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Biegen und durchblicken

„EinDollarBrille“ für Dritte Welt ein Wunder aus der Kiste

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Martin Aufmuth in Malawi | © Wolfram Cüppers – EinDollarBrille

María Sandoval lebt in San Carlos in Nicaragua. Zu ihrem 99. Geburtstag schenkte ihr ihre Familie eine „EinDollarBrille“. Erstmalig erkannte sie die Welt um sich herum. Simon aus Malawi ist 80 Jahre alt. Noch nie im Leben hatte er richtig sehen können. Mit der neuen Brille ist er glücklich und kann wieder auf dem Feld arbeiten. Die allererste „EinDollarBrille“ kaufte ein 60jähriger Mann in Uganda. Noch nie hatte er sein Dorf gesehen, in dem er seit Geburt lebte. Eine 50jährige Näherin verliert wegen ihrer Fehlsichtigkeit ihren Job. Mit ihrer einfachen, aber gut angepassten Brille kann sie wieder Geld verdienen und andere ernähren. Sie alle und unzählige Kinder sehen in eine bessere Zukunft. Das Projekt des Erlanger Mathe- und Physik-Realschullehrers Martin Aufmuth macht es möglich.
Aufmuth hatte über Jahre viel Erfahrung in der Entwicklungshilfe gesammelt. Er erlebte, wie schwierig es für einen fehlsichtigen Menschen in der Dritten Welt ist, eine passende Altbrille zu finden. Die Aufbreitung einer solchen Sehhilfe kostet nach Ausssagen einer Studie rund zwanzig Dollar. Er fand auch, dass die oft sehr modischen Brillen für die Menschen nicht zumutbar sind. Außerdem gibt es zu wenige Altbrillen, um 150 Millionen Fehlsichtige in den armen Ländern auszustatten.

Der pragmatische Realschullehrer tauchte zu Hause ab in die Waschküche und tüftelte. Im Februar 2011 war der Prototyp der ersten Biegemaschine fertig. Die entscheidene Mechanik in diesem kosmetikkoffergroßen Gerät ist German High-Tech. Dennoch ist alles auf verblüffend einfache Art auch in den schwierigen Verhältnissen vor Ort einsetzbar wie bespielsweise in Burkina Faso, Malawi, Nicaragua oder in weiteren fünf Ländern.

Optische Gläser aus China

Wenn Aufmuth seine Erfindung vorführt, dann sprüht er vor Begeisterung. Er bleibt auf viele – auch zweifelnde Fragen – keine Antwort schuldig. Denn die Einsatzrobustheit seiner kompakten Optikerwerkstätten hat sich in vielen Einsätzen bewährt. Am Anfang steht immer die Sehprobe. Ein „E“ steht auf einer optischen Sehtafel in unterschiedlichen Positionen und Größen. Damit kann das Sehverhalten festgestellt werden.

Mit dem Vorhalten vorgefertigter und in China hergestellter Optikgläser aus Polykarbonat kann dann das Maß der Korrekturnotwendigkeit festgestellt werden. In den Deckel der Optikermaschine ist eine Biegetechnik für den speziellen Federdrahtstahl eingelassen. Hier kann die Brille millimetergenau in drei unterschiedlichen Größen für den Träger zurechtgebogen werden.

Holzkiste_MartinAufmuth

In dieser Holzkiste befindet sich eine komplette Optikerwerkstatt.

Modischer Effekt mit kleinen Perlen

Die mobile Werkstatt kann von bis zu sechs Personen zugleich bedient werden. Dann werden aus dem Sortiment zwischen +6 und -6 Dioptrien die passenden Gläser ausgesucht und in die gerade hergestellte Brille eingeklippst. Der neue Träger darf sich dann farbige Kunststoffperlen aussuchen und über die Bügel werden Schläuche aufgeschrumpft. Das ist gegen Verletzungsgefahr und hat dazu einen schönen modischen Effekt. Die notwendige Erwärmung für die Aufschrumpfung klappt auch über offenem Feuer.
Für den Vertrieb der Brillen hat Aufmuth ein einfaches und damit nachhaltiges Konzept entwickelt. Die 2.500 € teure Biegeinheit wird in Deutschland gebaut. Nach einem intensiven 14-tägigen Training und einer Weiterbildung für die Besten in den jeweiligen Ländern wird die kleine Werkstatt an den EinDollarBrille-Techniker vor Ort ausgeliehen. Extra geschulte Prüfer sorgen für kontinuierliche Qualität der lokal hergestellten Brillenrahmen.

Der „fliegende Optiker“ verlangt ein paar Euro

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Nach der Zertifizierung als EinDollarBrille-Techniker sind diese in der Lage, Brillen selbst anzufertigen

Nach der Zertifizierung als EinDollarBrille-Techniker sind diese in der Lage, als Trainer selbst weitere Personen in der Brillenherstellung auszubilden. Ein wichtiger Bestandteil des Trainings ist die Vermittlung von augenoptischen Grundkenntnissen. Der „fliegende Optiker“ verkauft die fünf Gramm leichte Brille dann etwa für zwei bis drei ortsübliche Tagelöhne. Der Preis richtet sich nach der Kaufkraft im jeweiligen Land. Auf diese Weise baut sich der „Optiker“ eine Existenz auf und kann seine Familie ernähren.
Gleichzeitig bekommen die Fehlsichtigen eine maßgenaue Brille, die kostenmäßig erschwinglich ist. Eine ältere Kundin bekam deshalb keine Brille für ihr angebotenes Huhn. Sie musste das Tier auf dem Markt verkaufen und konnte dann die Brille bezahlen. Dieses wirksame Geschäftsmodell wird in der Anschubphase durch Spenden finanziert. Zumeist trägt sich das Projekt schon nach kurzer Zeit selbst.
Über den Abruf der Materialien für die Herstellung der EinDollar-Brille kontrolliert Aufmuth die Organisation und ob genügend Brillen hergestellt worden sind. Mit der Erstlieferung lassen sich etwa 500 Brillen herstellen. Die Materialkosten und die Gehälter der Hersteller und Verkäufer finanzieren sich dagegen aus dem Verkauf der Brillen vor Ort. Das Ziel ist eine finanziell unabhängige augenoptische Grundversorgung der Bevölkerung. Die erste Ausbildung konnte 2013 in Ruanda starten.

Finanzspritze von der Siemens-Stiftung

Mädchen mit BrilleFür diese einfache wie wirksame Leistung bekommt Aufmuth mit EinDollarBrille e.V. weltweite Anerkennung. Darunter auch 2013 der empowering. people Award der Siemens Stiftung, dotiert mit 50.000 Euro. Solche Finanzspritzen sind ausgesprochen wichtig für den Verein. Denn je mehr Biegeeinheiten in der Dritten Welt eingesetzt werden, umso deutlicher werden die Erfolge bei Jung und Alt.
Durchblicken zu erschwinglichen Preisen ist also angesagt. Bisher wurden rund 25 Biegemaschinen in den Projektländern ausgegeben, auf denen jeweils bis zu 50.000 Brillen pro Jahr herstellt werden können. In einigen Projektländern wurden bereits mehrere tausend Brillen von einheimischen Kleinunternehmern an ihre Landsleute verkauft. Ein nachhaltiges Geschäft in und mit Würde für alle Beteiligten.
Nun muss der Taxifahrer aus Uganda nicht mehr sein Auto verkaufen, weil er nicht ausreichend sieht. Und bei vielen Kindern endet ihre Zukunft wegen ihrer Fehlsichtigkeit nicht, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Einkommensverluste durch Fehlsichtikeit in Entwicklungsländern werden auf etwa 120 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Als eine wirksame Maßnahme gegen solche Katastrophen wurde „EinDollarBrille“ in Cancun/Mexiko zum weltweit besten Projekt 2013 gekührt. Die Jury zeigte sich tief beeindruckt von der Einfachheit und der Wirksamkeit des Ansatzes.
Dieter Buchholtz

Spenden Sie einfach:
Wir sind hier mal ganz unneutral und bitten unsere Leser für viele dieser hilfreichen Optiker-Werkstätten zu spenden.

Verein EinDollarBrille
Sparkasse Erlangen
Konto: 60044415
BLZ: 76350000
IBAN: DE56 7635 0000 0060 0444 15
Eine weitere Info und Bitte zugleich:
In den vergangenen zwei Jahren konzentrierte sich der Verein auf die Ausbildung vor Ort. Ab 2015 stehen Verkauf und Marketing im Mittelpunkt.
EinDollarBrille e.V. sucht somit nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Profis aus den Bereichen Sales und Marketing – bestenfalls mit Auslandserfahrung.
Interessenten wenden sich bitte an den Verein „EinDollarBrille“.

 





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