Konzert in einem Gottesdienst in den USA ©edward-cisneros-unsplash

Denkt man an christliche Werte, dann ist dort kein Platz für die Sprache und das Verhalten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Er redet über „Dreckslochländer“ und hatte verschiedene außereheliche Affären. Um Vergebung gebeten hat er nach eigenem Bekunden nie, stattdessen Mexikaner als Vergewaltiger und Mörder bezeichnet, Nigerianern geraten in „ihre Hütten zu verschwinden“, sowie ein Einreiseverbot für Muslime verhängt. Kurzum, in seiner Ideologie und Verachtung für die Schwachen steckt mehr Nietzsche als Christus.

Umso überraschender ist die loyale Gefolgschaft, die Trump unter religiös Konservativen genießt. Über 80 Prozent der weißen evangelikalen Stimmen brachten ihm 2016 die Präsidentschaft. Das ist eine höhere Zustimmung als sie Ronald Reagan oder George W. Bush zu Teil wurde, der sich offen als geläuterter Christ bekannte. Und viel spricht dafür, dass sich daran nichts ändern wird. Denn Trump setzt seine Wahlversprechen um, predigt ein nationalistisch-alttestamentliches Gottesbild und hat Unterstützter bei den religiösen Rechten, denen jedes Mittel recht und kein Skandal zu groß ist, solange sie bekommen, was sie wollen: Schutz und Macht, in einem Amerika, das keinen Raum für „das Andere“ hat.

Trumps persönliche Fehler und Ausfälle werden toleriert, ihm wird vergeben wie auch Gott seinen Sündern vergibt.

Trotzdem sehen führende Evangelikale in Trump ihren „Traumpräsidenten“. Im Austausch gegen Zugang ins Weiße Hause stehen sie hinter ihm, wenn er sie am meisten braucht. „Die Story über russisches Hacking ist Nonsens“, verkündet die Vorsitzende des evangelikalen Beraterstabs der US-Regierung Paula White. Die Stigmatisierung von Migranten „im Vokabular unbedarft, im Kern plausibel“, resümiert Radiohost Robert Jeffress, der mit seinem Programm auf die Meinung von Millionen gläubiger Amerikaner einwirkt. Ivanka Trump und Jared Kushner als „moderne Inkarnation von Maria und Josef“, vom Gott berufen um der Christenheit zu helfen, prophezeit Kirchenführer und New York Times-Bestsellerautor David Jeremiah. Selbst Trumps Parteinahme für Roy Moore wurde gebilligt, für einen Senatskandidaten, dem wiederholtes sexuelles Fehlverhalten angelastet wird. Trumps persönliche Fehler und Ausfälle werden toleriert, ihm wird vergeben wie auch Gott seinen Sündern vergibt.

Besonders Pastor Franklin Graham hat sich dabei hervorgetan. Indem er Trump in eine Linie mit dem persischen Herrscher Kyros (Jes 44,28 u. 45) setzt, der die Juden von den Babyloniern befreite, macht er aus ihm eine messianische Heilsfigur, die für Evangelikale ein goldenes Zeitalter einläutet. Seine Anhänger werden von der dominanten liberalen Hegemonie erlöst. Amerika kann wieder es selbst sein, freie Ausübung und Interpretation von Religion inklusive. Doch wenn Trump der Erlöser ist, dann wird Hillary Clinton zur Verkörperung der Hure Babylon. „Legen wir den Sumpf trocken“ und „sperrt sie ein“ waren daher mehr als stumpfe Hassrede, sondern religiöse Schlachtrufe, die Kirchenlieder der Geknechteten.

Durch Trump soll eine neue Zeitrechnung beginnen. Das Land wird seinen rechtmäßigen Bewohnern zurückgegeben und entfesselt – die Indianer sind damit nicht gemeint.

In den Vereinigten Staaten gibt es 62 Millionen Evangelikale. Das ist ein Anteil von 25 Prozent an der Gesamtbevölkerung und macht sie zur größten Glaubensgruppe des Landes, noch vor Katholiken (22 Prozent) und moderaten Protestanten (15 Prozent). Zentral für sie ist eine enge Auslegung der Heiligen Schrift, die Zentralität des Versöhnungswerkes Christi, die Erfahrung einer persönlichen Bekehrung und der aktive Einsatz für die Verbreitung des Evangeliums. Früher noch eine progressive Bewegung, die sich gegen die Sklaverei und für Gefängnisreformen einsetzte; haben sie sich in den letzten Jahrzehnten zu einer reaktiven Gruppierung gewandelt, die sich getrieben, vereinnahmt und ohne Gehör wähnt.

