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Stütze gegen Sturz

Gefährliche Gehgewohnheiten bei Älteren

Stürzen kann jeder. In jedem Alter. In Deutschland passiert das fünf Millionen mal pro Jahr. Für Models ist es fast ein K.O., wenn sie auf dem Laufsteg aus ihren High-Heels kippen. Für ältere Menschen ist das ähnlich, die Folgen sind oft schwerer. In die Welt des Stürzens hinein forscht das Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie der Sporthochschule Köln. Ein Blick hinter die Kulissen.

Sturz beim Catwalk: High-Heels können auch professionelle Models zu Fall bringen

Das Model startet aus der Pole-Position. Staksiger Gang. Mühsames Balancieren auf den bleistiftdünnen High-Heels. Darunter dicke Plateausohlen. Die Kleidung verdeckt teilweise den Blick auf den Catwalk. Dünne Beine suchen Kraft für das gekünzelte Stakkato-Schreiten…Dann passiert es: Das Mannequin verliert den vagen Halt der Schuhe, der Gang stockt, sie stürzt verdreht über den Rand des Laufsteges ins Publikum.

Gnade der späten Geburt

Ungewollt ist sie jetzt so etwas wie ein Dummy für sturzgefährdete ältere Leute. Denn auch diese tragen nicht selten falsche Schuhe, behindern sich durch unangepasste Kleidung, sind nicht unter-, dafür aber häufig übergewichtig und haben gefährliche Gehgewohnheiten. Auch sie tragen eher schwache Beine, selten knochig dünn. Sie knallen ungeschützt härter auf den Boden.

Durch mangelndes Training haben Kraft-, Reaktions- und Gleichgewichtsleistungen abgenommen. So wird aus dem Stolpern ein Sturz, der nicht abgefangen werden kann. Die Folgen sind immer häufiger: Kopfverletzungen, Oberschenkelhalsbruch, Schulterbruch oder Handverletzungen. Der Fluch der frühen Geburt. Das junge Mannequin dagegen rappelt sich wieder auf, klettert anmutig auf den Laufsteg, läuft barfuß die Runde auf den Schaubrettern zu Ende. Nichts Schlimmes ist passiert – außer der Blamage. Die Gnade eben der späten Geburt.

Spurensuche für Sturzgefahren

Die millionenfachen Sturzvariationen von Otto-Normalbürger und-bürgerin jedoch müssten nicht unbedingt jeden Tag neu auf die Probe gestellt werden. Eine fundierte Prophylaxe für die Älteren in der Gesellschaft könnte hier helfen. Das haben sich auch Sportwissenschaftler in Köln gedacht. Überstürzt hat die in Deutschland einzige Sportuniversität seit ihrer Gründung in 1947 insbesondere für den Alterssport aber nichts. Heute sind wir auf Spurensuche für Sturzgefahren der Älteren unter uns.

Die Fahrt mit Navi-Hilfe über den 187.000 Quadratmeter großen Campus bringt uns im Schatten des RheinEnergieStadions ans Ziel: Das Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie der Sporthochschule. Hier startete man 2008 mit einem neuen Forschungsansatz. Die Gründer wollten weg vom defizitorientierten Altersbild. Aufgrund der Forschungen seit rund 15 Jahren insbesondere in den USA, Australien, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern war klar: In dieser Altersgruppe oberhalb der 50 bestehen viel mehr Ressourcen als allgemein angenommen wird.

Das Alter im Anzug simulieren

Dr. Sabine Eichberg ergänzt fachgerecht  den Altersimulationsanzug

Mit dabei seit dem Start des Instituts ist die Sportwissenschaftlerin Dr. Sabine Eichberg (45). Forschungen zum Altern des Menschen begleiten sie bereits seit Mitte der 90er Jahre. Auch ihre langjährigen Erfahrungen als Fitnesstrainerin helfen ihr bis heute zu verstehen, wie sich körperliche Befindlichkeiten von Älteren anfühlen. Dabei unterstützt sie auch der eigens entwickelte Alterssimulations-
anzug
. Wer diesen orangefarbigen Overall mit zusätzlich fünf Kilogramm an jedem Arm trägt, weiß nach einem Tag, wie sich das anfühlt.

