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Noch einmal wie auf Wolken schweben

 

wasserkuppe

Die Wasserkuppe, der berühmteste Berg an der Rhön

„Generation Silberlocke“ und der späte Traum vom Segelfliegen

Die Wasserkuppe in der Rhön. Mit 950 m höchster Berg Hessens. Herausragender Punkt einer einzigartigen Mittelgebirgs-Landschaft im Drei-Länder-Eck mit Bayern und Thüringen. Von der UNO ausgezeichnet als Biosphären-Reservat. Alles richtig, schön und gut.  Aber wirkliches Prickeln löst der Name Wasserkuppe nur bei einer besonderen Spezies Zeitgenossen aus, den Segelfliegern. Oder auch bei jenen, die in ihrer Jugend  oft sehnsuchtsvoll zu den eleganten, majestätisch am Himmel ihre Kreise ziehenden großen „Vögeln“ aufgeschaut hatten, dann jedoch im Verlauf des Berufs- und Familienlebens den Blick auf andere Ziele richten mussten. Und bei denen jetzt – den „Ruhestand“ vor Augen bzw. ihn vielleicht schon genießend – der alte Traum vom Segelfliegen wieder wach geworden ist. Anders gesagt: Der Wunsch, nur das Rauschen des Fahrtwinds als Gefährten, in dem schnittigen Gleiter noch einmal wie auf Wolken zu schweben.

Kaltfront und Gewitterwolken

Unterricht

Briefing mit Fluglehrer Dietrich Syfuß (mitte)

Fliegerschule Wasserkuppe, 9 Uhr morgens. „Briefing“ ist angesagt im Schulungsraum. Also Einweisung in den Tagesplan, die zu erwartende Wetterlage, in die angekündigten Wind-, Sicht- und Wolkenverhältnisse. Von Norden nähert sich eine Kaltfront, und im Westen stehen dunkle Gewitterwolken. Die Miene von Dietrich Syfuß drückt nicht gerade Zuversicht aus, dass heute noch geflogen werden kann, also praktischer Schulungsbetrieb möglich sein wird. Der (noch) 73-jährige, ehemalige Lufthansa-Kapitän hat sich gleich nach seiner Pensionierung 1999 jeweils den Sommer über als Fluglehrer auf dem „Berg der Flieger“ in der Rhön verdingt und leitet an diesem Tag den theoretischen Prolog. Der Umgangston ist munter; bloß keine Miesepeter-Stimmung aufkommen lassen. Vielleicht klart es ja doch noch auf. Auf den „Pennälerbänken“ sitzen auffallend viele Angehörige jener Altersklasse, die sich (in der Eigenwahrnehmung) gern als „best agers“ bezeichnet, von jüngeren Semestern dagegen nicht selten als „Silberlocken“ tituliert wird.

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Harald Jörges, Leiter der Fliegerschule Wasserkuppe

Eine Überraschung? Harald Jörges registriert die Veränderungen in der Altersstruktur der angehenden Segelpiloten schon seit geraumer Zeit. Der Mitfünfziger ist seit 13 Jahren Leiter der 1924 von Darmstädter Technikstudenten gegründeten und damit ältesten Fliegerschule der Welt. Ein vom Luftsport Besessener sei er seit seiner Kindheit, sagt er selbst – der einstige Bauernbub aus dem am Bergfuß gelegenen Dörfchen Obernhausen. Die Generation 50 plus mache inzwischen „gut die Hälfte unserer Kundschaft aus“. Die meisten Geschichten aus diesem Kreis gleichen sich. Man hat über Jahrzehnte hart gearbeitet, war erfolgreich im Beruf und ist jetzt entsprechend finanziell abgesichert. Die Kinder sind längst aus dem Hause, der Hund ist tot. Und bloß noch spazieren zu gehen, erscheint den einstigen Dynamikern nicht sonderlich erstrebenswert, zudem sie in aller Regel ja auch noch körperlich und geistig fit sind. Da verwundert es nicht, dass sich bei Manchem die Wünsche aus der Kindheit von den Winkeln des Vergessens lösen und immer mehr Gestalt annehmen.  Und wenn einem dann noch auf die Frage nach der Altersgrenze für Segelflieger versichert wird, diese werde in jedem Einzelfall allein durch den Fliegerarzt gezogen, dann ist der Weg zur Wasserkuppe (oder zu irgendeinem anderen Schulungszentrum) eigentlich schon programmiert.

Irgendwann war das Fliegen vergessen“

Werner Ortloff ist geradezu idealtypisch für diese Gruppe. Draußen (der Uhrzeiger ist über die 10 hinaus gerückt) ist in der Zwischenzeit dichter Nebel aufgezogen; man kann die Hand nicht vor den Augen sehen, geschweige denn das Flugfeld. An Starts ist jetzt überhaupt nicht zu denken. Zeit also für Erzählungen. Der heute 72-jährige Schwabe hatte als Kind und in seiner Jugend immer fliegen wollen. Als Wehrpflichtiger kam er jedoch nicht zu Luftwaffe, sondern zu den Fallschirmjägern („Was immerhin den Vorteil hatte, dass ich dort mit der Sprung- und Gefahrenzulage 150 statt 60 D-Mark Sold bekam“). Danach studierte er zwar Luftfahrttechnik und war auch bei der Akademischen Fliegergruppe („Akaflieg“) in Stuttgart, landete am Ende aber beim IT-Konzern IBM, wo er („eine tolle Berufszeit“) dreißig Jahre lang in diversen verantwortlichen Positionen blieb. „Ich hatte einfach keine Zeit, ans Fliegen zu denken. Und eines Tages hatte ich es schlichtweg vergessen.“

Wetter

Schlechtes Wetter auf der Wasserkuppe, das liebt kein Segelflieger

Doch das zeitweise Vergessen hat nicht immun gemacht gegen den schlummernden Virus des Segelfliegens. Im Freundeskreis und im Badminton-Verein war immer einmal jemand, der davon erzählte. Als dann auch noch einer riet: „Geh´ doch einfach mal auf die Wasserkuppe und schau Dir den Betrieb an“, da war er plötzlich wieder wach – der alte Wunsch aus der Kinderzeit.  Werner Ortloff buchte über das Internet einen Schnupperkurs. Jetzt ist er hier und hat auch schon mehrere Starts in der doppelsitzigen ASK 21 – dem flotten Standard-Trainer der Schule – hinter sich. Ortloff will es in der Rhön zunächst bis zum A-Schein bringen, den es nach rund 40 Starts und den ersten drei Alleinflügen gibt. Die weitere Ausbildung soll dann im schwäbischen Reuttlingen erfolgen.

Das Geräusch der Kufen im Gras

Der Blick nach draußen – es ist eine weitere Stunde ins Land gegangen – weckt noch immer keine Hoffnungen auf einen aktiven Flugtag. Heftige Winde, zeitweise Regen und, vor allem, dieser fiese Nebel. An den Tischen macht sich Galgenhumor breit. Scherze als Mutmacher. So sei das halt, wenn man nicht einem bloßen Schönwetterhobby fröne, sondern sich mit den Unbilden der Natur auseinandersetzen müsse. Segelfliegen eben. Damit sei auch der Motorflug nicht zu vergleichen. „Wozu braucht man denn überhaupt einen Motor“, ruft jemand keck in die Runde. „Na, ganz einfach“, klingt es zurück, „damit beim Piloten der Angstschweiß schneller trocknet“. Gelächter rundum. Längst hat Dietrich Syfuß, der frühere Linienpilot, sein briefing beendet. Seine Lebensgeschichte ist ähnlich der von Vielen aus dieser Generation. Im September 1940 in Ostpreußen geboren. Dramatische Flucht mit der Mutter und drei Geschwistern Ende Januar 1945 über das zugefrorene Haff und anschließend per Schiff nach Rügen. Auf dem Umweg über Berlin gelangte man schließlich ins westfälische Münster, wohin der Vater aus britischer Gefangenschaft entlassen worden war.

Flug-01

Flugschüler Werner Ortloff (li) und Fluglehrer Dietrich Syfuß (re)

Als einziger aus der Geschwistergruppe konnte Dietrich das Gymnasium besuchen – in Dülmen. Als die Briten 1952 die Segelfliegerei wieder erlaubten, gründete ein Lehrer sofort eine entsprechende Sportgruppe, die ein Jahr später den Schulbetrieb aufnahm – mit dem legendären Segelgleiter SG 38, einer offenen Holzkonstruktion, dem wahrscheinlich bis heute am weitesten verbreiteten Gerät zur Alleinflugausbildung. Man startete (Gummiseil) mit Hilfe einer Rolle und landete auf einer Kufe. „Dieses Rutschgeräusch der Kufe in Gras und Heidekraut habe ich die mehr als sechzig Jahre seither immer in den Ohren behalten“, erinnert sich Syfuß und hat dabei glänzende Augen. Der Weg zur Lufthansa führte zunächst zu einem Theologie-Studium und mündete danach in die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr. In den diversen Cockpits der Kranich-Linie (von der Boeing 737 bis zum Airbus 320) saß er schließlich 33 Jahre lang, „wobei mich allerdings die Sportfliegerei nie losgelassen hat“.  Dass es ihm „eine Riesenfreude bereitet, meine Flugleidenschaft heute an andere Menschen weiterzugeben“, glaubt man dem „alten Adler“ aufs Wort.

