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Jogging-Point

An Bord als Ferienmatrose

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Die „Rudolf-Thea“ transportiert nicht nur feste Massengüter wie Kohle, auch als Freizeitmatrose kann man mitfahren. © P.H. Kramp, U. Kramp

 

Die Reise war ein Geschenk von Frau und Tochter zum 60. Geburtstag, und sie war ein Herzenswunsch von Jean-Paul, den er seit Kindheitstagen verspürte. Vom Balkon seines Elternhauses in Grevenmacher beobachtete er, gerade acht Jahre alt, den Bau der riesigen Mosel-Staustufe. Ein gewaltiger Eingriff, der das beschauliche Tal völlig veränderte. Schon bald verfolgte er, wie die großen Lastkähne – beladen mit Kohle oder Erzen – im Schleusenbecken hochstiegen und absanken, um ihre Last weiter zu transportieren Richtung Frankreich oder Rheintal. „Wer das so hautnah erlebt hat, den begeistert alles, was mit Schiffen zu tun hat“, sagt Jean-Paul heute. Und so entwickelte sich sein Wunschtraum, einmal als Freizeitmatrose auf einem Binnenfrachtschiff mitzufahren.

 Heute lebt er in Neuss am Rhein, ist dort seit über 30 Jahren verheiratet und lehrt an einem Gymnasium Geschichte und Französisch. Auf der Terrasse seines Hauses, nur hundert Meter hinter dem hohen Deich, hört Jean-Paul das Brummen der Schiffsdiesel, wenn der Wind von Osten weht. Jetzt sollte aus seinem Traum endlich Realität werden. Also nahm seine Frau Kontakt auf zu einer Agentur, die Mitfahrten auf Binnenschiffen vermittelt. So ein nicht alltäglicher Bootsurlaub will lange geplant sein, denn auf dem Rhein gibt es nur eine Handvoll Frachtschiffe, die sich gelegentlich Passagieren öffnen. Gerade rechtzeitig kam der ersehnte Anruf von Kapitän Rolf Kiepe, der sich korrekt „Schiffsführer“ nennt. Denn Kapitäne gibt es nur auf Seeschiffen. Er vereinbart mit Jean-Paul einen Termin an der Bunkerstation in Millingen, kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Von hier könne er bis Kehl mitfahren.

Phantastischer Rundumblick

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Schiffsführer Rolf bei der Arbeit: Das Steuerhaus erinnert eher an einen Büroraum. © P.H. Kramp, U. Kramp

Um 14 Uhr legt die „Rudolf -Thea“ in Millingen ab, beladen mit 2000 Tonnen Kohle, die für Duisburg bestimmt sind. Schiffsführer Rolf, natürlich duzt man sich von Anfang an, zeigt dem Fahrgast erst einmal die Wohnung. Alles neu und modern, ein Wohn- und Schlafraum mit Küchenzeile, kleiner Flur, separate Dusche und WC. Soviel Komfort hatte Jean-Paul nicht erwartet. Später wird er von Barbara, der Frau des Schiffsführers, mit Kaffee und Kuchen im Steuerhaus begrüßt. Rolf sitzt derweil in seinem großen Cockpit-Sessel, umgeben von zahlreichen Instrumenten, Bildschirmen und Anzeigen für Tiefgang, Geschwindigkeit oder Ruderstellung. Der Rundumblick ist phänomenal. Die ganze Innenausstattung erinnert eher an einen Büroraum mit Schreibtisch und Computer. Von der alten Dampfschiffromantik mit Lärm, Ruß und einem riesigen Holzsteuerrad ist nichts übrig geblieben. Das Schiff schiebt sich gemächlich zu Berg, vorbei an Emmerich und Rees. Es ist, im Übrigen, nicht das einzige, das überseeische Importkohle geladen hat. Bald wird die „Rudolf -Thea“ im Werkshafen der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann in Duisburg festmachen; dort wird die Kohle in  Hochöfen verfeuert.

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Bis tief in die Nacht dauert es, bis das Schiff entladen ist. © P.H. Kramp, U. Kramp

Das Löschen der Ladung zieht sich über mehrere Stunden hin. Jean-Paul ist beeindruckt von der Geschicklichkeit, mit der ein Kranführer sein tonnenschweres Gerät bedient. Der Greifer senkt sich immer tiefer in den Laderaum, der ganze Pott vibriert. Es ist schon dunkel, als eine Kehrmaschine herabgelassen wird, die den beiden Matrosen hilft, die letzten Reste von Kohlenstaub zu beseitigen. Gegen 23 Uhr ist der Laderaum fast besenrein. Jean-Paul hat die Zwischenzeit genutzt, um den Kahn einmal zu inspizieren und die Frau des Schiffsführers in ein Fachgespräch verwickelt. Schiffstechnik fasziniert ihn. Der Rumpf der „Rudolf -Thea“ wurde 2009 in China gebaut, und entsprechend den Wünschen der Eigner übernahm eine deutsche Werft den Endausbau. Mit 110 Meter Länge ist sie auch für Schleusen der Rhein-Nebenflüsse  zugelassen. Die Breite beträgt 11,45 Meter, ihr Tiefgang maximal 3,65 Meter. Angetrieben wird das Frachtschiff von einem 1700 PS Mitsubishi Diesel, der bei Bergfahrt und voller Beladung 150 Liter Öl je Stunde schluckt. Bei Talfahrt sind es nur 40 Liter. 50.000 Liter Diesel und 20.000 Liter Frischwasser können gebunkert werden. Gewaltig ist mit 1,75 Metern auch der Durchmesser der Schiffsschraube,  das Bugstrahlruder misst 1,20 Meter. Barbara erklärt, wie sie und ihr Mann anhand der prognostizierten Wasserstände die Menge der neuen Ladung ausrechnen. Ein Zentimeter mehr an Tiefgang bedeutet immerhin zehn Tonnen mehr Zuladung. Und das heißt für eine ganz normale Tagesstrecke zirka 150 Euro zusätzlich in der Betriebskasse. Ermittelt anhand der Wasserverdrängung, muss jede Transport-Tonnage von einem Eichmeister vor Fahrtantritt bestätigt werden. Natürlich versuchen die „Schipper“ aus Kostengründen, längere Leerfahrten zu vermeiden. Familie Kiepe ist das auch diesmal gelungen. Schon am nächsten Nachmittag fährt die „Rudolf-Thea“ los, wenige Kilometer über den Rhein in das Hafenbecken des riesigen Krupp-Stahlwerks in Rheinhausen. Hier schaufelt ein Bagger 1.300 Tonnen Eisenoxid in den Laderaum.  Die rostige Fracht ist bei Binnenschiffern nicht gerade begehrt, sie staubt erheblich. Das auch  „Hammerschlag“ genannte Material wird als Zusatzstoff für die Zementproduktion gebraucht.

Extrawünsche werden erfüllt

 Jean-Paul möchte  endlich wieder fahren, das Brummen der Maschine hören. Aber der Ladevorgang dauert bis 21 Uhr, dann werden die großen Luken verschlossen. Am nächsten Morgen um 5 Uhr verlässt die „Rudolf-Thea“ den Hafen und macht sich auf den langen Weg rheinaufwärts. In der Morgendämmerung wird das Bayerwerk in Krefeld –Uerdingen passiert, danach an Düsseldorf, hinter dessen  Stadtpanorama die Sonne aufgeht. Als Jean-Paul die Erftmündung in Neuss mit dem kleinen Sporthafen erkennt, ruft er per Handy zu Hause an, um seine Vorbeifahrt anzukündigen. Wenig später stehen Frau und Tochter auf dem Deich und  fotografieren, wie ein begeisterter Freizeitmatrose vom Schiffsbug herüberwinkt. Rolf hat die Motorkraft gedrosselt, solche Extrawünsche seiner Gäste erfüllt er gern.

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Eindrucksvolle Kulisse für Freizeitmatrosen: die neuen „Kranhäuser“ am Kölner Rheinufer. © P.H. Kramp, U. Kramp

Als die „Rudolf -Thea“ an Köln vorbeikommt, wird die Kulisse von Dom und Hohenzollernbrücke von der Sonne herrlich ausgeleuchtet. Jean-Paul ist froh, dass man gegen die Strömung fährt. So bleibt mehr Zeit, all die Sehenswürdigkeiten von ungewohnter Warte aus auf sich wirken zu lassen und Fotos zu machen. Wenig später erhebt sich hinter Bonn an Backbord das Siebengebirge; spätestens jetzt beginnt die wahre Rheinromanik. In Sichtweite der Türme der ehemaligen Eisenbahnbrücke von Remagen stoppt Schiffsführer Rolf die Maschine und lässt die Anker fallen. Durch Mark und Bein geht das Geräusch der Ketten. Das schwere Schiff treibt ein kurzes Stück zurück, dann greifen sanft die Anker, graben sich in den Boden ein, und das schwerfällige Ungetüm kommt in Ufernähe zum Stillstand. An diesem Tag haben sie richtig Strecke gemacht, obwohl es „nur“ 140 Kilometer waren.

Mit Radar durch den Nebel

 Es ist kurz nach fünf, Uhr morgens, als die beiden Matrosen die Anker lichten. Weil Nebelfelder die Sicht behindern, mit Radar wird die „Rudolf -Thea“ sicher Richtung Koblenz gesteuert. Als am Zusammenfluss von Rhein und Mosel  das „Deutsche Eck“ auftaucht, ist der Nebel verflogen. Vom Ufer grüßt die Reiterstatue Kaiser Wilhelms I. Während Jean-Paul eifrig Fotos macht, kümmert sich Schiffsführer Rolf um die nächste Ladung. Seine Frau hat derweil „das Kommando“ übernommen. Steigt der Rhein oder fällt er? Höhere Wasserstände bedeuten mehr Ladung, und die gibt es am Oberrhein reichlich. Rolf telefoniert eifrig, denn die Frachtpreise müssen stimmen. Ein Schiff ohne Fracht verursacht nur Kosten.

