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Wen kümmern die Alten?

Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft

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Prof. Dr. Thomas Klie

Das neue Buch von Thomas Klie

Wer sorgt für mich, wenn ich alt bin? Angesichts von Fachkräftemangel und Berichten über skandalöse Lebensbedingungen in einigen Pflegeheimen stellt sich diese Frage mit Dringlichkeit. In seinem neuen Buch beschäftigt sich der Sozialexperte Thomas Klie mit Auswegen aus der Pflegekatastrophe.

Der Autor Prof. Dr. Thomas Klie, Jahrgang 1955, ist Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg und leitet das Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung Freiburg/Hamburg, sowie das Institut für angewandte Sozialforschung, Alter, Gesellschaft, Partizipation in Freiburg. Sein besonderes Interesse gilt einer nachhaltig ausgerichteten Pflegepolitik. Er hat mit namhaften Experten einen Vorschlag für eine Reform in der Altenpflege ausgearbeitet und darüber ein keineswegs trockenes Sachbuch geschrieben.

Sie können mehr Spuren hinterlassen als nur eine Kuhle im Sofa!

Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft des langen Lebens. Noch nie ging es einer Generation Älterer so gut wie der heutigen. Bei einem Renteneintritt mit 65 Jahren bleiben Männern im Schnitt 17,4, Frauen 20,7 Lebensjahre. Heute werden die Älteren als zahlungskräftige und unternehmungslustige Konsumenten umworben. Die meisten „Silver Ager“ von heute sitzen keineswegs eine Kuhle ins Sofa, sondern sind aktiv, unterwegs, pflegen Kontakte und üben Solidarität mit den Jüngeren: 9,7 Milliarden Euro jährlich werden laut Statistischem Bundesamt von den 65- bis 85-Jährigen an ihre Kinder gezahlt.

Vom Go-Go zum No-Go

In den mittlerweile weltweit verbreiteten Leitbildern des „Active Aging“ liegt aber auch durchaus eine Gefahr. So kann die ständige Betonung der Potenziale des Alters oft als unterwerfende Macht und Bürde empfungen werden. Auch im Alter soll man aktiv, produktiv und erfolgreich auf die Herausforderungen des modernen Lebens reagieren.

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Für Viele kann das Alter ein weiteres aktives Abenteuer im Leben werden.

Aber was ist mit denen, die dazu nicht in der Lage sind, deren Handlungsspielräume aus finanziellen, familiären oder gesundheitlichen Gründen geringer sind? Was ist mit dem Aspekt, das Leben im Alter nicht ausschließlich in einen Nützlichkeitsbezug stellen zu müssen. Denn auch das ist ein Möglichkeit der späten Freiheit: eigensinnig und weltfern leben zu dürfen. Das gilt insbesondere für das hohe Alter, in dem die verletzlichen Seiten des Lebens immer deutlicher werden. Was ist das Alter wert, wenn es nicht mehr erfolgreich ist und unproduktiv ökonomische Resourcen bindet? Für viele Menschen im Alter ist emotionales Wohlbefinden wichtiger als das Erreichen bestimmter Ziele.

Und Tatsache ist: aus den „Go-Gos“ der über 60-Jährigen werden mit den Jahren die „Slow-Gos“ der Endsiebziger bis zu den „No-Gos“ der Gereration 85 plus. „Pflegefall“ und Demenz rangieren im Sorgenbarometer der modernen Menschen ganz oben. Die Aussicht auf ein langes Leben wird begleitet von der Sorge, hilfsbedürftig und damit abhängig zu werden, die Selbstständigkeit zu verlieren und anderen zur Last zu werden.

Die alternde Gesellschaft und ihre Folgen

Die Sorge und Pflege für alte Menschen ist geschichtlich betrachtet neu. Betrug Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Zeit der Pflege von Angehörigen in der Regel einige Wochen oder maximal Monate, so sind es heute im Schnitt sieben Jahre.

