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Viel Raum für den kleinen Baum

Dieter Voss mit einem Bonsai aus seiner Sammlung

„Auf Draht sein“ hat für Dieter Voss (75) besondere Bedeutung. Als Manager brachte er volle Leistung. Vor 17 Jahren dann die Rente, 2004 der Bonsai. Wir folgen ihm in sein Paradies.

Auf seinem geduldigen Bonsai-Weg drahtet und beschneidet er kleine Bäume. Dabei steigt er immer tiefer in die japanische Seele ein. Jahr für Jahr hat er mehr Ruhe und stärker sich selbst gefunden. Das ist die Kraft, aus der er seinen Lebensoptimismus schöpft. Es ist aber auch seine Kraft, den achtjährigen Weg zum Bonsai-Lehrer zu schaffen. Im Oktober 2012 hat er dieses Ziel mit viel Arbeit und Engagement erreicht. Seither ist der Bonner stolz auf sein Abschlusszeugnis der japanischen Hamanoschule in Düsseldorf.

Im herrlich gepflegten Garten des Reihen-Bungalows kann auch der Bonsai-Unkundige eintauchen in staunend gelassener Bewunderung für diese lebenden Kunstwerke. Bei den kleinen Bäumen versucht der gelernte Kaufmann die Natur zu optimieren und so das langsame pflanzliche Leben zu beeinflussen. Mitten in den 40 Exponaten das älteste Stück: Mit schon 100 Jahren auf der Krone kam die Lärche als Yamadori (ein aus der Natur entnommener Baum) aus den Schweizer Alpen. Dieter hat das verkrüppelte Nadelgewächs nach seinen Vorstellungen umgestaltet und ihm eine neue Vitalität zurückgegeben. „Darauf bin ich ein wenig stolz“, merkt der Japan-Begeisterte an. Heute ist der Yamadori streng nach den japanischen Bonsai-Regeln gestaltet. Und er wirkt durch sein Alter. Neben solch hohen ideellen Werten hat die Sammlung inzwischen auch schon einen nennenswerten materiellen Wert.

Angefangen hat Dieter als 58jähriger Rentner mit einem von seiner verstorbenen Frau 1995 geschenkten Bonsai (Ficus Benjamini). „Den habe ich versucht am Leben zu halten, ich habe ihn verwaltet“, schmunzelt er – auch ein wenig wehmütig -mit Blick auf seine Outdoor-Schätze. Das ist ein typischer Einstieg in die Gemeinde der Bonsaianer. Sie sind in Europa überwiegend so zwischen 30 und 40 Jahre alt, in Japan eher älter. In Deutschland sind 60 Prozent über 50 Jahre. Überwiegend sind es Männer, die sich mit diesem ästhetischen und meditativen Handwerk beschäftigen. „Frauen“, sagt der Bonsai-Experte, „bevorzugen eher blühende Exemplare wie beispielsweise die Azaleen.“

Schlüsselerlebnis in der Bonsai-Ausstellung in Tokio

Azalee (l) und Ahorn (r) sind zwischen 30 und 40 Jahre alt

Dieter führt mich mit strahlenden Blicken, ruhigen Gesten und erklärenden Sätzen durch seinen Bonsaigarten mit japanischen und einheimischen Bäumen. Jeder Baum hat seine Geschichte, jeder Bonsai seinen eigenen Charakter, eine besondere Aura. Hier geht es um Lebensadern. Aber in bestimmten Fällen darf auch das tote Holz „weiterleben“. Das geschieht dann, wenn gezeigt werden soll, wie Bäume trotz Wildverbiss, Schnee und Hagel überleben und so eine eigene Kunstform darstellen können.

„Niemals“, betont Dieter, „gibt es einen schnellen Erfolg. Vieles ist auf mindestens fünf bis zehn Jahre angelegt. Das ist auch das Problem von Ungeduldigen, die mit diesem Hobby schnell ruhig und gelassen werden wollen. Sie scheitern und sind nicht selten über das Hobby frustiert. Der Bonner Bonsaianer aber geriet nicht in diese Sackgasse, sondern baute sein Hobby stetig und geduldig aus. Für ihn gehören dazu auch Reisen nach Japan. Hier besuchte er schon mehrmals die KOKUFU-TEN in Tokio, eine der bedeutendsten Bonsai-Ausstellungen in Japan. „Als ich diese Ausstellung gesehen habe, wurde mir klar, dass ich bis dahin nur rumgebastelt habe. Das da in Japan war eine völlig andere Welt. Und damit war es um mich geschehen, auch wenn mir klar war, dass ich dieses Niveau nie erreichen würde.“

„Zunächst habe ich mir dann einen Bonsai gekauft, der über ein gewisses Entwicklungspotenzial verfügte“, schöpft der 75-Jährige aus seiner Erinnerung. „Das sind Bäume, die schon einen Charakter ausstrahlen. Wir versuchen, das seit Juli 2011 im Bonsai-Museum in Düsseldorf auch Laien zu vermitteln.“ In diesem (in Deutschland einmaligen) Museum wird sehr anschaulich gezeigt, wie sich ein Bonsai aus dem Samen nach vielen Jahren zu einem kleinen Baum mit Charakter entwickelt. „Das ist es auch, was mich immer wieder fasziniert: Einen Baum aus der Natur optimierend zu gestalten“, erklärt Dieter seine Leidenschaft. Düsseldorf ist so etwas wie die deutsche Bonsai-Heimat für Dieter. In der NRW-Hauptstadt mit dem größten Anteil japanischer Bürger hat er versucht, das erforderliche Experten-Wissen in der Bonsai-Werkstatt Werner M.Busch zu erwerben (www.bonsaiwerkstatt.de). Geholfen haben dabei auch viele Bonsai-Lehrer aus Japan.

