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Jogging-Point

Mit Schweizer Fahne statt Nummernschild

Mein Einstieg in die Motorisierung zerfällt in drei Abschnitte:

1. das erste Mal am Steuer.

2. das erste Motorrad.

3. das erste eigene Auto.

Zu 1. Die Bomben unseres späteren Hauptverbündeten hatten Mutters rot/schwarzes Cabriolet von Auto-Union, das 1939 in der Garage unseres Hauses in der Händel-Allee in Berlin-Tiergarten zwangsweise stillgelegt worden war, im November 1943 zerstört.

Wolfgang Wiedemeyer

Wolfgang Wiedemeyer

Andere Leute hatten mehr Glück und brachten ihre fahrbaren Untersätze unversehrt durch den Zweiten Weltkrieg. So einer war der Besitzer des Strandhotels in Grossenheidorn am Steinhuder Meer. Er hatte einen Mercedes 7/32er – den ersten Wagen mit Schwingachsen – unter allerlei Gedöns sorgfältig sechs Jahr lang verborgen. Nach dem Einmarsch der Alliierten 1945 konnte er wieder vorgezeigt werden, und mein Vater überredete den Hotelier, ihm den Wagen zu verkaufen.

Ohne Zulassung

Meine Mutter holte das Gefährt mit dem Stern ans Licht und fuhr ihn sogleich. Ohne Zulassung! Nur mit einer Schweizer Fahne statt Nummernschild. Die Obrigkeit in Gestalt der US-Soldaten akzeptierte das. Mein Vater besaß keinen Führerschein und überließ den Transport seinem Fahrer im Verlag und seiner Frau im Privaten. Meine Mutter hielt sich auch später nicht sonderlich an Verkehrsvorschriften und forderte mich – 15 Jahre alt! – nach kurzer Einweisung auf, das Steuer zu übernehmen. Auf einer einsamen Landstraße brachte ich das schwere „Geschütz“ in Gang. Und entsprechend der Anleitungen bekam ich auch die Sache mit der Kupplung hin. Bei der Gangfolge hatte meine Lehrerin mitgeholfen (drei Vorwärtsgänge und einen Schnellgang, rechts nach oben zu schieben) – aber dann stand plötzlich ein Heuwagen im Weg. Um dem auszuweichen, kam von Muttern das Kommando: Bremse, Kupplung, Gang raus!

Das war ein bisschen viel für einen 15 Jahre alten Anfänger. Also: Augen zu und druff… Alle beteiligten Personen und Sachwerte kamen mit leichten Blessuren davon. Aber ich habe gleich in der ersten Stunde meiner Teilnahme am Straßenverkehr erfahren, dass – will man nicht unter die Räder kommen – nichts wichtiger ist als ABSTAND HALTEN!

DKW mit Riemenantrieb

DKW_Luxus_200_1929_Riemen_2

Eine DKW Luxus200 mit Riementrieb, brutalen 4 ps und rasanten 60 km/h Spitze

Zu 2: Mein erstes Motorrad war 1948 eine 200 ccm DKW mit Riemenantrieb aus den 20-er Jahren. Die hatte noch keinen Kick-Starter. Man musste sie mit eingelegtem 1. Gang und etwas Handgas anschieben und nach dem Anspringen des Motors schnell aufsitzen. Doch es kam der Tag, an dem ich nicht fix genug war, den Sattel verfehlte und mit dem Hintern auf die Straße fiel, während die Donnerkiste mit geringer Geschwindigkeit weiter fuhr. Das hätte böse enden können, wenn nicht unser Fahrer Willy Heitmann mit dem unter Kapitel 1 beschriebenen 7/32er (inzwischen von der 4-türigen Limousine für unseren Verlag zum Kastenwagen umgebaut) auf der Landstraße entgegengekommen wäre. Er drängte die herrenlose Maschine in den Graben ab. Damit war für mich das Kapitel Motorrad abgeschlossen.

Zu 3: Bis zu meinem 22. Lebensjahr hatte ich die verschiedensten Automobile gefahren. Aber das erste eigene erwarb ich 1953. Natürlich einen Mercedes. Ich fand ihn auf einem Gebrauchtwagenmarkt in Köln. Ein 170 V, Baujahr 1938. Preis nach langem Gefeilsche: 1300 Mark. Vorbesitzer war der Landrat von Bergheim, der den Wagen im Krieg von Benzin auf Holzgas umgestellt hatte. Das hieß damals: Das Fahrzeug hatte in dieser Zeit den einer großen metallenen Mülltonne ähnlichen „Ofen“zur Vergasung von Buchenholz am Heck. Als ich den Wagen erwarb, war dieser „Ofen“ natürlich schon  beseitigt, und an seiner Stelle hatte das Ersatzrad dort wieder seinen Platz bekommen.

Ein gutes Geschäft

Mercedes 170

Mercedes-Benz 170 V -Benziner-Bj 1938 Limousine

Kurz nach dem Kauf krachte mir in Frankfurt ein herrenloser  PKW-Anhänger in die Seite. Dank der überragenden Qualität des Fahrers und der Stabilität des 170 V habe ich diesen Unfall überlebt. Erwähnenswert erscheint mir der Zwischenfall nur, weil mein Anwalt, der mich gegenüber der Allianz-Versicherung vertrat, 1 500 Mark als Wiederbeschaffungswert plus Verdienstausfall und Anwaltsgebühr von 1500 Mark herausholte für den alten Klepper, den ich dann 1954 bei der RKG für den ersten Mercedes mit selbsttragender Karosserie in Zahlung gab. Es war der 180-er und kostete damals 10 000 Mark.

 

Wolfgang Wiedemeyer

(Wolfgang Wiedemeyer ist Journalist und war viele Jahre Leiter des Bonner Südwestfunk-Studios)

 

 

 





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