- Anzeige -
Jogging-Point

Unter Briten

Christoph Scheuermann, Unter Briten. Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk

Christoph Scheuermann © Horst A. Friedrichs

Lange vor dem Brexit-Referendum entstand der Plan zu dieser Reportagensammlung, für die der Journalist Scheuermann, seit 2012 als SPIEGEL-Korrespondent in London, die erste Hälfte des letzten Jahres unterwegs war. In locker leichtem Ton berichtet er über die unterschiedlichsten Nischen der englischen Gesellschaft und findet sowohl Vorurteile bestätigt als auch schwer Nachvollziehbares. Er kommt zu der Meinung, dass viele Alltagsprobleme wie z.B. undichte Fenster, von den Briten bewusst nicht behoben werden, weil es gemütlicher sei, nicht nach Perfektion zu streben.

Der Autor beansprucht keine Vollständigkeit. Wer also etwas erwartet über die markante Spezies der Wallfahrer zu den internationalen Schlachtfeldern (wofür es spezialisierte Reisebüros gibt), oder die Vereine, die historische Schlachten ganz ohne Gänsehaut nachspielen, der wird enttäuscht. Dennoch ist die Zusammenstellung vergnüglich zu lesen.

Passagen über Junggesellinnenpartys, Parteinachwuchs, Redakteure einer Schülerzeitung in Eton, den verarmten Landadel in Devon oder eines der Doubles von Kate Middleton wechseln ab mit ernsteren Kapiteln über die Abgründe ganzer Städte, wie der Besuch beim Pfandleiher in Blackpool oder ein Interview mit ehemaligen Bergleuten.

Manchmal hat man den Eindruck, dass der Gesprächspartner -in Erfüllung des von ihm erwarteten Klischees- hinter Schrulligkeit seine abschätzige Haltung dem Journalisten gegenüber versteckt. Man fragt sich, warum er dann eigentlich ein Interview gegeben hat. Magierinnen beim Vollmondritual oder den schlechtesten Boxer Englands wird ein normaler Tourist genauso selten treffen wie etwa den weltbekannten Autor von Spionagethrillern, John le Carré. In seinem Interview bemängelt dieser die unbekümmerte Akzeptanz seiner Landsleute von landesweiter öffentlicher Überwachung und Spionage.

Mit Hilfe von Minensuchgeräten, mit denen Hobbyschätzgräber durch die Gegend strolchen, werden gedankenlos und anscheinend gesetzlich ungebremst archäologische Fundzusammenhänge zerstört, was niemanden zu stören scheint. Andererseits werden LKW-Fahrer zu glühenden Verfechtern schottischen Separatismus. Vielleicht überrascht uns einerseits, dass nicht nur der alte Adel dieses insulare Freilichtmuseum belebt, sondern systematisch am Überholten festgehalten wird, ein Beispiel ist der Seewetterbericht im Radio. Andererseits macht vermutlich gerade das den exotischen Reiz Englands aus: es zeigt, wie es möglich ist zu überleben, indem man (zusätzlich zum unvermeidlichen Fortschritt) dem Alten eine Weiterexistenz ermöglicht.

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Verlagsgruppe Random House GmbH
€ 17,99 [D] inkl. MwSt.
€ 18,50 [A] | CHF 24,50*
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-421-04742-7

Christoph Scheuermann, Jahrgang 1977, ist seit 2009 beim SPIEGEL, wo er zunächst als Redakteur im Deutschland-Ressort arbeitete und über Terroristen, Salafisten, Neonazis und Banker schrieb. Seit 2012 ist er Großbritannien-Korrespondent des Nachrichtenmagazins. Scheuermann hat Politikwissenschaften, Germanistik und Anglistik in Köln und Birmingham studiert, ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und Stipendiat des ifa-Instituts in Beirut. Für seine Texte ist er mit dem Axel Springer-Preis für Junge Journalisten und dem Ernst-Schneider-Preis ausgezeichnet worden.


Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden