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Mit 100 Stundenkilometern um die Welt

Mit einem Hudson Grand Eight von 1930 unternimmt Heidi Hetzer ihre Weltreise

Mit einem Hudson Grand Eight von 1930 unternimmt Heidi Hetzer ihre Weltreise © Heidi Hetzer

Die 76-Jährige Berlinerin Heidi Hetzer erfüllt sich einen Lebenstraum

„Wie so vieles in Berlin: Es wird ein bisschen später und ein bisschen teurer“ sagt Heidi Hetzer, die Grande Dame des Motorsports. Fast ein ganzes Leben lang hat sie auf andere Rücksicht genommen: Auf ihre Mitarbeiter (als größte Opel-Händlerin in Berlin), auf ihre Familie, auf die Organisatoren der unzähligen Rallyes, die sie gefahren ist. Und jetzt – mit fast 77 – möchte sie endlich mal etwas nur für sich tun. Auf niemanden hören müssen, keine Begleitfahrzeuge, keine Film-Teams und nur einen groben Zeitplan haben.

Start mit Schwierigkeiten

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Reinhard Hainbach, deutscher Rallymeister 1978-79

Sie will auf Weltreise gehen. Mit ihrem Oldtimer, einem Hudson Grand Eight von 1930. Und bis letzte Woche stand auch schon fest, mit wem sie dieses Abenteuer erleben möchte: Mit dem deutschen Rallyemeister Reinhard Hainbach. Sie waren sich schon über alle Details einig – und trotzdem hat Reinhard die Rechnung ohne den Arzt gemacht. Der nämlich hat ihm verboten, zwei Jahre in einem Auto zu sitzen, auch wenn es einen Spezialsitz hat. Reinhard hatte vor zwei Jahren einen schweren Unfall, bei dem empfindliche Teile des Rückgrats in Mitleidenschaft gezogen waren, sodass für ihn langes Sitzen Gift ist. Schweren Herzens musste er absagen, „Ich habe zwei Wochen lang nur geheult“, sagt Heidi Hetzer in einem Interview. „Er ist so gut in alles eingeweiht. Aber die Gesundheit geht natürlich vor.“
Deshalb wird es nichts mit dem geplanten Start am 22. Juni 2014. Das ganze Abenteuer ist jetzt verschoben. Damit alles heil und sie selbst gesund bleibt, ließ Hetzer von Astrologen die Sternenkonstellation prüfen – und startet voraussichtlich am 27. Juli. 2014 am Brandenburger Tor, aber selbst die genaue Uhrzeit ihrer Abreise gibt sie nicht bekannt: „Ich will einfach nicht mehr eine Uhr im Nacken haben, das habe ich mein Leben lang gehabt.“ Selbst „Wetterfrösche“ fanden bei der Planung Beachtung. Denn in Sibirien droht Frost, in Malaysia der Monsun und in Südamerika die Regenzeit.

Neuer Beifahrer dringend gesucht!

Und so sucht sie jetzt einen neuen Co-Piloten. Sie ist sich darüber im Klaren, dass es keiner sein kann, der sie die ganzen zwei Jahre auf ihrer Weltreise begleiten kann. Deshalb möchte sie gerne jemanden finden, der etappenweise auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, aber unbedingt akzeptiert, dass Heidi der Boss ist. Dazu muss er natürlich von Deutschland an irgendeinen Punkt ihrer Reise hin- und von irgendwoher auch wieder zurückfliegen. „Das wichtigste für mich ist aber, dass dieser Jemand keine zwei linken Hände hat, dass er sich mit Internet und Kamera auskennt, sprachbegabt ist und vor allem: Dass man mit ihm lachen kann.“ Die Kommunikation ist ihr absolut wichtig. Während einer anderen Tour hat Hetzer nämlich einmal eine Beifahrerin gehabt, die eher maulfaul war. Heidi hat sie unterwegs rausgeworfen. In Irkutsk!

Eine mutige Frau als Vorbild

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Clärenore Stinnes (re) und Carl-Axel Söderström mit dem Adler Standard 6

Sie fährt diese zwei Jahre dauernde Route auf den Spuren von Clärenore Stinnes, die 1927 als erster Mensch überhaupt eine Weltumrundung mit ihrem Automobil „Adler“ unternommen hat. Über diese Reise gibt es einen Dokumentar- und einen Spielfilm. Gedreht von Carl-Axel Söderström, der sie auf dieser Reise um die Welt begleitete, den sie nach ihrer Reise geheiratet hat und fortan ein ländliches Leben in Schweden führte. Clärenore stammte aus einer deutschen Industriellen-Familie und war schon früh autobegeistert – genau wie Heidi Hetzer, die jetzt mit fast 77 ihren Spuren folgen möchte. Sicher wird die Reise komfortabler sein als damals, denn die Straßen sind erheblich besser geworden. Einen großen Vorteil hatte Clärenore Stinnes allerdings doch noch: Als Tochter aus dem Hause Stinnes hatte sie einen Diplomatenpass und brauchte nicht für jedes Land ein Visum.

