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Übertherapie am Lebensende?

Exklusives Interview von beipress.de mit dem Experten für Palliativmedizin Dr. Matthias Thöns

Dr. Matthias Thöns

Dr. Matthias Thöns, geboren 1967 in Witten, ist Anästhesist und arbeitet seit 1998 als niedergelassener Palliativmediziner. In seinem Buch „Patient ohne Verfügung“ berichtet er von falschen Anreizen in unserem Gesundheitssystem, die eine Übertherapie am Lebensende fördern und für viele Patienten unnötiges Leid nach sich ziehen.

beipress: Herr Dr. Thöns, was veranlasste Sie, ein Buch zum Thema Übertherapie am Lebensende zu schreiben? Gab es dafür ein einschneidendes Erlebnis?

Sicherlich hat mich das Schicksal von Gerhard, einem greisen Mann mit Demenz, schwerem Hirnschaden nach einem Herzstillstand und Muskelerkrankung bewegt. Er wurde zuhause über sehr lange Zeit intensivbehandelt und beatmet, ein von ihm ungewollter und sehr leidvoller Zustand. Eigentlich hätte man diese Behandlung augenblicklich beenden müssen, aber der Ehefrau wurde wiederholt mitgeteilt, dies dürfe man nicht. So wurde ich einmal zu einem Hausbesuch gerufen, weil die Beatmungsmaschine Druckalarm gab. Als ich eintraf war der Grund der Lungensteifheit schnell gefunden: Die Leichenstarre war voll ausgeprägt, Gerhard war am Vortag bereits gestorben. Der Unterschied zwischen Leben und Tod war bei ihm so gering, dass dies die am Bett sitzende Fachschwester nicht bemerkte.

beipress: Treten solche Fälle tatsächlich häufig auf oder schildern Sie in Ihrem Buch bestimmte Einzelfälle?

Wir sehen solche Fälle in unserem Team nahezu jeden Tag. Prof. Borasio, Europas bekanntester Palliativmediziner, schätzt den Anteil auf jeden zweiten.1 Bis zu 50% der Patienten erhalten nicht notwendige Untersuchungen, 28% der Sterbenden werden gar wiederbelebt.2 Und Prof. Chen von der Duke University of North Carolina hat viele Krebsfälle untersucht und festgestellt, dass Dreiviertel dieser in den letzten 30 Lebenstagen eine zu aggressive Behandlung erhalten.3 Wir sprechen hier nicht von anekdotischen Einzelfällen, sondern von einem Massenphänomen, welches längst beitragssatzrelevant ist.

beipress: Sind Ihnen vergleichbare Fälle auch aus anderen europäischen Ländern bekannt?

Viele Industrienationen haben diese Probleme. Deutschland scheint hier aber eine Spitzenposition einzunehmen. Nehmen wir uns mal nur die Herzmedizin vor. Da sind wir unangefochtener Weltmeister in der Anzahl an Herzkathetern, nirgends auf der Welt gibt es so viele wie bei uns. Diese Methode zur Behandlung eines Herzinfarktes bietet mittlerweile fast jede größere Klinik an. Doch die Ergebnisse sind schlecht bis miserabel. Im Vergleich der Industrienationen stehen wir in der Herzinfarktsterblichkeit auf Platz 25 von 28 untersuchten Ländern. Das ist beschämend und zeigt nur eins: Zu viel Medizin ist schädlich, leidvoll und nicht selten tödlich.

beipress: Worin ist Ihrer Meinung nach eine Übertherapie am Lebensende begründet?

