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Raumpatrouille

Matthias Brandt, Kanzlersohn und Schauspieler, inzwischen einer der meist beachteten im deutschen Fernsehen, hat sein erstes Buch vorgelegt. Den Erzählband „Raumpatrouille“. Mit 14 sensibel getexteten Geschichten taucht er ein in die Zeit seiner Kindheit während der Kanzlerschaft seines Vaters, Realität und Fiktionen in der Rückschau vermischend.

Matthias Brandt ©seppspiegl

Doch das ist gewollt. „Alles was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden“. Diese Worte schickt er seinen Geschichten vieldeutig voraus.

Bonner Republik – ganz privat

Brandt erzählt von sich, einem Jungen mit seinen Erlebnissen, Phantasien und Träumen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Seine Geschichten handeln von der Familie Brandt, von Vater und Sohn, von Mutter und Sohn. Sie erzählen von gehabten, von nicht gehabten und von ersehnten Freundschaften. Im Hintergrund schimmert die Beschaulichkeit der Bonner Republik während der beginnenden 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Einer Zeit, als die Personenschützer des Vaters und der Familie in der Dienstvilla im Nobelviertel auf dem Bonner Venusberg noch mehr mit den baulichen Unzulänglichkeiten ihrer Wachunterkunft und durchgebrannten Sicherungen in der Teeküche beschäftigt waren als mit der Bewältigung heikler Polizeieinsätze.

Und schließlich handeln die Geschichten auch von dem zumeist erfolglosen Bemühen des jüngsten Brandt-Sohnes, dem Nesthäkchen, in zahlreichen Fehlversuchen seine Eltern davon zu überzeugen, daß auch das Kind Matthias besondere Fähigkeiten und Begabungen habe.

Zauberer, Philatelist, Astronaut

Bundesaußenminister Willy Brandt mit Sohn Matthias in Berlin, 1967

Da endeten die heimlichen Proben des kleinen Matthias beim Einstudieren von Zauberkunststücken in einem veritablen Zimmerbrand. Um die Freundschaft des Postboten zu erlangen, versuchte der Junge sich, von der Mutter wohl ausgestattet mit Briefmarkenalbum, Lupe, Pinzette, als Philatelist. Doch kam er über das Starterpaket mit „100 Briefmarken, international“ nicht deutlich hinaus. Und auch seine Ambitionen als Astronaut verliefen im Sand. Trotz silbernem Mini-Astronautenanzug und Modell von der Mondrakete Saturn V, vom Vater aus den USA mitgebracht: Seine Schildkröte erwies sich als zu sperrig, als daß er sie als lebende Fracht wirklich hätte an der Spitze der Modellrakete fixieren können. Und das Vorhaben, sein Meerschweinchen ebendort mit einem Weck-Gummiring festzuzurren, um dann dieses Gespann an einer langen Schnur um sich herumwirbelnd einen G-Kraft-Simulator á la NASA nachahmen zu lassen, verläuft im Ungewissen.

Sind diese Geschichten wahr? Sind sie tatsächlich erlebt? Oder nur in der Phantasie erlebt? So wie Brandt diese Geschichten sprachlich und gedanklich sensibel erzählt könnten sie auf jeden Fall stattgefunden haben. Realität hin, Fiktion her.

Selbstkritisch merkt der Autor bei diesen und anderen Versuchen, sich seinen Eltern als Spezialbegabung bemerkbar zu machen, an, daß ihm der Biß wohl fehlte sich bei einem neuen Interessengebiet durch das zu Beginn unabweisbare Stadium des Dilettanten durchzubeißen, um sodann zum Stadium des Fortgeschrittenen zu gelangen.

Vater und Sohn

Auch wenn Matthias Brandt die besondere Lebenssituation der Familie Brandt in der Villa auf dem Berg mit Wachpersonal, Chauffeuren und Bediensteten und dem eigentlich zumeist abwesenden Vater beschreibt, klingt ein feines Gespür für Selbstkritik an, was seine eigenen Gefühle und Erwartungen anging. Souverän empfindet er seinen Erzeuger als Vater wohl eher nicht. Stürzt der doch gleich beim ersten Versuch, mit seinem kritischen „Kollegen“ Herbert Wehner und Sohn Matthias eine Atmosphäre stiftende Radtour zu unternehmen, schon nach wenigen Metern in den Möhrenacker und verschwindet einfach zu Fuß, wortlos. Also alles andere als souverän. Ob das so stattgefunden hat? Ob das in der Wirklichkeit „erlebt“ wurde oder nur in der Fiktion? Eigentlich spielt das keine Rolle: Es hätte jedenfalls genau so passiert sein können.

Stattdessen beschreibt der Autor sein Verlangen, den Vater zu beschützen, wobei er zugleich seine Ehrfurcht beschreibt, sich ihm wirklich zu nähern. Sensationell, daß der Junge seinen Vater dann doch einmal zum Vorlesen bewegen kann. „Vorsichtig rutschte ich ihm näher. Den Kopf schließlich, nach kurzem Zögern, erst auf seiner Schulter, dann in seinem Schoß, schaute ich nach oben, sah die ledrigen Wangen mit dunklen und grauen Bartstoppeln und war kurz versucht, sie zu berühren. Aber keinesfalls wollte ich den Moment zerstören.“
Doch das Wunder geschieht: der unnahbare oder meist abwesende Vater legt auf einmal den Arm um die Schultern seines Sohnes.

Feinsinnig unaufgeregt

Auch in anderen Momenten der 14 Geschichten leuchtet immer wieder auf: feinsinnige Selbstkritik des Matthias Brandt und Behutsamkeit in der Darstellung, wenn andere Personen betroffen sind: der alternde Heinrich Lübke, der das Kind Matthias zum Kakaotrinken auf die Terrasse einlud. Der dem Jungen seltsam erscheinende Herbert Wehner. Der Chauffeur Danner…

Die Erzählungen verlaufen ohne aufregende Höhepunkte. Sie fließen eher sanft dahin. Das spiegelt sich in der sanften und einfachen Sprache wieder. Und sind für den Leser doch voller Stoff, sich an die eigene Kindheit zu erinnern, die Atmosphäre der 70er Jahre und der Bonner Republik Revue passieren zu lassen. Bonner und Rheinländer werden sich zudem an dem lokalen Kolorit erfreuen.

Fazit

Matthias Brandt hat ein aufregend unaufgeregtes Buch präsentiert.

Dietrich Kantel

 

Matthias Brandt „Raumpatrouille“, 172 Seiten
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016
ISBN 978-3-462-04567-3

€ 18,00




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