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Thaddäus Troll, der unbequeme Schwabe

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Thaddäus Troll

Zumindest im deutschen Südwesten ist vermutlich bei den älteren Semestern eher nicht die Erinnerung gefragt, wenn der Name Thaddäus Troll fällt. Immerhin hatte der Dichter und Schriftsteller (und hat vielleicht sogar noch) im „Ländle“ so etwas wie Kultstatus. Aber auch bei den jüngeren Generationen dürfte bei Fragen als Reflex in vielen Fällen sehr schnell der Buchtitel „Deutschland, Deine Schwaben“ auftauchen. Obwohl damals bereits als Autor, Journalist, Theaterkritiker (z. B. für den „Spiegel“) relativ bekannt, erlebte Troll mit diesem Werk 1960 einen von ihm selbst so nicht erwarteten Durchbruch. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Auflage auf über 100 000 Exemplare. Nach den Ursachen dieses Erfolgs befragt, meinte er: „Ich glaube, ich habe dem Schwaben durch meine liebevolle Kritik… Selbstbewusstsein gegeben. Ich habe dafür gesorgt, dass Schwäbisch wieder ohne Hemmung gesprochen wird, dass man sich zu seiner Muttersprache bekennt und vielleicht auch, dass das Schwäbische nicht nur die Sprache der Deppen und Rundfunkjokele und Vereinsmeier ist, sondern dass es wieder wenigstens in die Nähe der Literatur zurückgeführt wird“.

Alles andere als ein „Heimatdichter“

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Autor Jörg Bischoff

Dabei war Troll – der am 18. März 2014 hundert Jahre alt geworden wäre und mit bürgerlichen Namen eigentlich Hans Bayer hieß – ein Mensch mit vielen Ecken, Kanten und auch Winkeln. Es ist daher erstaunlich, dass sich erst jetzt jemand daran setzte, das Leben dieses Mannes auszuleuchten und aufzuschreiben. Das hat Jörg Bischoff getan, als langjähriger Journalist (darunter Bonner Korrespondent der „Stuttgarter Zeitung“ und des Berliner „Tagesspiegels“ sowie nacheinander Chefredakteur des Schwarzwälder Boten und der Südwestpresse) der genauen Recherche kundig sowie – was gewiss der Sache nicht abträglich war – selber Schwabe. Kurzum: Bischoff hat die erste Troll-Biografie geschrieben; und die auch noch umfänglich.
Und er hat tief gegraben. Herausgekommen ist dabei ein – wie es der langjährige Innenpolitiker der „Stuttgarter Zeitung“, Werner Birkenmaier, bezeichnet – „Buch voller Überraschungen“. Der Leser, der den Namen Troll mit „Berufsschwabentum“ verbinde, erfahre, „dass dieser genau dies nie und nimmer angestrebt hat“. Das Volkstümliche sei ihm vielmehr „nah am Blut- und-Boden-Denken des Hitlerreichs“ gewesen. Anders und vereinfacht ausgedrückt – Troll hat die bis dahin eher romantische Mundartdichtung in eine kritische gewandelt. Angenehm an dem Werk für den Leser ist,  nicht zuletzt, die Aufteilung, in der Bischoff die einzelnen Lebens- und Entwicklungsphasen Trolls präsentiert. So muss man das Buch nicht notwendigerweise in einem Zug von vorn bis hinten lesen, sondern kann sich durchaus einzelne Kapitel herauspicken ohne dabei den Gesamtzusammenhang aus dem Auge zu verlieren.

Die späte Scham

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Thaddäus Troll schaut sich im Stadtmuseum Bad Cannstatt das Spiel zu seinem Bestseller „Deutschland deine Schwaben“ an.

Troll hat nie einen politischen Roman geschrieben. Nichtsdestoweniger war er ein hoch „politischer“ Mensch, Autor und auch Funktionär. Zu seinen Freunden gehörten der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens genauso wie der Kabarettist Werner Finck, der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel wie (sich selbst schmeichelnd) die Schriftsteller Heinrich Böll und Günther Grass. Er war führend tätig in der Schriftsteller-Organisation PEN und setzte sich nachhaltig für die sozialen Belange der kaum abgesicherten Dichter ein. Jörg Bischoff macht durch die gesamte Länge seiner Troll-Biografie kein Hehl daraus, dass ihm der schwäbische Landsmann sympathisch ist. Aber: Bei aller Nähe ist er nie in Gefahr, das Objekt seiner Recherchen zu verklären.
Nein, Bischoff lässt auch die Schattenseiten in Trolls Leben nicht aus, die dieser wohl am liebsten unter dem Teppich gehalten hätte – die er jedenfalls nie von sich aus erwähnte. Dazu zählt zuvorderst seine Aktivität während des Krieges in einer Propagandakompanie. Nun befand er sich dabei durchaus in der guten Gesellschaft von später prominenten Journalisten und Autoren. Man denke nur an Lothar Günther Buchheim („Das Boot“), an den „Stern“-Gründer und langjährigen Chef, Henri Nannen, den ersten ZDF-Intendanten Karl Holzamer oder an den Technik-Autor Ernst von Khuon. Was Bischoff freilich in seinen vielen Gesprächen und Recherchen für die Biografie herausfand, war, dass sich Troll im Nachhinein offensichtlich abgrundtief für diese „Jugendsünde“ schämte – allen voran für eine Reportage in der „Berliner Illustrierten“ aus dem Warschauer Ghetto, die deutlich antisemitische Züge hatte. Möglicherweise, vermutet jedenfalls Jörg Bischoff, ging auf diese offensichtlich nie wirklich aufgearbeitete Vergangenheit die verhängnisvolle Depression des scheinbar so fröhlichen Humoristen zurück. Um noch einmal Werner Birkenmaier zu zitieren: „Der Spaß ist, wie man auch von anderen Humoristen weiß, meist teuer erkauft. Troll war keine heitere Seele, sein Urgrund eher düster. Dazu trug seine Veranlagung zu Depressionen bei, die so schlimm wurden, dass er sich 1980 in Stuttgart das Leben nahm“.

Einsatz für Willy Brandt

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Im Zweiten Weltkrieg hat Hans Bayer als Mitglied zweier Propagandakompanien vom Russlandfeldzug berichtet.

Thaddäus Troll hat nie politisch geschrieben, sich aber wohl politisch betätigt. Er stellte sich in den 70-er Jahren auf die Seite der rebellierenden Jugend und setzte sich, zusammen mit Böll und Grass, für mehr Toleranz in Deutschland ein. Teile der Medien und der Politik rückten ihn deshalb zeitweise sogar in die Nähe der Rote Armee Fraktion (RAF). Gemeinsam mit zahlreichen Intellektuellen im Land engagierte er sich zudem in einer Wählerinitiative zugunsten von Willy Brandt. Jörg Bischoff hat diese und andere Facetten des Menschen und Schriftstellers Troll sauber und sehr gut lesbar herausgearbeitet. Die Biografie konterkariert nicht das in der Öffentlichkeit weit verbreitete Bild von dem humorigen schwäbischen Dichter, sie ergänzt es vielmehr. Am 5. Juli 1980 schied Thaddäus Troll aus dem Leben. Er wurde 66 Jahre alt. Seinen Nachruf hat er selbst verfasst. Er erspare damit, schrieb er, den Trauernden die „elendige Beschönigung eines Nachrufs“.
Gisbert Kuhn

Jörg Bischoff
Thaddäus Troll. Eine schwäbische Seele
Silberburg-Verlag Tübingen und Baden-Baden
304 Seiten, 24,90 €
ISBN 978-3-8425-1268-9


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