich – 1961 – den Führerschein gemacht. Der kostete ganze 106 (!) Mark, da ich nur ein paar wenige Fahrstunden brauchte; ich hatte mir  auf dem Opel „Olympia“ des Vaters von zwei Freunden insgeheim abends auf einem großen Werksparkplatz ordentlich Praxis angeeignet. Also war ich der Meinung, dass meine finanzielle Zuzahlung, verbunden mit der Chauffeurs-Tätigkeit, durchaus eine Art Mitbesitz rechtfertigte.

Gisbert-Fuhrers-72.

Gisberts Führerschein vom 9.Januar 1961

Der 12 M war, wie erwähnt, optisch und technisch allererste Sahne. Und trotzdem zeigte sich schnell, dass der Erwerb ausgerechnet dieser Marke auch seine Tücken hatte. Wir wohnten   seinerzeit im Rhein/Main-Gebiet. Genauer: In einem Ort, nur sieben Kilometer von der Opeltsadt Rüsselsheim entfernt. Und weil der größte Teil der Menschen dort – wie man sagte – „beim Opel schaffte“, erwartete man selbstverständlich, dass man auch Opel kaufte. Insbesondere bei Geschäftsleuten wurde das vorausgesetzt. Aber mit der Zeit nahm die Zahl der spitzen Bemerkungen und bösen Blicke dann doch wieder ab. Was für mich freilich noch geraume Zeit blieb, war der Kutscher-Job. Zu unserem Haushalt gehörte nämlich auch meine Großmutter, und im Haus wohnten zusätzlich drei alte Damen. Und dieses Quartett hatte seine helle Freude an Ausflügen. Also ging es relativ häufig am Wochenende ins Grüne – zum Beispiel mit dem „Taunus“ durch den Spessart. Ist es Zufall, dass einem gerade jetzt das alte Volkslied in den Kopf schießt: „Hab mein Wagen voll geladen…?“

„Das Schalten übernehme ich“

Nun ist nicht zu leugnen, dass diese Dienstleistung auch Vorteile hatte. Die betagte Damenriege kam nicht nur selbstverständlich für die Treibstoffkosten auf, sondern zeigte sich auch generös, wenn ich den 12 M (das „M“ stand übrigens für „Meisterstück“) im Eigenbedarf nutzte. Wie hätte es denn auch ohne diesen „Zustupf“ gehen sollen, angesichts der Tatsache, dass zu jener Zeit die Zeitungsverlage ihren Volontären zwar die volle Redakteursarbeit abverlangten, sie jedoch nur mit rund 250 Mark im Monat entlohnten.  Natürlich sind die heutigen Automobile sicherheitstechnisch unendlich viel fortgeschrittener als jene vor einem halben Jahrhundert. Die hatten zum Beispiel noch keine Sicherheitsgurte. Und die vordere Sitzbank war, wie bereits erwähnt, durchgehend.

Mit anderen Worten, die Beweglichkeit der Insassen war nur geringfügig eingeschränkt. Was, ohne Zweifel, dem „Sich-Näherkommen“ außerordentlich zuräglich war. Eine Rechtskurve etwas rasanter genommen, und schon war einem die schöne Beifahrerin allein als Folge der Fliehkraft an die Seite gerutscht… Dass sich dann in aller Regel, sozusagen automatisch, der rechte Arm um deren Schulter legte, hatte selbstverständlich ausschließlich fürsorgliche Gründe. Schwierig war bei solcher Armhaltung jedoch das Schalten; schließlich musste in dem Fall die linke Hand den rechts am Lenker angebrachten Schalthebel bedienen. Gepriesen sei daher heute noch der praktisch denkende blonde Engel aus Rheinhessen, der während einer solche Fahrt beschied: „Lass´ die Hand am Steuer. Das Schalten übernehme ich“.

Ein Hauch von Aussteigerleben

Gisbert

Gisbert Kuhn (heute)

Was den 12 M indessen unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt hat, war die Fahrt nach Südfrankreich und der Aufenthalt in der Camargue. Mit einem Freund verbrachte ich mehrere Wochen in einer kleinen Pension im Rhonedelta. Das Geld war knapp, doch der Wirt gab sich mit kleinen Hilfsleistungen unsererseits zufrieden. Orte wie Les-Saintes-Maries-de-la Mer waren noch ganz ursprünglich und nicht mit Hochhäusern und Hotelkolossen zubetoniert, die Zigeunerwallfahrt zur Schwarzen Madonna nahm einen total gefangen, Abertausende Flamingos bevölkerten die Lagunen. Kurz – in der Erinnerung wächst sich die Reise fast schon zu der Vorstellung aus, wenigstens für kurze Zeit einmal ein Aussteigerleben geführt zu haben. Und deshalb bin ich seither auch nie wieder dort gewesen, sondern möchte mir mein Bild bewahren.

Gisbert Kuhn

P.S.: Irgendwann einmal hatte aber auch der schöne 12 M ausgedient. Als Nachfolger stand ein 17 M in der Garage – die berühmte, wunderbare „Badewanne“. Dunkelgrün mit leichtem Schimmer ins Blaue, viertürig, auch mit durchgehender Sitzbank vorn, selbstverständlich wieder mit Weißwandreifen, 1700 ccm, 75 PS, 4000 Km, 6000 DM. Aber das ist eine andere Geschichte.

Leseraktion: Ihr erstes Auto auf rantlos.de

 

 

 

 

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    Erinnerung, heißt es, sei eine Form der Begegnung. Das gilt auch – vielleicht sogar besonders – für die Rückschau auf sein erstes Auto. Schreiben Sie uns ihre Erlebnisse mit dem ersten Auto und lassen Sie die vielen rantlos-Leser teilhaben.
    Tags: auto, für, zeit, noch, opel, weltkugel, olympia, m, ford, sitzbank


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