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Jogging-Point

Zwischen OP und Katheter

Demographie-Effekt am „Südpol“ des Mannes

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Wo ist die nächste urinale Notstation?

Klar, die Sache ist sensibel. Späße vertröpfeln schnell unter der Gürtellinie. Ich will nicht lange drumherum reden. Es geht um eine „Alt-Männer-Krankheit“. Jede Frau ist entschuldigt, wenn sie an dieser Stelle nicht weiter an der Reise durch das Land der Blasenschwächlinge teilnimmt. Denn alles verengt sich folgend auf einen Demographie-Effekt am „Südpol“ des Mannes: Probleme mit der Prostata.

Einige Männer habe ich befragt. Alle so zwischen 55 und 75. Manche von „unseren Männern“ machten schon über Jahre vor größeren Unternehmungen regelrechte Toilettenpläne. Motto: Wo ist die nächste urinale Notstation? Alle haben inzwischen ihren siebten Sinn für die rettende Keramik in Restaurants, Kaufhäusern, Cafès, Bahnhöfen zu wahrer Improvisationskunst entwickelt. Erfolgsgarantie gibt es für die Zielstrebigen. Sie haben verinnerlicht: Überall ist Hilfe möglich. Einfach nur offen die Not unter der Gürtellinie ansprechen. Dann läuft es schon.

Erst Dröppelminna, dann Hahn zu

Und dann spüren und hören Betroffene an den seriellen Urinalen, dass nebenan kräftig Wasser gelassen wird; der eigene „Südpol“ aber nur den Vergleich mit einer Dröppelminna zulässt. Das erhöht nicht das seelische Wohlbefinden. Täter für diesen Befund ist zumeist die Prostata. Ihr Beuteschema ist die Harnröhre. Zug um Zug, oft über Jahre ,schnürt sie den wichtigen Strang zwischen Blase und der großen freien Welt ein. Irgendwann wird es im Hohlraum oberhalb der Prostata sogar trübe. Im schlimmsten Fall wird der Hahn für den Harn abgedreht. Das ist dann höchste Alarmstufe.

Dieser Wasserhahn tropft nicht mehr Kopie

Im schlimmsten Fall wird der Hahn für den Harn abgedreht.

Den Weg zur Lösung des Problems empfinden Männer zumeist als wirklich nicht barrierefrei. Es reicht ja auch irgendwann wohl nicht mehr der Hinweis des Hausarztes, dass die Prostata etwas rustikal daherkommt. Und die vielen Vermeidungsstrategien sollten auch nicht mehr alternativlose Fluchtwege sein. Jetzt ist der Facharzt für den „Südpol“ gefragt. Einige der interviewten Männer waren vor ihrem Weg zur Befreiung aus dem urinalen Joch noch nie beim Urologen. Trotz mahnender Ehefrauen und Partnerinnen. Sie sind es, die ihren männlichen Vorsorgemuffeln immer wieder ins Gewissen reden. Und sie dürfen über soviel männliche Ignoranz nur den weiblichen Kopf schütteln. Denn sie sind allesamt mit ihren überwiegend regelmäßigen Frauenarztbesuchen nun wirklich vorbildlich.

Fotoset in der Harnblase

Irgendwann aber ist auch bei den stursten Männern die größte Hürde geschafft. Sie lassen beim Urologen die Hosen runter. Und oh Wunder, einer „unserer Männer“ wagte sogar den Schritt zur Urologin. Auch hier können viele Frauen nur lächeln. Das Überschreiten von Schambarrieren wegen unterschiedlichen Geschlechts ist bei ihnen jährliche Routine seit der Pubertät. Bei Männern ist diese Souveränität zum Wohle der eigenen Gesundheit wohl eher noch selten. Besserung nicht ausgeschlossen. Nun wird keiner sagen, dass es angenehm ist, wenn rektal über Ultraschall ein Bild von der Ausdehnung der Prostata entsteht. Und wenn für die Blasenspiegelung ein Schlauch mit oder ohne Kamera durch die Harnröhre „krabbelt“, die Haarnadelkurve nimmt und dann in der Harnblase zum Fotoset landet. Aber es war für alle „unsere“ Männer irgendwie erleichternd, dass sie Klarheit darüber hatten, wie stark, aber gutartig, die Prostata ihre Harnröhre einschnürt und dass kein Blasentumor die Ursache für den Harndrang ist.

