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Entenhausen liegt in Hagen

 

Hagen: Tor zum Sauerland. So ist die Stadt landläufig bekannt. So wirbt sie für sich. Hagen ist aber auch Entenhausen – oder: Entenhausen liegt in Hagen. Das istJPG_6233 nicht allgemein bekannt. Dort, zwischen Sauerland und Ruhrgebiet liegt ein Kleinod: Heim und Werkstatt für den 2 CV. Die Ente. Genauer gesagt: hier werden rund 20 Enten in den unterschiedlichsten Roh- und Bearbeitungszuständen gehütet. Das ist die Domäne von Herbert Schmahl, Architekt. „Die zweitgößte Liebe meines Lebens“, sagt er ganz einfach dazu. Was die größte Liebe seines Lebens dazu sagt, kommt bei dem Besuch später noch zur Sprache.

Zweitgrößte Liebe meines Lebens
Im Hagener Entenhausen stehen oder lagern Enten und ungezählte Fahrzeugteile aus den Baujahren von 1950 bis 1990. Manche müssen von Grund auf neu aufgebaut werden. Einige Teile können bei Spezialbetrieben im Elsass oder sogar in Argentinien bezogen werden. Manche, insbesondere Karosserieteile, aber muss Herbert Schmahl in Handarbeit selber fertigen. Doch das tut er mit Hingabe. Zeit spielt für ihn dabei keine Rolle. Die intensive Beschäftigung mit dem Material und die Perfektion des Arbeitsergebnisses haben für ihn absolute Priorität. Ziel des Enten-Enthusiasten für seine Restaurationsobjekte ist nicht das blitzende, das hochglanzpolierte Fahrzeug. Er strebt ein Ergebnis an, das technisch zwar perfekt sein muss. Jedoch soll für ihn die wiederhergestellte Ente Patina aufweisen, soll erkennen lassen, dass hier nicht ein Quasi-Neufahrzeug präsentiert wird, sondern eines, das in den Jahrzehnten in Würde gealtert oder besser: gereift ist; das die Nutzung der verstrichenen Jahrzehnte nicht verbirgt.

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Herbert Schmahl in seiner Werkstatt

Auf die Ente gekommen
Begonnen hat für den Hagener Architekten alles mit einem Käfer. Der war auch bei ihm das erste eigene Auto. Wie bei so vielen der Generation 50 plus. Doch knappes Studentensalär und das Bestreben, möglichst alle anfallenden Reparaturen selber ausführen zu können, ließen den Architekturstudenten Anfang der 70er Jahre nach einem noch einfacheren Fahrzeug suchen. Noch günstigerer Kraftstoffverbrauch, noch bessere Reparaturzugänglichkeit und noch größerer Nutzwert waren die Suchkriterien. Und so kam Herbert Schmahl auf die Ente. Da war der für damalige Zeit sehr günstige Kraftstoffverbrauch um die 6 Liter auf 100 Kilometer. Da war das herrlich große Sonnenverdeck mit dem sich im Sommer Cabrio-Feeling herstellen ließ. Und da waren, im Gegensatz zum Käfer, vier Türen! „Herrlich, die einfache Technik“, sagt der Entenliebhaber aus Hagen. „Du kannst fast alles mit dem Schraubenschlüssel machen. Der reicht“.

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Jung-Herbert mit seiner ersten Ente

Zunächst die Vernunft
Doch zwischen der ersten Ente und der heutigen Versammlung im Entendomizil vergingen zunächst Jahre notwendigen Fremdfahrens. Heirat, Familiengründung, Kinder, Aufbau des eigenen Architekturbüros forderten in den 80er und 90er Jahren zunächst Tribut in Form von familientauglichen und geschäftstüchtigen Alltagsfahrzeugen. Zuverlässigkeit und Vernunft führten Regie mit Golf GTD, Passat-Kombi, T4-Multivan und, nicht zu vergessen: „Der Architekt als solcher hatte klassischerweise DS, `die Göttliche´ und dann den CX von Citroen zu fahren“, zwinkert Herbert Schmahl. Aber die Entenliebe schlummerte währenddessen nur. „Die Ente war immer in meinem Kopf“ . Dann, 1998 passierte es: der T4 war in die Jahre gekommen und sollte verkauft werden. Auf dem Gelände eines Händlers stand sie da, die Ente. Vereinsamt. Ihr hatte ganz offensichtlich die Zuwendung des Vorbesitzers gefehlt. Ein Erbarmungsreflex – und die Ente war gekauft, als Zweitfahrzeug. In der privaten Hausgarage wurde sie dann Schritt für Schritt, Jahr um Jahr aufgepäppelt.
„Am Ende war sie so schön, dass ich sie gar nicht mehr nutzen, geschweige denn verkaufen wollte“, sagt der Entenhüter. Das geschah dann einige Jahre später doch. Es sollte sein einziger Verkauf bleiben.

