- Anzeige -

Wenn die Seele brennt

„Wir neigen häufig zu extremeren Verhaltensweisen, Einstellungen oder dem `Schwarz-Weiß-Denken´. Diese krassen Aspekte scheinen leichter lebbar zu sein als ein ausgewogenes mittleres Maß. Und Mittelmaß oder Mittelmäßigkeit will sich niemand nachsagen lassen.“ Mit dieser Feststellung verletzt die Mainzer Psychologin Claudia Huberti ein Tabu in der Leistungsgesellschaft. Vielleicht liegt genau hier die Chance, das Private mit dem Berufsleben auszubalancieren. Hierbei will die Leiterin der Psychologischen Studierendenberatung an der Fachhochschule Mainz helfen. Ihr Rezept gegen krank machenden Stress: „Die innere Mitte finden“. Dies aber scheint, so weiß die Beraterin, in unserer hektischen Zeit kaum möglich zu sein. Und in der Tat, es gibt viele Indizien, dass uns das gesunde In-Sich-Ruhen mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gleichgewicht gerät. Wer kennt nicht das Gefühl, wenn im Alltag viele Dinge an einem zerren, man sich völlig überlastet fühlt. Immer mehr Menschen leiden darunter, sie brennen zwischen all den Fronten aus. Burnout schwebt als Modesyndrom über vielen unterschiedlichen Leidensaspekten.

Prominenter Burnout-Patient: Fussballtrainer Ralf Rangnick

Prominenter Burnout-Patient: Fussballtrainer Ralf Rangnick
© Rolf Kosecki

Dieser allgemeine psychische Stress prägt unsere Gesellschaft und rüttelt immer mehr Verantwortungsbereiche wach. Auch die Politik hat die Gefahren für Mensch und Arbeitswelt erkannt. So kritisiert Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, dass „Frühsignale wie Klagen über Konflikte am Arbeitsplatz, über mangelnden Respekt, Monotonie und fehlende Motivation noch zu oft als Petitessen abgebucht werden.“ Die Zahlen geben ihr Recht. Ein Burnout-Fall bringt laut WHO etwa 30 Krankheitstage mit sich. Für Deutschland errechnen sich etwa 270 Millionen Fehltage im Jahr. Speziell die volkswirtschaftlichen Folgekosten des Burnout-Syndroms schätzt die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auf 20 Milliarden Euro jährlich. Und die WHO prognostiziert, dass im Jahr 2020 Depressionen und Angsterkrankungen auf Platz zwei und drei der Volksleiden in den Industriestaaten stehen werden. Als Hauptgründe führt die Ministerin an: Verdichtung von Arbeitsabläufen, Informationsüberflutung und ständige Erreichbarkeit. Ihr Lösungsansatz: „Wir müssen die Techniken erlernen, richtig damit umzugehen.“ Genau hier liegt wohl der Schlüssel, um den Tunnel voller Seelenasche zu verlassen.

Ein altes Leiden neu entfacht: Der GAU der Seele

Burnout

Burnout oder Drepession

Schon Ende des 16. Jahrhunderts ist bei Shakespeare „to burn out“zu lesen. Um 1900 wurde „burn out“ zum Standardbegriff für „Überarbeitung und frühen Tod“. Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit drang Burnout 1960. Graham Greene veröffentlichte seinen Roman „A Burnt-Out Case“. Hauptfigur darin ist ein desillusionierter Architekt. Er gab seinen Beruf auf, um als Aussteiger im afrikanischen Dschungel zu leben. Mitte der 70er-Jahre dann beschäftigte sich die Wissenschaft mit dem Phänomen. Seither wird das Syndrom als Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf beschrieben. Es läuft in drei Phasen ab: zunächst spüren Betroffene eine überwältigende Erschöpfung. Sie können aber aus sich heraus keine emotionalen oder physischen Kräfte dagegen setzen. In der folgenden Phase reagiert man in vielen Fällen zynisch und distanziert sich vermehrt von der beruflichen Aufgabe. Im Gefühl einer fremdbestimmten Marionette gewinnt Gleichgültigkeit die Oberhand. Es entstehen verstärkt zwischenmenschliche Probleme. Auf der dritten Stufe spürt man immer stärker die eigene Wirkungslosigkeit. Das im Kern oft perfektionistische Selbstbild wird erheblich beschädigt. Im Misserfolg stempelt man sich selbst zum Versager, der trotz Überlastung nichts leistet. Dennoch opfert man sich immer wieder neu auf, fühlt sich immer wieder neu verpflichtet. Das Burnout-Syndrom ist dann der GAU der Seele. Besonders häufig finden sich bei Burnout-Betroffenen Helfersyndrome. Sie haben ihre Ursachen oft in kindheitlichen Versagenserlebnissen. Ähnlich sind auch die Ursachen für krankhaften Ehrgeiz. Eine Sucht nach Erfolg wird zumeist durch elterliche Erziehung geprägt. Dort wurde oft Zuneigung und Liebe von den vorgezeigten Erfolgen des Kindes abhängig gemacht. Natürlich spielen auch schlechte Ausbildung und damit verbundene Misserfolge sowie die Unfähigkeit Nein zu sagen eine Rolle. Nicht zuletzt begünstigen fehlendes Lob oder zu starke Kontrolle, schlechtes Arbeitsklima und Unübersichtlichkeit eine Rolle. Über diese Brücken frisst sich das Ausbrennen in die Seele, hinterlässt immer mehr Asche und verdunkelt den Lebenstunnel. Schlafstörungen sind oft eine Folge.

Seiten: 1 2 3




--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden