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Tabu sucht Worte

In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 60.000 Männer an Prostata-Krebs. Wenige sprechen offen darüber. Ängste äußern sie meist nicht. Ein Betroffener redet offen über seinen Hodenkrebs und Prostatakrebs. Nach der Totaloperation hat er wieder Pläne. Er kämpft.

Hodenkrebs tritt überwiegend bei Männern zwischen 25 und 45 Jahren auf

Es ist Mittag. Ich stehe mit Bernhard* vor verschlossenen Türen eines Bistros. Bernhard wollte unser Gespräch nicht zu Hause machen. Wegen seiner Frau. „Die macht sich gleich wieder Sorgen. Sie hat ja mit mir auch viel durchgemacht“, erklärt er seinen Wunsch. Er dreht sich jetzt verunsichert ab. Vielleicht sollte er doch einen Rückzieher machen. Ja, er wollte mit mir einfach mal über seine Krebserkrankungen sprechen. Über seine Ängste und überhaupt… Lange hat er überlegt. Er ist nicht der Typ, der wehleidig klagt. Er akzeptiert, wie es ist, packt an, setzt sich Ziele. Aber muss er das jetzt öffentlich machen? Muss er plötzlich aus tiefster Seele sein Inneres nach Außen kehren? Er macht einen Schritt vom Bistro-Eingang weg.

Im Moment öffnet die Bedienung freundlich neugierig die Tür. Ich erkläre ihr, dass wir nur ein nettes Eckchen für ein ernstes Gespräch suchen. Irgendwie hat sie wohl Mitleid mit uns älteren Herren. Wenn es nur ein Cappuccino oder so ist, dann könnten wir uns hinten einen Tisch suchen. Sie drückt ein Auge und dann die Tür zu. Wir sind glücklich dem strömenden Regen entronnen. Bernhard konnte bei dieser mitfühlenden Einladung keinen Rückzieher machen. Ein bisschen wie gefangen setzt er sich seitlich von mir an den Tisch. Ich lege das Mikrofon auf den Tisch und er legt unvermittelt los: „Vor 20 Jahren hatte ich Hodenkrebs…“ Jetzt stellt die junge Frau unseren Tee hin. Sie lächelt: „Ich bin hinten in der Küche, wenn was ist…“ Bernhard starrt verloren in das Aufnahmegerät. Er meidet es, der Frau ins Gesicht zu sehen. Tonlos redet er weiter: „Ja“, gibt er gleich zum Auftakt zu: „Ich habe damals Angst gehabt.“ Aber er ist mit dem Urologen die Sache aktiv angegangen. Ein trauriger Trost für ihn war auch, dass mit ihm etwa 4000 Männer in Deutschland pro Jahr diese Diagnose bekommen. In der ambulanten Praxis wurde ihm der linke Hoden entfernt. Man nennt das Semikastration. 18 Bestrahlungen folgten. Bernhard war damals 40 Jahre alt.

Wie ein kalter Wasserguss kam diese Krankheit über ihn. Während einer Geschäftsreise, morgens in der Dusche eines Hotels: Sein Hoden war plötzlich dick angeschwollen. Schmerzen hatte er nicht. Die geschäftlichen Termine zog er noch zwei Tage durch. Der Beruf ging ihm – wie immer – vor. Seine Frau drängte zur Heimkehr und Behandlung durch den Urologen. Nach der Ultraschall-Untersuchung reagierte der Arzt ohne Umschweife und sehr direkt: Unbedingt eine Operation. Ein Hoden musste abgenommen werden. Drei Wochen nach der Operation liefen die Bestrahlungen an. Dreimal in der Woche in die 30 Kilometer entfernte Klinik fahren, das war auch für den Viel-Autofahrer Bernhard keine leichte Übung. Dazu kam, dass er gleich nach der ersten Bestrahlung das Gefühl hatte, seine Gedärme würden verbrennen. Erst auf Nachfrage wurde ihm verraten, dass man eine Stunde vorher ein Mittel einnehmen sollte, damit diese Schmerzen nicht auftreten. Noch heute ist Bernhard sauer über die mangelnde Information.

