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Jogging-Point

Aus der Mitte leben

Das etwas andere Yoga-Programm für Senioren

Ankommen ist bei ihm irgendwie immer ein Ritual. Sich achtsam Zeit nehmen, ist ein Muss. Wir sind eingeladen, an einer Yoga-Stunde für Senioren teilzunehmen. Zusammen mit drei Damen so um die 70 lassen wir im Parterre eines unscheinbaren Stadthauses den vollgepackten Second-Hand-Laden links liegen. Über die Altbau-Holztreppe im gedämpften Licht erreichen wir den ersten Stock.

Dr. Nikolaus Nagel
©seppspiegl

Dr. Nikolaus Nagel empfängt Gäste und Kursteilnehmerinnen bei offenen Türen in einer zum Yoga-Studio umfunktionierten Dreizimmer-Wohnung. Farblich dominieren Gelb-Braun-Töne, honiggelbe Holzverkleidungen und einfaches Mobiliar. Männlicher Pragmatismus nach dem Motto, das kann hier auch ruhig mal für alle sichtbar stehen oder auch liegen bleiben, beherrscht das äußerliche Ordnungsprinzip. Der studierte Kommunikationsfachmann und Chef der Praxis für Gesundheitsbildung zeigt in bequem-lässiger Stofflichkeit mit Filz-Holz-Schuhen, Jeans und kariertem Schlabberhemd, dass die wirklich wichtigen Kerne wohl tiefer liegen müssen.

Eine Ahnung davon bekommen wir, wenn sich die Kursteilnehmerinnen auf ihren Stamm-Matten mit Handtüchern und Kissen einrichten. Sie machen das in aller Ruhe – und ihr Yoga-Lehrer drängt sie dabei nicht. Er hört zu, wenn eine Dame berichtet, wie sie am Wochenende mal richtig ausgemüllt und die Sachen an ein Kaufhaus für Behinderte abgegeben hat. Der Effekt bei ihr: „Mein Kopf und meine Wohnung sind frei von Sachen. Danach habe ich mich richtig gut gefühlt.“ Nagel beteiligt sich unaufdringlich am Begrüßungsaustausch: „Es geht mir auch gut“. Und er berichtet über einen Ausflug in die Eifel: „Es war wunderbar und entspannt.“ Inzwischen sitzen die Yoga-Elevinnen kerzengerade in den von Ihnen jeweils bevorzugten Haltungen.

Ich lasse meinen Bio-Hagebuttentee mit kanadischem Honig zurück und reihe mich mit Sepp Spiegl, unserem rantlos-Fotografen, in die Runde ein. Sitzvorbilder stecken an. Ich versuche aus dem Stand heraus – achtsam geworden – eine auf meinen Körper konzentrierte und dennoch entspannte Haltung einzunehmen. Ohne Anleitung, ohne Aufforderung. Die Damen wollen in freundlicher Neugier wissen, wer ihnen da bei ihren Übungen zuschaut und auch noch fotografiert.

Einfache Drehübung im Sitzen
Foto: sepp spiegl

Eine Dame bittet mich um ein weiteres Kissen, um das noch leidende Knie abzupolstern. Ich werfe es ihr aus einer Kiste neben mir mit Schwung zu. Fast hätte das dem von der Decke hängenden Lampenballon aus Chinapapier seine weiche Fülle gekostet. In die gelöste Stimmung hinein setzt eine weitere Teilnehmerin nach: „Es ist ein besonderer Tag, denn heute lächeln mich keine Löcher in Socken an.“ Stimmt, Männer sind nicht gekommen.

Schon in dieser kommunikativen Startsituation spüren wir bereits Entschleunigung in uns – ohne Räucherstäbchen oder Gong. Beruhigend wirkt ein plakatgroßes Mandala-Bild an der Stirnwand. Dieses Kunstwerk aus Sand entstand seinerzeit im Kamalashila-Institut für buddhistische Studien in Schloss Wachendorf in der Eifel.

Am Schluss der Übung kribbeln die „Regentropfen“

„Der Krieger“ – Eine klassische Übung
Foto: sepp spiegl

Etwas unkonzentriert hastet jetzt eine schlanke, hoch gewachsene Dame in den Übungsraum. Sie hat in der Nähe des Hauses in der Bonn-Beueler Innenstadt keinen Parkplatz gefunden. Diagonal durch den Raum laufend murmelt sie Entschuldigungen und passt sich schnell in ihrer Mattenecke den übrigen an. Sie ist mit 47 Jahren die Jüngste in der Runde und versucht jetzt Körper, Seele und Geist zu entstressen. Bereit zu sein für die kommende gute Stunde Yoga.

Wir hören nach Rückzug in den Nebenraum die ruhigen, aber bestimmten Vorgaben von Dr. Nagel. Hier hatte er vor Beginn der heutigen Kursstunde einführend aus seiner Yoga-Welt erzählt. Mit Blickkontakt zur Gruppe höre ich, dass der Yogalehrer seine Schülerinnen bittet, in guter Haltung zu sitzen und noch mehr zur Ruhe zu kommen. In anschließend lockerem Stand lassen die Damen die Hüften kreisen – das Lachen zwischendurch kommt nie zu kurz.

Die Arme dürfen nun leicht schwingen und Nagel bittet mit gedämpfter Stimme: „Zur Mitte kommen“. Der Yoga-Lehrer belässt es aber nicht bei verbalen Übungsanreizen. Langsam und ruhig tritt er an die Yogi-Damen heran, korrigiert und unterstützt. Er fordert die Drei auf, ihren guten und festen Stand auf dem Boden zu prüfen. Und immer wieder erinnert er an das richtige Atmen. Die Übung wird mit „Regentropfen“ abgeschlossen. Alle Finger tippeln sehr schnell den Körper über die Brust bis zu den Füßen hinunter.

Stehen auf einem Bein – Der Baum
Foto: sepp spiegl

Mit weichen Übergängen läutet Nikolaus Nagel „die nächste Runde ein“. Er fordert die Damen auf, ihren eigenen Rhythmus zu finden. Für sie heißt es jetzt, auf einem Fuß zu stehen und den anderen seitlich angehoben an das Standbein zu lehnen. Für die älteren Damen ist das durchaus schon eine Herausforderung. Gleich anschließend: „Mach den Hund“. In dieser Partnerübung massiert die eine den Rücken der anderen. Und eventuell bringt sie ganz vorsichtig die Partnerin in eine bessere Position. Die junge Dame jammert ein wenig: „Der Nacken tut mir noch weh vom Kisten schleppen am Wochenende. Ich bin ein bisschen leistungsgeschwächt.“ Nagel motiviert: „Der Schmerz ist dein Meister. Er gibt dir Zeichen, wenn man zurückgehen muss.“

Mit Disziplin gegen das Tippeln

Die Jüngste in der Runde ist seit drei Jahren hier im Yoga-Studio. Ihr Motiv damals war eine schwere Krankheit, die möglicherweise etwas mit einem Hals-über-Kopf-Wechsel nach Bonn zu tun hatte. Sie hatte im Job viel Stress. Die gelernte Hotelfachfrau brauchte und suchte Entspannung zunächst bei Qi Gong. Und sie spürt bis heute Probleme mit dem Gleichgewicht.

Was hat nun Yoga bei ihr bewirkt? „Ich achte mehr auf mich im Alltag. Ich höre besser, was mein Körper mir sagt und ich bin achtsamer mit anderen. Immer wieder halte ich mir vor Augen, dass der Körper entspannt und der Geist wach bleiben. Aber es steht auch immer der kleine innere Schweinehund zwischen meinen Zielen und mir.“ Den aber überwindet sie häufig, denn sie macht dazu noch Sport im Fitness-Studio. „Für die Knochen“ wie sie sagt. Außerdem fährt sie regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie ist derzeit in der Rezeption einer physiotherapeutischen Praxis tätig, weil „ich einfach Menschen um mich herum brauche“.

Der Hund mit Partner
Foto: sepp spiegl

Nach einer knappen Stunde läuft dieser Yoga-Unterricht ruhig aus. Ohne Hast bewegen sich die Teilnehmerinnen zum Umkleidebereich. Bei einem Erfrischungsgetränk frage ich die älteste Teilnehmerin nach ihrer Yoga-Biographie. Zu meiner Überraschung macht sie bereits seit 50 Jahren Yoga, weil sie „schon früh dazu eine Affinität“ hatte. Und sie hat viele Richtungen und Studios erlebt: Vom Power- bis jetzt zum Senioren-Yoga.

Hier in Bonn/Beuel macht sie schon ein Jahr mit. Sie „findet es einfach gut, weil es sie entspannt und die Muskeln gut durchblutet.“ Die ehemalige Lehrerin hat Angst, dass sie in absehbarer Zeit gebrechlich werden könnte und nur noch „durch die Gegend tippeln“ kann. Ihr Gegenmittel ist die Disziplin. Jeden Morgen so zwischen sieben und acht Uhr beginnt sie ihre Übungen bereits im Bett. Dann zieht sie die Beine dicht an den Körper und wird ein Sitzpaket. Es folgt das Strecken der Beine – möglichst „lang und lange“. Also Fitnesstraining fast noch im Schlaf. Sie ist aber nicht nur yoga-fixiert. Sie spielt außerdem noch Tennis. Wegen der „vielen Stopps“ hält sie das zwar für ungesund. Dennoch trifft sie sich regelmäßig mit Damen zwischen 50 und über 70 Jahren auf dem Platz. Fitness in jeder Form geht ihr einfach über alles, denn sie möchte auch weiterhin viel reisen zu können.

Die Eingangstür des Yoga-Studios fällt ins Schloss. Ein neuer Becher Hagebuttentee steht vor mir. Dr. Nikolaus Nagel macht es sich für unsere weiteren Fragen speziell zum Senioren-Yoga gemütlich. (Das Interview lesen Sie auf der nächsten Seite)

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