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„Sex im Kopf“

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Gerhard Haase-Hindenberg

Gerhard Haase-Hindenberg ist Schauspieler, Regisseur und Publizist. Für sein «Sex im Kopf»-Projekt hat er über Zeitungsannoncen und soziale Netzwerke Menschen gesucht, die anonym von ihren erotischen Fantasien erzählen. Die Resonanz war gewaltig; mehr als 1400 Deutsche gaben bereitwillig Auskunft über ihre Sexfantasien. Gemeinsam mit Dr. Christoph J. Ahlers, dem Wissenschaftlichen und Klinischen Leiter der Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie in Berlin, wurden die Bekenntnisse ausgewertet, geordnet und zu einem faszinierenden kulturhistorischen und sexualpsychologischen Panorama verdichtet.

Ob Fußfetischismus, Fesselspiele, extravagante Sexspielzeuge oder Gruppensex in unterschiedlichsten Konstellationen – die geheimen erotischen Sehnsüchte (und Praktiken) der Deutschen sind so vielfältig und verschieden wie die Menschen selbst. Ein Resultat steht außer Frage: Der Sex, den wir haben, ist weiß Gott nicht immer der, von dem wir träumen.

In dem mit «Schwarz-Rot-Geil» überschriebenen Prolog des Buches begründet Gerhard Haase-Hindenberg Reiz und Notwendigkeit, die erotischen Fantasien der Deutschen zu kartieren, d.h. auf den neuesten Stand zu bringen – Stichwort: Netzerotik, Netzpornografie.

Willkommen im erotischen Kopfkino!

«Es gab eine Zeit, da haben die Richter des Bundesgerichtshofes in sperrigem Amtsdeutsch festgelegt, wie in diesem Lande die «moralische Ordnung» in Bezug auf die «körperlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern» zu verstehen ist. Die «monogame Ehe» wurde als Ideal proklamiert, homosexuelle Paarungen wurden kriminalisiert und mit Gefängnisstrafen bedroht, wie überhaupt alle sexuellen Praktiken, die nicht dem Zwecke der Vermehrung dienten, als « pervers » stigmatisiert wordens sind.

Der “Kuppeleiparagraph”  schickte all jene in den Knast, die einem unverheirateten Liebespaar eine nächtliche Bleibe boten – egal, ob es sich dabei um ein Hotel oder eine Privatunterkunft handelte. Schülerinnen, die schwanger wurden, mussten in aller Regel die Schule verlassen – genau wie deren ledige Lehrerinnen, denen dasselbe «Malheur» passiert war. (Es versteht sich von selbst, dass minderjährige Väter die Schulausbildung fortsetzen durften.) Die Prostitution war mit dem Makel der «Sittenwidrigkeit» behaftet, was freilich bürgerliche Herren nicht davon abhielt, sich ihrer zu bedienen, und weniger bürgerliche, sich als Beschützer der Huren aufzuspielen. Das ist gerade mal zwei Generationen her. Dass heute fast alles anders ist, wird von den einen als Sieg der Freiheit gelobt und von den anderen als Verfall der Sitten beklagt.

coverDer Sieg der Freiheit, beziehungsweise der Sittenverfall nahm seinen Anfang ziemlich genau im «summer of love» von 1967. Die Generationen jener, die ein Jahrzehnt zuvor mit dem Rock ’n’ Roll eine Kulturrevolution gegen das Elternhaus versuchten, mögen es verzeihen, aber bei allem hüftschwingenden «Rock Around the Clock» führten sich die meisten von ihnen in sexuellen Dingen noch sittsam im Geiste der Bundesrichter auf. Ende der 1960er Jahre aber rieb sich das gesellschaftliche Establishment zwischen Hamburg-Harvestehude und Starnberger See dann erschrocken und verwundert die Augen, was da aus dem Reich «unserer amerikanischen Freunde» über den Ozean schwappte.

Sittenverfall? Wie man’s nimmt …

Gerade hatte man nicht nur den Rock ’n’ Roll, sondern auch den Minirock der Britin Mary Quant verdaut (der damals noch kurz über dem Knie aufhörte), da fingen junge Leute an, in Woodstock-Manier knutschend in Parks herumzuliegen. Und weil es dabei nicht blieb (und die Pille nur für verheiratete Frauen zu haben war), gab es 1967/68 einen deutlichen Anstieg an Teenager- Schwangerschaften. Das in San Francisco entstandene schwule Selbstbewusstsein nahm vorsichtig auch hierzulande Fahrt auf, heterosexuelle Männer tauschten verschämt Pornoheftchen, und so manche sich emanzipierende Frau war entsetzt, wie dort die weibliche Rolle bildhaft definiert wurde. Diese Heftchen kamen übrigens meist nicht von den «amerikanischen Freunden», sondern aus dem sinnenfreudigen Schweden. (…)

Deutschland im Jahre 25 nach der Wiedervereinigung: Von vielen Heterosexuellen werden Standesämter gemieden, wie es der Satan mit dem Weihwasser tut, homosexuelle Paare hingegen geben an selbigen Orten so was Ähnliches ab wie ein Ehegelübde, alleinerziehende Mütter sind schon lange keine singuläre Erscheinung mehr und außereheliche Kinder werden nicht mal mehr von der katholischen Kirche gemobbt. Und wie steht es um die sexuelle Moral? Die Schmuddelheftchen leiden längst unter Bedeutungslosigkeit, man holt sich die Hardcore-Pornographie direkt auf den heimischen Rechner oder das Smartphone.

Normal? Das ist eine Vokabel, von der man sich jedoch schnell verabschieden sollte, wie der renommierte Berliner Sexualpsychologe Dr. Christoph J. Ahlers rät, der sein Wissen und seine Erfahrung dem Autor dieses Buchs zur Verfügung stellte: «Den Begriff der Normalität gibt es in der Sexualwissenschaft deswegen nicht, weil Sexualität einem stetigen zeitlichen und kulturellen Wandel unterworfen ist. Er ist damit für die Sexualforschung unbrauchbar. Es ist ein Begriff aus der Soziologie, der Mehrheitsverhalten zu beschreiben versucht.» (…)

Die erotischen Phantasien sind das vielleicht letzte Tabu in einer ansonsten durch und durch sexualisierten Gesellschaft. Insofern seien jene 1445 Frauen und Männer bedankt, die im Schutze der Anonymität freimütig darüber Auskunft gaben.»

Sepp Spiegl (Quelle: rowohlt-verlag)

Gerhard Haase-Hindenberg

Gerhard Haase-Hindenberg (Jahrgang 1953) ist Schauspieler, Regisseur, Publizist und Buchautor. Er arbeitete für zahlreiche Fernsehproduktionen sowie einige Kinofilme; 2007 übernahm er die Rolle von Hermann Göring im US-Film «Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat». Er veröffentlichte zahlreiche erzählende Sachbücher. «Der Mann, der die Mauer öffnete» wurde im Herbst 2013 verfilmt. Publizistisch tritt er mit Reportagen und Interviews unter anderem in der WELT, in ZEIT und ZEIT-Magazin sowie im Cicero und für mehrere Hörfunkformate in Erscheinung.

„Sex im Kopf“
rororo
24.10.2014
368 Seiten
ISBN 978-3-499-62903-7
Paperbeck EUR 14,99
E-Book       EUR 12,99

 

 




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