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Rainer der Racer

Beim Off Road 1:10 tanzen in Rainer die technischen Schmetterlinge

Fahrerstand für die Piloten der Minicars.
Foto: R. Schwesig

“Mein Vater nannte es einen großen Fehler“. So startet Rainer in unserem Gespräch. Wir sind verblüfft. Der waschechte Berliner schmunzelt. Sein Geburtstag beispielsweise ist am ersten Weihnachtstag. Das fand er als Kind gar nicht toll – „wegen der Geschenke“, sagt er. „Na, gut. Das ist der kleinere Fehler“, gibt der gesellige Individualist zu. Vielmehr bereute sein Vater, dass er ihm nach dem Abitur (1976) eine Kleinbildkamera geschenkt hat. Damit war es um den jungen Mann geschehen: „Da hat es bei mir gezündet. Mir war klar: Das will ich machen.“

Sein Studium der Architektur hat er spontan geschmissen und sich umgehend bei der Lette-Schule in Berlin angemeldet. Zunächst wurde sein Antrag abgelehnt. Ein Jahr später haben sie ihn genommen. Er wurde in den folgenden Jahren Fotografen-Meister und auch sehr schnell Lehrer an der Schule. Und genau das macht ihm nach anfänglichem Zögern seit 1987 richtig Spaß.

Aus der Begeisterung für seinen Beruf heraus initiierte er zusammen mit Kollegen eine Upper-Class-Volkshochschule. Seither sind sie ausgesprochen erfolgreich. Und in der Akademie läuft viel Kreativität: Zeichenkurse, die u.a. seine Schwester als Künstlerin durchführt und natürlich Fotokurse. Die von der Akademie erwirtschaften finanziellen Überschüsse gehen regelmäßig an den Lette-Verein. Also beruflich alles im grünen Bereich!? Ja! Wirklich?

Rainer vor dem Rennen zum Finale MAC Cup.
Foto: MAC-Team

 „Nicht wirklich“, gesteht Rainer. „Es gibt Momente, bei denen man sich in eine ganz andere Welt vertiefen möchte.“ Solche Gedanken rühren an seinen innersten Kern. Rainer wird nachdenklich und erinnert sich. „Früher habe ich sehr viel mit Musik gemacht. Da habe ich mich in meinem kleinen Tonstudio versteckt und so vor mich hin entwickelt.“ Ja, und dann ist da noch der Sport – genauer: Badminton. Ach so: Federball der leichteren Art? „Nein!“ widerspricht er vehement: „Ich mach´ das richtig heftig. Also schmettern! Austoben ist dann angesagt.“ Und er fügt mit seinem lockeren Berliner Humor lachend hinzu: „Mittlerweile bin ich schon in das Alter gekommen, da knarren die Gelenke. Ja und abends knarren sie schon ein bisschen mehr.“ Er nimmt das einfach so hin, weil er in seinem Job immer top sein will und wohl auch sein muss.

Erstes Modell ein Ford Focus

Und es gibt da noch ein Geheimnis in seiner Vergangenheit der damals unerfüllten Wünsche. Schon als Kind wollte er mit ferngesteuerten Autos fahren. „Aber bei meinen Eltern kam das nicht in Frage.“ Sein Freund bekam dann Anfang der 90-er Jahre so ein Ding. „Da war bei mir die Neidschwelle überschritten.“ Stück für Stück wurde das bei ihm „therapiereif“. Er wollte nun einfach nicht alt werden, ohne sich

BMW 320 SI am Start.
Foto: R. Schwesig

diesen Traum erfüllt zu haben. Später hat er – wie er heute meint – glücklicherweise einen getroffen, der ihm klar gemacht hat: So was kauft man nicht, so was baut man selber. Rainer hat einfach angefangen zu bauen und zu schrauben.

Noch heute hat er sein erstes Modellauto: „Das geb´ ich auch nicht weg.“ Es ist ein 1:10-Elektromodell TT01 Ford Focus. Sofort fasziniert hat ihn die Fahrphysik, die dicht an die Wirklichkeit heran kommt. Und schnell kam auch der Wunsch, das in der maßstabsgerechten Wirklichkeit auszuprobieren. Er wollte auch sehen, wie die anderen ihre „Autos eingestellt haben“. Und dann die ersten Adrenalin-Ausstöße! „Noch nicht einmal beim Sport komme ich auf diesen Output.“ Mit sichtbarem Wohlgefühl stöhnt er rhetorisch: „Nach so einem Lauf bin ich fertig. Das ist Wahnsinn.“

Rainer ist MAC Cup-Gewinner.
Foto: MAC-Team

Heute steht er in der dreizehnten Saison – erfolgreich. So holte er sich 2012 den Wanderpokal MAC Berlin-Cup mit einem 1:5-Verbrenner. In drei Jahren stand er immer wieder auf dem Siegerpodest. Und 2013 ist er ganz aktuell Norddeutscher Meister (VG 5 mit Standardmotoren) geworden. Es liegen sechs Rennen in Hildesheim, Munster, Braunschweig, Hamburg und Eckerförde hinter ihm als Punktesieger. Der erfolgreiche Pilot startet für das Engelhard-Team. Chef ist Klaus-Dieter Engelhard, ein anerkannter Motoren- und Fahrwerk-Spezialist.

Erfahrene Racer haben ihm geraten, sich unbedingt nur auf eine Sache zu konzentrieren. Das aber konnte er zunächst nicht. Er hat einfach erst mal alles ausprobiert. Doch dann legte er sich endgültig auf 1:10-Elektro fest. Off-Road-Rennen ist fast schon so etwas wie sein Lebenselixier. In seinem Rennstall: Short Course („also so richtig große Trucks“), zwei Buggys und ein Monstertruck – alle für Rennen ausgelegt. Die sind nicht dafür gebaut, „um ein bisschen über die Wiese zu tuckeln. Die fahren mit brushless-Motoren und mit einer unglaublichen Leistung.“ Im Winter fährt er Tourenwagen, auch 1:10 – und Elektro natürlich. „Für sich persönlich“ aber hat er außerdem einen Gruppe C-Wagen 1:12. Mit dem höllisch schnell zu fahren, ist für ihn so etwas wie „Meditations- und Reflextraining“. Hierfür braucht er „pure Konzentration“. Er gibt sie gerne.

 Gute Preise und penible Pflege für die Mincars

Jetzt geht es bei Rainer sehr schnell ins Eingemachte. Er erklärt, wie man aus der ferngesteuerten Distanz, also “an der Funke”, über den Kopf einfach im Cockpit sitzt: „Du musst nicht auf das Auto gucken, sondern du musst vor das Auto gucken – als wenn du selber Auto fährst“, ist sein Erfahrungs-Ratschlag. „Wichtig ist: rechtzeitig die Einlenkpunkte zu erwischen – sonst geht es ab in die Prärie“, verrät er

Kampf der Mini-Boliden im Finale.
Foto: R. Schwesig

uns. Manchmal hilft in besonderer Weise eine im Auto eingebaute Kamera. Die hat Rainer in einem Verbrenner 1:5. Der ist 100 cm lang, 40 cm breit und 30 cm hoch. Einen ganzen Winter hat er daran gebaut. Der filmt die gesamte Rennsituation mit. Auch ihm als Rennprofi wird dann klar, „dass er da in Wirklichkeit nicht drin sitzen möchte.“ Und lacht. Also fährt er dann mit Hilfe des Films auf seinem Laptop? Etwas erregt widerspricht er: „Nein, um Gottes willen. Da fehlt mir der Überblick. Es ist zu wenig unmittelbar.“

Guckt er sich die Strecken vorher an? „Natürlich. Das ist so wie bei den Rallye-Fahrern. Man muss wissen, wo die Strecke wieder Griff hat und wo du die Bremspunkte setzen oder eben Gas geben musst. Eventuell muss man seinen Wagen durch Schrauben und so an die Strecke anpassen.“

Sprung über den Table beim Off Road in Köngen.
Foto: R.  Schwesig

Und wie ist das so generell mit dem Zusammenbauen von Bausätzen? „Interessanterweise erwartet man hier die feinsten Bauanleitungen. Das aber ist nicht immer so (besonders im Maßstab 1:5). Da muss man schon sehr viel wissen. Und man muss auch die maschinellen und handwerklichen Möglichkeiten haben.“ Rainer bastelt seine Rennflotte in der Garage zusammen. Wenn es aber so richtig kompliziert wird, dann geht er zu einem Racer-Kumpel. „Der hat die Werkzeuge, Drehbänke. Hier und mit ihm kann man auch schon mal Unorthodoxes probieren“, schwärmt der Fotograf und Technik-Freak. Auf diese Weise wächst natürlich der Wagenpark Stück für Stück.

In der Spitzenzeit bestand seine Flotte aus 18 Fahrzeugen, heute sind es so um die zwölf. Der Grund: Er verkauft seine selbst gebauten Autos und erzielt schnell gute Preise. Er kritisiert aber auch ein bisschen solche Kumpel, die ihre Fahrzeuge nach Schlammrennen einfach nicht putzen und sich dann wundern, wenn die beim nächsten Rennen ausfallen. Rainer selbst zerlegt seine Autos nach jedem Rennen und überprüft jedes Teil. Da kennt er nichts.

Benzingespräche in einer anderen Welt

Irgendwie geht es bei Rainer zu wie in einem 1:1-Rennstall, insbesondere, wenn er bei Meisterschaften startet. Dann hat er seine komplette mobile Werkstatt mit. Ersatzteile, Ladegeräte, Akkus inklusive. Und er findet es schön, so zwischendurch „Benzingespräche“ mit anderen Teilnehmern zu führen. „Dann finde ich mich immer so herrlich in einer anderen Welt“, berichtet Rainer. Die andere Welt ist aber nicht völlig beliebig. Rainer ist gebunden im ASC Potsdam (Off Road und Elektro) und seit 2013 für das Engelhard-Team in Norddeutschland (Verbrenner 1:5).

Über das Jahr fährt er auch die sogenannten Stadtmeisterschaften, über die er sich für Deutsche Meisterschaften qualifizieren kann (In diesem Jahr ist er 16. von den 30 besten Fahrern geworden!). Im Off Road hat Rainer schon an diversen Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Sie finden bei unterschiedlichen Vereinen statt. Ihre Ausschreibungen veröffentlichen die Vereine im Internet. Über diesen

Schwere Reifen nach dem Rennen im Gelände.
Foto: R. Schwesig

Weg entstehen Rennen, bei der die gesamte europäische Elite vertreten ist. „Das lasse ich mir einfach nicht entgehen“, erzählt der Berliner. Besonders gern nimmt er dann abends an der Players oder Racers Night mit ihren Benzingesprächen teil. „Da lernt man so richtig schnelle Jungs kennen, von denen man sich was abgucken kann. Das ist schon eine ganz eigene Welt“ verrät Rainer freudig und emotional hoch präsent. Also ist Racen in dieser Form eher was für Männer oder sogar ältere Männer? „Überhaupt nicht“, protestiert Rainer. „Von 7 bis 70 geht das querbeet. Da flippen die Kinder mal genauso aus wie die 70-Jährigen.“

Diese Renn-Welt spiegelt sich bei Rainer auch zu Hause wieder. Etwa 100 Pokale stehen da aufgereiht. „Wer das sieht, muss denken, dass ich eine Macke habe“, sagt er selbstironisch. Aber kein Wunder: „Ich bin so jedes zweite oder dritte Rennen auf dem Treppchen.“ Bei den 1:5ern hat er im Jahr vier Rennen gefahren und davon drei gewonnen und beim letzten ist er „nur Zweiter geworden!“ Seine beste Platzierung bei Deutschen Meisterschaften war immerhin ein elfter Platz von 60 Teilnehmern. Welche Geschwindigkeiten werden da gefahren? Rainer korrigiert die Fragestellung. „Beim Off Road ist die Geschwindigkeit nicht das Entscheidende. Es kommt auf die Geschicklichkeit im Infeld an.“ Eine Runde im Verein bei Rainer hat so 150 m. Die legt Rainer in 25 Sekunden zurück. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 Km/h. „Das ist richtig flott“, bewertet Rainer sein eigenes Tun. „Da müsstest Du mit dem Fahrrad schon ganz schön strampeln.“ So richtig zur Sache geht es mit dem 1:5er Verbrenner. Auf

Super Scheibenbremsen für hohes Tempo.
Foto: R. Schwesig

der Geraden dreht er dann bis 100 Km/h auf.

700 Euro für ein rennfähiges Elektromodell

Was macht das Racen mit ihm selbst? Für Rainer entsteht immer eine hohe Zufriedenheit. Der Stress fällt von ihm ab. Und im Wochenalltag freut er sich häufig auf das Wochenende, wenn er wieder durchstarten und schrauben kann. „Das lässt mich dann einfach durchatmen. Schon der Gedanke an diese Entspanntheit macht mich in diesen Momenten völlig konzentrationsfähig; ich bin dann wieder mit richtiger Freude bei allem dabei“. Beim abendlichen Sport geht es ihm ähnlich.

Und dann immer wieder die technischen Schmetterlinge im Bauch. Weil es wieder neue Antriebe, neue Techniken und neues Reifenmaterial gibt. Da wächst bei ihm das Kribbeln, das Haben-Wollen. „Ganz furchtbar“, stöhnt Rainer. Dann schleicht er wieder durch sein Fachgeschäft MOB in Berlin. Der Chef, Christian Lehmann, ist, so sagt Rainer, „der Pflegevater für alle RC-Patienten in Berlin. Sein Hobby ist nun auch seine Existenz. Er hat einen Laden aufgemacht. Bei ihm ist Racer-Treffpunkt. Über ihn, über seine Internet-Verbindungen, bekommt die Community alle nur denkbaren Spezialteile.

Und Rainer schwärmt weiter über die vielen Händler- und Vereinsseiten im Internet. Bei dieser großen Angebotspalette werden dann so richtig viele Schmetterlinge eingefordert. Die Folge solcher Suchereien sind dann oft auch neue Projekte. Die werden minutiös vorbereitet. Manchmal „kann man es kaum aushalten“. Er zwingt sich aber dazu, den richtigen Moment abzuwarten. Denn er möchte ja auch nicht mehr

Vor dem Rennen: BMW auf Service-Station.
Foto: R. Schwesig

ausgeben, als unbedingt nötig. Dennoch geht er immer wieder in den Laden seines

Vertrauens und bekommt „Pickel und Juckreiz“, wenn er diese „appetitlichen Kistchen“ sieht. Für ihn ist es einfach schön, die neuen Teile zunächst nur mal anzuschauen. Denn immerhin muss er für ein Off Road-Elektro-Auto ohne Elektronik so 200 bis 250 Euro auf den Tisch legen. Die Elektronik kostet nochmal genauso viel. Und ein renn- und damit konkurrenzfähiges Produkt liegt so zwischen 500 und 700 Euro.

Benzinduft im Wohnzimmer

Wie haben den Eindruck, dass Rainer von seinem geliebten Beruf, von seinem fordernden Sport und seinem professionellen Racer-Hobby förmlich aufgefressen wird. Kommt seine Lebenspartnerin damit klar? „Das ist schon schwierig“, gibt er nachdenklich zu. Aber er macht mit ihr dann auch Dinge, die er so spontan nicht machen würde –als Ausgleich eben. Dann kann er am darauf folgenden Wochenende ohne schlechtes Gewissen wieder auf Racer-Tour gehen. Und er schiebt noch nach: „Ich fände es klasse, wenn sie mitkommen würde. Aber sie interessiert das überhaupt nicht.“

Aus seinen Benzingesprächen weiß er, dass es bei vielen seiner Racer-Kollegen genauso ist. Manchmal sogar schlimmer. Denn da gibt es auch Genossen, die im Wohnzimmer anfangen zu bauen. Dann entstehen auch dort Benzingespräche. Aber mehr der ungemütlichen Art. Denn welche Frau findet es schon toll, wenn der Raum, der zur Entspannung dient, ständig nach Benzin riecht. „Da drehen die Frauen dann einfach mal am Rad. Da höre ich öfter sehr drastische Berichte. Solche Kollegen werden dann in irgendwelche Kellerlöcher verbannt, haben kein leichtes Standing.“

Rainer Schwesig ist Norddeutscher Meister im VG 5 Klasse Standardmotoren.
Foto: Klaus Dieter Engelhardt

Und Rainer bestätigt ohne großes Nachdenken, dass es in diesem Geschäft „sehr wenig Frauen gibt.“ Aber er ergänzt auch absolut fair: „Wenn die aber da sind, dann sind die richtig gut.“ Teilweise kommen auch Frauen aus den Familien mit zu den Veranstaltungen. Die meisten Frauen werten aber das Hobby ihrer Männer als Spielkram ab. Rainer resümiert lächelnd: „Aber man darf ja in seinem Leben nicht verlernen zu spielen. Oder?“ Und er geht noch weiter: „Wenn man das verlernt, dann ist es vorbei.“

Dieter Buchholtz

info

DMC

…ist der Dachverband für den funkferngesteuerten Automobil-Rennsport. Er leitet und beaufsichtigt den Automodell-Rennsport in der Bundesrepublik Deutschland.

 www.dmc-online.com




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