Für sie bläst das liberale Amerika zur Attacke. Das Recht auf Abtreibung wird so synonym zum Tod von Millionen unschuldiger Kinder, das Gebetsverbot an öffentlichen Schulen zum Eingriff in die elterliche Erziehung, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe zur Einmischung in die Religionsfreiheit, und der Verlust von steuerrechtlichen Vorteilen für Beratungsstellen für Schwangere, die nicht auf die Option des Abbruchs verweisen, zur Repression. Ein konstanter Belagerungszustand wird erlebt, aus dem es nur einen Ausweg gibt: Entweder Kapitulation oder Widerstand um jeden Preis. Mit Trump haben sie sich für letzteres entschieden.

Der Allmächtige liebt die Reichen und Starken, das ist sozialdarwinistischer Kapitalismus in Reinform.

Und der Mann im Weißen Haus? Der sieht sich als „großartigster Präsident, den Gott jemals geschaffen hat“, als Fürsprecher und Befreier der Evangelikalen. Die Religion erklärt er zum „Fundament des Gemeinwesens“, die USA zur „Nation der Gläubigen“, gesegnet und auserkoren, Großartiges zu bewirken, zuerst für sich selbst, danach für andere. Durch Trump soll eine neue Zeitrechnung beginnen. Das Land wird seinen rechtmäßigen Bewohnern zurückgegeben und entfesselt – die Indianer sind damit nicht gemeint. Bei alldem ist sein Gott ein nationaler, der sich um die wahren Amerikaner kümmert, um Trumps Unterstützer. Bezüge zur Bergpredigt Jesu und Nächstenliebe finden sich bei ihm kaum. Es ist Rückeroberungszeit.

Doch der Präsident liefert nicht nur rhetorisch. Er nominiert konservative Richter und beeinflusst damit Amerikas Rechtsprechung auf Jahrzehnte. Bei seiner Inauguration sprachen Glaubensvertreter, Muslime waren nicht unter ihnen. Schutzmaßnahmen für Gesundheitsdienste, die religiöse Vorbehalte gegenüber der Abtreibung haben, wurden verabschiedet. Organisationen, die sie im Ausland anbieten, verloren staatliche Zuschüsse. Zudem hat er Gremien eingerichtet, welche die Rechte von Angestellten garantieren sollen, die keine Verhütungsmittel verschreiben wollen. Schließlich gehören seiner Regierung mit Mike Pence und Mike Pompeo Personen an, die sich wahlweise negativ gegenüber Homosexuellen äußerten oder muslimischen Geistlichen „implizite Komplizenschaft“ bei den Bostoner Anschlägen von 2013 vorwarfen.

Trump ist konsistent. Seine Invokation christlicher Religion ist Identitätspolitik par Excellence und funktioniert über die Abgrenzung und Herabstufung anderer. Häufig ist das in Gesellschaften zu finden, die nach Selbstvergewisserung suchen. Seine Religionsbild reiht sich ein. Geformt vom New Yorker Pastor Norman Peale und seinem Buch „Die Macht des positiven Denkens“ (1952), werden Reichtum und Erfolg als sichtbare Beweise für Gottes Gunst betrachtet. Dieser gewährt denen Wohlstand, die auserwählt sind oder sich verdient machen, zum Beispiel mit Geldgeschenken an kirchliche Träger. Wer also glaubt und gibt, der wird erhört, dessen Wünsche werden wahr. Wer gewinnt, hinter dem steht Gott.

Der Allmächtige liebt die Reichen und Starken, das ist sozialdarwinistischer Kapitalismus in Reinform. Und trifft in den durch kleine und große Kirchen durchzogenen USA auf nährreichen Boden. Die Folge ist ein pluralisiertes und individualisiertes Glaubensangebot, das für jeden religiösen Kunden ein auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Bekenntnis bereithält. Am Ende steht nicht bloß eine marktgetriebene Religion, sondern ein marktgetriebener Zugang zur Wahrheit.

Viele amerikanische Christen sind mit Trump einen faustischen Pakt eingegangen. Sie haben ihre Seele verkauft, sich auf Gedeih und Verderb einem Sektierer ausgeliefert: Aus Angst, der Macht willen, zum Schutz der eigenen Identität, vor allem aber zu Lasten des Anderen. „Heilige Maria, Jesus und Joseph“, klagt der berühmte amerikanische Rapper Kendrick Lamar auf seinem Album „Damn“. „Die großartige amerikanische Flagge“, „eingehüllt in Sprengstoff“, „ein Land mit verbarrikadierten Häuserblocks und Grenzen“ und „Donald Trump im Amt“. „Ist Amerika mit sich ehrlich, oder sonnt es sich in Sünde?“, fragt der Rapper. Doch keine Krise ist ohne Hoffnung. Amen.

Tobias Fella ist Projektmanager an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor war er als Referent in der Internationalen Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung tätig. Er forscht an der Humboldt Universität in Berlin zur Debatte über den Niedergang der Vereinigten Staaten von Amerika.