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Pflegeversicherung reicht nicht mehr aus

Groehe

Auf einem Festakt hielt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Festrede

Die Pflegeversicherung in Deutschland feierte soeben runden Geburtstag: Am 1. Januar 2015 wurde sie 20 Jahre alt. In Kraft trat die Pflegeversicherung in einem zweistufigen Verfahren: Zunächst in einer ersten Stufe (mit Wirkung vom 1. April 1995) mit der Übernahme von Leistungen für ambulante und teilstationäre Pflege (1996 knapp 1,2 Millionen Empfänger, 2013 etwa 1,8 Millionen), dann in einer zweiten Stufe (mit Wirkung vom 1. Juli 1996) mit der Ausweitung des Versicherungsschutzes auf damals rund 480.000 (heute sind es knapp 800.000) Alten- und Pflegeheimbewohner.

Leistungen

Die Leistungen blieben lange unverändert, erst in den vergangenen Jahren wurden sie in einigen Bereichen erhöht. Heute reicht die Spanne zum Beispiel bei den gängigen Leistungen in der häufigsten Stufe 1 von 235 Euro Pflegegeld bis zu 1023 Euro für Heimpflege pro Monat. Während anfangs Demenz kein großes Thema war, bekommen nun auch Demenzkranke Unterstützungen – die Bundesregierung will die Versicherung für Demente weiter öffnen.

Eigenanteil

Pflege ist immer noch auch ein Armutsrisiko. 1999 mussten in Stufe 1 noch 1039 Euro fürs Heim im Monat dazugezahlt werden. Bis 2011 stieg der Eigenanteil in der stationären Pflege in Stufe I auf im Schnitt 1380 Euro (Stufe III: 1802 Euro).

Pflegebedürftige

1995 waren es im ambulanten Bereich 1,06 Millionen. Die im Juli 1996 eingeführten stationären Leistungen erhielten zunächst 380.000 Menschen. demenz-test2005 waren es ambulant 1,31 Millionen, stationär 640.000 Pflegebedürftige. Bis 2012 stieg die Zahl auf 1,67 Millionen ambulant und 730.000 stationär. Dabei gab es eine starke Zunahme nur in Pflegestufe 1: von anfangs 620.000 auf zuletzt 1,36 Millionen. 1993 entfielen von den bewilligten Anträgen 43 Prozent auf Stufe 1, 37 Prozent auf Stufe 2 und 20 Prozent auf Stufe 3. 2012 waren es 69 Prozent (Stufe 1), 21 (Stufe 2), und nur je 5 in Stufe 3 und bei Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz.

Künftige Versorgungsengpässe

Gesamtwirtschaftlich beachtlich ist ein Umsatzvolumen für Pflegeleistungen von rund 33 Milliarden Euro (2011) mit einer volkswirtschaftlichen Wertschöpfung von 27 Milliarden Euro, was einem Anteil von 1,1 Prozent am Bruttoinlandsprodukt entspricht. Daran sind die neu zugelassenen privaten Anbieter im Pflegemarkt maßgeblich mit beteiligt. Diese Leistungen werden von etwa 970.000 insgesamt in der Pflege Beschäftigten erbracht, was gsczätzt 680.000 Vollzeitäquivalenten entspricht. Zu über 80 Prozent handelt es sich dabei um Frauen, die – laut Sttistischem Bundesamt von 2011 – weit überwiegend in Teilzeit beschäftigt sind (z. B. in der ambulanten Pflege über 70 Prozent) . Allein zwischen 2008 und 2009 sind 80.000 neue Arbeitsplätze entstanden.

Angesichts der für die Zukunft erwarteten weiteren Zunahme im Fachkräftemangel sind diese Erfolge aber nur der sprichwörtliche „Tropfen auf den heißen Stein“ (z. B. Bertelsmann-Stiftung 2012; Gohde 2013). Schon jetzt gibt es für drei unbesetzte Stellen in der Altenpflege nur eine arbeitsuchende AltenpflegeAltenpflegefachkraft. Über künftige Versorgungsengpässe gibt es alarmierende, allerdings nicht immer seriöse Hochrechnungen.
Unter Status-quo-Bedingungen erwartet z. B. das Institut der deutschen Wirtschaft einen Anstieg des Bedarfs an Voll- und Teilzeitkräften bis 2020 auf etwa 900.000 und bis 2050 sogar auf bis zu 1,6 Millionen. Etwas vorsichtiger, aber ebenfalls in kaum über den hiesigen Markt rekrutierbaren Größenordnungen äußert sich der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, der für 2050 schätzungsweise 600.000 bis 1 Million fehlende Fachkräfte erwartet.

Ist die gesetzliche Pflegeversicherung noch sinnvoll?

Die gesetzliche Pflegeversicherung alleine bietet dem Pflegebedürftigen kaum Vorteile. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland nimmt immer mehr zu und liegt schon jetzt bei über 2,5 Millionen. Im Gegensatz dazu nehmen die Einzahler in die Pflegekasse immer mehr ab. Erschwerend kommt dazu, dass die Menschen immer älter werden und dadurch auch eine langjährige Pflegebedürftigkeit eintreten kann. Die Belastung der gesetzlichen Pflegekasse wird immer höher. Reformen, die in letzter Zeit eingeleitet wurden, sind nur halbherzig und können die Probleme nicht aus der Welt schaffen. Wer sich richtig absichern möchte, der kommt um eine private Zusatzversicherung nicht herum, denn die gesetzliche Pflegeversicherung bietet nur eine minimale Grundsicherung. Verfechter der gesetzlichen Pflegeversicherung drängen deshalb auf eine vollständige Änderung und Neuordnung der Pflegeversicherung.