Den simulierten Alltag erschweren dann zusätzlich Handicaps an Fuß- und Handgelenken sowie eine großformatige Brille. Sie vermindert die Sehkraft um zehn Prozent. Da sind sie wieder, die Fallen wie auf dem Laufsteg. Nur, dass der unförmige Simulationsanzug nicht gerade sexy aussieht. Treppensteigen, das Einsteigen in Bahn oder Bus, das Rausfischen von Kleingeld im Geschäft, all das strengt richtig an. Das eben ist der alltägliche Catwalk für die Best Ager, wenn sie unsportlich waren und es auch weiter bleiben wollen.

Neue Fragestellungen und Themen

Und hier genau liegt die Schnittstelle für die Kölner Sportwissenschaftler. „Insgesamt“, sagt Dr. Eichberg, „sind grundlegende Erkenntnisse für die Effekte von Bewegung und Sport bei Älteren vorhanden. Das hat aber auch dazu geführt, dass sich neue Fragestellungen und Themen entwickeln, die die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen fordern und fördern.“ Aus der Sicht der Mitarbeiterin des Instituts „möchte man wissen: Welche körperliche Aktivität schlägt in welcher Dosis an? Bei welchen Menschen wirkt das eine Programm und das andere wiederum nicht? Welches sind Faktoren, die dazu beitragen, dass jemand sportlich aktiv wird, bleibt oder aufhört?“

Mit dieser komplexen Neugier geht es dann seit Jahren und auch verstärkt in der Zukunft an das forschende Eingemachte. Studien sind hier das Geheimnis für wisschenschaftlichen Fortschritt zum Nutzen der größer werdenden Zahl von Menschen oberhalb der 50 Jahre. Ganz wichtig für Eichberg ist, dass die Studien nicht nur über ältere Menschen gemacht werden, sondern ganz besonders mit ihnen und dies auch in der Lehre.

„Unsere Seminare im Masterstudiengang Sport- und Bewegungsgerontologie“, sagt sie, „sind so aufgebaut, dass dabei immer auch eine Studie durchgeführt wird. Also mit Vor- und Nachtests, mit Interventionen. Die Studierenden und die Älteren arbeiten in einem Seminar zusammen.“ Es ist den Kölnern auch nicht damit getan, einfach die Studie abzuschließen und sich auf gut Kölsch zu verabschieden. Sondern sie kümmern sich darum, wie es weiter geht mit den angefangenen Übungen, mit der gestiegenen Fitness, mit der besseren Ausbalancierung des Körpers im Alter. „Wir haben mit vielen Kölner Einrichtungen eine Kooperation geschaffen, damit die Älteren weiter trainieren können.“

Preis an Tobias Morat für Sturz-Prophylaxe-Programm

Sabine Eichberg: “Wir treten in die Öffentlichkeit. Wir gewinnen Preise und Anerkennung”

Auf keinen Fall aber führt das noch kleine Institut ein mediales Schattendasein. „Wir treten an die Öffentlichkeit. Wir gewinnen auch Preise und Anerkennung“, unterstreicht Eichberg die Institutsaktivitäten nach außen. Für ein Sturz-Prophylaxe-Programm ist kürzlich Tobias Morat mit dem Preis „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet worden. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts hat ein Programm entwickelt, in dem verschiedene Untergründe simuliert werden, bei denen die Gefahr besteht, dass Ältere stürzen.

Das ist ein unebener, ein steiniger Boden, das sind Treppen mit mal höheren und mal kleineren Stufen. Um diesen Parcour herum hat der Sportwissenschaftler ein Trainingsprogramm entwickelt, das Gleichgewichts- und Kraftübungen enthält. Wie wichtig das ist, zeigt, dass die Hälfte der über 80-Jährigen mindestens einmal pro Jahr stürzt. Die aus der Studie gewonnenen Daten werden derzeit ausgewertet. Ziel der Sportwissenschaftler ist es, das als eigenständiges Trainingsprogramm in Fitness-Studios oder in Altenheimen zu etablieren. „Wir müssen schauen, ob das Programm die Kraftleistung, die Gleichgewichtsfähigkeit und damit sturzrelevante Risikofaktoren verändert hat“, erläutert Sabine Eichberg.

Was macht der Sturz mit dem Menschen?

„Sturzrelevante Faktoren“ sieht Eichberg auch in der Frage, was Stürze mit einem Menschen machen. Zieht er sich zurück? Wie kann man regulierend eingreifen? Eichberg sieht ganz klar, dass sich hier eine Welt interdisziplinärer Zusammenarbeit auftut. Im Graduierten-Kolleg geht es deshalb auch umfassend um die Mobilität im Alter schlechthin. Eine wichtige Facette in diesem Zusammenhang ist, wie Ältere mit Situationen im Straßenverkehr umgehen können. Dann wird sehr schnell deutlich, dass zum funktionellen Training auch so etwas wie ein Kompetenztraining kommen muss.

