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Rock on

von Frank Lorentz

Graham Nash, Mitgründer von Crosby, Stills & Nash, stellt in Bonn Fotografien aus. Eine Begegnung mit einem der letzten Hohepriester der Rockmusik – und einem zu entdeckenden Fotokünstler

Graham Nash
©seppspiegl

An der braunen Holzeingangstür eines gepflegten Altbaus in der Bonner Südstadt hängt, befestigt mit weißen Reißzwecken, ein schwarz-weiß bedrucktes DIN-A-4-Blatt. „Eye to Eye – Photographs by Graham Nash“ steht auf dem Papier, welches zudem das Porträt eines Mannes mit Schnäuzer zeigt. Am Rand noch der Hinweis, dass die Ausstellung bis zum 15. Juli zu sehen ist. Eine kleine Sensation, und zwar gleich eine doppelte: Erstens, weil Graham Nash, Jahrgang 1942, kein Geringerer als der Mitgründer von „Crosby, Stills & Nash“ ist. Er ist Woodstock-Superstar, unsterbliche Hippie- und Protestkultur-Ikone und nebenbei auch Fotograf – das Porträt auf dem Zettel zeigt ihn, wie er früher aussah, es ist eines seiner vielen Selbstporträts. Und zweitens, weil die Galerie namens „ArtBonn“ kein überlokal bekanntes großes Haus ist, wie man es bei einer Berühmtheit wie Nash vielleicht erwarten könnte, sondern eine Privatgalerie. Eigentlich ein Wohnhaus, das bei Gelegenheit zu Galeriezwecken genutzt wird. Nirgends ein Firmenschild, keine geregelten Öffnungszeiten. Verborgener geht es kaum. Geöffnet wird nur, wenn der Galerist und Kunsthändler Peter Wierny, der in dem Haus lebt, etwas zu zeigen hat.

In diesem Haus, in dessen Eingangsbereich passenderweise eine alte Jukebox steht, sind wir mit Nash zum Gespräch verabredet. Es wird ein elementares Gespräch werden – durchsetzt mit vielen „fuckings“. Also eines Rockstars würdig, der die Welt umarmt und ihr immer wieder den Mittelfinger zeigt; der seit Woodstock mit CSN als universales moralisches Gewissen umherzieht, im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Krieg und immer zugleich an das Gute im Menschen appellierend: Freundschaft, Liebe, die großen Themen der Menschheit – in kleinerer Münze macht man es nicht bei Crosby, Stills & Nash. Nach Bonn hat es Nash verschlagen, weil er dort soeben mit der Band aufgetreten ist. Und in die Galerie – ja, wie kommt einer wie er, der in Woodstock vor einer halben Million Menschen auftrat; der bei „Occupy Wall Street“ sang; der sich aufrichtig darüber empören kann, dass sich die Menschheit mehr für Justin Biebers Affen interessiert als für die Selbstverbrennungen von tibetischen Mönchen; und der 2012 mit den, wie er selbst, nimmermüden David Crosby und Stephen Stills – zusammen sind die Herren 210 Jahre alt – für 87 Showauftritte à zweieinhalb Stunden um den Erdball jettete; wie kommt dieser weltberühmte Weltbürger, der in Manchester geboren wurde und seit 37 Jahren auf Hawaii zu Hause ist, zur einen Seite Strand, zur anderen ein Wasserfall, in diesen gediegenen Bonner Altbau? „I dont’t know“, sagt Nash. Als ob das wichtig wäre! Arrangiert hat die Geschichte, so stellt sich heraus, Peter Wierny. Er erfuhr von dem Auftritt in Bonn, fragte das Management von Nash, ob er dessen Fotos ausstellen könne, und die Sache lief. Rock’n’Roll.

Jonny Cash
©grahamnash

Also los, Mr. Nash, Hand aufs Herz: Welche Bühne genießen Sie mehr – eine gigantische wie in Woodstock oder eine vergleichsweise winzige wie diese Galerie? „I don’t care!“, sagt er. Interessiert mich nicht. Woodstock sei ein „fucking gigantic jewel“ gewesen, ein verdammt riesiges Juwel. Und die Galerie sei ebenso ein „jewel“. „Schauen Sie sich dieses Haus an – es ist wunderschön. Und so war Woodstock. Und so ist die Welt. Die Welt ist verrückt. Aber ich bin unsterblich in sie verliebt.“ Nash, mittelgroß und schlank, hat volles weißes Haar und ein gleichfarbiges Unterlippenbärtchen. Seine Kleidung dagegen ist schwarz vom Hals bis zu den Füßen: schwarze Lederjacke, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Socken, schwarze Schuhe. Nash ist an diesem Tag, könnte man sagen, so schwarzweiß wie die Welt, die er unermüdlich skizziert – mit diesem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Wohlstand und Armut. Unterdrückung und Freiheit. Auf YouTube ist ein Video zu sehen, das ihn zeigt, wie er im Mai dieses Jahres zu den Absolventen der Lesley University, Cambridge, Massachusetts, spricht: ein Hohepriester. Jedes Wort bedeutungsschwer, jede Silbe wird ausgekostet. Er predigt, dass das Leben ein Kunstwerk sei, dass sich weder Bill Gates noch Warren Buffet mit ihren zig Milliarden auch nur eine Sekunde Zeit kaufen könnten und dass es gelte, jeden einzelnen Augenblick des Lebens sinnvoll zu nutzen. Die Entscheidung liegt bei dir – willst du zu den Guten gehören? Das Publikum – junge Menschen mit Doktorhut auf dem Kopf – wirkt ergriffen.

