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Feldzzug gegen Vergessen und Verdrängen

 Mit Geld, Entschlossenheit und Mut –  Kampf für eine (etwas) bessere Welt

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Roswitha Behte (74)

Eigentlich scheint hier zunächst gar nichts außergewöhnlich. Ein zwar recht stattliches, aber keineswegs üppiges Haus in einer ruhigen Seitenstraße von Bergisch-Gladbach, einer Kreisstadt nördlich von Köln. Drinnen ein älteres Ehepaar – der Mann mit einem eindrucksvollen, weißen Vollbart, die Frau freundlich neugierig auf die journalistischen Besucher, denen gleich beim Eintritt in das Zimmer ein mit Büchern zu China gefülltes Regal aufgefallen war. Ja, sagt die Dame des Hauses, sie habe nach ihrer Pensionierung als Grundschullehrerin noch ein Studium in Sinologie (Chinakunde) absolviert und bemühe sich jetzt, die Sprache präsent zu halten.

Viel eigenes Vermögen in Stiftungen

Doch in Wirklichkeit sind Erich (75) und Roswitha Behte (74) sehr wohl in hohem Maße außergewöhnlich. Das Unternehmer-Ehepaar hat im Laufe der Jahre ein beträchtliches Vermögen erworben. Unter anderem durch die Sanierung und den anschließenden, offensichtlich Gewinn bringenden Verkauf von Hotels. Eines dieser Häuser allerdings befindet sich nach wie vor ich ihrem Besitz. Es ist die noble, alternative 4-Sterne-Herberge „Art Fabrik Hotel“ in Wuppertal. Und dies, wiederum, passt zu den Bethes. Erstens ist Erich Bethe gebürtiger Wuppertaler, zweitens war das Gebäude ursprünglich die Eisenfabrik der Familie Engels. Auf der Homepage des Hotels heißt es darum auch ironisch, mit dem wirtschaftlichen Gewinn aus der Fabrik sei einst der Weltkommunismus finanziert worden. Klar. Denn: Hatte nicht der Kapitalistensohn Friedrich Engels den Zeit seines Lebens klammen Karl Marx finanziell über Wasser gehalten?

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Roswitha und Erich Bethe

Drittens, schließlich, ist das Hotel gespickt mit Kunstwerken, die von den Gästen erworben werden können. Wobei jeweils dreißig Prozent des Erlöses einer Stiftung zugute kommen, aus der Kinderhospize unterstützt werden. An dieser Stelle nun beginnt wirklich das Außergewöhnliche der Geschichte. Denn Erich und Roswitha Bethe sind nicht nur erfolgreiche, gut betuchte Unternehmer. Solche gibt es mannigfach. Das Ehepaar aus dem Bergischen aber hat den größeren Teil seines Vermögens für soziale Zwecke gespendet. Zum Beispiel, um den erwähnten Hospiz-Zentren zu helfen, die sich um unheilbar an Krebs erkrankte Kinder und deren Eltern kümmern. Zwölf davon gibt es gegenwärtig in Deutschland, ein weiteres entsteht gerade in Wuppertal. Zusätzliches Augenmerk gilt Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch und Gewalt an Kindern. Hier werden rund 800 Projekte gefördert. Das alles beherrschende Thema der Bethe´schen Engagements allerdings ist der geradezu leidenschaftliche Wunsch, in der Gesellschaft das Wissen um die Gräuel der Nazis wach zu halten und vor allem die jungen Menschen in Deutschland immun gegen Rassenhass, Intoleranz und politische Verführer zu machen.

Pro Woche drei Klassen nach Auschwitz

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Erich Bethe (75)

Es mag pathetisch klingen und ist doch ganz einfach nur wahr – Erich und Roswitha Bethe führen einen regelrechten Feldzug gegen das Vergessen und Verdrängen der schwärzesten Epoche deutscher Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht dabei die 2010 gegründete Stiftung „Erinnern ermöglichen“. Sie bildet, ohne jeden Zweifel, das Lebenswerk der Sponsoren. Sechs Jahre lang alimentiere das Unternehmerpaar aus dem Bergischen das Projekt mit jeweils einer Million Euro. Das Ziel: Möglichst jeder der rund 120. 000 Zehntklässler in Nordrhein-Westfalen sollte mit seiner Schulklasse wenigstens einmal das ehemalige deutsche Konzentrationslager Ausschwitz mit seinem angeschlossenen, geradezu industriell-effizient betriebenen Vernichtungslager Birkenau besuchen. Denn, so die Überzeugung von Erich Bethe: „Wer einmal in Auschwitz war, der kann kein Nazi mehr sein“.

Tatsächlich fahren mittlerweile im Durchschnitt pro Woche drei Schülergruppen aus Nordrhein-Westfalen zu der unweit der südpolnischen alten Königstadt Krakau gelegenen Mahn- und Gedenkstätte. Erst jüngst war – zum wiederholten Male schon – auch die Düsseldorfer Schulministerin Sylvia Löhrmann mit dabei (siehe rantlos „Zofia Posmysz – Zeitzeugin des Grauens“).  Kein Schüler, so heißt die Faustregel von „Erinnern ermöglichen“, soll mehr als 30 Euro Eigenleistung erbringen müssen. Je rund 200 Euro schießt die Stiftung zu, die Verwaltungskosten übernimmt das Land Nordrhein-Westfalen. Auschwitz, der Ort, an dem etwa 1,1 Millionen Menschen vergast, mit medizinischen Versuchen am lebendigen Leib und bei vollem Bewußtsein umgebracht oder auch nur brutal erschlagen wurden – das ist kein fröhlicher Schulausflug.

