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Willy Brandt – Eine Annäherung

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Willy Brandt (11.09.1991) in Bonn
© seppspiegl

Weil sich der Geburtstag des Sohnes Herbert Ernst Karl der 19 Jahre alten Lübecker Verkäuferin Martha Frahm wenige Tage vor Weihnachten zum hundertsten Mal jährt, haben Bücher von und über Willy Brandt (1913 – 1992) noch einmal Konjunktur. Unter ihnen sticht die jüngste Beschreibung des vierten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland wegen ihrer Form und Qualität besonders hervor. Der aus Oldenburg stammende Germanist und Journalist Tosten Körner hat sich bisher mit Biographien über Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer oder Götz George bekannt gemacht und sich diesmal mit einer verblüffenden Fülle von Gesprächen und Recherchen wie wohl kein anderer vor ihm dem Mann genähert, der sein 1934 im norwegischen Exil gewähltes Pseudonym im Gründungsjahr der Bundesrepublik und der DDR vom Berliner Polizeipräsidium amtlich legalisieren ließ.

Kein Familienmensch

Familie BrandtDer Bonner Zeitzeuge Friedrich Nowottny hatte den Autor bedauert (“Ach, Sie Armer”, S. 480), als er erfuhr, dass ein Familien-Buch über Willy Brandt entstehen solle. Denn Willy Brandt war zweimal geschieden und dreimal verheiratet, Vater der Tochter Ninja Frahm sowie der Söhne Peter, Lars und Matthias Brandt. Aber er war kein Familienmensch. Brigitte Seebacher-Brandt hat Auskünfte über die letzten Jahre mit Willy Brandt und zuletzt wohnhaft in Unkel verweigert. Rut Brandt führte nach der Scheidung ein zweites, zurückgezogenes Leben in Kopenhagen und in Bornheim bei Bonn. Der Historiker Peter, heute 64 Jahre alt, der bildende Künstler und Schriftsteller Lars, 62, und der inzwischen prominenteste der Brüder, der Schauspieler Matthias, 51, scheinen anfangs gezögert zu haben; sie haben sich dann aber doch zu Schilderungen ihres komplizierten Vaters, ihrer stets sympathischen Mutter und ihrer mit neuen Akzenten gezeichneten eigenen Herkunft bereit erklärt.

Die zusammengestellten Skizzen vorwiegend über die Jahre mit Willy Brandt nach 1945 in Berlin und seit 1949 dort sowie vor allem seit 1966 in Bonn sind ebenso informativ wie lesenswert und korrigieren manches Klischee, das immer noch wieder benutzt wird. Zwei kleine Schwächen unterschiedlicher Art tauchen auf, wenn der Name des zweiten Bundeskanzlers, Ludwig Erhard, mehrmals im Text und auch im Personenregister wie der des Komikers Heinz Erhardt geschrieben wird oder wenn rätselhafte “Grüße von Lothar” nicht aufgelöst werden. Im letzteren Fall ist die Rede von Lothar Schwartz, dem ehemaligen Pressesprecher des SPD-Vorstands (1973-81) und engen Vertrauten von Willy Brandt über viele so schnell vergangene Jahre.

Eigenwillige Recherchen

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Willy Brandt mit Ehefrau Ruth und Sohn Matthias, Berlin 1967
© seppspiegl

Für manchen Leser sind vermutlich die eingestreuten politologisch-psychologischen Betrachtungen des Autors zu bestimmten Ereignissen oder Ergebnissen eher verzichtbar, sie steigern jedenfalls nicht das ansonsten oft aufkommende Lesevergnügen. Die Stärke des Buches besteht vielmehr nach eigenwilliger Art der Materialbeschaffung in seiner Fülle und Vielfalt von bisher unbekannten Begebenheiten aus dem Lebenslauf Willy Brandts und von Vorkommnissen in seiner politischen oder privaten Umgebung. Beinahe 99 Jahre nach der Geburt der Hauptperson in Lübeck ist zum Beispiel am 4. November 2012 in Oslo dessen Urenkelin Johanne Frahm Øie geboren worden. Von ihr mit Mutter und Großmutter – diese Oma ist Brandts Tochter Ninja – gibt es auch ein Foto in dem Buch. Zur sorgfältig ausgewählten Illustration gehört mit Eingangsstempel Bundeskanzleramt (S. 375) ebenfalls das Faksimile eines kindlichen Briefes von 1972 nach dem seinerzeit gescheiterten Konstruktiven Misstrauensvotum von Rainer Barzel :

“Lieber Willy Brandt! Ich heiße Matthias wie Dein Sohn und bin 7 Jahre alt. Ich freue mich, dass Du Bundeskanzler geblieben bist. im Wahlkampf habe ich jeden Abend mit meinem Vater Werbematerial ausgetragen. Nun hoffe ich, dass meine Oma aus der DDR bald kommen kann. Es grüßt Dich Matthias Queisser.”

Fazit: Ein außerordentlich lesenswertes Werk.

 

Rudolf Strauch

 

Torsten Körner

Die Familie Willy Brandt

S. Fischer Verlag Frankfurt a. M.

512 S., € 22,99




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