Neil Young, 1988
©grahamnash

Seine Fotografie ist ebenfalls schwarzweiß, ausnahmslos. Warum? „Als Mensch sieht man immer nur farbig. Farbe langweilt mich.“ Nash fotografiert, seit er elf ist – Musiker wurde er mit 13. Er fotografiert demnach länger, als er Musik macht – seit genau 60 Jahren. Und zwar „constantly“, immer. Er sammelte sogar zwei Jahrzehnte lang Fotografien, ehe er sie 1990 bei Sotheby’s für 2,17 Millionen US-Dollar verkaufte – damals der höchste Preis, der je für eine private Fotosammlung erzielt wurde. Das Geld steckte er in den Aufbau von „Nash Editions“, einem Studio für Fine-Art-Printing, das er heute noch betreibt. Nash ist folglich ein ausgewiesener Foto-Profi. Frage: Haben Sie heute schon fotografiert, hier in Bonn? Er springt vom Stuhl auf, kramt seine kleine digitale Leica aus einer Tasche hervor und zeigt das Bild, das am Morgen entstand: ein Selbstporträt vor einem Spiegel. „You see? It’s beautiful.“ Und zwar nicht, weil er selbst zu sehen sei. „I don’t give a shit about me.“ Sondern weil das Foto schön sei. Die 40 kleinformatigen, in helle Rahmen hinter Glas gesteckten Fotos in der Galerie zeigen ebenfalls häufig Gesichter, etwa von Musikerfreunden wie Bob Dylan, Johnny Cash, Cass Elliott (von „The Mamas and the Papas“) oder auch Joni Mitchell (mit der er zusammen war). Es sind Bilder, die den Betrachter unmittelbar ansprechen und die anzugucken Freude macht. David Crosby mit einem aufgeschlagenen Buch in den Händen, konzentriert schaut er hinein – ein perfektes Bild. Nirgends Experimente mit Blickwinkel, Ausschnitt, Fokus, Zeit. Nichts Artifizielles. Stattdessen Szenen aus dem prallen Leben, so wie es ist oder zu sein scheint, zumindest für den Bruchteil des Belichtungsmoments. Großartig das wie ein Schattenriss wirkende Profil des Kopfes von Johnny Cash. Oder das Porträt von Nashs Söhnen Jackson und Will aus dem Jahre 1990, das die Kinder mit völlig absorbiertem Gesichtsausdruck zeigt – Kunststück, denn sie gucken gerade fern. Oder das Bild eines auf einem Feldweg davonfahrenden alten Autos, Titel: „Neil going home to Broken Arrow Ranch, Northern California, 1988“. Selten sah man Neil Young, der wohl am Steuer sitzt, so originell porträtiert.

Graham Nash
©seppspiegl

Die Bilder sind in zwei mit einer Schiebetür verbundenen Räumen ausgestellt. Fischgrät-Parkett. Hinten raus geht es auf eine Terrasse und in einen blühenden Garten. Eine, wenn es das heute überhaupt noch gibt, Idylle. Und mitten in dieser Architektur der Bürgerlichkeit spricht diese seit einem halben Jahrhundert bewährte Stimme der globalen Protestkultur nun Sätze wie: „In 100 Jahren wird man die Tabak-, Alkohol- und Waffenindustrie als Kriminelle ansehen. Als Großkriminelle.“ Oder: „Money is the root of all evil.“ So laute der Titel eines Songs aus den Dreißigern – im nächsten Moment singt Nash den Refrain. Auf die Frage, was Erfolg für ihn bedeute, sagt er: „Gut schlafen zu können.“ Ob seine drei Kinder seine Musik mögen? „Who cares? I don’t care. I don’t care what anybody thinks about my music. I don’t even care what I think.“ Warum er so selten in Europa ausstelle, schließlich sei die Ausstellung in der Bonner Galerie erst seine zweite in Europa (die erste war in England)? „Don’t know. Don’t care.“ Weiß Gott, dieser Mann, der sich selbst als „immer noch neugierig, positiv, normal“ bezeichnet, ist kein Typ für Geplauder. Wenn er singt, geht es ums Ganze. Wenn er fotografiert, fotografiert er das Leben. Und wenn er im Gespräch aus sich heraus geht, dann bei Themen wie: Irak. Sudan. Die Proteste in Brasilien. Über das, was schief läuft, und es läuft verdammt viel schief. „The world“, sagt er immer wieder, „is fucking crazy.“

Dem kann nur zugestimmt werden. Die Tür schiebt sich auf, der Galerist erscheint, der nächste Termin steht an. Schnell noch ein paar Fotos gemacht. „Rock on“, sagt Nash, als das letzte geschossen ist und er jedem im Raum die Hand geschüttelt hat. Eine letzte Frage noch: Die Jukebox am Eingang – haben Sie geschaut, ob auch Crosby, Stills & Nash vertreten ist? Nash verneint, habe er nicht. Der Galerist tritt hinzu und beteuert: „Definitely!“ CSN sei auf jeden Fall dabei! Eine kleine Unwahrheit, wie sich herausgestellt, aber eine verzeihliche. Vor einem der letzten Hohepriester der Rockmusik gehört es sich, höflich zu sein.

 

Die Ausstellung läuft bis zum 15. Juli, Bennauer Straße 22, 53115 Bonn. www.artbonn.de

Interwiev mit   Graham Nash, David Crosby bei Keith Olbermann :




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