Hormone, Hitze oder Elektroschlinge?

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Briefing im Sprechzimmer des Arztes.

Dann heißt es Hosen hoch und Briefing im Sprechzimmer des Arztes. Da gibt es die schmerzlose Art, der Prostata durch Hormongaben ein Minuswachstum zu verordnen. Macht sie dann auch langfristig. Aber es streiten sich Denkschulen. Kontroversen gibt es um mögliche Folgen einer solchen Behandlung. Stichworte wie Krebsgefahr – berechtigt oder unberechtigt – verdunkeln dann den Hoffnungshorizont der im Prinzip behandlungsbereiten Männer.

Nächster und modern klingender Vorschlag: HIFU oder Hyperthermie-Therapie. Hört sich für den Patienten verlockend an. Nachteil dieses „Wegschmelzens“ von störendem Prostatagewebe sind Einschränkungen bei der späteren histologischen Untersuchung. „Unsere“ Männer entschieden sich für die Elektroresektion. Jeder suchte sich ein Krankenhaus seiner Wahl aus. Urologe und Internet waren die Ratgeber. rantlos durfte einen dieser Patienten begleiten und berichtet hautnah über den Ablauf im Krankenhaus. Ein Zeit- und Ereignisprotokoll in Stichworten:

Knappe Stunde für OP und dann das Danach

Montag

Aufnahme. Diverse Untersuchungen und Gespräche. Eine Urologin verschafft sich nach einer Tastuntersuchung von Penis und Hoden über eine Ultraschallaufnahme den aktuellen Überblick über die Größe der Prostata und erklärt anhand einer Zeichnung den OP-Verlauf. Der Patient erfährt, dass das „operative Geschäft“ durch die Harnröhre und an deren Ende verläuft. Dort wird ein Zugang zur Prostata geschaffen. Es folgt dann mit einer Elektroschlinge die Abtragung von störendem Gewebe. Während der Abtragung wird der Blase über einen Bauchkatheter reichlich Flüssigkeit zugeführt. Ziel ist es, die Harnröhre aus ihrer Verklammerung durch die Prostata zu befreien. Vorher mussten etliche Fragebogen zu Vorerkrankungen usw. ausgefüllt werden. Blutabnahme, Harnstrahlmessung, EKG usw.. Vorgespräch bei der Anästhesistin. Der Patient erfährt, dass die OP normalerweise zwischen einer halben und einer Stunde dauert. Die Narkose verliert gleich nach Abschluss der OP die Wirkung. Also das Ganze sehr schonend. Aufnahme auf der urologischen Station. Einer der Vorbereitungen: Rasur: diesmal aber unten in einem waagerechten Band von ca. 20 Zentimetern.

Dienstag

OP-Tag. Wecken um 6:00 Uhr. Übergabe von Klinik-Nachthemd und Netzhaube. Ist sozusagen das Eintrittskostüm für das OP-Gebiet. Betten-Rolltransport durch Klinikgänge. Parken vor dem OP-Saal. Viel Bewegung von Personal, eine Schwester beruhigt: Ist gleich soweit. Kurze Zeit später wirkt die Narkose. OP nach 45 Minuten beendet. Aufwachen noch während des Rücktransports zum Zimmer. Inspektion unten rum: Über den Bauchkatheter direkt oberhalb des Schambeins werden Mengen von Flüssigkeit in die Blase geleitet und über den Harnröhrenkatheter wieder abgeleitet. Rot ist vorherrschende Farbe. Das System Rotation läuft die gesamte Nacht durch.

Mittwoch

Trinken. Flüssigkeitszufuhr über Bauchkatheter wird abgekoppelt. Patient soll pro Tag wenigstens drei Liter Wasser trinken, wenn er herzgesund ist. Morgens und abends wieder Antibiotikum. Dazu noch etwas für Entspannung der Blase. Aufstehen, Duschen, Laufen…alles kein Problem.

Donnerstag und Freitag

Wechsel. Blasenkatheter wird gezogen; Urianabfluss nun über Bauchkatheter.

Samstag

Toilettenmarathon. Bauchkatheter wird „gestopft“. Ab diesem Zeitpunkt alle 10 Minuten Toilettenbesuch. ca. 50x über den Tag verteilt; 3 l Wasser getrunken. Zur Nacht wieder Anschluss an Bauchkatheter, um ruhig schlafen zu können.