Ein hervorragendes und aktuelles Beispiel für solche interdisziplinären Ansätze ist eine gerade begonnene Studie in der Kombination von Adipositas und Sarkopenie. „Ein alternsbedingter Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft (Sarkopenie) führt dazu“, so Dr. Eichberg, „dass die Selbstständigkeit im Alter gefährdet ist.“ Besonders bedrohlich wird dies mit einer Kombination von starkem Übergewicht (Adipositas), da es hier zu einer gleichzeitigen Erhöhung des Anteils an Fettgewebe kommt. „Wir versuchen durch gerätegestütztes Krafttraining bei adipösen Personen wieder mehr Kraft zu entwickeln, Muskelmasse aufzubauen und gleichzeitig den Stoffwechsel positiv zu beeinflussen“, unterstreicht die Sportwissenschaftlerin. In diesem Projekt arbeiten  Biochemiker, Mediziner und Biologen mit, um insbesondere auch den Mechanismen für Stoffwechselveränderungen auf den Grund zu gehen.

EU-Maßnahme mit Computerspielprogramm

Ganz vorne ist das Sportgerontologische Institut mit einem Computerspielprogramm. Darin sind Tests integriert, Spiele und ein Trainingsprogramm mit Gleichgewichts- und Kraftübungen. Ziel ist es, eine Hard- und Software zu entwickeln, damit das Gesamtsystem kostengünstig in Haushalten eingesetzt werden kann. Zu Hause können die Probanden auf einer notwendigen freien Fläche von 2 x 2 m, mit sechs Mess-Sensoren versehen, die vorgegebenen Übungen machen. Die Daten werden dann an den eigenen Computer über Internet zu einem Server weitergleitet.

Das Projekt ist eingebunden in eine dreijährige EU-Maßnahme. Beteiligt sind sechs Länder und sieben Institute. Hier werden sehr deutlich die zunehmend grenzüberschreitenden Dimensionen von Sportgerontologie erkennbar. Die Kölner Sportwissenschaftler suchen ältere Personen im Raum Köln, die mitmachen möchten (Ansprechstelle am Ende des Textes).

Erfolg mit “fit für 100”

Erfolg mit dem Projekt “Fit für 100”

Ganz oben auf der Altersskala ist das Projekt „Fit für 100“ angesiedelt, ein Bewegungsprogramm für Hochaltrige. „Wir möchten Personen fit machen, um die 100 Jahre zu erreichen. Das Programm ist ein Selbstläufer geworden. Wir begleiten das nicht mehr wissenschaftlich, sondern in Köln sitzt nur noch die Koordinationsstelle,” berichtet Eichberg. Ein Aspekt war es auch, Übungsleiter für diese Gruppe auszubilden, die dann eigenständige Gruppen aufbauen sollen. Der Erfolg spricht für sich. Mittlerweile gibt es in ganz NRW (teilweise auch über die Landesgrenzen hinaus) knapp 150 Gruppen von „Fit für 100“.

Gleitend, das wird immer deutlicher in der gesellschaftlichen Diskussion formuliert und damit enttabuisiert, ist der Übergang auch in demente Situationen. Beim Projekt „NADiA“ wurde erkannt, dass in den Gruppen nicht nur kognitiv gesunde Probanden sind, sondern auch verstärkt Menschen mit demenziellen Erkrankungen. Eine spezielle Situation haben die Sportwissenschaftler genutzt, um ihre Forschungsansätze zu erweitern.

Mit hineingenommen in ihre Untersuchungen haben sie die jeweiligen pflegenden Angehörigen. Zusammen machen sie in Gruppen die gleichen Übungen – jeder auf seinem eigenen Niveau. Die Ziele sind, die Angehörigen körperlich und geistig fit für den Pflegealltag zu machen und die Dementen zu befähigen, die Altersanforderungen zu bewältigen. Eichberg ergänzt: „Dadurch können auch die Beziehungen zwischen Begleitpersonen und Älteren wieder verbessert werden.“

Studie MoCog: Kognitive Leistungen verbessern

Krafttraining verändert auch hormonell

In der Studie MoCog (2010 abgeschlossen) wollte Sabine Eichberg ganz genau wissen, welche Sportart geeignet ist, kognitive Leistungen zu verbessern. Bei den Untersuchungen wurde deutlich, dass sich demente und kognitiv gesunde Menschen in ähnlicher Weise verbessern, sie sind gleich trainierbar. Der jeweilige Aufwand aber ist unterschiedlich.

