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„Maulbeerstock und Minirock“

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Emine Balfi ©seppspiegl

Memoiren einer türkischen „Gastarbeiterin“ der ersten Stunde – Emine Balfi

1961 hatte Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen abgeschlossen, wie zuvor schon mit Italien, Spanien, Portugal und anderen Ländern, woraufhin viele arbeitslose Türken, Italiener usw. für eine befristete Zeit nach Deutschland zogen. Der Begriff „Gastarbeiter“ bürgerte sich so ein, dass er immer noch verwendet wurde, selbst als die zeitliche Befristung schon lange nicht mehr bestand.

Wir wissen heute sehr wenig darüber, wie es diesen „Gastarbeitern“ der ersten Stunde erging, vor allem, wie sie sich fühlten, die damals ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in eine völlig andere Kultur kamen, um dort zu arbeiten.

Im September 2014 ist unter dem Titel: „Maulbeerstock und Minirock“ ein autobiografisches Buch der ehemaligen türkischen Gastarbeiterin Emine Balfi erschienen, in dem sie über ihr Leben in ihrer Heimat Türkei und in der Fremde, in Deutschland, schreibt.

Besuch bei Frau Balfi

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Emine Balfi ©seppspiegl

„rantlos“ besuchte Frau Balfi in ihrer Maisonnette-Wohnung in Remagen bei Bonn. Vor kurzem ist die Autorin 70 Jahre alt geworden, eine gepflegte Erscheinung, geschmackvoll und sorgfältig gekleidet mit wachen Augen und sehr freundlichem herzlichen Lächeln. Man sieht ihr nicht an, welches harte Schicksal ihr das Leben beschert hat. Aber im Gespräch wird sehr schnell deutlich, über wieviel Stärke sie verfügt, ohne die sie sicherlich mehrmals untergegangen wäre. Heute ist sie eine freie, selbstbestimmte Frau, aber der Weg bis dahin war weit und beschwerlich, und viele Erlebnisse gehen ihr noch sehr nah. Auch wenn sie schon lange zurückliegen.

Emine Balfi erzählt, dass der Wunsch, ihre Erfahrungen niederzuschreiben und dadurch zu verarbeiten schon vor 30 Jahren bestand, sie aber nie wirklich Zeit und eine reale Möglichkeit fand, dies in die Tat umzusetzen. Mit Hilfe der Autorin P. Katharina Thölken wurde 2014 ihr Traum, das Projekt einer Autobiografie zu verwirklichen, umgesetzt.

„Du gehst nach Deutschland!“

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Emine Balfi ©seppspiegl

1966 kam Ermine Balfi mit 22 Jahren nur mit einem kleinen Köfferchen, 15 Mark und 30 türkischen Lira nach Deutschland, und ließ ihre 11 Monate alte Tochter und den dreijährigen Sohn in der Türkei bei ihrem Mann zurück. Diesen schweren Entschluss hatte sie keineswegs freiwillig gefaßt; ihr damaliger Ehemann hatte über ihren Kopf hinweg entschieden, sie wegzuschicken und redete ihr ein, dass sie damit ihre Ehe retten könnte. Die Wahrheit aber war, dass er mit einer anderen Frau liiert war und freie Bahn für diese Liaison haben wollte.