Sonntag

Üben. Bauchkatheter wird wieder gestopft. Ziel: ab jetzt autonomes Wasserlassen.

Montag

„Abnabelung.“ Bauchkatheter wird gezogen. Ab jetzt Wasserlassen ohne Netz und doppelten Boden.

Dienstag

Entlassung. Aushändigung Arztbrief, Tipps vom Arzt (z.B. 6 Monate nicht Fahrrad fahren); Empfehlung: Gleich Termin beim Urologen zur Nachbehandlung in acht Wochen machen.

 

Und wenn der Katheter rausrutscht?

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Die Elektroresektion dauert im Schnitt eine halbe bis eine Stunde.

„Unser“ Patient war immer ein fröhlicher Verdränger. Seine Entscheidung für diese OP war ja Wochen vorher gefallen. Den Termin im Krankenhaus hatte er so abgestimmt, dass noch ein paar nette Unternehmungen drin waren. Und bis zum Aufnahmetermin war das, was ihn vielleicht erwartete im Kopf gestrichen. Ein paar Dinge hatte er im Internet gelesen und auch das eine oder andere von betroffenen Männern gehört. Aber so ein richtig vollständiges Bild ergab sich für ihn dennoch nicht. Also hat er den Rest dem überlassen, was auf ihn zukommt.

Man kann sich ja auch einfach mal ein Stück auf die Routine der Profis verlassen. Es hilft da schon die tolle und ungewöhnliche Erkenntnis, dass man bei denen nun wirklich nicht der erste und einzige „Kunde“ ist. Seine Selbstverordnung: Einfach auch Vertrauen haben und entspannen. Und das Vertrauen wurde nicht enttäuscht. Alle Fragen und Unsicherheiten wurden über Gespräche geklärt. Manchmal musste „Mann“ eben einfach nur den Mund aufmachen. Na, wie das so ist. Kann denn der Harnröhrenkatheter rausrutschen? Das war so eine Frage. Kann er nicht, weil in der Blase ein mit etwas Wasser gefüllter Ballon dies verhindert. Beim Herausnehmen wird der Ballon über eine absaugende Spritze entleert -und flupp – ist er draußen. Natürlich nur, weil Schwester oder Pfleger daran gezogen haben. Und es tut nicht weh.

Über die Uro-Dessous darf gelacht werden

Klar, so berichtete „unser“ Privatpatient, sind der lange Schlauch und der relativ große Beutel am Ende beim Herumlaufen, Duschen, Toilettengang hinderlich. Man gewöhnt sich schnell daran. Zusammen mit dem Bettnachbar heißt für die gut eine Woche der Mottospruch: „Vom Beute- zum Beuteltier“ und „Wie läuft´s“?

Apropos Humor. Irgendwie ist er ein Heilungsbeschleuniger. Einfach mal über die Bettkante hinweg über die Netzhose mit Vorlage als Uro-Dessous zu frotzeln, das entspannt die hier und da etwas angespannten Gesichtsmuskeln. Und es ebnet auch Schambarrieren ein. Da auf der Station überwiegend ältere Männer liegen, dürfen auch Patienten-Scherze über nachlassende Kräfte nicht fehlen. Selbstironie schlägt hier so manche Brücke.

Und kraftvoll entleert sich die Blase

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Ohne Katheter heißt es zunächst: Immer startbereit.

Und dann kam die Wasserkür. Die Schwester koppelte Schlauch und Beutel vom Bauchkatheter ab. Ein spannender Moment. Die Ärztin gab noch die Warnung: „Wenn sie meinen, auf Toilette zu müssen, dann bleibt ihnen nicht viel Zeit. Es muss plötzlich gehen.“ Die Schwester stöpselte den Zugang zu. Wenig später – immer trinken und trinken – kam der Drang. In wenigen Sekunden erreichte „unser“ Patient die rettende Keramik. Aus der Erstemal-Ängstlichkeit heraus strahlt sein Gesicht: Kraftvoll entleert sich der Urinspeicher – so wie früher. Aufatmen. Das ist ja schon mal gelungen. Jetzt hieß es weiter trinken und auf den nächsten Schub warten. Er kam fünf Minuten später. Wieder rasanter Spurt. Geschafft. Scherze über Toilettennutzungsregelungen zwischen den beiden Patienten auf dem Zimmer begleiteten das teilweise hektische Geschehen.