Der Hodenkrebs und das Danach

„Für mich war es besonders wichtig, wieder in den Beruf zu kommen, zu meinen Kunden.“ Kurz vor Weihnachten besuchte Bernhard alle, um das Signal zu geben: Ich bin wieder da. Besonderen Mut brauchte er zu einer für ihn wichtigen Entscheidung: „Ich habe offen mit allen über meine Krankheit gesprochen.“ Es ist seine Eigenart, dass er bei Belastungen schnell an die Grenzen geht. So ging der erste Tag „voll in die Binsen. Anstelle einer normalen und geplanten Tour waren es dann zum Schluss zwölf Stunden mit 400 Kilometer Autobahn und Landstraße. Ich hatte mich total übernommen und war total fertig.“ Aus heutiger Sicht wäre es besser gewesen, er hätte noch eine Auszeit von vier Wochen genommen. Aber der seit einigen Monaten Rentner sagt auch: „Was hat man nicht alles für den Beruf getan.“ Gedankenverloren rührt er im halbkalten Tee herum.

Von den Nachuntersuchungen hat Bernhard dann keine einzige ausgelassen. Die zunächst vierteljährliche Computertomographie (CT) schwächte den Körper erneut. Aus heutiger Sicht findet er das „unverantwortlich, wenn man weiß, dass der Patient schon vorher eine Ganzkörper-CT bekommen hat.“ Bernhard ist der Ansicht, dass man das damals schon mit einem MRT (Magnetresonanztomographen) hätte machen können. Aber MRT – so sieht er es – kostet „halt wesentlich“mehr. Mit den heutigen Erfahrungen meint er, dass er damals noch nicht stark genug war sich zu wehren. Und „mit Internet und Google ging eben damals noch nichts.“ Von den Ärzten hat er aus seiner Sicht zu wenig erfahren. „Die haben gesagt: Das muss sein und fertig.“ Nach deren Aussagen war sein Hodenkrebs erst im Anfangsstadium.

Aus seiner Vorgeschichte hat Bernhard aber gelernt, regelmäßig die angebotenen Vorsorgeunteruchungen machen zu lassen. Nach einigen Jahren kam dann auch die Ermittlung des PSA-Wertes (PSA = prostataspezifisches Antigen) hinzu. PSA ist ein wichtiger Messwert, wenn es darum geht, Prostatakrebs zu entdecken. Davon hatte ihm niemand etwas gesagt. „Ich musste knapp 30 Mark selber zahlen, weil das damals keine Kassenleistung war und wohl heute auch nicht ist.“ Sorgfältig hat Bernhard, er ist Ingenieur von Beruf, die anwachsende PSA-Liste mitgeplottet. Sie liegt noch heute in seinen Akten. Plötzlich stieg der Wert auf 4. Der Hausarzt sagte ihm: „Wir müssen das jetzt beobachten. Das ist eine kritische Ecke.“ Und im November 2011 war der PSA-Wert dann bei 8,6. Unerklärlich. Gleichzeitig aber wurde festgestellt, dass die Prostata sich ums Doppelte vergrößert hatte. Es folgte von außen und rektal die Ultraschalluntersuchung. Bernhard: „Das ist gar nichts! Es ist mehr die Überwindung. Und Bernhard hat mit Freunden darüber gesprochen. Die meisten haben gesagt: „Ich lass mir da unten nicht herummachen.“ Bernhard hält das für grob leichtsinnig.

Und jetzt noch Prostata-Krebs

Das Prostatakarzinom ist der häufigste bösartige Tumor bei Männern

Mit der Überweisung zum Urologen und dem neuen auf 9,6 gestiegenen PSA-Wert in der Tasche wollte Bernhard sich erneut dem Unausweichlichen stellen. Ihm wurde eine Biopsie empfohlen. Von der Prostata werden links und rechts vom Harnleiter je vier Proben entnommen. Bernhard sagt: „Es war zu ertragen. Im Prinzip ist das ein Schussgerät. Es wird durch den Darm in die Prostata hineingeschossen.“ Auf dem Rückweg wird eine Miniprobe mitgenommen. Die wird später im Labor (Pathologie) untersucht.

„24 Stunden später habe ich in der Mittagszeit ein heftiges Körperzittern bekommen. Ich hatte über meinen bebenden Körper keine Gewalt mehr, konnte kein Handy mehr halten. Ich musste schleunigst ins Krankenhaus.“ Langsam kam Bernhard mit Hilfe von Medikamenten von seinem 40-Grad-Fieber wieder runter. Offensichtlich waren bei dem Prostata-Beschuss Darmkeime in die Blutbahn freigesetzt worden. Nach diesem Schock schlug dann noch das Biopsie-Ergebnis bei ihm und seiner Frau ein: Auf einer Seite der Prostata waren Krebszellen gefunden worden. Der behandelnde Arzt empfahl die weitere engmaschige Beobachtung und eine erneute Biopsie nach zwölf Monaten.