Sorgfältige Vor- und Nachbereitung

Kein Wunder, dass viele der jungen Besucher Bammel, ja (wie es der Schüler Fabian Felder in seinem Erlebnisbericht freimütig bekennt) auch Angst vor dem haben, was sie an der Stätte des Massenmordes zu sehen bekommen und dann zu verarbeiten haben. Daher gehört eine eingehende Vor- und später auch Nacharbeit, meistens im Rahmen des Geschichtsunterrichts, unabdingbar zu den Voraussetzungen der Reise. Mindestens 16 Jahre alt müssen die Teilnehmer sein. Und von den begleitenden Lehrern wird erwartet, dass sie selbst zuvor schon wenigstens einmal  dort gewesen sind.  Bei der Vorbereitung der Reise können die Schulen im Übrigen durchaus auch auf die Erfahrungen von Organisationen wie etwa „Aktion Sühnezeichen“ (siehe unten „Info“) zurückgreifen.

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Roswitha und Erich Bethe

Diese Roswitha-und-Erich-Bethe-Stiftung ist ohne Zweifel eine der größten privaten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Bedeutend ist auch der Kreis der Freunde und Unterstützer. So findet man im Kuratorium zum Beispiel so unterschiedliche Charaktere wie den frühere Düsseldorfer Ministerpräsidenten und CDU-Politiker Jürgen Rüttgers ebenso wie den politisch gewiss eher links angesiedelte Kölner Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, der dann auch noch auf der Liste der Förderer auftaucht. Zusammen, übrigens, mit Namen wie dem des für sein soziales Eintreten bekannten Schuh-„Königs“ Heinz Deichmann sowie zahlreichen wohltätigen Organisationen.

Die Ziele der Stifter freilich sind weiter gesteckt – über das bisher Erreichte hinaus. Es bekümmert sie, dass auf der Zahlentabelle der Ausschwitz-Besucher die Deutschen nicht einmal unter den ersten 12 auftauchen. Briten oder Skandinavier sind sehr viel zahlreicher zu finden. Die Erklärung dafür ist vermutlich nicht von der Hand zu weisen, dass dies an der dortigen, sehr viel zielgerichteteren öffentlichen Förderung liegt. Sowohl in Großbritannien als auch in den nordeuropäischen Ländern existieren eine Art staatlich gestützter Treuhandschaften für Forschungsarbeiten an den Ursachen von Völkermord und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber auch zur Finanzierung von Jugendreisen an Mahn- und Gedenkorte wie eben Auschwitz. Erst jüngst versprach Londons Premierminister David Cameron dem „Holocaust Education Trust“ auch für die kommenden Jahre je 300 000  Pfund Unterstützung.

Bisher nur Nordrhein-Westfalen

In Deutschland ist bislang nur Nordrhein-Westfalen in diese Art des Unterrichtens und Erlebens von Geschichte sozusagen vor Ort engagiert. Zur Zeit verhandelt das Stifter-Ehepaar mit den Landesregierungen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. „Wir möchten“, sagt dazu Erich Bethe, „dass unsere Stiftung bundesweit tätig werden kann. Aber dazu brauchen wir die Behörden. Und wir möchten auch, dass unsere Stiftung bleibt, uns also überdauert“. Gibt es etwas, fragen wir, das den Wert des Geschaffenen oder die Zufriedenheit über das Erreichte beschreiben könnte? Erneut verweisen die Bethes auf den Erlebnisbericht des Schülers Fabian Felder nach der Rückkehr von Auschwitz. „Wenn man mich heute fragt,“ steht dort am Ende zu lesen, „ob ich als Deutscher keine Bedenken gehabt hätte, mich an diesen Ort zu begeben, so antworte ich stets: ´Ich müsste mir Gedanken machen, wenn ich Bedenken hätte´ “.

Gisbert Kuhn

 

Info:

Geschäftsstelle der Stiftung:

Heinrich-Heine-Universität

40204 Düsseldorf

Tel: 0211 81 158 54

e-mail: stiftung@uni-duesseldorf .de

Partner:

Centrum für Dialog und Gebet in Oswiecim (Auschwitz)

Internaionale Jugendbegegnungsstätte Oswiecim (Auschwitz)

Stätte der Begegnung – Institut für Bildung und Kommunikation

Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW e.V.

Aktion Sühnezeichen

Internationales Bildungs- und Begegbnungswerk (IBB) Dortmund

(Insbesondere die beiden letzten Institutionen können bei der Reisevorbereitung wertvolle Hilfe leisten).

Internet:

www.bethe-stiftung.de

www.erinnern-ermöglichen.de

mehr zu dem Thema:

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    Theoretischer Geschichteunterricht und Realität - drei Schulklassen aus Nordrhein-Westfalen erlebten (mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann) das größte KZ und Vernichtungslager der Nazis. Mehr als 1 Million Menschen wurden in Ausschwitz und Birkenau umgebracht.
    Tags: auschwitz, für, war, löhrmann, sylvia, width, caption, id="attachment, ort, so




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