„Näher mein Gott zu Dir“

Es sind die unterschiedlichsten Typen mit sehr vielfältigen Lebensgeschichten, die sich von Harald Jörges und seiner Truppe im Segelflug ausbilden lassen möchten. Doch mitunter sind auch die ziemlich sprachlos. So, zum Beispiel, als sich eines Tages eine rüstige Mitsiebzigerin im Büro der Fliegerschule anmeldete. Eine ehemalige Pastorin, die sich im Ruhestand nicht ausgefüllt fühlte. Klar, dass in den Kaffeepausen unter den „Mitschülern“ der Flachs blühte. Wahrscheinlich, so einer der Sprüche, habe sie den Kurs doch gebucht, um in der Höhe im Cockpit laut singen zu können „Näher mein Gott zu Dir“… Übelnehmen gilt nicht unter Segelfliegern.

Flug

Hoch oben, ist die Freiheit grenzenlos

Und dann gibt es – gar nicht selten –die Menschen, denen in der Kindheit und Jugend die Verwirklichung des Herzenswunsches, zu fliegen, verwehrt war, und die ihn jetzt (im Alter) indirekt dadurch nachholen, dass sie den Enkeln die Ausbildung bezahlen. So wie der rüstige Opa (nennen wir ihn der Einfachheit halber „Herr Müller“, weil wir leider vergessen haben, nach dem Namen zu fragen), der erkennbar genauso brennend auf wartet, in die Luft katapultiert zu werden, wie seine vielleicht 16 Jahre alte Enkelin. Sie hat bereits die Befähigung zur Passagier-Beförderung und möchte dem spendablen Großvater natürlich liebend gern die erlernten Künste zeigen. Anfang der 50-er Jahre, erzählt „Herr Müller“, habe er als Bub in der Nachbarschaft des Flugplatzes Hangelar bei Bonn  gelebt. „Als das Segelfliegen den Deutschen wieder erlaubt wurde, kamen dann all die Berühmtheiten, deren Namen man doch kannte nach Hangelar – Hanna Reitsch, Heini Dittmar, Elly Beinhorn, Beate Uhse, Adolf Galland. Was haben wir die als Kinder angestaunt und immer davon geträumt, auch zu fliegen. Aber das lag halt außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der Eltern“. Umso mehr, sagt „Herr Müller“, freue er sich nun, dass seine alte Leidenschaft auf die Enkel-Generation übergegangen sei. „Und das ist mir das Geld wert“.

Der Nebel verzieht sich

Vogelperspektive

Vogelperspektive

Zwölf Uhr Mittag. Wieder ein Blick nach draußen. Es erscheint wie ein Wunder – der Nebel ist fort! Innerhalb von wenigen Minuten ist die Wasserkuppe frei. Sofort öffnen sich die Tore der Hangars, und die ersten Maschinen werden zur Startbahn geschoben. Die Sonne scheint, die Sicht ist blendend. Schulleiter Jörges eilt auf den Tower, Fluglehrer Syfuß winkt Flugschüler Werner Ortloff ins Freie, „Herr Müller“ wird von der Enkelin an die Hand genommen. Es kann doch noch geflogen und über den Wolken geschwebt werden…

Gisbert Kuhn

(Fotos:Sepp Spiegl)

Info  

Alle Informationen über Anmeldebedingungen, Kosten, Ausbildungsverlauf usw. können über Internet abgerufen werden über „Fliegerschule- Wasserkuppe.de“.

Kontaktadresse:     

Fliegerschule Wasserkuppe
Wasserkuppe 1 A
36129 Gersfeld
Tel: 06654 364
Fax: 06654 8192
E-Mail:
info@fliegerschule-wasserkuppe.de

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Adressen, Hinweise und Bedingungen können entweder abgerufen werden bei:

Deutscher Aero-Club
Bundesgeschäftsstelle
Hermann-Blenk-Straße 28
38108 Braunschweig
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Fax: 0531 23540-61
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Oder bei allen Landesgeschäftsstellen des Deutschen Aero-Clubs, siehe Internet.          

 

 




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