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Hacke, Spitze, Schweiß – der Weg aus dem Elend

In Brasilien wird überall gekickt, auch im Schatten des Zuckerhutes

In Brasilien wird überall gekickt, auch im Schatten des Zuckerhutes

Fußball und Schule: Eine besondere Talentschmiede in Brasilien

Vom berühmten Zuckerhut in Rio de Janeiro nach Bedford Roxo braucht es eine knappe Dreiviertelstunde mit dem Auto. Doch in der 550 000-Einwohner-Stadt drängeln sich nicht die Touristen. Sie lockt auch nicht mit Traumstränden oder Samba-Schulen. Im Gegenteil. Noch unlängst nahm der Ort in der Statistik des brasilianischen Bundesstaates Rio einen unrühmlichen Spitzenplatz bei Raub, Mord und Gewalt ein. Trotzdem werden in den kommenden Wochen beim Welt-Turnier der besten Kicker auch hier – und vielleicht gerade in den Favelas und Armenvierteln – die Wellen der Begeisterung hoch branden und sich die Gefühle von Himmelhochjauchzend bis Zutodebetrübt Bahn brechen.

Aus der Hoffnungslosigkeit

Das liegt natürlich zum einen an der im ganzen Land vorherrschenden Fußball-Besessenheit. Es liegt aber zum anderen auch (und ganz gewiss nicht zuletzt) an einer in Bedford Roxo ansässigen Fußballschule. Klar, derartige Einrichtungen gibt es zuhauf in Brasilien. Nicht wenige werden sogar von europäischen Spitzenclubs unterhalten, die sich so im Land der unerschöpflichen Talente ihren Nachwuchs sichern möchten. Doch diese hier ist von besonderer Art. Sicher, wer hier aufgenommen werden will, sollte schon ein gutes „Ballgefühl“ besitzen. Und wenn einer besonders talentiert ist, wird er bestimmt nicht daran gehindert, sich zu einem Ronaldinho oder Ronaldo zu entwickeln und zu Wohlstand und Weltruhm zu gelangen. Hier jedoch geht es in erster Linie um etwas fundamental Anderes – nämlich Straßenkinder aus der Hoffnungslosigkeit zu holen, ihnen Schule, sinnvolle Beschäftigung und Ausbildung zu ermöglichen. Kurz: Ihnen eine Perspektive für das Leben zu eröffnen. Eben all das, wofür im WM-Land Brasilien seit miztlerweile vielen Monaten Hunderttausende auf den Straßen demonstrieren.

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Die Bayer-Fussballschule: ein Hort für Strassenkinder

Das Ganze hat auch einen Namen. Genauer gesagt, es steht ein ziemlich gewichtiger Name dahinter – Bayer. Der Leverkusener Chemie- und Pharma-Konzern ist bereits seit mehr als 120 Jahren in Brasilien tätig und hat in Bedford Roxo seinen größten lateinamerikanischen Produktions-Standort. Und dort, praktisch unmittelbar neben den Fabrikanlagen, befinden sich die Sportplätze der Bayer-Fußballschule. 1993 gegründet, als reines Sozialprojekt. Mehr als 3000 Jugendliche haben seitdem auf den Aschenbahnen ihre Runden gedreht, fröhlich oder auch verbessen gekickt, stolz ihre Kunststücke gezeigt oder auch solche gelernt. Gegenwärtig sind es wieder an die 250. Rund 350 000 Reais (das sind etwa 135 000 Euro) lassen sich die Pillendreher vom Rhein die Sache jährlich kosten.

Keine Geschäfte ohne Verpflichtungen

Klar, solche humanitären Wohltaten haben immer auch einen ökonomischen Hintergrund. In diesem Fall hat er drei Buchstaben – CSR. Unter diesem Kürzel legen der deutsche Multi und andere Weltfirmen sowie zahlreiche international operierende Mittelständler seit Jahren besonders in Entwicklungs- und „Schwellenländern“ soziale und humanitäre Projekte auf und betreiben sie teils allein, nicht selten aber auch zusammen mit UNO-Organisationen oder großen Stiftungen. CSR steht für „Corporate Sozial Responsability“ und bedeutet nichts anderes als die Einsicht der Wirtschaft, dass Produktion, Geschäft und Gewinn ihre Entsprechung finden müssen in der Verpflichtung für Menschen und Umwelt. Einfach ausgedrückt: Tue Gutes und rede darüber!

