- Anzeige -

Putins Kalter Krieg

Wehner

Markus Wehner

Im Westen malt man sich die Situation schön. Läßt sich wegen der Sanktionen gegen Rußland gar ein schlechtes Gewissen einreden. Derweil ist es das Rußland des Vladimir Putin, das seit Jahren konsequent einen neuen Kalten Krieg erst klammheimlich vorbereitete und diesen nun exekutiert: Propagandistisch, mit Angriffen auf Webseiten westlicher Einrichtungen, Computernetze, Flutung sozialer Netzwerke durch ein Heer von Trollen, die im Akkord vorgegebene Texte ausspucken  und mit einem, seit „Krim“, kaum noch getarnten Schießkrieg. Das ist die Kernaussage des Autors Markus Wehner, dessen Buch zum Thema jetzt am 10.5.2016 erschienen ist.

Markus Wehner

Der Autor, Jahrgang 1963, studierte Osteuropäischen Geschichte, Politologie, Germanistik und Slawistik. Nach dem Studium zog es ihn alsbald nach Moskau, wo er als Übersetzer bei einer außenpolitischen Zeitschrift arbeitete. Seit Öffnung der historischen Archive in Russland und der Ex-DDR unternahm er umfassende Recherchearbeiten . 1992/93 weilte er zu einem einjährigen Forschungsaufenthalt in Moskau. Wissenschaftliche Veröffentlichungen und eine Doktorarbeit über die sowjetische Bauernpolitik in den zwanziger Jahren resultierten hieraus. Parallel arbeitete er als freier Mitarbeiter der F.A.Z. für Geisteswissenschaften und Politische Bücher. 1996 wurde er Mitglied der Nachrichtenredaktion. Zuständig für deutsche Innenpolitik, widmete er sich zusätzlich russischen Themen. Ab Oktober 1999 war er fünf Jahre lang Korrespondent in Moskau. Seit Herbst 2004 ist er Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

KGB und Militär sind an der Macht

„Viele im Westen wollen nicht sehen, wie kompromißlos die Führung um Putin ihre Ziele verfolgt. Sie verstehen nicht, daß die Annäherung an den Westen lange vorbei ist und die Demokratie in Rußland keine Chance mehr bekommen soll“, so Wehner. 70 Prozent der Mitglieder der politischen Führung habe Putin aus den alten Kadern des KGB und dem Militär rekrutiert und sukzessive in alle relevanten Schlüsselpositionen des Landes gehievt. Und: Rußland beschäftigt nach den Erkenntnissen des Autors in Deutschland heute mehr Spione, als noch zum Ende des „alten“ Kalten Krieges 1989/90.


Mythos von den gebrochenen Zusagen

Putin, 19 Jahre KGB-Agent der Sowjetunion, darunter als Vize-Resident in Dresden zu Zeiten der Montagsdemonstrationen, dann im übrig gebliebenen Rußland Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, sei gelenkt von seinem persönlichen Trauma: dem Untergang der UdSSR. Wehner erinnert daran, daß der russische Präsident schon 2005 den Untergang der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ genannt hatte. All sein Streben ziele seither auf die Wiedererrichtung der verlorenen militärischen und politischen Supermachtstellung.

Teil der Netzwerkpropaganda ist der – erfundene – Mythos vom angeblichen Bruch der Zusage, die der Westen im Rahmen der deutschen Vereinigung und dem „2plus4-Vertrag“ gemacht habe: keine Expansion der NATO nach Osten. Wehner räumt damit auf. Der Westen habe keinerlei bindende Aussagen gemacht. Sie konnten also auch nicht „gebrochen“ werden. Der Grund dafür sei einleuchtend: Zum Zeitpunkt der „2plus4-Verhandlungen“ bestand der Warschauer Pakt ja noch. Und er bemüht zur Stützung seiner Feststellung Michael Gorbatschow: „Michael Gorbatschow selbst hat bestätigt, daß deswegen auch gar keine Gespräche zu diesem Thema geführt wurden. Gesprochen wurde ausschließlich darüber, ob die um die ehemalige DDR erweiterte Bundesrepublik Mitglied der NATO werden dürfe. Vereinbart wurde bei den Verhandlungen, daß auf dem ehemaligen Gebiet der DDR weder ausländische Streitkräfte noch Atomwaffen oder deren Träger stationiert werden dürfen. Über einen späteren möglichen Beitritt der Staaten des Warschauer Pakts zur NATO wurde hingegen kein Wort verloren“.

