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Wählen oder losen?

„Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“   Rezension von Felix Ter-Nedden

 

Trump als Zentrum eines politischen Erdbebens

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David Van Reybrouck

Die Wahl von Donald Trump ist ein politisches Erdbeben globalen Ausmaßes, welches zwangsläufig die Frage nach dem »Warum« aufwirft. Wie konnte Trump amerikanischer Präsident werden? Eine überraschende Antwort darauf liefert der belgische Historiker David Van Reybrouck mit seinem aktuellen Buch »Gegen Wahlen« – gewiss, ohne es beabsichtigt zu haben.

Wahlen nicht mehr zeitgemäß?

Seine These ist bemerkenswert und folgenschwer zugleich: Es liegt an unserem »Wahlfundamentalismus«. So hätten Wahlen historisch der Demokratie zunächst einen enormen Antrieb verschafft, heute jedoch spreche vieles dafür, dass diese für repräsentative Demokratien nicht mehr zeitgemäß seien.

Sinkende Wahlbeteiligungen, Mitgliederschwund bei den Parteien, Wutbürger, extremes Misstrauen zwischen Wählern und Gewählten. Van Reybrouck spricht von Postdemokratie und Demokratieermüdungssyndrom, beste Beispiele: Die Brexit-Abstimmung oder der postfaktische Wahlkampf von Donald Trump.

Demokratien auch mit dem Los

imagesMit der Prägnanz eines gelernten Historikers skizziert er die Geschichte der Demokratie vom antiken Athen über die blühenden Republiken von Venedig oder Florenz in der Renaissance bis hin zur französischen Revolution. In diesen Zeitabschnitten gründeten demokratische Staatswesen auf ein ganz anderes Prinzip als Wahlen: Das Los.

Solch ein Losverfahren zur Verteilung von repräsentativen Aufgaben erscheint heute antiquiert und unpraktikabel. Doch Van Reybrouck ist sehr überzeugend in seiner Darstellung. So gibt es im angehenden 21. Jahrhundert bereits eine ganze Reihe von gelungenen Beispielen »deliberativer Demokratie«, also einer stärkeren Bürgerbeteiligung an politischen Verfahren mit Kombinationen aus Wahl- und Losverfahren.

Ohne Wut den Kompromiss suchen

Dabei ist Van Reybrouck das Gegenteil eines Wutbürgers, seine Argumente beruhen auf fundierter Recherche, er sucht den Kompromiss und gibt praktische Anleitungen zum politischen Engagement. Ein Appell an uns alle, den Graben zwischen Wählern und Gewählten zu überwinden.

 

David Van Reybrouck, geb. 1971 in Brügge, ist Historiker, Ethnologe, Archäologe und Schriftsteller. Sein Buch »Kongo« war ein Welterfolg und stand in Deutschland monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde mit dem NDR-Sachbuchpreis 2012 ausgezeichnet.
Van Reybrouck schreibt Romane, Theaterstücke und Gedichte. Er ist Initiator des Models G 1000, das mehr Mitsprache für die Bürger in Europa fordert.


Van Reybrouck, David
Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist
Wallstein Verlag
200 Seiten
ISBN 978-3-8353-1871-7 (2016)
17,90 €

 




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