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Schon Mythen – oder nur “Ereignisse”?

 „Nach 1945“ – neue Ausstellung im Bonner „Haus der Geschichte“

Von Gisbert Kuhn

Deutschland und seine Mythen. Auch wenn die Zeiten über die Recken und Sagengestalten hinweg gegangen zu sein scheinen – wer kennt sie nicht, die Namen und Geschichten? Die vom Kaiser Barbarossa etwa, der im Kyffhäuser schläft, aber eines Tages aufwachen wird, um das zerstrittene Reich zu einen. Oder aber die immer wieder umgeschriebene Überlieferung der „Hermanns-Schlacht im Teutoburger Wald“, in der die vom Cheruskerfürsten Arminius geführten germanischen Stämme im Jahre 9 n. Ch. drei römische Legionen vernichteten. Kaum eine andere geschichtliche Gestalt stand Politikern, Historikern, Dichtern aber auch Romantikern und Malern vor allem im 19. Jahrhundert auf dem Weg der deutschen Nation-Bildung so häufig „identitätsbildend“ Pate stehen wie jener Arminius, der vermutlich erst von Martin Luther den Namen Hermann verpasst bekam. Oder, nicht zu vergessen, das aus dem hohen Mittelalter stammende Nibelungenlied um Siegfried, Hagen und Gunther sowie die Königinnen Krimhild und Brunhilde, das – je nach Fassung und Bedarf – als Zeugnis sowohl für bedingungslose Treue wie auch deren exaktes Gegenteil dienen durfte.

Gefeiert und missbraucht    

Legenden, Geschichten, Sagen und – ja, Mythen. Heroisches zumeist, wie es bei allen Völkern und Nationen in der Regel seit hunderten von Jahren gelesen und, nicht selten, auch volkstümlich gefeiert wird. Normal eben. Aber, wie so oft, unterscheidet sich Deutschland auch hier von der allgemeinen „Normalität“. Es wäre ja wohl auch ein Wunder gewesen, hätten ausgerechnet die Herolde des nationalsozialistischen Regimes darauf verzichtet, historisch gepriesenes Heldentum in ihre Ideologie einzuflechten. Man muss nur die berühmt-berüchtigte „Wollt-Ihr-den-totalen-Krieg“-Rede des teuflisch-genialen Joseph Goebbels von 1943 nachlesen, um zu sehen, wie gekonnt gerade die Nibelungen propagandistisch missbraucht wurden. Und wie lautete der Deckname für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion? Richtig: „Unternehmen Barbarossa“. Erneut verfälschter Mythos; der „Alte im Kyffhäuser“ konnte sich halt nicht wehren.

Mythos “Arbeiter und Bauernstaat”: Herbert Gute und Martin Hänisch zeichnen 1952 diesen Entwurf für das Staatswappen der DDR. © Städtische Galerie Dresden – Kunstsammlung, Museen der Stadt Dresden

Jetzt hat das (immer außerordentlich kreative) Bonner „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“  ein interessantes Experiment gestartet. Um genau zu sein – es handelt sich um die (um etliche Exponate erweiterte) Ausstellung „Deutsche Mythen seit 1945“, die bereits zuvor in der Leipziger Dependance des Museums gezeigt worden war. Mit der Präsentation von rund 900 Objekten wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit sich nach dem weitgehenden „Bruch“ mit den tradierten Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg in den seither verstrichenen mehr als sieben Jahrzehnten neue, eigene deutsche Mythen herausgebildet haben. Und zwar in beiden Teilen des so lange gespaltenen Landes. Wobei die Ausstellungsmacher zwar häufig den Begriff „Mythos“ verwenden, letztlich aber darauf verzichten, eine auch nur einigermaßen erschöpfende Deutung zu geben.

Die „Helden von Bern“ – schon ein Mythos?

Die Antwort darauf muss sich darum jeder Interessierte selber geben. Und die Aufforderung dazu erfolgt sehr früh. Gleich am Eingang hört der Besucher die – gewiss auch vielen jungen Menschen aus dem Sönke-Worthmann-Film „Das Wunder von Bern“ bekannte – sich überschlagende Stimme des Radio-Reporters Herbert Zimmermann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt“. Auf das dann eigentlich folgende vierfache „Tor, Tor, Tor, Tor!“ wartet man allerdings vergebens. Die Eintretenden können es selbst formulieren. Der (west)deutsche Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni 1954 im Berner Wankdorf-Stadium  war – neun Jahre nach der totalen Niederlage Deutschlands – ohne Zweifel ein einschneidendes Ereignis. Nicht allein für die unmittelbaren Zeitzeugen. Ein, wenn auch zumeist unausgesprochenes, „Wir-sind-wieder-wer“-Gefühl breitete sich aus. Start eines Mythos?“. Wer die Zeit erlebt hat, neigt wahrscheinlich zum „Ja“. Nicht so dagegen Museums-Chef Prof. Walter Hütter und seine Crew. Ihrer Meinung nach ist der Sieg der Fritz-Walter-Elf in den Jahren danach in seiner Bedeutung bei den Menschen geschrumpft. Erst 2006, im Zuge des „Sommermärchens“ und des Muts der Deutschen zu schwarz-rot-goldenen Fähnchen sei Fußball zu einem Mythos, zu einer Art nationalem Identifikations-Symbol  geworden.

