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Der letzte Mentsch

Der alte Mann und das Gör

Adorf

Mario Adorf als Marcus Schwartz

Der über 80jährige Einzelgänger Marcus Schwartz (Mario Adorf), Überlebender von Theresienstadt und Auschwitz, stammt ursprünglich aus Ungarn, hat aber seine Wurzeln beseitigt und seinen früheren Namen – Menahem Teitelbaum – ausgelöscht. Als einziger Überlebender seiner Familie ist er nach dem Krieg in Deutschland geblieben, wollte nie die sogenannte Wiedergutmachung annehmen und nichts mehr von den Schrecken von Theresienstadt und Auschwitz wissen. Nur die eintätowierte Häftlingsnummer erinnert an die Vergangenheit. Bei der Beerdigung einer Bekannten wird ihm plötzlich klar, dass es langsam Zeit ist, an das eigene irdische Ende zu denken und er fasst einen folgenreichen Entschluss: er will nach seinem Tod als Jude auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. Dort wird er jedoch nur verewigt, wenn er beweisen kann, dass er wirklich Jude ist.

Ohne Dokumente, das Zeugnis von Verwandten oder glaubwürdige Zeugen bliebe dem in Köln lebenden, alt und müde gewordenen Mann ein jüdisches Begräbnis aber verwehrt. In der Kölner Synagoge muss er sich mit einem jungen arroganten Rabbi herumstreiten, der ihm erklärt, dass ohne Geburtsurkunde, ohne Familie ja jeder als Jude daherkommen könne. Und die von den Nazis im Lager eintätowierte Nummer hätte auch keine Beweiskraft, da ja nicht nur Juden ins KZ verschleppt worden seien.

Ungarn-Reise als Selbstfindung

Und so wird Schwartz, der jahrzehntelang Verdrängung und Vergessen als Überlebensstrategie perfektioniert hat, gezwungen, in die eigene Vergangenheit einzutauchen. Seine einzige Chance, die nötigen Nachweise zu finden, sieht er in seiner ungarischen Geburtsstadt Vác. Die Reise nach Ungarn wird zu einer Selbstwiederfindung, die Inbesitznahme einer abgelegten Identität.

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Mario Adorf und Katharina Derr

Per Zufall lernt er Gül (Katharina Derr), eine wütende, mit sich und der Welt unzufriedene junge Frau kennen, die kurzerhand den Wagen ihres russischen Freundes kapert, um den „alten Mann“ für 500 Euro plus Spesen nach Ungarn zu fahren. Gül ist eine zickige, schroffe Spätpubertierende, halb Deutsche und halb Türkin. Der alte Mann und das Gör machen sich gemeinsam auf die Reise in das Herz des alten jüdischen Europa. Unterwegs lernen die beiden einander und ihre jeweiligen Generationen kennen. Sie müssen den Kampf mit den Behörden und der Bürokratie Europas aufnehmen.

Aufbrechen eines gepanzerten Innenlebens

Das Drehbuch des 1953 geborenen Franzosen Salfati und seiner Koautorin Almut Getto gewinnt aus dieser Konstellation seine Dramatik und Dynamik. „Der letzte Mentsch“ behandelt ein todernstes Thema mit Witz und Leichtigkeit. Das liegt vor allem an dem zurückgenommenen Spiel Mario Adorfs. Melancholisch stimmende Lebenserfahrung und die Angst vor der Wiederbegegnung mitDLM_Plakat dem Vergangenen motivieren diesen Marcus Schwartz. In Salfatis Film funktioniert die Balance zwischen Persönlichem und Pathos, Komödie und Abgrund perfekt. Ganz langsam bricht Schwartz‘ gepanzertes Innenleben auf. Er rekapituliert die Sinnkrisen seiner Existenz, auf die er mit Verweigerung reagiert hat und der Erkenntnis: „Das Leben ist doch überall gleich absurd.“

„Mich fasziniert, warum und wie Menschen solche Erlebnisse verdrängen“, hat Mario Adorf gesagt. Er beglaubigt die Pein eines Mannes, der nicht sicher sein kann, ob er sein Überleben als Fluch oder als Segen begreifen soll. Mit viel Würde und geerdeter Poesie gestaltet er diesen gespaltenen Schwartz/Teitelbaum.

Sie prägt und trägt den sehr sehenswerten Film.