 Glücksmomente vor der Tokonoma

Die Miniatur-Bäume brauchen ständige Pflege

Jetzt kommt Dieter so richtig ins Schwärmen: „Du empfindest Ruhe und du fühlst bei schönen Bäumen intensiv die absolute Schönheit. Wabi-Sabi nennt der Japaner dieses melancholische Empfinden. Gemeint ist ein Baum, der Alter und Würde ausstrahlt, der dir einfach ein Erleben mitgibt. Wenn du vor einer TOKONOMA (Schmucknische) stehst, in der ein alter Baum steht, dann beruhigt dich das. Das sind zweifelsfrei Glücksmomente.“

Aber Dieter warnt auch: „Am Anfang stehen Rückschläge, Misserfolge. Wenn du bereit bist, die wegzustecken, dann kann dieses Hobby dir innere Ruhe verschaffen und eben auch Geduld, die fast schon meditativ ist.“ Gestalten bedeutet für ihn, einen Idealbaum anzustreben. Hier trifft die frei wachsende Natur auf die vom Gestalter gesehene ideale Form. Mit Hilfe von Schneiden, Spannnen und Drahten (Aluminium und Kupfer) versuchst du diese ideale Form zu erreichen. Dazu gehört auch handwerkliches Geschick. Du must immer erkennen, was der Baum braucht. Allein das richtige Gießen eines Baumes erlernt man in Japan in drei Jahren.“ Obwohl Dieter großen Wert darauf legt, nicht von seinem Hobby aufgesaugt zu werden, vergeht kein Morgen, an dem er nicht durch seinen Garten geht. „Ich sehe mir jeden einzelnen Baum an, ob er in Ordnung ist. Es dürfen durch falsche Behandlung keine atypischen Bäume entstehen. Er muss entsprechend seinen Anlagen wachsen können.“

Und genau die richtige Mischung aus Beinflussen und Loslassen lehrt die Bonsai-Kunst. Dieter berichtet aus eigener Erfahrung, dass „dann der Weg nicht mehr weit ist, damit sich einem der meditative Teil erschließt.“ Der gebürtige Pommer (Stolp) hat in diesem Zusammenhang vor drei Jahren in einem zen-buddhistischen Kloster im japanischen Obama meditiert. „Man lernt dort, Gedanken wegzulassen, sich auf die Leere im Kopf zu konzentrieren. Das wird 14mal am Tag à 40 Minuten praktiziert. Morgens um vier ist der Beginn, abends um neun Uhr ist Ende. All diese Dinge erreicht man nicht auf Knopfdruck. Man braucht viel Geduld und auch eine gewisse Ehrfurcht vor der Natur.“

Meditation im zen-buddhistischen Kloster

Heute ist Dieter in der Düsseldorfer Arbeitsgruppe mit seinen gut sieben Lebensjahrzehnten einer der Ältesten. Der älteste Garten-Bonsai dagegen punktet mit 1000 Jahren. Dieter erinnert sich: „Den habe ich in Japan gesehen. Der ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Wuchskraft der Bäume erlischt ja irgendwann, genau wie beim Menschen. Dann sieht man sehr viel Totholz. Die ästhetischen Regeln, die man sich selbst gegeben hat, sind dann nicht mehr zu erfüllen. Aber auch dieser Baum hat eine Würde.“

In Backstein-Bungalow stoßen täglich zwei Hobby-Welten aufeinander. Doris, die Lebenspartnerin von Dieter, hat sich in ihrer Zeit als Rentnerin zu einer schon erfolgreichen Malerin entwickelt. Auch sie thematisiert häufig Natur. Kommen sie sich nicht mit den vielen Werken ins Gehege? „Das eine findet draußen statt, das andere drinnen“, lacht Dieter diese Frage aus seinem japanischen Garten. Würde er das Hobby nochmals wählen? „Eindeutig ja“ ist seine Antwort. „Ich habe ein Hobby, bei dem ich geistig beweglich sein muss und kann. Ich wollte feststellen ob ich im fortgeschrittenen Alter noch was lernen kann. Auch das kann ich mit Ja beantworten.“ Missionar aber möchte er nicht sein. „Bonsai ist das richtige Hobby, wenn du selbst drauf kommst“, gibt er mir beim Abschied mit auf den Weg. Sein hochgestreckter grüner Daumen unterstreicht seine Zufriedenheit.

 

Dieter Buchholtz

 

Adressen

Der Bonsai-Club Deutschland

e.V. (BCD), 2.000 Mitglieder, ist zu erreichen unter Geschäftsstelle: Duisburger Straße 83 B, 47166 Duisburg; Tel. 0203-518 0362; Fax 0203-518 0363. Internet: www.bonsai-club-deutschland.de.

 

Das Bonsai-Museum Düsseldorf

wurde am 02 Juli 2011 eröffnet (www.bonsai-museum.de): Hammer Dorfstraße 167, 40221 Düsseldorf; Tel. 0211-30 67 73, Fax 0211-398 54 73; E-Mail: info@bonsai-museum.de; Öffnungszeiten: Mo-Fr 14:30 – 18:30 Uhr, Sa 9:00 – 14:00 Uhr; Termine für Gruppen auf Anfrage.




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