Das gab Bernhard etwas Abstand vom neuen Krebs-Schock. Er konnte und wollte sich gleich wieder in seine Arbeit stürzen. Renovierungen zu Hause standen an. Es machte ihm Spaß, an die Krankheit dachte er kaum noch. Doch danach suchte sich wieder das Nachdenken Raum. Er hatte geschworen, sich den Dingen immer zu stellen. Diesmal gab es ja bessere Informationsmöglichkeiten. Über das Internet fand er auf all seine Fragen erschöpfende Antworten. Anders als vor über 20 Jahren. „Ein Klick `Prostatakrebs´, und es kommen viele Informationen bis hin zu Operationen, die ich life in Video-Aufzeichnungen miterleben konnte. Für mich war es auch ein Stück Ablenkung. Ich wusste mehr, auch wie kritisch es mit mir steht.“ Bernhard, dem Fakten über alles gehen, konnte nun besser mitreden über Dinge, die weiter auf ihn zukommen sollten.

Umfangreiche Aufklärung als Zweitmeinung

Besonders begeistert ist Bernhard von einer Telefonnumer, die er von seiner Krankenkasse bekommen hat. Hier konnte er eine zweitärztliche Meinung einholen. „Ich war überrascht, wie positiv das Gespräch verlaufen ist. Die haben mich umfangreich über meine Krankheit und die Folgen aufgeklärt „Ich habe mich da geborgen gefühlt.“ Man sagte ihm, dass er mit seinen 63 Jahren noch zu jung sei, um in dieser kritischen Situation abzuwarten. Krebszellen seien Grund genug nicht abzuwarten, sondern aktiv etwas zu unternehmen. Für eine engmaschige Überwachung wäre es aber schon zu spät. „Das hatte mir vorher keiner gesagt.“ Bernhard hebt das halbleere Teeglas zitternd in die Höhe. Dann nimmt er einen kleinen Schluck und unterstützt das Glas mit der anderen Hand. Er lächelt etwas angestrengt: „Das wäre mir früher nicht passiert.“

Jetzt mit dem Prostatakrebs konnte Bernhard offener mit Freunden „über die Krankheit da unten“ sprechen. Sie haben mich darin bestätigt, die Operation machen zu lassen. Der Arzt warnte auch: “Wie lange wollen Sie denn noch warten?“ Nach außen hatte Bernhard wieder alles fest im Griff. Gut informiert, gefasst, von seiner Frau und Freunden mitfühlend unterstützt, wusste er nun seinen Weg. Nicht mit einkalkuliert aber hatte er seinen Co-Patienten: die massive Angst. Sie kam aus heiterem Himmel. Eine Woche vor der Operation. „Nachts hatte ich Angstzustände. Schweißgebadet kroch ich aus dem Bett. Meine Frau versuchte mich zu beruhigen. Sollte ich davonlaufen? Dann war wieder Ruhe.“ Das ging mit ihm drei Tage so. Immer wieder überfielen ihn diese tiefen Ängste. Doch gleichzeitig wusste er auch: Es gibt keine andere Möglichkeit. In solchen Momenten war er schnell wieder der Alte: „Andere müssen da auch durch. Wenn ich jetzt noch eine Chance haben will, dann muss das sein. Ich hatte ja schon mal eine Chance.“ Nach solchen Selbstherapien wurde er immer ruhiger. Dazu ist Bernhard noch gläubig. Er hat sich schlussendlich „in die Hände des Schöpfers“ begeben. Ihm war klar: „Entweder habe ich die neue Chance oder es geht zu Ende mit mir.“ Bernhard erinnert sich sehr präzise an diese Zeit, an die vielen Gespräche, an Zweifel: „Zwei Wochen später lag ich unter dem Messer. Bestrahlung ging nicht mehr, weil ich ja gut 20 Jahre vorher im gleichen Bereich bestrahlt worden war.“ Jetzt faltet Bernhard unwillkürlich die Hände auf dem blanken Bistrotisch. Das angebrochene Zuckerstückchen bleibt unberührt auf der Untertasse. Es ist etwas nass geworden. Langsam nimmt er noch einen Schluck Tee. In die Operation ging er dann ganz ruhig.