Anm.: Mentsch ist das jiddische Wort für Mensch. So verwendet, beschreibt es allerdings nicht nur einen Menschen, sondern einen Menschen, der lernen will, sich wie ein Mensch zu verhalten, einer, der sich in einer angemessenen und würdigen Weise verhält.

Filmstart: 8. Mai 2014

MARIO ADORF – eine große Schauspielerpersönlichkeit

Der 83jährige Schauspieler Mario Adorf gehört nach über 50 Jahren Aktivität zu den bekanntesten und beim Publikum beliebtesten Gesichtern der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Die frühere Schurken-Schablone und heutige Vaterfigur des deutschen Films gilt als Multitalent in allen Bereichen des Entertainment. Egal ob Fernsehen, Film, Musik oder sogar Literatur – Mario Adorf fühlt sich überall dort zu Hause, wo er kreativ sein und ein Publikum unterhalten darf. Eben dieses liegt ihm als charismatischen Mafia-Paten ebenso zu Füßen, wie als schrulligen Restaurantbesitzer. Da ist es nicht verwunderlich, dass Mario Adorf sowohl für seine schauspielerischen Leistungen, als auch für sein soziales Engagement mit zahlreichen Auszeichnungen und Publikumspreisen geehrt wird.

Mario Adorf wurde am 8. September 1930 in Zürich geboren. Er ist das uneheliche Kind des italienischen Chirurgen Dr. Matteo Menniti und der Röntgen-Assistentin Alice Adorf, die ihn allein und ohne Kontakt zum Vater in der kleinen Eifelstadt Mayen aufzog. Mit 20 Jahren begann er nach seiner Schulausbildung ein Studium der Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literatur, Musikgeschichte und Theaterwissenschaften an der Universität Mainz.

Frühe Erfolge

Auf Umwegen kam er an das Theater München und spielte nebenher in einigen Filmproduktionen. Schon für seine zweite Rolle in Robert Sodiaks Film NACHTS WENN DER TEUFEL KAM (1957) erhielt Mario Adorf für die Darstellung des Bruno Lüdke 1958 den Bundesfilmpreis als „Bester Nachwuchsschauspieler“. Mario Adorf spielte hier einen zurückgebliebenen Hilfsarbeiter, der über einen Zeitraum von elf Jahren etliche Frauen ermordet. Sein sensibles Spiel verdeutlichte die innere Zerrissenheit des Charakters. Diese Darstellungsweise, gekoppelt mit seinem eher groben Erscheinungsbild, beeindruckten Zuschauer und Kritiker gleichermaßen.

Dies war die erste von zahlreichen Rollen, in denen Mario Adorf düstere und zwielichtige Figuren verkörperte. Aufgrund seiner Körperlichkeit – groß gewachsen, dunkler Teint, tiefliegende Augen sowie markante Augenbrauen und Gesichtszüge – schien er für die Rolle des kriminellen Bösewichts prädestiniert. Er war es auch, der, in der Rolle des Frederick Santer in WINNETOU I (1963), Nscho-Tschi, die Schwester des Titelhelden, erschoss.
Bald darauf folgten ausländische Produktionen in Frankreich und Italien. Auch hier blieb er seinen Protagonisten und Sujets zunächst treu. Kritiker bemängelten die inhaltsleeren Rollen Mario Adorfs in so genannten Italo-Western. Hierzu bezog Mario Adorf klar Stellung. Trotz des künstlerischen Anspruchs war es für ihn ein wichtiger Teil des Schauspieler-Daseins, immer im Geschäft zu bleiben.

Junger Deutscher Film entdeckt Adorf

Mitte der 60er Jahre erhielt er dann abwechslungsreichere Parts. Er war in komischen Rollen sowie in Mafia-Dramen mit dabei und spielte in Florestano Vancinis Film DIE ERMORDUNG MATTEOTTIS (1973) sogar „Il Duce“ Benito Mussolini. Der Aufstieg Mussolinis zum Regierungschef in den 1920er Jahren sowie die Schreckensherrschaft des Diktators wurden in diesem Film thematisiert. In den folgenden Jahren wirkte Mario Adorf bei vielen Produktionen mit namhaften internationalen Regisseuren, wie in Sam Peckinpahs Western MAJOR DUNDEE (1965), Billy Wilders Komödie FEDORA (1978), John Frankenheimers Thriller DER VIER BILLIONEN DOLLAR VERTRAG (1985) und Claude Chabrols Drama STILLE TAGE IN CLICHY (1990) mit.

