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Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Alle Toten fliegen hoch, Teil 2

 Roman von Joachim Meyerhoff

Die Familie des Autors: das sind Vater, Mutter, drei Söhne, ein Hund. Sein von ihm geliebter Vater, ein ungemein korpulenter Mann, Arzt und Psychiater, leitet die Jugendpsychiatrie von Schleswig. Das Wohnhaus der Familie steht im Zentrum des Anstaltsgebäudes, in dem 1.200 Patienten leben.
So ist es für den Jungen „normal“ auf den Schultern eines glockenschwingenden, riesenhaften Insassen über das Anstaltsgelände zu reiten oder wenn er das Gelände in Richtung Schule verläßt, immer wieder von einemMeyerhoff-02 Insassen gefragt zu werden: „Na Kleiner, wieder ordentlich Ficki, Ficki gemacht?“. Als kleine Nachtmusik im Kinderbett hört er das Schreien und Heulen der Patienten. In Meyerhoffs Roman stehen die Verhältnisse Kopf. Zu Vaters Geburtstag kommen statt Kollegen und Freunden die Patienten. Auch die Weihnachtsbescherung ist erst wirklich schön, wenn auf den Stationen wüste Zerstörungsorgien stattfinden.

 Der Ich-Erzähler Joachim Meyerhoff alias Josse ist der jüngste Sohn mit einem unkontrollierbaren Hang zu beängstigenden Wutausbrüchen, von seinen beiden älteren Brüdern ständig gepiesackt und als „die blonde Bombe“, „Wasserkopf“ oder „Hirni“ gehänselt. Er tritt, zappelt, schreit, kann nicht stillsitzen und hat eine Rechtschreib- und Leseschwäche.
Aber auch die übrige Familie, die in diesem ganz normalen Wahnsinn lebt, ist nur vordergründig intakt. Als Arzt und Psychiater mag der Vater erfolgreich sein, aber zu Hause in der Familie vergräbt er sich in seinem Ohrensessel, um seine Bücher zu verschlingen, während seine praktische Frau den Alltag organisiert, sich um die Kinder kümmert und eine Rolle ausfüllen muss, mit der sie ihr Leben lang hadert. Aber trotzdem ist sie es, die die verrückten Ideen des Vaters hilft, in die Tat umzusetzen. Er beschließt z. B. ein Segelboot zu kaufen. Während seine Frau die Segelscheinprüfung besteht, fällt er mit Glanz und Gloria durch. Was er aber schafft, ist bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen.

 Die vollständige Entzauberung der Kinderwelt geschieht im letzten Teil des Romans. Als der „mittlere Bruder“ tödlich verunglückt und der Vater an Krebs erkrankt, bricht die Familie auseinander. Auch der Tod des geliebten Hundes wird herzzerreißend geschildert.
Dem Autor gelingt ein autobiographisch geprägter Familienroman, tragigkomisch, lebensklug, unendlich traurig, aber auch voller Zärtlichkeit und Zuneigung. Jedes Kapitel erzählt eine schräge Geschichte aus der Perspektive eines Jungen, politisch unkorrekt, voller Komik, aber auch mit viel Poesie, die sehr berührt. Wirklich außergewöhnlich wird dieser Roman aber erst durch den liebenden Blick, mit dem der Sohn seinen übergewichtigen, kahlköpfigen aber überaus faszinierenden Vater porträtiert, wie er seinen Abschied von ihm und schließlich seinen Tod beschreibt.
Die Wiederbelebung seiner Kindheit im Roman hilft Meyerhoff, die Vergangenheit neu zu erleben. Er schreibt: „Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden haben, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.

 Der Autor

Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff

 Joachim Meyerhoff, 1967 in Homburg/Saar geboren und aufgewachsen in Schleswig, wurde für seinen Debütroman „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ 2011 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 2005 ist er als Schauspieler Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ trat er als Erzähler auf die Bühne. 2007 wurde er für sein Darstellung als Hamlet im Schauspielhaus Zürich sowie für seine Rolle als Benedikt in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ zum Schauspieler des Jahres gewählt.
Mit der Familiengeschichte „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, 2013 erschienen, ist ihm ein sehr mitreißender, lebenskluger und unbedingt lesenswerter Roman gelungen.

 Joachim Meyerhoff

 Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

 Roman

 Verlag Kiepenheuer & Witsch

 Köln 2013

ISBN 978-3-462-04516-1
(auch als Hörbuch)
Preis: 19,99 €

 Ursa Kaumans

 


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