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Ein unvergleichliches Panorama bietet das obere Mittelrheintal, als Weltnaturerbe von der UNESCO eingestuft. © P.H. Kramp, U. Kramp

Braubach mit der eindrucksvollen Maxburg und Boppard mit seiner eleganten Promenade ziehen vorbei, die Campingplätze am Ufer sind bis auf den letzten Platz gefüllt, das Tal verengt sich, die Felsen werden steiler. Zwischen Rheinkilometer 540 bis 580 fährt man „im Gebirge“, wie die Binnenschiffer sagen. Hier ist die Fahrrinne deutlich schmäler, aber auch flacher, vor allem weist der Fluss ein starkes Gefälle und gefährliche Felsen auf. Während ein Schiff in den Niederlanden 11,5 Kilometer benötigt, um einen Meter Höhe zu gewinnen, reichen zwischen St. Goar und Bingen nur 2,4 Kilometer für diesen Anstieg. Dadurch nimmt die Strömungsgeschwindigkeit zu, Rolf muss mit mehr Motorleistung durch die engen Schleifen steuern. Aus Sicherheitsgründen herrscht auf diesem Streckenabschnitt Rechtsfahrgebot. Wichtigen Dienst leistet das Bug-Radar, damit der Schiffsführer früher in die Flussbiegung schauen kann, ob sich Gegenverkehr nähert. Kurz hinter dem Loreleyfelsen kommt ein Ausflugsschiff entgegen. Alle Passagiere stehen an Deck und blicken gebannt nach oben, ob nicht doch der Gesang der blonden Nixe zu hören ist? Dieser Streckenabschnitt verlangt vom Steuermann allerhöchste Konzentration, die sich auch auf Jean-Paul überträgt, der stumm und fasziniert die Manöver verfolgt. Ausgerechnet hier vergisst er, zu fotografieren.

Wo „Marschall Vorwärts“ über den Rhein setzte

Auf dem weiteren Weg durch das obere Mittelrheintal wird er wieder gesprächiger, gibt Rolf ein wenig Geschichtsunterricht über die kriegerischen Ereignissen vor über 200 Jahren, als der preußische Generalfeldmarschall Blücher – der „Marschall Vorwärts“ – in Höhe von Kaub über den Rhein setzte, um bei Waterloo gegen Napoleons Truppen in die Schlacht zu ziehen. Bei strahlendem Sonnenschein zieht das Schiff vorbei an malerischen Orten, an im Sonnenlicht leuchtenden Weinbergen und an fast 30 Burgen, die diese Flusslandschaft so einmalig machen. Zwischen Bingen und Mainz wird der Rhein für über 30 Kilometer aus einer generellen nordwestlichen Richtung abgelenkt und fließt von Ost nach West. An den   Südhängen wird Rheingauer Wein angebaut, meist Riesling, dessen hohe Qualität Kenner schätzen.  Der Flusslauf wird breiter und von mehreren Inseln geteilt, bis am Horizont  Mainz auftaucht. Wenig später, es ist schon nach 21 Uhr, ankert die „Rudolf-Thea“  bei Nierstein.

Tage ganz ohne Eile

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Wenn die Sonne aufgeht, sind die meisten Binnenfrachter längst unterwegs. © P.H. Kramp, U. Kramp

Der letzte Tag dieser unvergesslichen Reise ist angebrochen, heute geht es noch bis Kehl. Die Landschaft ist jetzt vergleichsweise eintönig. Entspannt sitzen Rolf und sein Ferienmatrose im Steuerhaus, erzählen sich Geschichten aus dem Leben, über die Macken früherer Passagiere oder über Schüler, die ständig mit ihrem Smartphone spielen. Am nächsten Morgen wird Jean-Paul von Bord gehen, es heißt Abschied nehmen von den Kiepes und den beiden echten Matrosen. Die gemächliche Art der Fortbewegung hat ihn fasziniert und er denkt mit Unbehagen an die Rückreise: In knapp vier Stunden mit dem ICE von Offenburg nach Düsseldorf. Warum nur diese Eile! Kurz hinter Speyer überquert lautlos ein Heißluftballon den Rhein. Und in diesem Moment weiß Jean-Paul, was er sich zum 65.Geburtstag wünschten wird:. Eine beschauliche Ballonfahrt über die Höhen der Eifel. Dann aber mit Frau und Tochter.

Rotger Kindermann  (Mitarbeit/Recherche: Paul-Heinz Kramp)

 

Info:

Binnenschiffreisen sind kein normales touristisches

Vergnügen. Man braucht die richtige Einstellung und

eine gewisse körperliche Fitness. Die Route bestimmt

das Schiff.

Auskünfte: www.frachtschiffreisen-pfeiffer.de

www.binnenschiff.de

Preise (pro Woche): ca. 500,- bis 580 € in Einzelkabine

ohne Verpflegung

 

 

 

 

 

 


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