Reformen sind nötig

Die Nachteile der gesetzlichen Pflegeversicherung sind eindeutig. Die Leistung der Pflegeversicherung richtet sich nach einer festgelegten Pflegestufe. Diese Leistungen können aber bei Weitem nicht die Kosten decken, die bei einem Pflegefall tatsächlich anfallen. Die gesetzliche Pflegeversicherung istElderly woman in nursing home also der Teilkaskoversicherung beim Auto gleichzusetzen. Wer nicht selbst über eigene, große Mittel verfügt, kann sich heute einen Heimbetreuungsplatz, der um die 3000 Euro kostet, nicht leisten. Hilfe vom Sozialamt gibt es erst, wenn auch das letzte Vermögen des zu Pflegenden und dessen Kinder verbraucht ist.

Das zweite Minus der gesetzlichen Pflegeversicherung ist der Leistungskatalog. Leistungen werden nur nach diesem Katalog berechnet. Darüber hinaus besteht in jedem Bundesland die Möglichkeit, dass Leistungen zwischen Anbieter und Pflegekasse verhandelt werden und so die Kosten unterschiedlich hoch sein können. Aufgrund dieser Kosten ist das Pflegepersonal angehalten, auf Zeit zu arbeiten. Die Ansprüche und Bedürfnisse der Patienten rücken dabei in den Hintergrund. Genau so läuft es auch in den Heimen und Krankenhäusern ab.

Fehlende Differenzierung

Ein weiterer negativer Punkt der gesetzlichen Pflegeversicherung: Es wird nicht berücksichtigt, dass jeder Pflegebedürftige eine andere Krankheit und damit auch andere Anforderungen und Ansprüche hat. Alle werden gleichbehandelt. Es zählt nur die Pflegestufe. Demenzkranke zum Beispiel kommen beim derzeitigen System ganz schlecht weg. Sie werden besonders stark vernachlässigt, weil Sie zwar unter Aufsicht sein müssen, aber alltägliche Dinge wie Anziehen, Zähneputzen oder andere Dinge noch vollständig allein erledigen können. Die gesetzliche Pflegeversicherung hat hier ihren größten Knackpunkt, denn sie richtet sich nur an den körperlichen Fähigkeiten der Menschen aus, in welche Pflegestufe sie eingestuft werden.

Grundversorgung – mehr nicht

Die Vorteile der gesetzlichen Pflegeversicherung liegen nur darin, dass sie bezahlbar sind und auch vom Arbeitsamt oder der Rentenkasse übernommen werden, so dass jeder Mensch zumindest eine Grundversorgung hat.

Kinder haften für Ihre Eltern!

Hat der Pflegebedürftige selbst nicht mehr genug Vermögen, um die Kosten für Unterbringung und Pflege zu decken, werden die Einkommen undPflegeheim Vermögenswerte der Kinder herangezogen. Erst wenn klar ist, dass hier auch nichts mehr zu holen ist, springt das Sozialamt ein, was möglicherweise mit weiteren Negativkonsequenzen einhergehen kann, z.B. der Umzug in ein günstigeres Pflegeheim. Die finanziellen Belastungen durch Pflegebedürftigkeit sind auf keinen Fall zu unterschätzen. Eine private Pflegezusatzversicherung ist also in jedem Fall sinnvoll. Aufgenommen wird man in eine solche Versicherung natürlich nur, solange man noch gesund ist und keine schweren (Vor)Erkrankungen hat oder hatte. Es macht also durchaus Sinn, eine Pflegezusatzversicherung möglichst frühzeitig abzuschließen, solange man noch nicht pflegebedürftig ist.

Leistungen der Pflegekasse

Leistung   Pflegestufe 0   Pflegestufe 1   Pflegestufe 2   Pflegestufe 3
Pflegegeld ohne Demenz        235 €         440 €        700 €
mit Demenz         120 €        305 €         525 €        700 €
Pflegesachleistungen ohne Demenz        450 €       1.100 €      1.550 €
mit Demenz         225 €        665 €       1.250 €      1.550 €
Pflege im Heim     1.023 €       1.279 €      1.550 €

Deckungslücke

Die Kosten für die Pflege durch einen ambulanten Pflegedienst oder die Pflege im Heim, sind jedoch höher, als die Leistungen der Pflegekasse. Die Zeitschrift Finanztest hat in der Ausgabe 5/2013 die Deckungslücken nur für die Pflegekosten (ohne Demenz) ohne Unterkunft und Verpflegung ermittelt.

Übersicht der Deckungslücke je Pflegestufe

Art der Pflege Pflegestufe   Pflegekosten   LeistungPflegevers.   Deckungslücke
Zuhause durch Pflegekräfte Pflegestufe 1       980 €          450 €        530 €
Pflegestufe 2    2.370 €       1.100 €     1.270 €
Pflegestufe 3    3.870 €       1.550 €     2.320 €
Pflege im Heim Pflegestufe 1    1.763 €       1.023 €         740 €
Pflegestufe 2    2.239 €       1.279 €         960 €
Pflegestufe 3    2.810 €       1.550 €      1.260 €

 

Sepp Spiegl

 

 

 

 

 

 

 

 


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