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Fussballlehrer Calixto bringt seinen Jungs das nötige Knowhow bei

Über solch komplizierte Zusammenhänge haben sich Guilherme Pinheiro Santos, Gerson Marlon de Souza Ferreira, Jeferson Luiz Intrade da Silva oder Guilhermo Pires Lima wahrscheinlich nie Gedanken gemacht. Sie gehören oder gehörten zu den Jungens, welche die Aufnahme in die Bayer-Fußballschule schafften. Natürlich mit Talent, körperlicher Fitness und Ballgefühl – also Fähigkeiten, die bei Tests unter den Anfeuerungsrufen der Eltern, Großeltern und sämtlichen anderen Verwandten sowie vor den Augen der Trainer und Lehrer von den „Prüflingen“ nachgewiesen werden müssen. Um jedoch auf Dauer zu bestehen und bleiben zu dürfen, ist etwas anderes noch entscheidender. Der Nachweis nämlich, dass der Bewerber regelmäßig zur Schule geht und von dort vorzeigbare Noten mitbringt. Ohne Lesen, Schreiben und Rechnen am Vormittag kein Fußball am Nachmittag. Doch das wissen die Kids. Und wenn nicht, bekommen sie es daheim nachhaltig eingebläut: Denn wer in diesen Verein Eingang gefunden hat, dem eröffnet sich die möglicherweise einmalige Chance, der Straße mit ihren Gefahren und Verführungen zu entkommen, die besonders in den Armenvierteln der brasilianischen Großstädte oft genug in Kriminalität enden.

Nach der Pfeife von Calixto

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Der 17-jährige Guilherme Pinheiro Santos beim schweißtreibenden Training

Einer, der das große Los gezogen hat, ist der 17-jährige Guilherme Pinheiro Santos. Der durfte jüngst sogar nach Deutschland reisen, um z. B. zu erleben, was der Leverkusener Chemie-Multi zu der Entwicklung des offiziellen WM-Spielballes „Brazuka“ an Hightech-Kunststoff beisteuerte. Wahrscheinlich jedoch fand der Bub die Begegnung mit den Werksclub-Profis und der Vereins-Ikone Rudi Völler wohl aufregender. Aber der Blick in eine Welt, die sich ihm als mögliche Zukunft öffnete, dürfte auch nicht ohne Wirkung geblieben sein. Einen typischen Fall von Ausstieg aus der Armutsfalle und sozialem wie gesellschaftlichem Aufstieg verkörpert Gerson Marlon de Souza Ferreira. Der heute 23-Jährige verbrachte seine Kindheit mit seinen Eltern, den drei Geschwistern und seiner Oma in den Favelas von Bedford Roxo – ohne jede Zukunftsaussicht. Bis sich ihm die Tür zu der Fußballschule öffnete. Einer seiner Lehrer ist Leandro, der natürlich auch einmal von einer Weltkarriere als Kicker geträumt hatte, dann aber doch lieber seinen Abschluss als Sportlehrer machte und jetzt an der Schule den Basis-Kurs leitet.

Sie alle tanzten und tanzen nach der Pfeife von Calixto, der eigentlich José Calixto de Oliveira heißt, aber von allen nur Calixto genannt wird. Der drahtige 54-Jährige („Ich bin en Fan des deutschen Disziplin-Fußballs“) hat gerade aufmerksam die akrobatische Vorführung von Jeferson Luis Intrade da Silva (17) verfolgt. Jeferson ist sichtlich unzufrieden; dummerweise war der Ball bei der Staffette Fuß, Knie, Stirn, Nacken, Hacke, Brust schon nach der 26. Körperberührung auf der Erde gelandet. Scheinbar missbilligend schüttelt auch Calixo den Kopf, wobei er gleichzeitig dem Besucher zuraunt: „Der Junge ist klasse, unheimlich schnell und wenig wie eine Katze. Ein geborener Stürmer“.