Bei Dementen muss mehr erklärt werden. Sie starten von einem niedrigeren konditionellen Niveau. „Besonders wollte ich herausfinden, ob es ein Ausdauertraining ist, was die kognitiven Leistungen verbessert oder ein Krafttraining. Das unterschiedliche Training hat auch Effekte auf unterschiedliche kognitive Leistungen“, erläutert Dr. Eichberg. Ausdauertraining, das fanden die Kölner heraus, fördert mehr die Durchblutung, es verbessert grundlegende Fähigkeiten wie die Geschwindigkeit von Informationsverarbeitung und Reaktion. Beim Krafttraining ist es eher eine Veränderung auf hormoneller Ebene. Dadurch werden besonders exekutive Leistungen verbessert.

Demographischer Wandel seit 150 Jahren

Mitten in den zahlreichen Sportstätten auf dem Campus haben wir gelernt, dass die Kölner Sportgerontologen „so etwas wie einen Quer- und Längsschnitt beim Prozess des Älter-Werdens” skizzieren. „Wir versuchen“, erklärt Dr. Eichberg, „diese Prozesse mit Hilfe von sportlicher Bewegung positiv zu beeinflussen. Das Ziel ist Prävention im und für das Alter. Wohlbefinden und Lebensqualität im Alter zu gewährleisten. Wege aufzuzeigen, wie lange und wie gut das möglich ist.“

Fast ein bisschen ungeduldig schließt die Wissenschaftlerin ihre Gedanken mit dem Hinweis ab, dass „jeder vom demografischen Wandel redet, wir den aber schon seit 150 Jahren haben.“ Die Langsamkeit des Geschehens erzeugt aber auch eine eklatante Situation für den Studiengang Sport- und Bewegungsgerontologie. Hier fehlt es noch an studentischem Nachwuchs. In der Gesellschaft aber sieht das anders aus.

Positive Überraschungen bei dementen Angehörigen

„Der Bedarf an unsere Absolventinnen und Absolventen ist groß, dennoch gibt es zu wenige Arbeitsplätze für sie. Denn „noch zu wenige Branchen kümmern sich“, so Dr. Eichberg, „um die Älteren und alten Menschen. Dazu kommt das Selbstbild, das durch das Alter bestimmt wird. Wie sehe ich und wie sehen die anderen mich, wenn ich alt bin oder älter werde? Genau so ist es bei den Angehörigen. Die trauen ihren teilweise auch dementen Angehörigen gar nicht mehr zu, dass sie noch etwas leisten können. Die sind dann positiv überrascht, dass noch Verbesserungen möglich sind.“

Auch das Institut selbst hat weitere Verbesserungen auf dem Schirm. Die wissenschaftliche Crew stürzt sich mit Elan in immer mehr interessante Projekte, damit immer weniger älter werdende Menschen bei ihrem beruflichen und privaten Catwalk straucheln.

Info

 Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie

Mit diesem Institut zeigt die Deutsche Sporthochschule, dass sie die seit Jahrzehnten wachsenden Generationen älterer und alter Menschen als eigene Zielgruppe für sportwissenschaftliche Forschung, Lehre und Praxis ansieht. Die Wahl des neuen Begriffs “Sportgerontologie” zeigt die Eigenständigkeit und Spezifität der wissenschaftlichen Aufgaben.

Prof. Dr. Wiebren Zijlstra
Institutsleiter

Die Aufgaben des IBuSG bestehen in Forschung, Lehre und Dienstleistungen. Ein Fokus liegt auf dem Erwerb, dem Erhalt und der Regulation von Bewegungen und Bewegungsmöglichkeiten, inkl. entsprechenden Trainings für ältere und alte Menschen.

 

Dieter Buchholtz

 

Anschrift:
Am Sportpark Müngersdorf 6
50933 Köln
Institutsgebäude V, EG

Link

www.dshs-koeln.de/sportgerontologie

Ansprechstelle für Projekte

Michael Kroll

istoppfalls@dshs-koeln.de

 




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