Hierzu eine Kritik: Zur weiteren völkerrechtlichen Klarstellung wäre es wünschenswert gewesen, der Autor hätte zum besseren Leserverständnis ergänzt, daß der 2plus4-Vertragspartner „Sowjetunion“ untergegangen und Rußland nicht deren Gesamtrechtsnachfolger ist. Die UdSSR hatte sich aus freien Stücken durch Beschluß ihrer damaligen Unionsrepubliken selber aufgelöst. Es fehlt also auch an einem rechtmäßigen Anspruchsteller bzgl. angeblich gebrochener Zusagen.

Linke und Rechte gleichermaßen instrumentalisiert

PutinDeutlich zeigt der Autor, wie Putin unverblümt linke und rechte Politikvertreter aus Deutschland und den EU-Staaten für seine Zwecke instrumentalisiert. Da werden „Wahlbeobachter“ aus beiden Lagern eingeladen, die die Hals-über-Kopf anberaumten und durch 20.000 unbekannte „Grüne Männer“ orchestrierte „Volksabstimmung“ und die anschließenden Wahlen nach dem Besuch von 20 (!) Wahllokalen für ordnungsgemäß durchgeführt erklärten. Allen voran Abgeordnete der deutschen Partei „Die LINKE“ im Gleichschritt mit Vertretern von AfD, „Front National“ und anderen.

Putinversteher

Schließlich kritisiert Wehner in seiner Gesamtbetrachtung auch die sogenannten „Putinversteher“. Sie, tatsächliche oder selbsternannte Eliten aus westlichen Ländern, seien bereit, die russischen Interessen überwiegend aus der Sicht Putins zu rechtfertigen, dabei die natürlichen Eigeninteressen der liberalen westlichen Gesellschaften ignorierend. Darunter auch der „Ostausschuß der Deutschen Wirtschaft“. Von diesem weiß der kundige Leser, daß er oft ein gewisses Eigenleben im „Bundesverband der Deutschen Industrie“ führt, mit nicht unerheblichen eigenen Finanzmitteln…

Daß Rußland unter Putin inzwischen zum zweitgrößten Waffenexporteur weltweit reüssiert ist, nach den USA und noch vor China ist da nur noch eine weitere Klarstellung des Autors. Eine Tatsache, die von friedensbewegten Rüstungsgegnern in Deutschland konsequent ignoriert werde.

Summa summarum

„Putins Kalter Krieg“ ist eine erfreulich flüssig zu lesende Abhandlung, die deswegen ebenso flüssig verständlich ist. Hier schreibt ein leserorientierter Journalist mit profunden Sachkenntnissen. Für den. der sich in einem überschaubaren Umfang (192 Seiten) einen Überblick verschaffen möchte und – vielleicht als politischer Laie – auch Argumente „tanken“ möchte, um verbreiteter Netzwerk Propaganda Sachargumente entgegen setzen zu können, ist das Buch von Markus Wehner uneingeschränkt:
Zur Lektüre empfohlen

Dietrich Kantel

Markus Wehner:
„Putins Kalter Krieg – Wie Rußland den Westen vor sich hertreibt“
Knaur, 2016 – ISBN 978-3-426-78814-1






--- ANZEIGE ---

Diesen Artkel versenden Diesen Artkel versenden