Der Kinohit von 2003 prägt die Erinnerung an den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954. © Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Axel Thünker

Was ist jedoch in heutiger Zeit ein Mythos? Hütter und seine Leute deuten es so: Es sei die Betrachtung und Wertung von Vergangenem aus der Warte der Gegenwart.  Das trifft auf manche Vorgänge ohne Zweifel zu. Geradezu beispielhaft dafür steht der Begriff „Trümmerfrauen“ und deren qualitative Einordnung in das unmittelbare Nachkriegsgeschehen. Interessanterweise existieren dabei keinerlei Unterschiede zwischen Ost und West. „Trümmerfrauen“ – das war gleichsam der mit einem Namen versehene Inbegriff des absoluten Willens, zuzupacken und wieder aufzubauen. Und es stimmt ja auch. Die Last der Sorge für Kinder und häufig auch noch für alte Eltern lag oft genug allein auf den Schultern von Frauen. Der daraus freilich erwachsene Trümmerfrauen-Mythos hält dem tatsächlichen Bild nur unzureichend stand. Es ist ein Bild – im wesentlichen geschaffen von Propaganda und geschickt eingeschalteten Medien. Die gewaltigen Schuttmengen wären ohne den Masseneinsatz schweren Geräts überhaupt nicht zu beseitigen gewesen. Doch es hat fast 70 Jahre gebraucht, bis die historische Forschung sich traute, an dem Mythos „Trümmerfrau“ zu kratzen.

Im Westen Konsum, im Osten Ideologie

Der VW-Käfer ist in der Bundesrepublik ein Symbol des Wirtschaftswunders. Das Ersatzfahrzeug für die Feier des millionsten Volkswagens 1955 erhält seinen Platz in der Ausstellung “Deutsche Mythen seit 1945”. © Zeitgeschichtliches Forum Leipzig / Punctum / Alexander Schmidt

Sind es nun Mythen oder schlichtweg nur geschichtliche, beziehungsweise politische Begebenheiten? Es trägt zur Übersichtlichkeit wie zum Verständnis der neuen Sonderausstellung ohne Frage bei, dass die angeblichen oder tatsächlichen neuen deutschen Mythen immer von zwei Seiten beleuchtet werden. Und zwar gerade dann, wenn sie sich im Prinzip demselben Thema widmen. Schließlich bildete das geteilte Deutschland auch das Zentrum im Kampf der Systeme. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu eine geniale Idee, den 5-millionsten VW-Käfer der Bronzestatue eines Sowjetsoldaten mit einem Kleinkind auf dem Arm gegenüber zu stellen – im Westen Konsum, im Osten Ideologie. Immerhin: Beide deutschen Staaten mit ihren jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Systemen sahen sich (sagten sie jedenfalls) aus der Geschichte heraus in besonderer Weise der Friedenserhaltung verpflichtet. Das allerdings hinderte den Westteil nicht, den Wiederaufbau und das (Achtung: Mythos) „Wirtschaftswunder“ mit tatkräftiger Hilfe von Leuten umzusetzen, die (Globke, Oberländer) weit mehr waren als nur bloße „Mitläufer“ der Nazis. Und der „friedliche Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR hatte keinerlei Skrupel bei geheimen Waffenlieferungen in alle Welt. Beispiele für beides in der Ausstellung.

Das Exempel „Trümmerfrauen“ zeigt, dass mitunter längere Zeitabschnitte vergehen müssen, bis bestimmte – liebgewonnene oder geschickt inszenierte und medial immer wieder befeuerte – Mythen und Klischees auf ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt zurückgestutzt werden können. Ein zweites solches Beispiel ist die „68-er“-Generation und daran angeschlossen die so genannte Friedensbewegung. Auch dazu ist in der neuen Ausstellung von Bonn so manches Nachdenkliche zu finden. „Deutsche Mythen seit 1945“ zeigt auf, weist auf vieles hin und versucht zu erklären. Aber sollten die Besucher Antworten auf die Frage erwarten, ob und – falls überhaupt – welche Vorgänge Aussicht haben könnten, irgendwann einen Mythen-Status zu erreichen, werden sie vergeblich suchen. Auf dieses Problem ist hingegen der Journalist Christoph Schwennicke („Cicero“) bei seiner Eröffnungsrede eingegangen. Er sieht für künftige Legendenbildungen nur wenig Chancen. Der Grund: Die modernen Medien mit ihren (a)sozialen Anbietern wie facebook u.a. ließen den Menschen ja gar keinen Raum mehr, einfach einmal gründlich nachzudenken und sich erst danach zu äußern…

Info:

Deutsche Mythen nach 1945, 16. März – 14. Oktober

Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Willy-Brandt-Allee 14

53113 Bonn

Tel.: 0228 9165109

Öffnungszeiten: Di – Fr. 9 – 19 h, Sa/So. 10 – 19 h

Eintritt frei   

    




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