Kampf mit den Behörden

„Stinnes hatte schlechte Straßen. Ich habe harte Grenzen“, meint die unternehmungslustige Touristin. Der Kampf mit Behörden kostete reichlich Nerven. Als Hauptärgernis schlechthin erwies sich die Krankenversicherung – denn eine 77-Jährige will niemand mehr versichern. Niemand außer jener Gesellschaft, die auch die Kreuzfahrer der Aida betreut.
Und dann die Bestimmungen fürs Auto: In Turkmenistan, China und im Iran wacht ein staatlich bestellter Beifahrer über den Kurs. In China allerdings hat sie noch ein weiteres ein Problem. Dort verbietet ein neues Gesetz allen über 69 das Autofahren. Zur Not will sie China eben auslassen. Bei Japan war jede Mühe vergebens. Erst hieß es vom Botschafter, die Fahrzeugpapiere müssten in die Landessprache übertragen werden. Sie auf deutschem Boden umzuschreiben, sei aber aufgrund eines Gesetzes aus Kriegszeiten unzulässig. Auch gebe es Bedenken hinsichtlich der Stoffe, die aus dem Auspuff quellen. Warum sich Japaner um Abgase sorgen, sei ihr ein Rätsel, sagt Hetzer. Die hätten doch Fukushima.

Was nimmt man denn so mit auf eine Weltreise?

Ihre Kleiderkollektion für die Weltreise klingt überschaubar: Zwei Jeans und zehn T-Shirts. Aktuell lässt sie sich noch Röcke schneidern – weil man sich ja eventuell öfter mal „unauffällig“ an den Straßenrand hocken muss. Schlafen will sie mal hier, mal da. 300.000 Euro hat Hetzer für die Reise eingeplant, Schmiergeld für Ausnahmesituationen eingerechnet. Finanzieren wird sie den Trip aus eigener Tasche. Abhängigkeit von Sponsoren lehnt sie entschieden ab.

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Heidi Hetzer bei einer Rally 2012

Als Waffe führt sie nur einen Baseballschläger mit sich. Ob sie denn auch eine Pistole mitnimmt, wurde sie gefragt. „Um Himmels willen: Nein! Wenn ich ein Schießeisen mit mir führe, wäre meine Weltreise im nächsten Land schon zu Ende. Damit komme ich über keine Grenze.“

Und Grenzen will sie eine ganze Menge überschreiten: Europa – Asien – Australien – Afrika – Amerika und wieder zurück nach Berlin. Die Linie ihres langen Wegs ist rot in einer Karte vermerkt, welche die 950.000 Kilometer lange Strecke durch Städte und Steppen, durch Tundra und Dschungel überschaubarer wirken lässt als sie ist. Auf ihrer Reise wird sie nach heutigem Plan 52 Länder bereisen und alle fünf Kontinente. Sie möchte in erster Linie Land und Leute besser kennenlernen. Heidi wird nicht den ganzen Trip auf dem Landweg machen können. Hin und wieder braucht sie ein Schiff. „Es war ziemlich schwierig, einen See-Transport zu finden, der nicht nur mein Auto, sondern auch mich mitnimmt“, erklärt sie. „Die Containerschiffe nehmen nur Sachen, aber keine Personen mit. Aber ich lasse mein Auto nicht alleine.“

„Auto“ ist ihr zweiter Vorname

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Heidi Hetzer als KFZ-Lehrling

Ihr Vater gründete 1919 ein Opelhaus in Berlin. Schon als Kind hat sie den Mechanikern auf die Finger geschaut und mit 17 eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin begonnen. Gerade volljährig gründete sie ihre eigene Autovermietung, ging in die USA, um das Verkaufen zu lernen – und übernahm 1969, nach dem Tod des Vaters, dessen Unternehmen, das sie mehr als 40 Jahre durch wirtschaftliche Höhen und Tiefen geführt hat und das sie 2012 verkaufte. Weil sie von der Großspurigkeit der männlichen Autokäufer oft genervt war, gründete sie in den 70er Jahren den Berliner Autoclub für Frauen. Damit die Frauen beim Autokauf nicht nur die Farbe aussuchen konnten, bot sie Pannenkurse für Frauen an und hatte umgehend Erfolg mit dieser Idee.

