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Jogging-Point

Stille als Wagnis

Miek Pot – Schweigen als Weg zu sich selbst

Verzicht auf Konsum – Ist weniger wirklich mehr? Das diskutierte Reinhold Beckmann am 14. August 2014 in seiner Talkshow. Mit von der Partie waren der Buchautor Jörg Schindler (Macht Überfluss glücklicher?), die Moderatorin Susann Atwell lernte aus ihrer Privatinsolvenz, die Journalistin Greta Taubert versuchte mitten in einer Großstadt autark zu leben und Gerrit von Jorck, der bewusst auf Geld und Karriere verzichtet. Die Fünfte in der Runde war die ehemalige holländische Ordensschwester Miek Pot.

Die junge Historikerin wählt das Ornat

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Miek Pot schreibt Bücher über das Schweigen. © Olivier Fauvre, Bastei Lübbe

Wer ist diese Frau, die bei Beckmann ihre Geschichte erzählte? Sie wirkt auf mich sehr natürlich, ehrlich und klar. Ihre Mimik ist überraschend lebendig. So, als wäre sie Gebärdendolmetscherin.

Und tatsächlich hat sie ein Faible: Die Stille.

Das rührt bei mir etwas an. Ich kaufe mir ihr Buch und lese: Die Autorin hat zwölf Jahre in einem Schweigekloster gelebt. Zunächst in den Ardennen. Dann, nach einem Rheumaschub, im Süden Frankreichs. Sie hat als junge Historikerin das Ornat gewählt und in einer kleinen Hütte mit eigenem Gärtchen ihren Feigenbaum zum Gefährten erwählt.

Der Tag ist geprägt von Liturgie, strenger Disziplin und eben – der Stille. Kartäuser sind dafür bekannt, es mit dem Schweigen noch ernster zu nehmen als alle anderen Schweigeorden. Nur sonntags darf eine Stunde lang geredet werden. Diese Zeit prägt und formt Miek Pot grundlegend. Dennoch:

Vom Orden in das Cabrio

Nach zwölf Jahren verlässt diese lebenslustige Frau den Orden und kauft sich stattdessen ein Cabrio. Sie zieht in eine hübsche Wohnung und lebt wieder unter Menschen. „Auf dem Marktplatz“ wie sie das in Klosterjargon nennt.

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Heute fährt Miek Pot Cabrio. © Olivier Fauvre, Bastei Lübbe

Ist das Buch nun eine Abrechnung? Eine Anklage? Nein! Miek Pot hat das Kloster im Frieden verlassen. Sie liebt weiterhin die Stille und gibt dies in Kontemplations-Exerzitien an andere weiter. Bisher bot sie eine solche Einkehr nur in den Niederlanden und Belgien an. Die Sprache: Niederländisch. Bald sollen solche Veranstaltungen auch in Deutschland und auf deutsch stattfinden.

Zwischen Einsamkeit und Glück

Sie sei nicht nur für die Einsamkeit gemacht, sie brauche die anderen Menschen, den Austausch, gesteht sie im Gespräch bei Beckmann. Dennoch liebt sie die Stille. Augenscheinlich weiß sie alles über diesen Verzicht auf das Laut-Sein. Diesen Eindruck gewinnt der Leser des Buches, das eigentlich ein Doppelband ist. Im ersten Teil beschreibt Miek Pot ihr Leben. Im zweiten führt sie den Leser ein in Selbstversuche mit der Stille. Und sie bereichert den Text  mit Betrachtungen zur Stille. Fragen der Einsamkeit, Zugehörigkeit und Heimat werden ebenso ins Verhältnis zur Stille gesetzt, wie die Frage nach dem Glück.

Stille ist nur einen Atemzug entfernt

Es scheint, dass die Autorin eine andere Dimension beschreibt, in die wir jetzt eintreten könnten, wenn wir uns danach Stillesehnen. Dabei fehlt wohltuend jede religiöse Engführung und jede starre Dogmatik. Die Geschenke der Stille stehen jedem Menschen unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, Alter und Geschlecht zur Verfügung. Es ist schwer, diesen Weg zu gehen und doch augenscheinlich auch ganz leicht.

Soll man dieses Buch lesen? Ist das nicht zu weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt? Hat diese Frau uns etwas zu sagen? Unbedingt! Es ist ein Plädoyer für ein echtes Geschenk. Die Stille ist da, für jeden. Einen Atemzug entfernt.

 

Birgit Steffani

 

Info

Miek Pot, „In der Stille hörst du dich selbst – meine 12 Jahre in einem Schweigekloster“

Bastei Lübbe, Köln, 2011.

ISBN: 978-3-7857-2436-1

Hardcover: EUR 16,99

E-Book: EUR 9,99

ISBN: 978-3-8387-1019-8


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