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Wie man eine Bildungsnation vor die Wand fährt

Josef Kraus

Josef Kraus, Jahrgang 1949, über 15 Jahre Gymnasiallehrer, 10 Jahre Oberstudiendirektor und Psychologe, bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes rechnet in seinem im vergangenen März erschienenen Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ fundiert, pointiert und schonungslos mit der deutschen Schulpolitik und dem deutschen Bildungssystem ab. Er fordert zu nicht weniger auf als zu einer bildungspolitischen Bürgerrevolte.

Immer dümmere Kinder ?

Werden unsere Kinder immer dümmer? Nein. Doch sie werden immer ungebildeter. Das liegt an einer Bildungspolitik, die keine Probleme löst, sondern Probleme schafft. So eröffnet der Klappentext des Buches von Josef Kraus.

Der Autor kritisiert, dass seit Jahrzehnten die schulischen Ansprüche immer weiter herunter geschraubt würden, gleichzeitig die Noten immer besser ausfielen und die Abiturientenquote in immer größere Höhen steige bei immer weiterem Absenken der Anforderungen. In allen Schulleistungsstudien habe sich gezeigt, dass die deutsche Schulstruktur miserabel abgeschnitten habe.
Dessen ungeachtet benehme sich die herrschende Bildungspolitik unbelehrbar wie ein trotziges Kind, das erwiesene Verfehlungen nicht eingestehen, geschweige denn abzustellen bereit ist. So habe sich, beginnend in den End-1960er-Jahren, eine Politik wider besseres Wissen und wider jede Vernunft breit gemacht. Auch würden immer neue Bildungsexperimente auf dem Rücken von Schülern, Eltern und Lehrern weiter durchgezogen, selbst wenn sie erkennbar längst krachend gescheitert seien.

Dem Autor geht es – bei oft markanten Formulierungen – erklärter Maßen um nüchterne Analysen und Diagnosen. Darauf gründend wendet er sich gegen lebensfremd abgehobene Visionen, die nicht schulreif seien und es auch nicht werden könnten. Dabei fällt die Lektüre seiner Analysen für den Leser durchaus unterhaltsam aus: Lehrpläne oder Leerpläne? Endlosbaustelle Gymnasium. Rechtschreibung oder Schlechtschreibung?

Ökonomisierung der Bildung

Deutliche Anklage erhebt er gegen die zunehmende Ökonomisierung der Bildungsgänge. Diese, von Statistikern und Ökonomen mit zunehmendem Erfolg propagierte Ausrichtung der Lehrinhalte, ziele im Übermaß auf die schmalspurige Fokussierung von Schülern und Studenten auf eine möglichst rasche Verwendbarkeit als Nachwuchs in Industrie und Wirtschaft. Pisa lässt grüßen: das einst international hoch angesehene deutsche Bildungssystem liege nicht zuletzt auch durch Statistikhörigkeit bildungsferner „Experten“ und deren vorbehaltslosem Propagieren der Gemeinschaftsschule um jeden Preis heute am Boden.

Keine Frage, Kraus hält das deutsche Gymnasium für höhere Bildungsansprüche für die zweifellos beste Schulform. Der Hinweis darauf, dass bei allem oft nur mittelmäßigem Abschneiden deutscher Schüler in den Pisa-Vergleichen die Teilgruppe der deutschen Gymnasialschüler im internationalen Vergleich immer die obersten Plätze einnimmt, fällt entsprechend deutlich aus. Allerdings werde diese Tatsache von interessierten Kreisen möglichst totgeschwiegen.

„Zu spät“ sei es natürlich noch nicht, macht der Autor Hoffnung. Politiker, Pädagogen und Eltern sollten an einem Strang ziehen, dem Abwärtstrend entgegenwirken. Was Bildung brauche, seien Inhalte und, vor allem,  Zeit.

Für jeden, der sich Sorge um den Zustand unseres Bildungswesens und um die Zukunft unserer Kinder macht, sollte das Buch von Josef Kraus eine Pflichtlektüre sein.

Dietrich Kantel

Josef Kraus
„Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“
Verlag Herbig 2017, 272 Seiten
ISBN 978-3-7766280-9




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