Das Auto war für Heidi Hetzer immer auch ein Symbol der Emanzipation – eine Möglichkeit, abends allein und sicher nach Hause zurückzukehren, ohne männliche Begleitung. Außerdem war es ein Ort, an dem man sich näherkommen konnte, als es im deutschen Strafgesetzbuch noch den „Kuppeleiparagrafen“ gab, der es verbot, unverheirateten Paaren eine gemeinsame Wohnung oder ein Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Von ihrem Vater hat sie die enorme Abenteuerlust geerbt. Der war in den 20er Jahren mit dem Motorrad und seiner Frau im Beiwagen bis in die Wüste Sinai gefahren. Heidi Hetzer eiferte dem Vater nach: Mit 15 fuhr sie heimlich ihre ersten Motorradrennen, mit 20 Autorennen auf der legendären Avus („Im VW, das hat meinen Vater als Opel-Händler ziemlich geärgert!“) und begann später Rallys zu fahren: von Düsseldorf nach Schanghai, die Ralleye Monte Carlo, die Tour d’Europe, die Panamericana und das immer am Steuer, nie als Beifahrerin.

Ihr damaliger Ehemann, ein amerikanischer Geschäftsmann, mit dem sie zwei Kinder hat, teilte ihre Leidenschaft nicht, tolerierte sie aber, duldete es allerdings nicht, dass zu Hause irgendwelche Pokale herumstanden und setzte alles daran, dass die Kinder sich nicht für Autos interessierten.

Das gelang ihm auch: heute ist ihre Tochter Politologin und der Sohn Ingenieur für erneuerbare Energien – er hat seine Mutter sogar von einem Elektroauto überzeugt. Sie findet es zwar wunderbar, dass das Auto schnell zieht, so dass sie immer als Erste von der Ampel weg startet, aber es ist ihr einfach zu leise.

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Heidi Hetzer on Tour

Nervige Nachbarin

Für ihre Weltreise ist es allerdings vorbei mit der Elektromobilität. Ihre beträchtliche Oldtimersammlung hat sie in ihrer Garage eines Westberliner Hinterhofs geparkt, direkt gegenüber einem Rehazentrum für Herzpatienten – und das erweist sich doch oft als ungünstig. Wenn sie mit lautem Dröhnen ihre Autos umstellt, reagiert das Krankenhauspersonal ziemlich genervt. Aber bald ist zumindest ja für zwei Jahre Ruhe. Für sie selbst ist es einfach unvorstellbar, dass sich jemand an Automotoren stören könnte. Sie liebt alles an ihnen, sogar den Geruch.

Ihren Oldtimer hat sie ohne viel Rücksicht auf die Historie umgebaut: Stauraum für Vorräte, Zelt, Gepäck, Satellitentelefon, Werkzeug und Ersatzteile geschaffen. Ihr Vorbild, Clärenore Stinnes, hatte es da schwerer. Die musste Dynamitstangen dabeihaben, um Straßen freizusprengen und monatelang in Sibirien warten, bis sie endlich über den zugefrorenen Baikalsee fahren konnte. Bis zum Winter will Heidi Hetzer Russland passiert haben, dann weiter durch die Mongolei, durch ganz Asien, dann mit dem Schiff nach Australien und Neuseeland. Durch Nord- und Südamerika und schließlich durch Afrika zurück nach Europa und das alles mit „Hudo“, der höchstens 100 Stundenkilometer fährt, dafür aber zuverlässig ist. Ersatzteile will sie sich im Notfall schicken lassen; ein zweiter Hudson ist in Berlin bereits in seine Einzelteile zerlegt worden.

Sie will mit dieser Weltreise allen Menschen – nicht nur denen die in ihrem Alter sind – ein Beispiel geben: „Macht was! Tut was! Irgendwas Verrücktes. Aber hebt Eure Hintern von der Couch! Die Welt wartet.“

Also, falls Sie doch noch Lust verspüren, spontan mitzufahren: Bewerbungen (mit Bild und Motivationsschreiben, Anreise auf eigene Kosten) können möglichst bald an Hetzers Sprecher Honza Klein gerichtet werden: honza@t-online.de. Allerdings macht Heidi Hetzer evtl. Co-Piloten eine ganz klare Ansage: „Spätere Heirat ausgeschlossen.“

Ursa Kaumans




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