Es wurde eine Totaloperation, also die komplette Entfernung der Prostata. Minimal-invasive Operation, also über kleine Zugänge, kam für den behandelnden Arzt nicht in Frage. Das wird, so die Ärzte, nur bei Patienten gemacht, die körperlich nicht stabil oder älter sind. Bei der offenen Operation hat der Operateur einen besseren Überblick, beispielsweise auch über die Randzonen. Zweieinhalb Stunden lag Bernhard auf dem Operationstisch. Der Zwölf-Zentimeter-Längsschnitt im Unterbauch nabelabwärts dokumentiert den Eingriff. Später, als wir ein bisschen Wellness in den Thermen machen, zeigt er mir die Narbe. Er besteht darauf. Das ist neu bei ihm. Er wollte mich ja ganz offen informieren. Jetzt hat er kleine Schweißperlen auf seiner geröteten Stirn.

Die Angst vor dem Urinverlust

Und Bernhard wurde sofort nach der Operation psychologische Betreuung angeboten. Davon war damals nach der Hodenkrebs-Operation überhaupt nie die Rede. Der Weinliebhaber fühlte sich aber auch diesmal so gefestigt, dass er darauf verzichtet hat. Am Tag nach der Operation hat Bernhard die ersten Schritte gemacht. Natürlich mit Katheder und Tropf. Der Bauch schmerzte noch längere Zeit. Infusionen und Schmerzpatronen nach Bedarf machten das einigermaßen erträglich. Eine Klippe war, ob die Neuanbindung von der Blase zu Harnröhre dicht ist. Denn mit der Entfernung der Prostata fehlt in dem Bereich bis etwa vier Zentimeter die Harnröhre. Bei der Operation wird die Blase runtergezogen und mit der Harnröhre verbunden. Über den Katheder wird sie stumpf vernäht und auch abgedichtet. Die Probe auf Dichtigkeit findet mit einem Kontrastmittel statt. „Ich hatte nur eine leichte Schliere“, also relativ dicht. Damit konnte der Katheder früher raus.

„Unangenehm ist“, berichtet Bernhard, „dass der Schließmuskel mit entfernt wird. Es gibt aber da unten Muskeln, die für den Zweck nicht trainiert sind. „Was passiert jetzt? Habe ich dauernd Urinverlust?“ Mit diesen Fragen und Schwierigkeiten wurde Bernhard sehr gut aufgefangen. Zunächst wurde ein Trinkprotokoll gemacht. Er musste alles notieren, was er getrunken hatte. Dann folgte das Urinprotokoll. Die Blase musste restlos ausgelehrt sein. Bernhards Werte waren sehr gut. Er lernte aufgrund des Trinkprotokolls einzuschätzen, wie lange er den Urin halten konnte. „Ich verspürte keinen Drang wie früher. Ich musste regelrecht berechnen, wann ich auf Toilette gehen muss. Die automatische Kontrolle war nicht mehr da. Mit der Zeit hat man das immer besser im Griff. Man soll sich nicht verrückt machen. Man wird trocken. Das dauert in der Regel zwischen drei und zwölf Monaten.“ Training ist einfach angesagt. Es gibt hierfür auf Prostata-Nachsorge spezialisierte REHA-Kliniken. Bei Bernhard ging alles reibungslos schnell. Innerhalb von 24 Stunden war von der Krankenkasse die Bestätigung da, dass ich in die REHA-Klinik wechseln kann.

Zwischenzeitlich war Bernhard so etwa wie ein Vorzeigepatient. Alle Werte bestens. Alle Protokolle einwandfrei. So wurde er nach zehn Tagen entlassen. Vier Stunden hat er zu Hause genossen. Dann der Rückschlag. „Als ich zur Toilette ging, bin ich in Ohnmacht gefallen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich Probleme mit allem, was man so ausscheiden kann.“ Sein Kreislauf war im Keller. Und er hatte Wadenkrämpfe in beiden Beinen. „Das Schlimmste aber war“, sagt er, „dass ich so klein, so erniedrigt, so hilflos am Boden lag. So habe ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt. Nach zweieinhalb Stunden haben wir uns entschlossen, einen Notarzt zu rufen.“ Der hatte ihn sofort in ein Krankenhaus eingewiesen. Bernhard hustet. Es ist zu spüren, dass diese Szene ihm erneut sehr nahe geht. So war er innerhalb von zehn Stunden wieder in einem anderen Krankenhaus. Bernhard hatte den Norovirus. Der kam bei seiner Schwäche ganz brutal zum Ausbruch und hat „mir regelrecht die Füsse weggerissen“. Nach einer kritischen Phase von 72 Stunden ging es wieder aufwärts.