Der wesentliche Faktor sind extreme geldliche Fehlanreize. Viele Chefärzte werden durch Bonusverträge am Klinikgewinn oder an besonders lukrativen Eingriffen beteiligt. Anfang des Jahrtausends wurde die Krankenhausfinanzierung von einer Kostendeckung auf ein gewinnorientiertes System umgestellt. In diesem DRG (diagnosis related groups) System wird nach Diagnose und Eingriff bezahlt. Je schlimmer die Diagnose und je größer der Eingriff, desto lukrativer. Und schlimme Diagnosen haben Sterbende – und sie wehren sich oft nicht gegen große Eingriffe. Niemand hinterfragt, ob sie denn dem Sterbenden nutzen, niemand hinterfragt das schlimme Leid durch diese Eingriffe. Ein Beispiel: Man kann grundsätzlich jeden Menschen künstlich beatmen. Die Entscheidung trifft der Arzt, begründende Diagnosen finden sich bei Sterbenskranken leicht. Und da gibt es nach der 24. Stunde z.B. 10414 €?!

beipress: Handeln die Ärzte Ihrer Meinung nach aus wirtschaftlichen Gründen oder kommen Sie den Wünschen der Angehörigen oder Patienten nach?

Ich sage es mal platt als Arzt und Insider. Patienten und ihre Angehörige tun das, was ihnen der Arzt empfiehlt, gerade in der Situation schlimmster Krankheit. Nimmt man sich nur genügend Zeit, so kann man Sinn und Unsinn bestimmter Eingriffe fast jedermann erklären. Mithin denke ich, dass der Trend der letzten Jahre im Wesentlichen an der Umkrempelung der Krankenhausfinanzierung und dem Gewinnstreben liegt. Heute regieren Gewinn und Erlös die Welt der meisten Kliniken und nicht mehr das Patientenwohl.

beipress: Inwieweit kann Ihrer Ansicht nach eine Patientenverfügung unnötige Behandlungen und Eingriffe verhindern?

Die Patientenverfügung ist ein sehr wichtiges Werkzeug, um unsinnige Medizin zu verhindern. Das wichtigste aber ist, dass man noch einen Bevollmächtigten in einer Vorsorgevollmacht benennt und dieser sich gegen den Halbgott in Weiß durchzusetzen vermag.

beipress: Ihre Ansichten werden von Berufskollegen zum Teil scharf kritisiert. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Ich werde zumeist nur aus der Chefetage der Kollegenschaft kritisiert. Damit kann ich gut umgehen, denn es heißt ja so schön „der getroffene Hund bellt“. Weniger gut kann ich mit der Kritik umgehen, dass ich pauschaliere. Das möchte ich nicht und selbstverständlich gibt es eine große Mehrheit guter Ärzte und Krankenschwestern, es gibt auch gute Chefärzte und sicherlich wird es auch gute Verwaltungsdirektoren in Kliniken geben. Es gibt auch die Kritik, dass ein Arzt nicht schlecht über einen anderen sprechen darf. So steht das auch in unserer Berufsordnung. Aber ich denke, Sterbenskranken schwerwiegende Eingriffe aus wirtschaftlichen Gründen anzutun ist würdelos. Und Artikel 1 unserer Verfassung schützt die Würde des Menschen – das steht über meiner Berufsordnung.

beipress: Wie kann Ihrer Ansicht nach dieses Problem behoben werden? Haben Sie konkrete Vorschläge?

Ich kämpfe in kleinen Schritten. Transparenz würde sehr helfen. Wenn Sie einen Sparbrief abschließen, werden Sie belehrt, wieviel Provision Ihr Bankberater bekommt. Es muss transparent sein, wenn ein Arzt über den Trick sogenannter Anwendungsbeobachtungen für die Verordnung eines Medikament bei einem Patienten im Schnitt 670 € „Honorar“ erhält, in der Spitze gar 7000 €. Diese Kollegen und die Firmen gehören veröffentlicht, die Tatsache muss aufklärungspflichtig sein – wie beim Sparbrief. Gleiches kann nur für Bonusverträge gelten. Wenn ein Orthopäde für den Knieersatz tausende Euro bekommt, für eine alternativ wirksame Behandlung nichts, muss ich das als Patient erfahren.


Vielen Dank für das Interview!

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Piper-Verlag: Patient ohne Verfügung

  • € 22,00 [D], € 22,70 [A]
  • Erschienen am 01.09.2016
  • 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
  • ISBN: 978-3-492-05776-9




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