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Pfaueninsel

Schloss_Pfaueninsel_Nordosten

Das weiße Schloss auf der Pfaueninsel

Zu einem Besuch in Berlin bei schönem Wetter gehört unbedingt auch eine Bootsfahrt auf Havel, Wannsee, Jungfernsee und Sacrower See. Inmitten dieser Seenlandschaft liegt – nur wenige Kilometer von Potsdam entfernt – die Pfaueninsel. Fährt man mit dem Ausflugsdampfer bloß an ihr vorbei, beeindrucken zwar das üppig bewachsene Ufer und die kleinen Sandbuchten, doch das Kleinod in der Havel erschließt sich dem Besucher erst vollständig durch einen Rundgang über die Insel nach einer kurzen Überfahrt mit der Fähre. Das 1794 erbaute, verspielte weiße Schloss mit seinen Türmchen , die frei herumlaufenden Pfaue und die friedlich grasenden Wasserbüffel entführen den Besucher in eine Märchenwelt.

Noch viel eindrucksvoller aber war die Insel vor über zweihundert Jahren. Einst als preußisches Arkadien von König Friedrich Wilhelm III., dem Gartenkünstler P.J. Lenné und dem Architekten K.F. Schinkel erschaffen, stellte sie eine natur- und kunstschöne Enklave als Gegenentwurf zur immer rascher fortschreitenden Industrialisierung Berlins dar.

Preußisches Arkadien
Der Schriftsteller Thomas Hettche hat darüber einen außergewöhnlichen und zutiefst anrührenden Roman geschrieben, „Pfaueninsel“. Es fällt schwer, ihn einer bestimmten literarischen Form zuzuordnen. Er ist sowohl kulturgeschichtliches Essay und historischer Roman als auch Märchenerzählung und die Geschichte einer tragischen Liebe.

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Thomas Hettche

Zu Beginn des Jahres 1810 nimmt der Erzähler den Leser mit auf einen Spaziergang der jungen Königin Luise. Im Gebüsch trifft sie auf den Zwerg Christian Friedrich Strakon, der mit seiner Schwester Maria Dorothea, genannt Marie, als königliche Pfleglinge 1806 auf die Insel kam. Als ihr der vermeintlich kleine Junge mit tiefer Stimme antwortet, schleudert sie ihm das Wort „Monster“ entgegen. Dieses Wort wird zeitlebens das Schicksal der beiden prägen. Christian endet bei einer Orgie im Palmenhaus durch einen tragischen Unglücksfall als sexuell hyperaktiver Faun, Marie ist Gustav, dem  späteren Lenné-Schüler und Hofgärtner der Pfaueninsel,  durch eine unglückliche Liebe verfallen, die sie in ihrem 80 Jahre währenden Leben immer wieder einholt.

Märchen und Historie
Es geht um das Fremde und Monströse und darum wie sich in der Moderne der Umgang damit wandelt. Waren in früheren Zeiten PfaueninselZwerge nahe beim König und Marie noch offizielles Schloss-Fräulein des Preußenkönigs auf der Insel, so sind sie im Wandel, den das 19. Jahrhundert mit sich bringt, nicht mehr integrierbar in das vernunftgeprägte Denken und Handeln des Maschinenzeitalters. Das Vergehen der Zeit zeigt sich aber auch im Verlauf der Geschichte im Niedergang der Pfaueninsel. Ließ der Preußenkönig zu Beginn des Jahrhunderts neben dem zwergwüchsigen Geschwisterpaar auch einen Südseeinsulaner, einen riesenhaften Hünen, aber auch Kängerus, Kapuzieneraffen, einen Löwen und andere exotische Tiere und  Pflanzen auf seiner Insel ansiedeln, so vollziehen sich innerhalb mehrerer Jahrzehnte Umbruch und Verfall. Viele Exoten sterben im brandenburgischen Klima, das Palmenhaus brennt ab, die Nachfahren des Königs verlieren das Interesse und stellen sich den politischen Herausforderungen der neuen Zeit. “Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden.“

In Hettches Roman begegnen wir historisch verbürgten Personen und nehmen an geschichtlichen Ereignissen teil, doch mehr noch erzählt dieser Roman von der Zurichtung der Natur und unserer Sehnsucht nach Exotik, von der Würde des Menschen, dem Wesen der Zeit und von einer tragischen Liebe.

Annette Kantel

„Pfaueninsel“
Thomas Hettche

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04599-4
Erschienen am: 21.08.2014
352 Seiten, gebunden

Preis
Deutschland 19,99 €
Schweiz 28,00 sFr
Österreich 20,60 €

 




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