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Jogging-Point

Behindert, und doch voll mobil

Ford Max

Lenkhilfe im Ford B-MAX REHA Group 2

Mit quietschenden Reifen flitzt der Ford Focus durch den kurvenreichen Test-Parcours. Blitzschnell dreht sich das Lenkrad nach rechts und nach links. Aber es dreht sich, wie von Geisterhand bewegt. Denn der Wagen wird nicht „normal“ gesteuert, weil der Fahrer kein „normaler“ Piloteur ist – also jemand, der Arme und Hände, Beine und Füße besitzt und sie auch gebrauchen kann. Dieser Test-Chauffeur ist, wie es in der Alltagssprache heißt, behindert. Genauer: Er ist Contergan-geschädigt.  Zwei kurze Stümpfe befinden sich dort, wo im Normalfall Ober- und Unterarme sowie die Hände sein sollten. Und trotzdem ist der junge Mann in der Lage, alle Funktionen des Wagens zu beherrschen und das Fahrzeug genauso sicher durch den Straßenverkehr zu dirigieren wie jeder Andere auch.

Kein Einzelfall

Ein Einzelfall? Keineswegs. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland rund 7,5 Millionen schwerbehinderte Menschen. Das sind fast neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein gutes Viertel davon ist 75 Jahre und älter, knapp die Hälfte gehört der Altersgruppe  zwischen 45 und 75 an, und lediglich vier Prozent sind junge Menschen unter 25 Jahren. Beim überwiegenden Teil dieser Personen (83,5 Prozent) wurde die Behinderung durch eine Krankheit verursacht, knapp zwei Prozent sind auf einen Unfall oder eine Berufskrankheit zurückzuführen, und etwas mehr als vier Prozent der Handicaps sind angeboren oder treten im ersten Lebensjahr auf. Der Statistik zufolge leiden schwerbehinderte Menschen am häufigsten (63 Prozent) unter körperlichen Einschränkungen. In Sonderheit am fehlenden oder mangelhaften Funktionieren von Armen und Beinen, aber auch an Schädigungen von Wirbelsäule und Rumpf.

Schmidt

Pfarrer Rainer Schmidt

Was es für diese Personen bedeutet, einen möglichst breiten Anschluss an die Mehrheitsbevölkerung zu besitzen, macht am eigenen Beispiel der 48-jährige evangelische Pfarrer und Dozent am Pädagogisch-Theologischen Institut Bonn, Rainer Schmidt, deutlich. Schmidt hat von Geburt an nur zwei Stümpfe dort, wo sich üblicherweise Arme und Hände befinden. Dazu trägt er auch noch eine Beinprothese. Seine Darlegungen sind sehr munter und beredt. Kein Wunder, schließlich tritt Schmidt freiberuflich auch noch als Kabarettist und Moderator auf. Doch die wirkliche, fast kaum zu glaubende Lebensleistung des Mannes war jene Überwindung des körperlichen Nachteils, die ihn auf sportlichem Gebiet als Tischtennisspieler an die Weltspitze brachte:  4-facher Goldmedaillengewinner bei den Paralympics, 6-facher Weltmeister im Einzel und 8-facher Europameister. Alles mit eisernem Willen, einer Spezialprothese und entsprechendem Training. „Zwei Grunderfahrungen“, sagt Rainer Schmidt, „sind für einen Menschen mit Mobilitätseinschränkung absolut wichtig: Ich kann was! Und ich bin wer!“ Für sich selbst erwähnt er in diesem Zusammenhang gern als  Schlüsselerlebnisse, als es ihm, erstens, mit Hilfe einer Freundin gelang, einen Lenkdrachen zu steuern und, zweitens, sein erstes – auf seine Behinderung hin umgebautes – Auto, das ihn weitgehend unabhängig von fremder Hilfe machte. „Sie glauben ja gar nicht, was es in einem für eine Explosion der Freude auslöst, wenn man selbst zum Kino fahren kann, anstatt transportiert zu werden“.