 Im Jahre 2030 werden mehr als 4 Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz pflegebürftig sein. Kann der Ausbau der Pflegeeinrichtungen die Probleme lösen? „Wer pflegt mich, wenn ich alt bin?“, so fragen sich immer mehr Menschen. Noch trägt die Familie die Hauptlast der Pflege und hält somit die Finanzen der Pflegeversicherung stabil. 70 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt – und dort ganz überwiegend von Angehörigen, in Zahlen heißt das, dass heute 1,43 Millionen pflegende Angehörige 1,6 Millionen pflegebedürftige Menschen in ihrem Zuhause versorgen. Kein anderes nord- und westeuropäisches Land verfügt über einen so hohen Anteil an pflegenden Angehörigen wie in Deutschland. Es wird geschätzt, das 150 000 bis 200 000 meist osteuropäische Pflegekräfte in Privathaushalten tätig sind. Genaue Zahlen gibt es nicht. Pflege rund um die Uhr für jeweils drei Wochen, illegal für etwa 1.000 Euro, legal für 2.500 Euro pro Monat, eine echte Alternative zum Heim.

Auswege aus der Pflegekatastrophe

Pflege

Im Jahre 2030 werden mehr als 4 Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz pflegebürftig sein.

Der Sozialexperte Thomas Klie zeigt in seinem neuen Buch Lösungsmöglichkeiten auf. Dabei geht er weiter als andere: Deutschland benötige nicht nur mehr Pflegekräfte, sondern auch eine neue Definition von Pflege. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert die Heimpflege, so wie sie sich heute gestaltet, nicht, wie Befragungen immer wieder ergeben. Da Anleger, die in Altersheime investieren, mit hohen Renditen rechnen können, werden in großer Zahl neue Altenheime gebaut, anstatt Alternativen zur Heimunterbringung zu schaffen. Thomas Klie setzt sich kritisch mit unseren Vorstellungen von Pflegebedürftigkeit und Demenz auseinander und fordert auf, den Gefahren einer zunehmenden Ökonomisierung der Pflege ins Auge zu sehen.

Die Forderung des Autors ist deshalb eine Reform der Pflege, die die Familien entlastet und die Gesellschaft in die Verantwortung nimmt. Neue Formen sozialer Verantwortung sollen die Gesellschaft bestimmen, in der Nachbarschaftshilfen und Familien mit Unterstützung der Kommune neue Formen sozialer Verantwortung entwickeln.

Plädoyer für die “sorgende Gesellschaft”

Bestechend sind Klies Analysen der Auswirkungen der Ökonomisierung des Pflegesektors. Leidtragende sind nicht nur die alten Menschen, sondern auch die Pflegekräfte, die vielerorts schlecht bezahlt und behandelt werden. Dass diesen Missständen von staatlicher Seite mit immer umfangreicheren Qualitätskontrollen begegnet wird, sei zu eng gedacht. Nimmt die Teilnahme an solchen Kontrollen, doch Zeit in Anspruch, die eigentlich der Sorge um die Pflegenden gebührt. So vermischen sich die Ausgrenzung der gebrechlichen Alten und deren trotz Pflegeversicherung schlecht organisierte Betreuung zur “Pflegekatastrophe”.

Thomas Klie plädiert für die “sorgende Gesellschaft”. Die Pflege alter Menschen kann nur gelingen, wenn Familien, Institutionen und der Staat auf eine neue Weise zusammenarbeiten. Das beginnt mit dem Recht des Einzelnen auf die “Teilhabe an dem, was für ihn persönlich bedeutsam ist”. Das sind meistens auch soziale Beziehungen.

Für alte Menschen da zu sein und sie in ihrem So-Sein zu stützen, ist Aufgabe von Freunden und Familien, die wiederum für ihre Fürsorge Hilfe von kommunalen und staatlichen Stellen erhalten müssen. Es geht also darum, die Pflege der Alten – analog zur Kinderbetreuung –  auf viele Schultern zu verteilen.