Ein schwerer Lebensweg

In ihrer Autobiografie nimmt die Autorin den Leser mit auf eine manchmal kaum zu ertragende Reise mit unendlich vielen Niederlagen, Rückschlägen und Vertrauensbrüchen. Sie berichtet von ihrer unglücklichen Kindheit in Adana, einer modernen Stadt im Süden der Türkei, wo sie immer wieder schwerste körperliche Züchtigungen durch die Mutter erleidet, als neunjähriges Mädchen von dem Liebhaber der Mutter missbraucht wird, zahllose Misshandlungen durch den eigenen Ehemann ertragen muss und über den Tod des kleinen Sohnes. Man erfährt von den Boshafigkeiten der türkischen Landsleute in Deutschland, die die alleinstehende junge Frau als Freiwild betrachten und sie wegen ihrer modischen Kleidung als Hure beschimpfen; sie leistet harte körperliche Arbeit in verschiedenen Fabriken, erfährt die schmerzhafte Entfremdung von ihren eigenen Kindern nach der Scheidung von ihrem Mann. Immer wieder ist ihr Leben vom Kampf ums Überleben in der Fremde geprägt. Dabei ist ihr keine Arbeit zu schwer, ob als Fabrikarbeiterin, Putzfrau, in der Gastronomie, in einer Bar, als Akkordarbeiterin in einem Eternitwerk; dann – nach dreijähriger Arbeitslosigkeit – findet sie doch eine Festanstellung, die ihr erlaubt, sich endlich eine Wohnung zu leisten. Ihr Sohn sitzt immer wieder im Gefängnis; die Erwartungen der türkischen Verwandtschaft, an dem „Reichtum“ in Deutschland teilzuhaben, belasten sie besonders.

Kurzes Glück

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Emine Balfi ©seppspiegl

Dann – Anfang 1990 – trifft sie einen deutschen Mann, der trotz all ihrer äußerst negativen Erfahrungen mit Männern ihre große Liebe werden soll. Aber auch dieses Glück währt nicht lange, denn bei ihm wird Lungenkrebs festgestellt. 1995 im Alter von nur 44 Jahren stirbt er, nachdem sie geheiratet und ihre gemeinsame Wohnung in Remagen bezogen hatten. Noch heute zeugen viele Fotos in ihrer Wohnung von dieser glücklichen Zeit und ihre Trauer ist immer noch spürbar.

Gesellschaftliches Engagement

Doch selbst nach diesem erneuten Schicksalsschlag findet sie wieder ins Leben zurück. Sie schließt sich einem Karnevalsverein an, 2001 tritt sie der SPD und dem deutsch-türkischen Verein bei. Dann wieder ein Schicksalsschlag: der Unfalltod ihres Sohnes Mustafa.

Aber sie lässt sich nicht unterkriegen, arbeitet ehrenamtlich bei der Arbeitsgemeinschaft 60+ und dem Bündnis für Frieden und Demokratie in Remagen, dem Migrationsbeirat und dem Seniorenbeirat, wofür sie gerade die Ehrennadel des Landes Rheinland-Pfalz bekam – eine Ehrung, die sie sich nie erträumt hätte.

Für Toleranz und Respekt

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Emine Balfi ©seppspiegl

Im Nachwort zu ihrer Autobiografie, schreibt Elmine Balfi: „Den jungen Menschen möchte ich sagen, dass sie sich kein Leben aufzwingen lassen sollen, das ihnen nicht entspricht, sondern ihren eigenen Weg suchen und gehen müssen – mit allem gebührenden Respekt den anderen Menschen und deren Entscheidungen gegenüber.“ Ihr Buch soll dazu beitragen, die Generation der sogenannten „Gastarbeiter“, insbesondere der türkischen Frauen, ein wenig besser zu verstehen.

Nach dem Erscheinen ihres Buches 2014 wird sie zu zahlreichen Lesungen eingeladen und sie freut sich besonders über Veranstaltungen an Schulen, um auch den jungen Deutschen von ihrem Schicksal zu berichten. Aber auch den Jungen in der eigenen Familie will sie von ihrem Werdegang erzählen: „Wenn ich heute mit meinen Enkeln zusammen sitze und wir gemeinsam auf das Leben blicken, es uns gegenseitig erklären, so spüre ich die innige Verbindung und weiß: Das ist es, was wir alle brauchen. Für sie und für alle, die um Verständigung ringen – sowohl innerhalb der Familie, als auch zwischen den Völkern, für sie schreibe ich dieses Buch.“

Ein ermutigendes Beispiel, vor allem in Tagen, in denen wieder Menschen in Deutschland aus Angst vor dem Fremden auf die Straße gehen.

Ursa Kaumans

Emine Balfi
Maulbeerstock und Minirock
Memoiren einer untypischen Gastarbeiterin

Free Pen Verlag
ISBN 978-3-945177-07-5
12,90 €


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