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Blick in die heutige „Werkhalle“

Enthusiasmus bricht sich Bahn
Bei der Durchführung eines Bauauftrages im Jahre 2004 entdeckte der Architekt dann in einem verborgenen Hof eine brachliegende Werkhalle. Ein recht heruntergekommener Industriebau für Metallverarbeitung  aus der Zeit der 1900er Jahrhundertwende, doch mit morbidem Charme, den Herbert Schmahl so liebt. Da war die Idee auch schon geboren: er erwarb die Halle und begann mit ihrer schrittweisen, sorgsamen und authentischen Wiederherstellung auch bis in das kleinste Detail. Über vier Jahre, von 2005 bis 2009 erstreckten sich die Arbeiten. Währenddessen, auf seinen zahlreichen Frankreichurlauben mit Ehefrau und mit gleichermaßen Oldtimer begeisterten Freunden, wie er selber, entdeckte er Jahr um Jahr Ente um Ente. Auf Höfen, in Schuppen und Scheunen. Der Deutsche vermochte es, mit seinem Enthusiasmus die Fahrzeuge von den französischen Besitzern loszueisen. Und am Ende waren die Franzosen hellauf begeistert von der Begeisterung des Deutschen an ihren fahruntüchtigen verblichenen französischen Schätzen, umso mehr, wenn der Architekt mit seiner Lieblingsente vorgefahren kam. So kam 2CV  für 2CV nach Hagen, zumeist in einem für die erleichterten Vorbesitzer vermeintlich hoffnungslosem Zustand.

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In Marmeladegläser und Kistchen, überall lagern Ersatzteile

Entenhausen: ein Gesamtkonzept
Ob neu- und einzelangefertigte Hallenfenster mit weißlakierten Stahlsprossen á la 1900. Vom Grauputz befreite Rotziegelwände. In Eigenarbeit erstellte Werkbänke passgenau für die Wiederherstellung oder Eigenfertigung von Karosserie- und Chassis-Teilen, die sonst nicht mehr erhältlich sind. Und für die Motoren mit´12 bis 29 PS Leistung, je nach Alter und Baujahr. Hunderte von Marmeladengläsern (vorzugsweise Marke „Bonne Maman“) unter regelmäßig angebrachten Regalbrettern fest montiert zur akkribischen Vorratslagerung ebenso vieler verschiedener Schrauben, Klemmen und sonstiger Kleinteile für die Restaurierung der Oldtimer. Ein vormaliger Aufenthaltsraum, jetzt mit rustikaler Möblierung, Holzdielen, restaurierter Jukebox und Zigarettenautomat („Nicht gleich in die Luft gehen – greife lieber zur HB“) von Anfang der 60er Jahre, nun als Partyraum, Nostalgie weckend, nutzbar. Alles in jahrelanger Eigenarbeit und mit Hilfe von Freunden gemacht. Doch für den Zustand des Gebäudes gilt das gleiche, wie für die Enten: alles soll gut bereitet sein. Doch der morbide Charme des Vergänglichen tritt zu Tage. Und alles umgeben und gefüllt mit den unterschiedlichen 2CV-Modellen aus den Jahren 1950 bis 1990, zerlegt, im Aufbau begriffen oder weitgehend fertiggestellt. Der Ort samt seinem „Inhalt“: ein Gesamtkonzept.  So ganz fertigstellen will der Entenrestaurator die Fahrzeuge eigentlich nicht. „Am liebsten habe ich es, wenn auch bei den fast Fertigen immer doch noch etwas zu tun ist. Dann gerate ich nicht in Versuchung eine von meinen 2CVs zu verkaufen, wenn mich Interessenten bedrängen“, sagt Herbert.

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Herbert mit seiner Lieblingsente

„Zeit für die eigenen Dinge“
Und die erste 2CV nach Herberts Einstieg in Entenhausen?  Sie ist sein Lieblingsgefährt. Bis heute. Und in jedem Fall: unverkäuflich. Komme, was da wolle. Bewährt auf zahlreichen Touren durch Frankreich oder zu den internationalen Ententreffen mit 2000 bis zu 7000 der 2CV überall in Europa. Das ganze Gefährt ist über und über versehen mit silbernen Punkten. Mit bau-mathematischen Berechnungen ermittelt dürften es um die 250.000 Punkte sein, so der Architekt. Alles von ihm persönlich Punkt für Punkt in Jahren „gepunktet“. Und das kam so:
In den Entenurlauben mit Frau und Freunden sei er anfangs von den strickbegeisterten Frauen beim Aufwickeln der Wolle zu Knäueln als Wollhalter zwangsverpflichtet worden. Bis es ihm eines Tages reichte. Da quittierte er den Hilfsdienst mit der Bemerkung, dass er, statt auf dem Stuhl mit vorgestreckten Armen zu schmachten, da sinnvoller seine Ente mit Punkten bedecken könne. Und so geschah es.
Vom Besucher befragt, was die Ehefrau denn von der extensiven Liebhaberei ihres Mannes halte, wenn er so oft und lange im Entenheim verbringe, auch abends nicht selten erst spät nach Hause komme, antwortet Eva Schmahl, ebenfalls Architektin: „Das gibt mir Zeit für die eigenen Dinge“.

Dietrich Kantel

Die ganze Fotostrecke „Entenhausen“ finden Sie hier!

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