“Wir brauchen andere Bilder von Pflege”

Mehrgenerationenhaus

Mehrgenerationenhaus

Klie präsentiert dafür sein Konzept von “Cure and Care”. Die medizinische Betreuung, also “cure”, sei Sache der Krankenkassen. “Care” hingegen erfordere den oben beschriebenen “Pflegemix” aus sozialer Einbindung, Betreuung von Ort und professioneller Hilfe. Deshalb seien besonders die Kommunen angesprochen, sich um “ihre” Alten zu bemühen. Mehrgenerationenhäuser, integrative Seniorenzentren, die Rekommunalisierung von Pflegeheimen sind Beispiele, die Hoffnung machen.

Klies Anliegen ist es, alte Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Und anders als viele Stimmen, die Symptombehebung durch mehr Heime oder mehr ausländische Pflegekräfte fordern, geht er tiefer: “Wir brauchen andere, differenziertere Bilder von Pflege und Pflegebedürftigkeit und eine andere Sprache.”

Ausweg Sterbehilfe?

Da „rantlos.de“ gerade eine neue Serie über verschiedene Aspekte der Sterbehilfe gestartet hat, sei hier besonders auf ein Kapitel des Buches verwiesen, in dem sich der Autor diesem Thema widmet und eine klare Position bezieht. In einigen Ausschnitten sei dieses Kapitel deshalb zusammengefaßt.

Anderen zur Last fallen, das wollen wir modernen Menschen nicht. Bevorzugen wir den sanften Tod anstelle längeren „Siechtums“? Das Thema „Sterbehilfe“ steht im Hintergrund, wenn über Patientenverfügungen und ihre Verbindlichkeit oder den assistierten Suizid verhandelt wird. Sichern wir die Autonomie und Würde des Einzelnen, ober fördern wir das „sozialvertägliche Frühableben“?

Es stellt sich die Frage, ob die Patientenverfügungen nicht auch zum Einsatz kommen, um die Einwilligung der Patienten zum Verzicht auf kostenintensive Behandlungen zu erwirken. Die Diskussion um Sterbehilfe macht dies deutlich.

coverAn anderer Stelle dieses Kapitels heißt es: „Alle in Deutschland bekannt gewordenen „Fälle“, Schicksale, in denen Menschen nach dem assistierten Suizid verlangten, waren von Alternativlosigkeit geprägt. Wenn Menschen sich das Leben nehmen (lassen), dann nicht, weil sie an Unheilbarem leiden. Sie werden in die Suizidalität getrieben, weil ihnen die körperlichen, sozialen, spirituellen und emotionalen Linderungsmöglichkeiten versagt werden.“

Und weiter heißt es: „Der stellvertretende Todeswunsch (Anm. der pflegenden Angehörigen) ist verbreitet. Das zeigt die Resonanz auf das Buch von Martina Rosenberg, das den provozierenden Titel trägt: „Mutter, wann stirbst du endlich?“ Dieser Todeswunsch ist nachvollziehbar. Er wird aber dann gefährlich, wenn man beginnt, Wege zu suchen, um den Tod des anderen herbeizuführen. ….Die Schwelle zur Tötung wird niedriger, wenn andere bereit sind und die Erlaubnis haben, die Tötung durchzuführen oder zu unterstützen. ….Ausweg Sterbehilfe? Sie kann nach meiner festen Überzeugung in keiner ihrer Varianten eine gesellschaftlich anerkannte und rechtlich flankierte Perspektive für eine Gesellschaft des langen Lebens darstellen.“

Auch wenn sich über diese Position kontrovers diskutieren lässt, ist Thomas Klie ein fachkundiges und lebenskluges Buch gelungen, das den Zustand der Gesellschaft von allen Seiten beleuchtet , überzeugende Alternativen aufzeigt und einen nachhaltigen Appell an unsere Solidarität und unseren gesunden Menschenverstand darstellt.

Ursa Kaumanns

Thomas Klie: Wen kümmern die Alten?

Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft
Pattloch Verlag, Broschiert

ISBN 978-3-629-13041-9

18,00 €

 




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