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Umbauen für das Leben

18 Wohnprojekte für Senioren

Wohnen im Alter. Das treibt Betroffene um – so ab 65 Jahren. Das beschäftigt deshalb zunehmend Politiker, Kommunen, Produkthersteller. Und natürlich auch Architekten. Ihr Markt sind Wohnsituationen, die eine Kontinuität der unterschiedlichen Lebensformen sicherstellen. Denn 93 Prozent der 65plus-Generation leben in privaten Haushalten – also in ihrem gewohnten Umfeld. Einen Einblick in 18 Projekte weltweit gibt derzeit die Bonner Ausstellung „Netzwerk Wohnen – Architektur für Generationen“. Mit dieser Auswahl ist das Frankfurter Deutsche Architekturmuseum (DAM) im Bonner Wissenschaftszentrum zu Gast.

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Dr. Annette Becker eröffnet in Bonn die Ausstellung “Netzwerk Wohnen – Architektur für Generationen”.
Foto: Dieter Buchholtz

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Jeannette Steccanella, eine der vier «Solinsieme»-Gründungsfrauen in ihrer Wohnung in St. Gallen

Beim Eröffnungsvortrag am 26. September überschrieb Dr. Annette Becker (DAM) die Präsentation mit dem Hinweis, dass man auch für die älter werdenden Menschen auf der „Suche nach exzellenter Architektur“ sei. Die Exposition dokumentiert jedes vorgestellte Projekt durch unterschiedliche Fotos, ergänzt durch ausführliche Texte. Vorgestellt werden Beispiele für betreutes, begleitendes, integriertes, individuelles oder auch Service-Wohnen. Darunter eine Seniorengemeinschaft in Wien, individuelle Wohngruppen in einem Seniorenzentrum in Dänemark, eine Wohnanlage in Bad Tölz (in Verbindung mit einem Hotel) oder eine aufwändige Seniorenvilla in Japan. Es findet sich dort auch die „Wohnfabrik“ mit Kleinwohnungen in einer ehemaligen St. Gallener Stickerei. Allen gemeinsam sind fließend ineinander übergehende Wohneinheiten auf gleichem Niveau, also ohne hinderliche Barrieren. Allen eigen sind eine gewisse flexible Großzügigkeit und immer wieder unterschiedliche Lösungen, den Kontakt zur Natur nicht zu verlieren (Terrassen, Freiflächen, Loggien, Wintergärten).

Ein liebenswertes Musterbeispiel in Backstein: Tiedoli

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Wohnen auf dem Dorf in Le Case di Tiedoli.
(Bild: DAM / Wolfgang Krammer, Wien)

Nicht zufällig ist wohl das Rednerpult für DAM-Kuratorin Becker vor einem wohltuend anziehenden Backstein-Wohnprojekt platziert. Das großformatige Bild zeigt das Ergebnis einer gelungenen Wandlung im abgelegenen italienischen Dorf Tiedoli. Becker spricht in ihrer Einführung denn auch vom „Lieblingsprojekt in Frankfurt“. Dieser kleine Dorfflecken in der norditalienischen Emilia-Romagna ist so etwas wie ein Wunder der Revitalisierung einer dörflichen Gesellschaft. Der Ort war eigentlich vom Aussterben bedroht. Nur noch dreißig zumeist alte Leute lebten hier noch. Die meisten Bewohner waren bis zu den dreißiger Jahren des letzen Jahrhunderts ausgewandert. Erst 1998 startet der Politiker Mario Tommasini in Tiedoli ein innovatives Altenprojekt (Laboratorio Anziani). Er wollte die Alten im wörtlichen Sinne wieder in die Mitte des Dorfes rücken. Er hatte aber auch den Blick dafür, dass sich hier über lange Zeit trotz alledem ein Gemeinschaftsgefühl mit den Kindern und Kindeskindern erhalten hatte. Und das außerdem wachsende bürgerliche Engagement führte gerade die „jungen Alten“ der 50- bis 60-Jährigen in das Dorf zurück. Sie betreuen die Ehrenämter, halten Traditionen und traditionelle Feste hoch. Über die heute immerhin knapp 120 Einwohner in Tiedoli lässt sich ablesen, wie wichtig Nachbarschaftshilfe, bürgerschaftliches Engagement und natürlich innovative Wohnkonzepte für das Altern in der eigenen Umgebung sind. In diesem Kontext entstand dann auch 2003/2011 das „Le Case di Tiedoli“. In diesen Apartments können die Alten wohnen, die sich nicht mehr komplett selbst versorgen können. Eine Pflegekraft steht in den drei vom Architekten Antonio Pellegrini renovierten Reihenhäusern zur Verfügung.

Unspektakulär, aber anregend: Modifizierte Wohnformen

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In der Stadt: Genossenschaftliche Wohnanlage “Drei Höfe” in München von bogevischs buero architekten & stadtplaner (Bild: DAM/ Jens Masmann, München)

Die Bonner Ausstellung ist eine Dokumentation zur Suche nach modifizierten Wohnformen in der vollen Bandbreite der materiellen Wirklichkeit hauptsächlich europäischer Wohn- und Lebenssituationen. Es findet sich die einfache auch für Arme finanzierbare Wohnform in Tiedoli, aber auch die Villa am Meer für ein allein lebendes Ehepaar in Japan. In dieser im Auftritt völlig unspektakulären Exposition einen repräsentativen Querschnitt aller brauchbaren Wohnformen zu suchen, hieße das Ausstellungkonzept zu überfordern. Hier werden Anstöße gegeben. Denn Tiedoli kann locker in die Eifel oder andere deutsche Dörfer übertragen werden, die vom Aussterben bedroht oder schon betroffen sind. Und wenn in Bonn für Senioren ein Kloster um- und angebaut wird, dann zeigt das, was alles in dieser Umbruchzeit möglich ist. Die Botschaft dieser klein- und großformatigen Fotos mit den ergänzenden Texten könnte lauten: Weg mit den Barrieren in den Köpfen und nieder mit den Barrieren beim Bauen von Wohnungen und Häuser. Es ist ein Aufruf nicht allein für die Alten, sondern für alle Generationen.

Dieter Buchholtz

Info

In Bonn ist die Ausstellung bis 7. November 2013 zu sehen:

Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
Wissenschaftszentrum Bonn
Ahrstraße 45
53175 Bonn-Bad Godesberg
www.wzbonn.de

Die Geschichte des Pilotprojekts Tiedoli ist ausführlich beschrieben in:

Dorette Deutsch, Schöne Aussichten fürs Alter. Wie ein italienisches Dorf unser Leben verändern kann. Serie Piper 2007.

 




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