„In die weitere Folgebehandlung bin ich gerne gegangen. Ich wusste ja, dass es dazu gehört. Wenn ich das nicht mache, dann habe ich Monate lang Probleme mit der Inkontinenz. Das hatten mir andere gesagt. Sie haben dort unwahrscheinlich viel getan, sie haben den Körper wieder aufgebaut, Sport wurde angeboten.“ Bernhard war mit 80 Männern zusammen, die eine Prostata-Operation hinter sich hatten. „Hier habe ich nochmals besonders gelernt, meine Probleme – auch `die da unten´ – ohne Scheu und falsche Scham anzusprechen.“

Trainieren und Planen in der REHA

Großer Wert wurde in der REHA-Klinik auf das Training der Beckenbodenmuskulatur gelegt. „Diese Muskelpartien im unteren Bereich wurden uns sehr gut erklärt.“ Aufgeklärt wurde darüber, was nach der Operation fehlt. Was muss aktiviert werden? Trainiert wurde gezielt in der Gruppe. Nach einer Woche prüfte der Therapeut bei einem Einzeltermin, ob die Übungen auch richtig angekommen sind, ob die Anspannungen richtig gemacht werden. Das war für Bernhard wieder ein Meilenstein nach vorne. „Nach drei Wochen konnte ich schon wieder Strecken laufen. Da hat mir jeder Tag Auftrieb gegeben.“ Der Ehrgeiz hatte den Camping-Begeisterten nicht verlassen. Er lief immer größere Strecken und dachte konsequent nach vorne.

Schon in der Klinik hatte er begonnen, die nächste Urlaubsreise mit dem großen Wohnanhänger zu planen. „Für mich war das ein Ziel. Ich wollte wieder auf den alten Stand kommen. Ich will einfach wieder der Alte sein, mich auf keinen Fall hängen lassen.“ Aber das mit den Ängsten plagt ihn immer noch. Einerseits ist er froh, dass er auch mal eine Angst zugegeben kann. Aber andererseits will er sich nicht von Ängsten immer wieder reinziehen lassen. „Ich kann nur auf der Hut sein und mich nicht von Ängsten treiben lassen. Das ist das Schlimmste. Dann schaffst du es nicht.“

Auch diesmal hat ihm wieder sein Glaube geholfen. Er ist demütig hoffnungsvoll: „Damals habe ich die Chance gehabt und es wäre schön, wenn ich sie auch diesmal bekomme.“ Das sagt er jetzt so, mitten in dem menschenleeren Bistro. Die Bedienung fragt, ob wir noch Wünsche haben. Wir nehmen eine weitere Runde grünen Tee. Bernhard spricht nochmals den für ihn wichtigen Punkt an. Ihm hilft der Glaube, ganz besonders in Stunden, in denen man nicht mit anderen reden kann, weil sie nicht da sind oder weil es einfach zu persönlich ist. „Da spricht man nur mit sich und seinem Schöpfer. Das gibt unwahrscheinlich Halt.“ Bernhard weiß: Das gilt nicht für jeden. Dafür gibt es auch kein Rezept. Ihm aber hat es sehr geholfen, es hat ihm Kraft gegeben.

Champagner und ein guter PSA-Wert

Ein auffälliger PSA-Wert bedeutet nicht unbedingt ein Prostata- Karzinom

Kraft aber gibt ihm auch seine Frau. „Sie war immer bei mir. Auch bei allen Arztgesprächen. Sie hat öfter Anstöße gegeben, wenn ich noch nicht soweit war. Für mich war sie die erste und direkte Stütze.“ Wieder wischt er sich über Stirn und Mund. Überall kleine Schweißtropfen. Bernhard kämpft mit seiner Fassung. Diese zu verlieren, wäre für ihn so etwas wie eine Niederlage. Er will sich in der Gewalt behalten. Er weiß, dass er seiner Frau mit seiner Krebserkrankung viel zumuten musste. Er weiß: „Das geht natürlich auch bei ihr nicht so einfach vorbei. Das geht auch auf ihre Gesundheit. Das ist eine außergewöhnliche Belastung.“ Er erinnert sich noch gut daran, dass sie massive Schlafprobleme hatte. Und sie musste sogar psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. „Wir haben beide gelitten.“

Er bricht pötzlich ab, steht halb auf und sagt: „Der Tee muss jetzt raus. Die Zeit ist gekommen.“ Irgendwie ist auch mir „da unten“ ein wenig mulmig geworden. Sicherheitshalber verspüre ich den Drang, ihn in die WC-Katakomben zu begleiten.