Die Väter machten sich aus dem Staub

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Balljongleur Jeferson vor der Hütte seiner Tante Efania Sodré da Silva (links oben)

Efania Sodré da Silva muss nicht überzeugt werden, dass der Tanz der Heranwachsenden mit und um den Ball nach der Pfeife von Calixto nur Gutes hat. Sie ist die Tante des Balljongleurs Jeferson. Seit 13 Jahren wohnt der Bub bei ihr. Obwohl sie selbst drei Kinder hat, nahm sie ihn auf, als seine Mutter (ihre Schwester) starb, der Vater sich aus dem Staub machte und Jeferson mit dessen drei Jahre jüngerem Bruder im Stich ließ. Um den kümmert sich seither die fast 70-jährige Oma. Efania erzählt die Familiengeschichte leidenschaftslos. So sei eben das Leben hier. Auch ihr Mann ist weg und ließ sie mit den Kindern allein. Seither schlägt sie sich im Stadtteil Sao Sebastiao als Friseurin durch. Nach seinem Berufswunsch befragt, kommt von Jeferson natürlich wie aus der Pistole geschossen: „Fußball“. Und kein Zweifel, alle um ihn herum träumen den Traum von der großen Karriere auf dem grünen Rasen mit ihm. Zwar mahnt ihn die zur zweiten Mutter gewordene Tante jeden Tag, bloß nicht in der Schule nachzulassen – schon gar nicht in Mathe. Aber während sie das sagt, schaut sie sich zugleich auch wieder um in der armseligen Behausung, wo sie zu fünft in einem Raum schlafen müssen. Es ist wie ein stilles Hoffen und Versprechen: „Lasst uns zusammen alles tun, damit der Junge sein Talent entwickeln kann. Nur dann werden wir – vielleicht – gemeinsam eines Tages diesem Elend entkommen…“

Im Grunde sind es alles die gleichen Schicksale, und man hört auch immer die annähernd gleichen Geschichten. Etwa die von dem gleichfalls 17 Jahre alten Guilhermo Pires Lima im Stadtteil Bom Pastor, was soviel heißt wie „zum Guten Hirten“. Auch er ist ein Zögling von Calixto, auch er ist fußballverrückt. Aber in dieser Familie sorgt Mutter Sonia dafür, dass die Blütenträume nicht in den Himmel schießen. „Sicher“, sagt die zierliche, aparte Frau, „wir hoffen mit allen Fasern unseres Herzens, einmal hier heraus zu kommen in ein richtiges Leben“. Und vielleicht habe der Junge ja tatsächlich das Zeug, auf dem Rasen einmal ein ganz Großer zu werden „Jetzt aber bin ich heilfroh, dass er in der Fußballschule aufgenommen wurde. Erstens, weil er von der Straße weg ist und etwas tut, was ihm wirklich Freude bereitet. Und zweitens, weil er dort nicht nur lernt, einen Ball in die richtige Richtung zu treten, sondern man ihm auch die Notwendigkeit beibringt, sich in Disziplin zu üben und Regeln zu beachten“.

Das Ziel: ein Studium

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Trainer Jose Calixto de Olivera mit Guilherme Pires Lima (re) und Jeferson Luiz Andrade da Silva (li)

Der Junge nickt bei diesen Worten ganz ernsthaft. Er sagt, es sei schon so, dass er sich in manchen Tagträumen nach einer Laufbahn à la Ronaldo sehne. Aber wenn daraus nicht werde sollte, sei sein Ziel ein Studium. Und zwar, um Lehrer zu werden und seinerseits Kinder auf das Leben vorzubereiten. Dann aber greift er, ganz unbewusst, wieder nach dem Ball und beginnt zu jonglieren – Hacke, Spitze, Fuß, Kopf, Brust, Knie. Nein, vom Fußball wird Guilhermo wohl nie ganz weg kommen. Und morgen ist ja schließlich auch schon wieder Training. Beim strengen Calixto, der eigentlich José heißt.

Gisbert Kuhn




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