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Mutprobe: Frauen werden anders alt

Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden

Mit einigen bezeichnenden Zitaten über das Älterwerden beginnt Bascha Mika ihr streitbares Buch:

Männer haben einen erheblichen Vorteil: Wir kriegen Falten, werden fett und glatzköpfig oder weißhaarig und keinen kümmert’s.” (George Clooney)

Frauen werden Männern niemals ebenbürtig sein, solange sie nicht mit Glatze und Bierbauch die Straße runterlaufen können und immer noch denken, sie seien schön.“ (Nina Hagen)

Das Alter als “sozial gemachtes” Phänomen

Bascha Mika

Bascha Mika:
“Vielleicht reicht es schon, manchmal den Mund aufzumachen.”

Frauen leiden weit mehr unter dem Älter-Werden als Männer, schreibt Mika, weil die Gesellschaft sie leiden lässt. Frauen werden also alt gemacht: „Doing aging“ – in den USA ist das längst ein soziologisch etablierter Begriff. Er beschreibt, dass nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Alter „sozial gemacht“ ist. Trotz aller emanzipatorischen Fortschritte sind Frauen in Sachen Altern noch immer mit einer brutalen Doppelmoral konfontiert, die ihnen Lebenschancen nimmt, sie verschwinden lässt, sie zu Getriebenen macht.

„Die weibliche Abwertung wird kollektiv erlebt und ist mitnichten ein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem.“ Und: „Wenn du älter wirst, ist es mit deiner weiblichen Macht und deinem sozialen Status vorbei! Dieses Urteil trifft Frauen im Privaten so häufig, dass das kollektive Muster dahinter viel zu selten in Frage steht. Doch hier wird das Private politisch.“

Natürlich sind diese Aussagen alle nicht neu. In ihrem Essay „Double Standards of Aging“ beschrieb die amerikanische Essayistin Susan Sontag das Alter nicht in erster Linie als biologische Tatsache, sondern als kulturelle Zuschreibung – und da werde bei Männern und Frauen mit zweierlei Maß gemessen. 41 Jahre liegt ihr Essay zurück, seither haben sich Frauen in Westeuropa und in Nordamerika in fast allen Bereichen emanzipiert: Aber mit dem diffusen Gefühl der individuellen Abwertung, das viele Frauen bereits ab Ende 30 empfinden, schlägt sich dennoch jede alleine herum.

Über das Unsichtbarwerden und andere Gemeinheiten

Schon einige Überschriften ihres neuen Buches machen deutlich, worum es der Autorin geht: Scheusal und Schlampe – über Bilder und warum sie hartnäckig überleben, Liebe und Lebenselixier – über Alleinsein, Machtspiele und Beziehungsmärkte, Werte und Wirtschaft – über Arbeit, Geld und Versorgung, Schönheit und Scham – über Sex, kosmetische Chirurgie und den Körper als Kampfzone.

Frauen in den mittleren Jahren, so entlarvt die Autorin Schritt für Schritt, werden ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Sie fordert, dass diesem höllischen Spiel endlich ein Ende bereitet werden muss. Dabei lässt sie zahlreiche Frauen zu Wort kommen, von ihren Erfahrungen, Hoffnungen und Ängsten berichten, befragt Experten und Wissenschaftler.

Die Autorin spricht in ihrem Buch nicht über biologisches Altern, das für alle Menschen eine Herausforderung ist, sondern über die soziale und kulturelle Überformung dieses Prozesses, ein gesellschaftliches Verfahren, das sehr unterschiedliche Maßstäbe an die weiblichen und männlichen Jahre anlegt. Die Übermacht der kulturellen Bilderwelt macht Frauen alt, wo Männer einfach älter werden.

Was soll sein?

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“…Angst un Panik beim Älterwerden sind gesellschaftlich erwünscht…”

Das Thema ist wichtig und die Analyse der Autorin sicher richtig. Aber was folgert daraus? Hier kommt Bascha Mika, die diesmal viel weniger forsch und polemisch auftritt als bei ihrem ersten Buch, an ihre Grenzen. Sie ruft uns Frauen zum Widerstand auf. Wiederholt appelliert sie an uns, die Opferrolle abzuwerfen.

Aber auch die Täterrolle ist bei Frauen häufig zu beobachten: Frauen in den mittleren Jahren neigen häufig dazu, an sich und andere Geschlechtsgenossinnen abwertende Maßstäbe anzulegen. Wir selbst sind es, die am doing aging beteiligt sind, unter dem wir gleichzeitig leiden. Um die Veränderung eines kulturellen Selbstverständnisses zu bewirken, das seit Ewigkeiten eingeschliffen ist, braucht es einen scharfen Blick für die gesellschaftliche Situation, Selbsterkenntnis, Widerstand und Empörung.

Das Alter auch mal bewusst verkünden

Wenn es aber um konkrete Ratschläge der Autorin geht, schimmert allerdings eine gewisse Hilflosigkeit hindurch, wenn sie schreibt: „Die Erfahrung von Angst und Panik beim Älterwerden ist individuell, dabei aber gesellschaftlich erwünscht und konstruiert. An diesem Punkt können wir ansetzen. (…) Von dem Moment, wo wir ein Problem als ein gesellschaftliches erkennen, gehen wir ja wohl eher auf die Straße als in eine Therapie.“ Und: „Vielleicht reicht es schon, manchmal den Mund aufzumachen. Das lässt sich bereits in täglichen Situationen ausprobieren – zum Beispiel wenn wir (…) unser Alter bewusst verkünden, statt es ängstlich zu verschweigen.“

Altbekannte Vorschläge für Frauen in der zweiten Lebenshälfte

Wer nur lange genug über sein Alter redet, verändert ein kulturelles Verständnis, das seit Jahren eingeübt worden ist? Bascha Mika ist gewiss nicht naiv genug, das zu glauben. Aber sie tut so – weil ihr der große politische Gegenentwurf fehlt. Der beschränkt sich weitgehend auf Altbekanntes: Die Politik möge zumindest durch gleiche Löhne, ausreichend Kita-Plätze, Ganztagsschulen undBascha-Mika-Mutprobe-Frauen-und-das-hoellische-Spiel-mit-dem-AElterwerden Frauenquote dafür sorgen, dass Frauen in der zweiten Lebenshälfte ökonomisch besser dastehen.

Dann hätten sie wenigstens nur noch an der privaten Front zu kämpfen – mit dem Problem nämlich, dass sie für ihr Umfeld und ihre Männer häufig genug nur noch Mängelwesen sind, denen Jugendlichkeit, Fruchtbarkeit und Attraktivität abhanden gekommen sein sollen. Denn da stehen die Fronten betonhart: die Jugendlichkeitsstandards vieler Männer, aber mehr noch der Fernseh- und Modewelt wird Bascha Mika kaum aushebeln können.

Alle Frauen aber zu mehr Selbstbewusstsein beim Älterwerden zu animieren, die von außen übergestülpte Tarnkappe nicht zu akzeptieren und zu verinnerlichen, das ist zweifellos das große Verdienst dieses lesenswerten Buches.

Nicht ich werde älter, sondern mein Kameramann.“ (Doris Day)

Die Autorin

Pascha Mika, Jahrgang 1954, wurde in einem schlesischen Dorf in Polen geboren und übersiedelte als Kind in die Bundesrepublik. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Ethnologie und arbeitete als Redakteurin und Journalistin. Von 1999 bis 2009 war sie Chefredakteurin der taz. Sie schrieb u. a. 1998 eine kritische Alice-Schwarzer-Biografie. Mit ihrer 2011 erschienen Streitschrift „Die Feigheit der Frauen“ sorgte sie für eine kontroverse gesellschaftliche Debatte.

Ursa Kaumans

Pascha Mika, Mutprobe – Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. C. Bertelsmann, 2014, gebunden; 321 Seiten, 17,99 Euro. ISBN-10: 3570101703.

 

 




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