Erleichtert sitzen wir uns jetzt wieder gegenüber. Bernhard wirkt entspannter. Es sagt, dass er froh ist, weil er es mal erzählt hat. Wir haben sicherlich nicht über alles gesprochen. Bernhard richtet sich deutlich im Stuhl auf und zieht so eine Art Kurzbilanz: „Nachdem das Ganze um ist, sieht man wieder klarer. Meine Frau und ich haben uns nach diesen schweren Wochen auf den gemeinsamen Urlaub gefreut. Sie machen mit dem neuen Wagen und dem großzügig ausgestatteten Wohnanhänger eine kleine Deutschland-Tour. Und er strahlt ungebrochene Gewissheit aus: Von heute aus betrachtet war alles richtig. Die Rechnung ist aufgegangen. Er spürt aber auch, dass sich sein Leben nun anders taktet: Er findet, dass die nächste Kontrolluntersuchung eine erneute Barriere ist. Die steht in zwei Monaten an. Da gibt es Fragen. Geht der PSA-Wert runter? Wie weit geht er runter? Aber sich selbst Mut machend sagt er ganz ruhig: „Ich gehe da gelassen hin. 50 Prozent können so und 50 Prozent so ausgehen. Warum soll ich mich in etwas reinsteigern, was dann zum Schluss umsonst war.“ Bei seiner Frau sehe das anders aus: „Sie sieht es negativer. Sie muss ich öfter bewusst beruhigen.“

Bernhard und seine Frau fahren zu ihrem Campingplatz, 30 Kilometer entfernt, an der Ahr. Hier sind die beiden wieder alleine – mit ihren gemeinsamen Sorgen, aber auch mit der Hoffnung und Gewissheit aus dem Glauben, dass es für sie einen guten Weg gibt, für den man auch kämpfen muss. Wochen später bekomme ich eine Mail von Bernhard. Der PSA-Wert ist auf unter 1 abgesunken. Und er ist vier Monate nach der OP „trocken“, also kein unbeabsichtiger Urinverlust mehr. Brav macht er die täglichen Übungen, um den Becken-Boden-Bereich zu stärken. Das ist wirksam und es tut ihm gut. Mit einem Glas Champagner hat das Paar in Süddeutschland nunmehr ihren etwas anderen Geburtstag gefeiert.

 

Anmerkung des Autors

Ich bin zwischenzeitlich sicherheitshalber auch zum Prostata-Check gegangen und habe den PSA-Wert prüfen lassen. „Alles gut“ war die Antwort meines Hausarztes. Ich habe nur einen kleinen Sekt genommen und Bernhard mitgeteilt, dass ich nach unserem Gespräch mehr aufpassen werde, was sich bei mir als 68-Jährigen „da unten“ tut.

 

* Name geändert

 

Dieter Buchholtz

 

 

Hodenkrebs: Mehr Neuerkrankungen

Diese bösartige Erkrankung beginnt meist in einem der beiden Hoden. Durch eine feingewebliche Untersuchung des Krebsgewebes lässt sich feststellen, um welche Art von Tumor es sich handelt. Mit 1,6 Prozent Anteil an Krebsneuerkrankungen ist der Hodenkrebs eher eine seltene Erkrankung. Er betrifft vor allen junge Männer zwischen 20 und 40 Jahren. In den letzten Jahren ist eine Zunahme der Neuerkrankungen festzustellen. Meistens bestehen aber gute Heilungschancen.

Mehr Informationen unter: http://www.krebsgesellschaft.de

 

Prostatakrebs: Schutz durch Tasten und PSA

Nach Lungen- und Darmkrebs ist Prostatakrebs die dritthäufigste tödliche Krebserkrankung bei Männern. Im Frühstadium spürt man keine Symptome, später können Störungen beim Entleeren der Blase, Knochenschmerzen und noch später dann Gewichtsverlust und Blutarmut auftreten. Wenn bereits Symptome da sind, ist oft schon eine Metastasierung eingetreten. Die Erkrankung findet sich häufig bei älteren Männern. Die Behandlung kann sehr unterschiedlich sein. Eine Vorgehensweise ist die komplette Entfernung der Prostata durch Operation. Zur Früherkennung sollten Männer ab 40 Jahren regelmäßig die rektale Tastuntersuchung der Prostata und die Bestimmung des PSA-Wertes (Prostataspezifisches Antigen) durchführen lassen.

Mehr Information unter: http://de.wikipedia.org




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