Technisch geht alles

Paravan

Ohne das Lenkrad zu bedienen, kann man mit dem Stick der FIrma Paravan, das Auto lenken, Gas geben und bremsen.

Technisch geht das alles. Die Autobauer haben sich längst darauf eingestellt, Modelle auf den Markt zu bringen, die – mit relativ einfachen Zusätzen bis hin zu technologisch höchst anspruchsvollen Modulen und Sonderanfertigungen – körperlich behinderten Menschen eine erhebliche Teilnahme an der allgemeinen Mobilität ermöglichen. Wobei freilich die wahren „Künstler“ dabei die kleinen und mittelständischen Aus- und Umrüster sind. Oft genug deutsche Unternehmer, die schiere Wunderwerke an Innovation, Erfindung, Forschung und Entwicklung vollbringen. Die Ford-Werke in Köln arbeiten mit etwa 60 derartigen Partnern zusammen; bei den anderen Herstellern dürfte es ähnlich sein. Einer dieser Mittelständler ist „Paravan“, ein hoch spezialisiertes Werk hoch oben auf der Schwäbischen Alb, erst vor wenigen Jahren gegründet, ohne Fremdhilfe aufgebaut und heute Weltmarktführer im Um- und Ausrüsten behindertengerechter Automobile.

Kran

Mit einem Hebekran wird der Rollstuhl ins Auto gehoben

Wobei der Begriff „behindertengerecht“ unbedingt in Verbindung gesehen werden muss mit „Individualität“. Mittlerweile scheint es in der Tat auf diesem Gebiet nichts mehr zu geben, was es nicht gäbe. Passgenaue Sitze für in ihrer Mobilität eingeschränkte Selbstfahrer, funk- und lichtgeleitete elektronische Steuerelemente mit integrierten Vorrichtungen für Zündung, Lenker, Gas und Bremse, kranartige Hebehilfen für Rollstühle im Auto, ja sogar über die Sprache „lenkbare“ Hilfen – alles kann, maßgeschneidert, angeboten werden. Es ist offensichtlich ja auch Bedarf vorhanden. Ford in Köln hat beispielsweise in diesem Jahr mehr als  5000 Fahrzeuge – vom Pkw über SUV und Mini-Van bis zum Kleintransporter – an körperbehinderte Kunden verkauft. Das sind über 25 Prozent mehr als 2012. Und bei „Paravan“ vermeldet man ebenso eine 30-prozentige Umsatzsteigerung.

Anspruch auf Finanzhilfe

Eines ist allerdings auch wahr – die Umrüstung eines Autos ist teuer. Im Einzelfall können die Kosten sogar ein Vielfaches des Kfz-Preises betragen, mitunter über 100 000 Euro. Wer soll das bezahlen? Das Zauberwort heißt: Kfz-Hilfe-Verordnung. Deren Kern fasst der Leiter des Technischen Beratungsdienstes der Bundesagentur für Arbeit, Klaus Vogel, in diesen drei Punkten kurz und bündig zusammen: Behinderte mit entsprechender amtlicher Anerkennung haben Anspruch

  1. auf einen Zuschuss für den Kauf eines Fahrzeugs,
  2. auf die volle Erstattung der notwendigen Um- und Ausrüstung,
  3. komplette Übernahme der Führerscheinkosten.

Dabei ist es dem Einzelnen völlig überlassen, welches Auto er erwerben möchte. Der Zuschuss kann bis zu 9 500 Euro betragen, wobei allerdings Vermögens- und Einkommensverhältnisse mit berücksichtigt werden. Details und Modalitäten der Beantragung können bei den Sozialträgern und der Bundesagentur für Arbeit abgefragt werden. Die diversen Autohäuser wiederum sollten in der Lage sein, fachkundig nicht nur hinsichtlich der besten Modelle zu beraten, sondern auch über etwaige, werkseitige Finanzzuschüsse oder Preisnachlässe Auskunft geben können.

Gisbert Kuhn

 

 

 

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