Bereits Anfang der 1970er entdeckten einige Regisseure des Jungen deutschen Films Mario Adorfs Talent für sich. Volker Schlöndorff setzte ihn in gleich zwei seiner bekanntesten Filme ein. So spielte  Adorf den Kommissar Beizehne in DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (1975) und den Alfred Matzerath in dem Oscar-prämierten Drama DIE BLECHTROMMEL (1978). Ein politisches Statement setzte Mario Adorf mit seinem Gastauftritt in dem Episodenfilm DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), der sich mit der damaligen innenpolitischen Situation Westdeutschlands auseinandersetzte. In Rainer Werner Fassbinders Drama LOLA (1981) übernahm er den Part des skrupellosen Baumoguls Schuckert. Hier vermochte er es, obwohl dies vom Drehbuch zunächst anders vorgesehen war, dem eindeutig „Bösen“ im Film auch sympathische Züge zu verleihen.

Kein Verzieht auf das Theater spielen

Ab Mitte der 1980er wurde Mario Adorf zunehmend für Charakterrollen engagiert. Wieder auf eine Sparte reduziert, waren es nun reife Figuren wie Patriarchaten oder Geschäftsmänner, für die er als perfekte Besetzung galt. Viele Fernsehproduktionen entstanden zu dieser Zeit. In HEIMATMUSEUM (1988) von Egon Günther verkörperte Mario Adorf den dominanten Großvater, in Dieter Wedels Familienepos DER GROßE BELLHEIM (1993) den Kaufhausinhaber, für dessen Darstellung er den Adolf Grimme-Preis erhielt, und den zwielichtigen Fürstbischof in dem Kostümfilm DER KÖNIG DER LETZTEN TAGE (1993), bei dem Tom Toelle Regie führte. Auf das Terrain des Mafia-Genres begab sich Mario Adorf erneut als Gangster-Pate in DER SCHATTENMANN (1996) unter der Regie Dieter Wedels. Sowohl in Klaus Emmerichs Werk PIZZA COLONIA (1992) als auch in dem mehrfach ausgezeichneten ROSSINI ODER DIE MÖRDERISCHE FRAGE, WER MIT WEM SCHLIEF (1997) von Helmut Dietl mimte Mario Adorf einen italienischen Restaurantchef. 1992 erhielt er das Filmband in Gold, eine von vielen Trophäen seiner Karriere und auch die zweimalige Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz.

Trotz seiner Aktivität in Film und Fernsehen käme der Verzicht auf das Theaterspielen für Mario Adorf nicht in Frage. Hier liegen für ihn die wahren Wurzeln der Schauspielkunst. Der Reiz des Theaters ergibt sich für ihn hauptsächlich aus der Live-Situation, die gegenüber dem Film in der Interaktion zwischen Schauspieler und Zuschauer unzählige Möglichkeiten bietet. Aus dieser Liebe zur Bühne tourte Mario Adorf in der Spielzeit 1985/86 gemeinsam mit Hardy Krüger mit ihrem selbstinszenierten zwei Personen Stück „Wiedersehen im Herbst“ durch Deutschland. 2004 gastierte er in Volker Schlöndorffs „Enigma“, ebenfalls für zwei Personen geschrieben, am Berliner Renaissance-Theater und sorgte für einen ausgeverkauften Theatersaal.

Die Schauspielerei allein reichte Mario Adorf als Form seines künstlerischen Ausdrucks jedoch nicht. Neben Musik-CDs im Jahre 1994 und 2001 und anschließenden Solo-Auftritten mit seinen musikalischen Unterhaltungsprogrammen „Al Dente“ und „Ciao!“ betätigte sich Mario Adorf ebenfalls im literarischen Betrieb als Verfasser von zwei Kurzgeschichtsbänden, die 1995 und 1996 veröffentlicht wurden.

Mario Adorf ist seit 1985 mit der Französin Monique Faye verheiratet und lebt mit ihr in Rom und Paris. Seine Tochter, die Schauspielerin Stella Maria Adorf, stammt aus erster Ehe mit der Schauspielerin Lis Verhoeven.

Ursa Kaumans

Der Trailer zum Film:


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