Am Abend zählte der aus dem Prostata-Würgegriff Befreite über 50 solcher Gänge – und wurde wieder an den Bauchkatheter angeschlossen, damit die Nacht ruhiger verläuft. Diese rettende Nachtverkabelung aber gab es am darauf folgenden Tag nicht mehr. Selbst ist der Mann war nun angesagt. Die Tagesration von drei Litern Wasser lief durch, die Plötzlichkeit des Dranges blieb. Die Schwester riet, gegen Abend nicht mehr soviel zu trinken. Aus der Erfahrung ein gut gemeinter Rat für eine halbwegs ruhige Nacht. Ihrer Erfahrung sei Dank. „Unser“ Patient musste in dieser Nacht nur viermal raus. Nach Bekunden des Pflegers gutes Mittelmaß. Na, geht doch.

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Eine wieder kraftvolle Entleerung der Blase ist Ziel der Elektroresektion.

Finale mit Bauchkatheter

Mit dem folgenden Tag erreichte „unser Patient“ das Finale. Ziehen des Bauchkatheters war angesagt. Vorher wurde noch Restharn abgezogen. „Tief in den Bauch atmen, dann langsam ausatmen.“ Der Pfleger guckt mir fröhlich in die Augen, zieht – und das war´s. Tat so gut wie nicht weh, war nur komisch – irgendwie. Druckpflaster nach Reinigung auf die Öffnung, 15 Minuten liegen und auf Wunsch auch noch ein kleines Sandsäckchen zum Zudrücken dieses Versorgungsauges im Unterbauch. Ist sonst eigentlich alles kein Problem.

Hier aber kam mehr Flüssigkeit raus als gedacht. Na gut: komplett neues Bett beziehen und frische Sachen anziehen. Neu verbinden und dickeren Sandsack drauf. Eine Stunde Bettruhe. Sonst lief ja alles gut. Und ab da sollte es auch auf der Toilette wieder gut laufen. Vom Chefarzt bekam „unser“ Patient noch mit auf den Weg: „Es wird etwa bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Irritationen der Blase abgearbeitet sind.“ Kein Wunder: Denn in den letzten Tagen wusste dieser Muskel teilweise wirklich nicht mehr, welcher Ausgang nun wieder aktuell war. Schwamm drüber!

 

Tipps der betroffenen Männer

Was können „unsere“ Männer an gemeinsamen Erkenntnissen mit auf den Weg gegeben? Sie alle waren froh, dass sie den Schritt getan haben. Obwohl es teilweise schon heftig war, was sich da bei den einzelnen im übertragenden und wörtlichen Sinne angestaut hatte. Ihre Tipps:

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Vorsorgeuntersuchungen tun nicht weh.

Sei ehrlich zu dir selbst: Jeder kennt seinen Körper am besten. Und die meisten spüren es auch frühzeitig, wenn es unten nicht mehr so richtig läuft. Sich ein Kunstwerk der Vermeidungsstrategien aufzubauen, ist der falsche Weg. Bei solchen Symptomen empfehlen sie jedem, sofort zum Urologen zu gehen. Und ab 50 sollte man sowieso jedes Jahr dort eine Check machen lassen.

Keine Angst oder Scham vor dem Urlogen oder der Urologin: Die Vorsorgeuntersuchungen tun nicht weh. Das Unangenehme verliert sich schnell in der Routine.

Sei neugierig: Einfach mal fragen, wie es anderen geht. Über diesen Weg erfährt „Mann“ oft eine ganze Menge. Und immer wieder kann auch das Internet mit Foren  und fachlicher Information flankieren. Fragen Sie auch den Arzt oder die Ärztin, wenn etwas unklar ist, wenn Bedenken bestehen.

Gehe offen mit notwendigen Behandlungen um: Alle „unsere“ Männer wollten die kommende Prostata-Resektion möglichst lange geheim halten. Es war ihnen zunächst peinlich, darüber zu reden. Alle waren sich aber zum Schluss einig. Es ist besser, die Dinge offen anzusprechen. Alle waren erstaunt, wie viel Verständnis zurückkam und wie viele gesagt haben, dass sie da auch (teilweise schon massive) Probleme haben und vielleicht doch mal zum Arzt gehen sollten. Und manche Ehefrau oder Partnerin reagierte mit einem: „Das habe ich ihm schon lange gesagt.“

Dieter Buchholtz

 

 

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